Börsenklima trotz Konjunkturschwäche eher freundlich

Die Politik zieht an den Fäden, die Börsen tanzen im Takt. Nach dem G20-Gipfel-Wochenende ging es mit den Kursen wie erwartet nach oben, nachdem US-Präsident Trump und Chinas Regierungschef Xi einen Waffenstillstand im Zollkonflikt geschlossen hatten.

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Das Wort Kurzarbeit war zuletzt 2008 in Zeiten der Finanzkrise in den Schlagzeilen. Nun feiert es ein – unwillkommenes – Come­back. Denn die deutsche Indus­trie rechnet laut Ifo-Institut aktuell mit ­einem Anstieg der Kurzarbeit. Danach erwarten 8,5 Prozent der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe in den kommenden drei Monaten Kurz­arbeit, der höchste Wert seit Anfang 2013. „Die konjunkturelle Abschwächung hinterlässt allmählich ihre Spuren auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen.

Der weltweit größte Brauereikonzern, Anheuser-Busch InBev (AB InBev), will nächste Woche 15 Prozent seiner Asien-Sparte an der Hongkonger Börse listen. Der Hersteller von Bieren wie Budweiser und Beck’s erhofft sich bei einer Gesamtbewertung der Sparte von 63 Milliarden US-Dollar ­einen Erlös von rund zehn Milliarden US-Dollar. Geld, das der Konzern gut gebrauchen kann. Immerhin sitzt ­AB InBev durch diverse Übernahmen auf einem Schuldenberg von über 100  Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig lassen sich frische Mittel auch für ­Akquisitionen in Asien nutzen. Denn anders als in anderen Weltgegenden spielt AB InBev in Asien-Pazifik nur die zweite Geige. Mit seiner Strategie der Dominanz in allen Märkten fährt der Konzern an sich gut. So ist sein Umsatz in den ersten drei Monaten des Jahres um sechs Prozent auf 12,6  Milliarden US-Dollar gestiegen, der Gewinn betrug 3,6 Milliarden Dollar. Dennoch hinkte die Aktie des Bierbrauers der Konkurrenz hinterher, vor allem wegen der Verbindlichkeiten. Nun aber werden Aktionäre auf den neuen Börsenplan wohl mit einem kühlen Bier anstoßen. Immerhin konnte die Aktie vergangene Woche um rund sechs Prozent zulegen.

Das Hin und Her zwischen Brüssel und Rom geht weiter. Nachdem ­Italien der EU-Kommission nochmals zusicherte, dass das 2019er-Budget­defizit 2,04 Prozent des Brutto­inlands­produkts nicht überschreiten werde, wird Brüssel doch kein Defizitverfahren einleiten. Mit diesem hatte die EU-Behörde schon im November 2018 gedroht. Nachdem Rom Sparschritte versprochen hatte, kam der Rückzieher. Beobachter sind ­uneins, ob das aktuelle Entgegen­kommen mit einer Zustimmung der Italiener zu den aktuellen Personal­entscheidungen der EU zusammenhängt. Anleiheanleger waren dennoch begeistert. Die Kurse italienischer Staatsanleihen stiegen kräftig an, die Rendite sank spiegelbildlich. Vorsicht sei dennoch geboten, meint Benjamin Melman, Chefanlagestratege bei Edmond de Rothschild AM. Seiner Meinung nach werden Neuwahlen realistischer.

Die Politik zieht an den Fäden, die Börsen tanzen im Takt. Nach dem G20-Gipfel-Wochenende ging es mit den Kursen wie erwartet nach oben, nachdem US-Präsident Trump und Chinas Regierungschef Xi einen Waffenstillstand im Zollkonflikt geschlossen hatten. Trump wäre jedoch nicht er selbst, würde er nicht an anderer Front Kampfeslust zur Schau tragen. Die Androhung von Zöllen auf bestimmte europäische Waren, die die USA mit Hinweis auf Brüsseler Subventionen für den Flugzeugbauer Airbus einführen wollen, sind aber eher symbolischer Natur. An der Wall Street reichte es daher vor dem handelsfreien Unabhängigkeitstag für neue Allzeithochs. Auch der DAX erholte sich kräftig, stehen dessen exportstarke Werte auf den Kauflisten doch wieder weiter oben. Der Leitindex hat trotz der nennenswerten Kursgewinne der vergangenen Tage noch Aufholpotenzial. An die durchwachsenen Nachrichten von der Konjunktur haben sich viele bereits gewöhnt. Die Zinspolitik der Notenbanken aber bleibt, vor allem mit Christine Lagarde als Nachfolgerin von Mario Draghi an der EZB-Spitze, wohl auch mittelfristig günstig. Das Börsenklima bleibt trotz Konjunkturschwäche somit eher freundlich.

Die Anleger an der Wall Street haben gleichwohl nach dem jüngsten Rekordlauf erst einmal durchgeschnauft. Nachdem die US-Märkte am Donnerstag feiertagsbedingt geschlossen geblieben waren, gaben die wichtigsten Aktienindizes am Freitag zwischenzeitlich recht deutlich nach. Zum Handelsende jedoch erholten sich die Börsenbarometer wieder ein gutes Stück weit und schlossen nur leicht im Minus. Anleger mussten verdauen, dass sich der Arbeitsmarkt im Juni von seiner starken Seite präsentiert hatte. Damit könnten die zuletzt wieder aufgeflammten Zinssenkungsphantasien, die die Kurse angetrieben hatten, geschwächt werden.

Der Dow Jones Industrial gab um 0,2 Prozent auf 26.922 Punkte nach. Zwischenzeitlich war der US-Leitindex um bis zu knapp ein Prozent gefallen. Auf Wochensicht ergibt sich ein Plus von 1,2 Prozent. Für den marktbreiten US-Aktienindex S&P 500 ging es am Freitag um 0,2 Prozent auf 2.990 Punkte nach unten. Der NASDAQ 100 als Auswahlindex der Technologiewerte verlor ebenfalls 0,2 Prozent auf 7.841 Punkte. Alle drei Indizes hatten am Mittwoch Rekordhochs erklommen.

Für die US-Notenbank (Fed) wäre nun eine geldpolitische Pause im Grunde das Gebot der Stunde, denn nach einer Rezession sähen diese Arbeitsmarktdaten nun gar nicht aus, schrieb Analyst Bernd Krampen von der Landesbank NordLB. Die Daten seien zwar nur eine Veröffentlichung unter vielen gewesen – allerdings die wohl wichtigste vor der nächsten Fed-Sitzung am 31. Juli. Wegen der allgemein schwächeren Wirtschaftsentwicklung wurde bisher erwartet, dass die Notenbank Ende Juli ihre erste Zinssenkung seit mehr als einer Dekade vornimmt. Einige Marktteilnehmer spekulieren sogar auf einen großen Zinsschritt um einen halben Prozentpunkt. Die soliden Jobdaten dürften die Wahrscheinlichkeit hierfür reduziert haben.

Im Dow liefen Bankaktien besonders gut: JPMorgan stiegen um knapp 0,6 Prozent und Goldman Sachs an der Index-Spitze um fast ein Prozent. Nach den starken Jobdaten hatten die Renditen am Anleihenmarkt wieder angezogen, was die Hoffnung auf höhere Erträge im Zinsgeschäft weckte.


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Kommentare ( 5 )

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Meine Bewunderung gilt schon immer den Unternehmern, die das Schicksal ihres Unternehmens nicht in die Hände dieser Junkies geben. Deren Unternehmen also nicht an der Börse notiert sind. Das können durchaus riesige Firmen sein. Aber dazu gehört Moral und Verantwortungsgefühl. Sowas lenrt man auf der Haischool nicht.

Das sehe ich etwas zwiespältig. Keine Frage, dass ein Unternehmen welches vom Eigentümer geführt wird, normalerweise deutlich langfristiger investiert. Auch wird dem Eigentümer normalerweise seine Belegschaft mehr am Herzen liegen als einem angestellten Manager. Es gibt aber keine Garantie, dass Unternehmen im Privatbesitz auch wirklich selbst geführt werden. Es gibt genug solche Unternehmen, die von angestellten Managern geleitet werden und wo die Besitzer dann nur noch von den Gewinnausschüttungen leben. Diehl ist da ein gutes Beispiel. Ein anderer Punkt ist das Problem der Altersvorsorge. Wenn alle (guten) Unternehmen im Privatbesitz sind, ist es unmöglich sich über Aktien eine vom Staat… Mehr

Ja natürlich ist das Klima freundlich. Der Chef ist jetzt die Largarde, eine korrupte Frau, die schon in Frankreich vor Gericht stand, weil sie jemandem aus Steuergeldern ein paar Millionen zugeschustert hat. Die Gerichte funktionieren in Europa nicht mehr. Die Korruption ist in die obersten Etagen gerückt. Da kann der Rubel nur noch rollen.

Auch nicht schlecht. Pascha Erdogan hat seinen Notenbankchef gefeuert, weil er trotz hoher Inflation nicht die Zinsen senkte. Er ist nämlich der Ansicht, je niedriger die Zinsen, um so niedriger die Inflation. Eigentlich hätte ich gedacht, dass er ihn gleich in Gefängnis wirft, aber die Pointe ist er schuldig geblieben.

Geld sucht Anlagen. Und die Börse hat auch viel mit Psychologie zutun.
Gestern Dr.Markus Krall. Seine Analyse steht entgegengesetzt zum obigem Anlegerverhalten.