„Wir brauchen eine konsequente Linie gegen jede Form der Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Kind.“

Was bedeutet Leihmutterschaft für die Würde von Kindern und Frauen? Nicht nur dieser Frage ging der internationale Fachkongress "Kinder und Kommerz" Anfang März in Berlin nach. Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle, zieht Bilanz. Ihr Ziel ist klar: Die illegale Praxis muss umfassend bekämpft werden.

ALfA / Norman Gebauer

Am 7. Und 8. März fand in Berlin die Kinderwunschmesse Wish for a baby statt. Eine Veranstaltung, die zweimal jährlich in Deutschland abgehalten wird, und auf der nachweislich für Leihmutterschaft geworben wird, obwohl diese Praxis und ihre Bewerbung in Deutschland illegal ist – Tichys Einblick war im Herbst 2025 inkognito bei der Kölner Edition der Wish for a baby und berichtete über Rechtsverstöße.

Fast zeitgleich lud in den Räumlichkeiten der Bundespressekonferenz am Spreeufer die Aktion Lebensrecht für Alle zu einem internationalen Fachkongress zu dem Thema ein. Cornelia Kaminski, Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle, zieht Bilanz zum Kongress Kinder und Kommerz.

Tichys Einblick: Frau Kaminski, „Kinder und Kommerz“ war der erste Kongress dieser Art. Welches Fazit ziehen Sie?

Cornelia Kaminski: Aus meiner Sicht war der Kongress ein großer Erfolg: Wir hatten ein volles Haus, hochrangige Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft, Medizin, Politik und Menschenrechtsarbeit – und eine enorme Dichte an Fachwissen auf dem Podium. Dass wir diese Stimmen in Berlin zusammenführen konnten, noch dazu kurz vor der Wish for a Baby Messe, zeigt: Wir haben den Finger genau in die richtige Wunde gelegt und ein Signal gesetzt, das weit über die Lebensrechts-Szene hinausreicht.

Die Beiträge haben sich inhaltlich sehr gut ergänzt, die Atmosphäre war konzentriert und respektvoll, und es war große Betroffenheit spürbar – gerade bei den Erfahrungsberichten von Betroffenen.

Der Kongress fand in Berlin statt, in den Räumlichkeiten der Bundespressekonferenz. Was hat Sie dazu bewogen, den Kongress dort durchzuführen?

Wir haben dieses Thema damit nicht nur ins Herz der Hauptstadt getragen, sondern ins Herz der Öffentlichkeitsarbeit der Hauptstadt. In die Bundespressekonferenz, wo die wichtigsten Entscheidungen für diese Republik verkündet und diskutiert werden. Das ist für uns auch ein symbolischer Ort. Wir haben an dieser Stelle investiert, weil das die Botschaft ist, die wir senden wollten: Leihmutterschaft ist ein Thema, das euch Politikern, die ihr da drüben sitzt, in Laufweite, im Bundestag, im Bundeskanzleramt, nicht egal sein darf.

Leihmutterschaft ist in Deutschland illegal. Warum war dieser Kongress aus Ihrer Sicht dennoch notwendig?

Dieser Kongress war notwendig, weil wir eine immer lauter werdende gesellschaftliche Debatte endlich vom Kopf auf die Füße stellen müssen. Tatsache ist: In Deutschland wird offen für Leihmutterschaft geworben, und Deutsche nehmen im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch. Wir müssen uns also mit diesem Thema beschäftigen und dafür sensibilisieren.

Es geht da um zutiefst menschliche Fragen: Um den Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit und darum, welche Mittel wir als Gesellschaft für legitim halten, um dem Wunsch nach einem Kind zu begegnen.

Auf der einen Seite steht die sehr reale Not von Paaren und Einzelpersonen, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Diese Sehnsucht ist legitim und verdient Mitgefühl. Auf der anderen Seite stehen Fragen, die sich nicht wegdiskutieren lassen: Was bedeutet es für ein Kind, wenn genetische, austragende und soziale Elternschaft auseinandergerissen werden? Welche Spuren hinterlässt es, wenn die erste, tiefste Bindung, die während der Schwangerschaft zwischen Mutter und Kind entsteht, bewusst vertraglich beendet wird? Was heißt es für Frauen, wenn ihr Körper zur Dienstleistung auf Zeit wird, eingebettet in globale Märkte, in denen wirtschaftlich schwächere Frauen für zahlungskräftige Auftraggeber Kinder austragen? Was ist mit den gesundheitlichen Risiken für Frauen und Kinder? Was bedeutet Leihmutterschaft für die Würde des Menschen?

Wir müssen ehrlich benennen, wo moderne Reproduktionsverfahren an die Grenzen von Menschenwürde, Kinderrechten und fairen Bedingungen für Frauen stoßen.

Wir müssen all diese Facetten in den Blick nehmen: Wer trägt welche Lasten? Wer profitiert? Gibt es Alternativen, die Leid lindern, ohne neues Leid zu erzeugen.

Sie sprechen von Alternativen. Für viele Paare und gleichgeschlechtliche Menschen ist Leihmutterschaft aber der einzige Weg zum Kind. Was entgegnen Sie Menschen, die eben diese Not in den Mittelpunkt stellen?

Wie gesagt, ich habe für dieses Leid großes Verständnis. Ich habe selbst im Freundeskreis einige kinderlose Paare. Deshalb kenne ich auch einige Modelle, wie man mit dieser Not oder diesem Leid umgehen kann. Ich glaube, wir müssen lernen, an einem Punkt in unserem Leben aufzuhören zu fragen, „Was kann mir das Leben geben?“, und stattdessen fragen: „Welche Verantwortung kann ich im Leben übernehmen? Wo gibt es Kinder, um die ich mich kümmern kann? Wo gibt es Kinder, die mich brauchen? Wo gibt es Familien in Not, die Unterstützung brauchen?“

Wir dürfen das Leid kinderloser Paare nicht ignorieren. Aber wir dürfen auch nicht sagen, dass jedes Mittel zur Linderung dieses Leids rechtens ist.

Die Frauen Union hat ihr Nein zur Leihmutterschaft bekräftigt, zugleich gibt es aber Bestrebungen nach einer Teillegalisierung der Eizellspende. Wie stehen Sie zu diesem Vorstoß?

Ich halte von diesem Vorstoß gar nichts, und zwar aus zwei Gründen. Der erste Grund ist, dass es keine altruistische Eizellspende gibt, und dass die Risiken, die mit der Eizellspende verbunden sind, den Frauen nicht klargemacht werden. Der Begriff „Eizellspende“ verschleiert, dass es sich hier um einen mit gesundheitlichen Risiken behafteten, keinesfalls harmlosen Eingriff handelt. Wenn die Frauen das wüssten, würden sie das nicht freiwillig machen.

Zweitens ist Eizellspende der Türöffner zur Leihmutterschaft. Auch das ist vielen Menschen nicht klar: Normalerweise sind an Leihmutterschaft mindestens zwei Frauen beteiligt. Die Eizellspenderin und die Leihmutter, und dann unter Umständen die Auftraggeberin, falls es sich bei den Bestelleltern nicht um ein homosexuelles Männerpaar oder einen alleinstehenden Mann handelt.

Wir haben es hier mit einer Mitleidsethik zu tun, die versucht, Individualschicksale zu therapieren. Dabei werden die großen Gefahren für die gesellschaftliche Entwicklung komplett außer acht gelassen.

Die Eizellspende führt unweigerlich zu Leihmutterschaft und ist der erste Schritt hin zu einer Trennung der Einheit von Mutter und Kind, die ich für essenziell für eine gesunde Entwicklung des Kindes halte.

Sie sind selbst in der CDU aktiv. Wie sieht die Haltung zu diesem Thema innerhalb der Partei aus?

Meine Sorge ist, dass viele Politiker die Implikationen nicht oder nur unzureichend überblicken. Darum habe ich im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit im Bundesvorstand der Christdemokraten für das Leben ein Informationspapier zusammengestellt, ein Faktenpapier zum Thema Eizellspende und Leihmutterschaft. Weil ich den Eindruck habe, dass dieses Thema medizinisch so komplex ist, und dass die Politiker das so wenig auf dem Schirm haben, dass ihnen gar nicht klar ist, was da tatsächlich passiert. Bei all den Themen, die auf die Politiker einprasseln, ist das auch verständlich.

Auch das ist einer der Gründe, warum wir diesen Kongress hier in Berlin machen, weil wir sagen, Leute, da braucht ihr jetzt eine Antenne, da müsst ihr mal hinhören, denn das ist die Büchse der Pandora.

Gelingt es Ihnen, für dieses Thema zu sensibilisieren?

Wenn ich persönlich Leute anspreche, erlebe ich, dass viele erstaunt reagieren und um weitergehende Informationen bitten, weil sie über viele Aspekte des Problems im Unklaren waren. Also, es ist durchaus der Wille vorhanden, dann zu agieren.

Das heißt, da erleben Sie positive Resonanz?

Ja, durchweg, egal welches bioethische Thema ich anspreche, ob im Einzelgespräch oder in größerer Runde, stoße ich in der CDU auf positive Resonanz.

Die CDU hat durchaus verstanden, dass diese bioethischen Themen für sie wichtig sind und das haben wir, glaube ich, letztes Jahr ganz gut gesehen bei der Richterwahl, als Frauke Brosius-Gersdorf zur Wahl stand. Da hat die Fraktion gesagt „Nein, da wird eine Grenze überschritten“.

Die Aktion Lebensrecht für Alle ist eine Organisation, die vor allem mit dem Einsatz gegen Abtreibung verbunden wird. Nun war als Referentin zum Kongress unter anderem auch Eva Engelken eingeladen, die Vorsitzende des Vereins Frauenheldinnen e.V. Sie sprach von einer single-issue alliance, also, dass man sich in Bezug auf das Thema Leihmutterschaft zusammenfindet, obwohl man bei anderen Themen nicht einer Meinung ist.

Wie geht man innerhalb der ALfA mit dieser Spannung um, die zwischen diesen Gruppierungen besteht?

Ich glaube, so viel Spannung muss nicht sein. Ich denke, wir werden auch gezielt gegeneinander gehetzt: die Abtreibungsbefürworter hier und die Abtreibungsgegner da. Wenn wir der jeweils anderen Seite stets nur Hass und Bosheit unterstellen, wie wollen wir da mit unseren Argumenten landen können?

Zumindest sollten wir anerkennen: Die Allermeisten arbeiten mit sehr viel Engagement daran, für Frauen das Gute und das Richtige zu tun. Das ist unser großes Ziel. Wir sind uns nicht in allen Belangen einig darüber, was das Gute und Richtige ist, und was der richtige Weg dahin ist. Aber wenn wir uns in einem Anliegen einig sind, sollten wir uns auch gemeinsam dafür engagieren.

Wenn wir Gelegenheit und Zeit haben, so wie während des Kongresses, mit Frau Engelken zu schauen, was zu tun ist, dann tun sich plötzlich Möglichkeiten auf.

Das, was uns mit am meisten schadet als Gesellschaft, das ist, dass wir dieses Aufeinanderhetzen zulassen, weil es dazu führt, dass man eben nicht mehr redet. Und wenn man nicht redet, kann man keine Lösung finden. Deswegen ist mir sehr wichtig, dass Frau Engelken als Referentin am Kongress teilgenommen hat.

Letztlich muss man sagen, dass im Bereich der Abtreibung auch unabhängig vom Lebensrecht der Kinder Frauenrechte massiv beschnitten werden.

Wir wissen zum Beispiel, dass es aufgrund der Abtreibungspille zu erzwungenen Abtreibungen kommt, indem der Partner der schwangeren Frau ohne ihr Wissen ein solches Mittel verabreicht. Das ist nur ein Beispiel. Und das sind Dinge, über die wir sprechen müssen. Das wären also auch Punkte, bei denen wir mit den Frauenheldinnen ins Gespräch kommen können. Es darf nicht sein, dass das Thema Abtreibung so tabu ist, dass man über diese konkrete Gefährdung und diese konkrete Frauenrechtsverletzung nicht mehr reden darf.

Also findet man selbst in diesem Bereich Überschneidungen, ganz sicher.

Wie geht es nun weiter?

Der Kongress war für uns kein Schlusspunkt, sondern ein Startsignal: Die ALfA wird das Thema Leihmutterschaft jetzt noch stärker und systematischer in ihre Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit integrieren. Wir werden unsere Kontakte zu internationalen Expertinnen und Experten weiter ausbauen und gezielt den Dialog mit der Politik suchen – in Berlin, in den Bundesländern und auf europäischer Ebene.

Aber wir wollen eben auch die gesamte Gesellschaft erreichen. Konkret: Jeder
einzelne Mensch sollte jetzt seinen Bundestagsabgeordneten anschreiben, ihm den Link zum Livestream unseres Kongresses schicken, ihn fragen, ob er da war und fragen, ob er bereit ist, etwas zu tun in dieser Angelegenheit. Das kann wirklich jeder Einzelne machen.

Das Zweite ist, bei jeder Gelegenheit, die sich anbietet, dieses Thema ins Gespräch zu bringen. Es muss öffentlich stärker wahrgenommen werden. Und das Dritte ist, unseren Kongressband zu bestellen und weiterreichen, als PDF oder in der ausgedruckten Fassung; da sind ja alle Vorträge drin, damit man das noch mal nachlesen kann und die grundlegenden Informationen schwarz auf weiß in der Hand hat.

Unser Ziel ist klar: Deutschland darf sich nicht mit einem bloßen Verbot zufriedengeben, während gleichzeitig in Messehallen Geschäfte mit Leihmutterschaft angebahnt werden – wir brauchen eine konsequente Linie gegen jede Form der Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Kind.

Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die Worte der UN-Sonderberichterstatterin Reem Alsalem: Sie hat sich enttäuscht gezeigt über das bisherige Engagement Europas und Deutschlands, sie könne sich nicht erinnern, dass eine Reaktion auf ihren Bericht zur Leihmutterschaft von Deutschland gekommen sei. Wie bei Prostitution auch verstecke man sich hinter dem Vorwand, es ginge um körperliche Selbstbestimmung und Freiheit, ohne zu sehen, dass es sich um Missbrauch handelt.

Es wäre daher sehr gut, Deutschland würde diese Worte ernst nehmen und alle Missbrauchsmöglichkeiten beenden – etwa so wie Italien. Italien hat das bereits bestehende Verbot der Leihmutterschaft deutlich verschärft und stellt nun auch die Inanspruchnahme von Leihmutterschaft im Ausland durch italienische Staatsbürger unter Strafe, mit Geldbußen bis zu einer Million Euro und möglichen Haftstrafen. Auf dieses Ziel werden wir nun systematisch hinarbeiten, auch in Kooperation mit anderen Organisationen.

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