Börsenwoche: Regierung Merz mit ineffizienten Beruhigungspillen

Merz kopiert den Tankrabatt der Ampel und verkauft Aktionismus als Erfolg. Während Deutschland teures Geld in kurze Spritruhe kippt, feiern US-Börsen den KI-Boom und ziehen weiter davon.

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Wir erinnern uns alle, als vor knapp zwei Wochen Friedrich Merz, Lars Klingbeil, Markus Söder und Bärbel Bas das Ergebnis der zweitägigen Klausurtagung der Koalitionsspitzen präsentierten: Ganz beseelt schienen sie. Mit einer – mittlerweile im Bundestag in erster Lesung behandelten – Senkung der Mineralölsteuer sollen Benzin und Diesel pro Liter ab 1. Mai für zwei Monate knapp 17 Cent günstiger werden. Merz nannte das einen „guten Erfolg“ für die Regierung und das Land.

Im Kern steht der Beschluss aber sinnbildlich für alles, was wirtschaftspolitisch in Deutschland falsch läuft. „Die Regierung schüttet Geld, das sie eigentlich nicht hat, auf ein Problem, das sie gar nicht lösen kann“, spottete die „Neue Zürcher Zeitung“. Hauptsache, die Bürger seien für ein paar Wochen ruhiggestellt. Es ist wie bei der Klimapolitik: Isolierte Maßnahmen in Deutschland ändern am Weltklima nichts, wenn die größten „Sünder“ wie China und die USA nicht mitmachen. Auslöser für die gestiegenen Spritpreise wiederum ist ein Knappheitsproblem: Infolge des Krieges in Iran ist die Straße von Hormuz blockiert, ein wichtiges Nadelöhr für den Handel mit Energieträgern. Das weltweite Angebot reduzierte sich mit dem ersten Angriff auf einen Tanker. Da ändern Steueränderungen in Deutschland nichts, zumal man sich fragt, warum die Regierung hier überhaupt tätig werden muss. Der Preisschock ist zwar spürbar, aber es handelt sich um keinen wirtschaftlichen Notstand. Schon die Ampel hatte nach dem russischen Überfall auf die Ukraine einen teuren Tankrabatt verabschiedet. Jetzt verfällt Friedrich Merz, der es doch besser wissen müsste, in den gleichen Aktionismus.

Die Regierung hat dem Bundestag aber nicht nur eine ineffiziente Maßnahme zur Abstimmung vorgelegt. Schlimmer ist, dass sie mit der Senkung der Energiesteuer die Vollkaskomentalität fördert. Seit Monaten verspricht Friedrich Merz, dass in Deutschland bald alles anders werde. Er stellte weitreichende Reformen in Aussicht, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Damit das gelingt, muss die Koalition dringend ihre Ausgaben kürzen. Nicht ist bislang geschehen. Seit Jahren wächst der deutsche Staat ungebremst, die Belastung für Unternehmen und steuerzahlende Bürger wachsen und wachsen. Mit der pauschalen Entlastung bei den Spritpreisen suggeriert die Regierung nun genau das Gegenteil.

Um das deutsche Kleinklein kümmern sich die Weltbörsen indessen wenig. So setzte sich an der Wall Street die Rekordrally der überwiegend mit Technologie-Aktien bestückten Nasdaq-Börse und des marktbreiten S&P 500 am Freitag eindrucksvoll fort. Die von KI getriebene Chipbranche drängte sich dabei in den Vordergrund. Reisen von Vertretern aus den USA und Iran hielten in der Hängepartie im Iran-Krieg die Hoffnung auf weitere Verhandlungen aufrecht. Der Auswahlindex Nasdaq 100 schloss knapp zwei Prozent höher bei 27.304 Punkten. Tags zuvor war er erstmals in seiner Geschichte über 27.000 Zähler geklettert. Dass er diese Marke festigen konnte, lag nun vor allem an den gefeierten Resultaten des Prozessorherstellers Intel. Der Nasdaq-Index heimste im Wochenverlauf ein Plus von 2,4 Prozent ein. Dem breit aufgestellten S&P 500 reichten seine Gewinne auch zu einer neuen Bestmarke. Am Ende gewann er 0,8 Prozent auf 7.165 Punkte. Von einem Rekord immer noch entfernt bleibt der Dow Jones Industrial, der die Rally am Freitag auch nicht mitging. Der Leitindex der Wall Street gab um 0,2 Prozent auf 49.231 Zähler nach. Auf Wochensicht verlor er 0,4 Prozent.

Abseits des Krieges war der Prozessorhersteller Intel das große Thema des Tages. Er reihte sich bei den US-Chipwerten ein, die nach vorgelegten Zahlen und Ausblicken massive Kursgewinne verbuchten. All jene, die geglaubt hätten, der KI-Boom sei beendet, würden eines Besseren belehrt, sagte ein Marktkenner. Die Gewinnentwicklung in der Branche sei atemberaubend und das Angebot hinke der exorbitanten Nachfrage nach Halbleitern deutlich hinterher. Durch einen Kurssprung, der bis zu 27 Prozent groß war, erreichten die Intel-Aktien nach 26 Jahren wieder ein Rekordhoch. Aus dem Handel gingen die Titel noch mehr als 23 Prozent höher. Auch andere Branchenwerte profitierten. Allen voran legten die Titel der Prozessor-Konkurrenten Qualcomm und AMD sowie des Chipdesigners ARM prozentual zweistellig zu.

Unter den Standardwerten im Dow ging es verhaltener zu. Aber auch dort konnte mit Procter & Gamble ein Unternehmen mit besser als erwarteten Zahlen zum dritten Geschäftsquartal überzeugen. Die Titel des Konsumgüterkonzerns stiegen um 1,7 Prozent, mussten aber im Dow mit Microsoft, Salesforce, Amazon und vor allem Nvidia mehreren Tech-Werten den Vortritt lassen. Für KI-Fantasie sorgte auch die Nachricht, dass nach Amazon auch Google mit einer weiteren Milliarden-Investition seine Kooperation mit dem OpenAI-Rivalen Anthropic festigt. Dies trug dazu bei, dass es die Aktien des KI-Chipriesen Nvidia um 4,3 Prozent zulegten. Die Anteile des Google-Mutterkonzerns Alphabet waren unter den “Magnificent 7” eher mittelmäßig gefragt.

Es gab am breiten Markt aber auch Unternehmen mit Zahlen, die enttäuschten. Allen voran galt dies für den Kabelnetzbetreiber Charter Communications, der im ersten Quartal mehr Kunden verlor als erwartet. Die zuletzt gut gelaufenen Aktien rauschten um ein Viertel in die Tiefe. Sie belasteten damit auch die Titel des Konkurrenten Comcast, der am Vortag noch von guten Zahlen beflügelt worden war. Dessen Papiere verloren knapp 13 Prozent. Begehrt waren die neu an der Börse gehandelten Aktien von X-Energy. Nachdem die Titel zu 23 Dollar ausgegeben wurden, schnellten sie am ersten Handelstag in der Spitze auf gut 31 Dollar hoch. Aus dem Handel gingen sie bei etwas mehr als 29 Dollar. Mit dem Handelsriesen Amazon als Unterstützer entwickelt das Unternehmen kleine modulare Kernreaktoren, die künftig der Stromversorgung von Industrieanlagen und Rechenzentren dienen sollen.

Sollten die Gespräche zwischen den USA und dem Iran in Islamabad nun noch einmal vertagt werden, dürfte der Montag an der Wall Street eher von nachgebenden Kursen gekennzeichnet sein. Bei zuletzt wieder leicht gesunkenen Ölpreisen hatte der Dax am Freitag leicht nachgegeben. Eine große Stütze waren deutliche Kursgewinne des Index-Schwergewichts SAP. Der deutsche Leitindex schloss 0,1 Prozent tiefer bei 24.129 Punkten, verbuchte auf Wochensicht allerdings einen Verlust von 2,3 Prozent. Aktien aus der zweiten Reihe beendeten den Freitag deutlich schwächer. Der MDax mit den mittelgroßen Werten fiel um knapp zwei Prozent auf 30.250 Zähler. Für die anderen wichtigen Börsen in Europa ging es ebenfalls abwärts. Der EuroStoxx EU0009658145 büßte letztlich rund 0,2 Prozent ein. Die Leitindizes an den Handelsplätzen in Zürich und London verbuchten Verluste von 0,6 beziehungsweise 0,8 Prozent. Insgesamt bleibe die Nervosität angesichts der weiterhin undurchsichtigen Lage im Nahen Osten hoch, stellte Analyst Andreas Lipkow von CMC Markets fest. Die Investoren wollten derzeit keine größeren Risiken eingehen. “Ölpreise über 100 US-Dollar stellen einen klaren Belastungsfaktor dar, da sich mit jedem weiteren Tag die Inflationsfrage für die Zukunft immer deutlicher stellt”, ergänzte Lipkow.

Die Geschäftszahlen von SAP konnten die zuletzt enttäuschten Anleger dagegen wieder etwas beruhigen. Die Aktien legten um 4,7 Prozent zu. Der aus Cloudverträgen in den nächsten zwölf Monaten zu erwartende Umsatz (current cloud backlog – CCB) sei besser als erwartet gewesen, urteilten Analysten. SAP sind 2026 mit einem Abschlag von fast 29 Prozent mit Abstand schwächster Dax-Wert. Am Vortag hatten sie sich mit einem Minus von mehr als sechs Prozent noch ihrem Jahrestief genähert. Auch der Energietechnikkonzern Siemens Energy wird nach der positiven Entwicklung im ersten Geschäftshalbjahr und der starken Marktnachfrage optimistischer für das Gesamtjahr. Die Papiere erklommen erneut ein Rekordhoch und endeten 2,6 Prozent im Plus.

Siemens Energy sind im Dax im Jahr 2026 der stärkste Wert mit einem Zuwachs von knapp 56 Prozent. Die Schweizer Großbank UBS stufte MTU auf “Sell” herunter. Darauf reagierten die Anteile des Triebwerkherstellers mit einem Minus von 3,7 Prozent. Von den drei führenden Triebwerkherstellern sei bei MTU das Risiko einer “harten Landung” am größten, wenn der Wind im Ersatzteil- und Servicegeschäft drehe, schrieb Analyst Ian Douglas-Pennant.

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