Wird das Plagiatsverfahren von der Leyen verschleppt?

Die Medizinische Hochschule prüft die Arbeit seit dem 28. September, seit viereinhalb Monaten. Dass sie für 43 verdächtige Stellen so lange braucht, dürfte bedeuten, dass es zum Entzug des Titels kommt. Andernfalls gäbe es ja keinen Grund, die Angelegenheit noch länger in der Schwebe zu halten - oder? Meint Andreas Skrziepietz.

Mittlerweile gehört es ja schon zum guten Ton, dass Politiker bei ihren Doktorarbeiten plagiiert haben sollen. Die Plagiatsdokumentation Vroniplag listet übrigens auch die Parteizugehörigkeit der Betroffenen auf: An der Spitze liegen mit je sieben Fällen die CDU/CSU und die FDP. Es wäre allerdings verfehlt, daraus zu schließen, dass Mitglieder dieser Parteien über ein besonders hohes Maß an krimineller Energie verfügen, denn möglicherweise ist der Akademikeranteil in CDU/CSU und FDP einfach höher als in anderen Parteien, so dass es natürlich auch mehr „schwarze Schafe“ gibt.

Guttenberg war der erste, der erwischt wurde, andere (Schavan, Koch-Mehrin, Mathiopoulos, um nur die bekanntesten zu nennen) folgten. Im Fall Schavan kannte die Universität keine Gnade und entzog binnen kurzem den Titel. Der darauf folgende Rücktritt der Ministerin wurde ihr immerhin mit einem Botschafterposten beim Vatikan versüßt – ohne jegliche diplomatische Erfahrung oder gar italienische Sprachkenntnisse. Andere, wie etwa Bundestagspräsident Lammert und Außenminister Steinmeier, durften ihre Titel sogar behalten.

Im Fall von der Leyen läßt sich die zuständige Hochschule – die MH Hannover – recht viel Zeit, um zu einer Entscheidung zu kommen. Das ist umso überraschender, als die Arbeit ja nur knapp 70 Seiten hat, abzüglich des Literaturverzeichnisse sind es sogar nur 60. Die Prüfung müsste also innerhalb einiger Wochen abgeschlossen sein, zumal ja die entscheidende Vorarbeit bereits geleistet wurde: Der vorläufige Bericht von „Vroniplag“ vom 20.12.2015 stellt fest, dass 15% des Textes als Plagiat eingestuft werden können. Eine detaillierte Auflistung der betreffenden Stellen ist vorhanden:

Die Medizinische Hochschule prüft die Arbeit seit dem 28. September, also seit nunmehr viereinhalb Monaten. Dass die MHH so lange braucht, um 43 verdächtige Stellen zu überprüfen, kann eigentlich nur bedeuten, dass die Plagiate so schwerwiegend sind, dass sie zum Entzug des Titels führen müssen. Denn im anderen Fall gäbe es ja keinen Grund, die Angelegenheit noch länger in der Schwebe zu halten und die hauptberufliche Tochter des Ministerpräsidenten a.D. Albrecht mit dem Makel der Betrügerin zu belasten.

Warum dann aber das Zögern? Könnte es sein, dass man den Entzug des Titels bis zur Bundestagswahl hinauszögern will, um der Regierung die Möglichkeit zu geben, durch eine Kabinettsumbildung einen weiteren peinlichen Rücktritt zu verhindern? Denn dass Röschen Albrecht nach dem Verlust ihres Doktortitels nicht im Amt zu halten wäre, versteht sich nach den Rücktritten Guttenbergs und Schavans von selbst, insbesondere angesichts des angeblich desolaten Zustandes der Armee.

Die Verschleppung eines Skandals bis zur Wahl mit anschließender Kabinettsumbildung ist ein probates Mittel, das bereits im Fall De Maizière erfolgreich angewendet wurde. Dass der hauptberufliche Politiker, in dessen Familie der Ministerberuf quasi erblich ist, deutlich mehr Dreck am Stecken hatte, als der Untersuchungsausschuss zutage förderte, ergibt sich aus der Tatsache, dass er sein Amt entgegen eigenem Wunsch („Ich würde mich freuen, die Dinge für die Bundeswehr weiter gestalten zu dürfen“) eben nicht behalten durfte. Und das, obwohl die Regierung damals noch fest im Sattel saß und die CDU nur knapp an der absoluten Mehrheit scheiterte.

Um wie viel schwerer ein Rücktritt für das angeschlagene Merkel-Kabinett heute wiegen dürfte, leuchtet sofort ein, wenn man sich die aktuellen Umfragewerte anschaut: Die CDU befindet sich im freien Fall, sie verliert jeden Monat fast ein Prozent an die AfD. Ein weiterer Rücktritt wegen eines Plagiates könnte der Todesstoß für eine Regierung sein, deren Grundgesetzverstöße nur deshalb nicht als der größte Skandal der Nachkriegszeit wahrgenommen werden, weil sich die Medien weitestgehend gleichgeschaltet haben und zu Claqueuren wurden, anstatt objektiv zu berichten.

Ärzte wählen meist konservativ, das bedeutete bis vor etwa einem Jahr „CDU“. Dass die CDU heute Positionen vertritt, die bis vor wenigen Jahren Domänen der SPD waren, wird niemand bestreiten; ob die Gründe dafür in einem politischen Fehlkalkül Angela Merkels oder eher der übrigen Parteimitglieder liegen, soll hier nicht weiter diskutiert werden. Man kann aber davon ausgehen, dass die Art und Weise, wie man in einer Partei Karriere macht, nicht unbedingt den Widerspruchsgeist potentieller Anwärter auf den Parteivorsitz stärkt. Jedenfalls ist die CDU nicht mehr die Partei, die sie einst war, nur haben das viele Wähler noch nicht richtig mitbekommen, denn sonst hätte die Union im Vergleich zum Ergebnis der letzten Bundestagswahl nicht erst 10% der Stimmen verloren, sondern deutlich mehr.

Liegt nicht die Vermutung nahe, dass die Verantwortlichen in der MH Hannover aufgrund einer falsch verstandenen Loyalität mit einer Partei, die längst nicht mehr die ist, die sie zu sein vorgibt, im Fall von der Leyen mit anderen Maßstäben messen, als sie es bei Parteilosen oder Mitgliedern anderer Parteien täten? Hinzu kommt, dass von der Leyens Ehemann Mitglied des Lehrkörpers der Medizinischen Hochschule ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Zum „Glück“ werden von Vroniplag gegen zwei weitere Mediziner, die an der MHH promoviert wurden, Plagiatsvorwürfe erhoben. Wir werden also Gelegenheit haben zu vergleichen, wie lange das Verfahren in diesen beiden Fällen dauert und zu welchem Ergebnis es führt. Zensursula, ein Kampfwort gegen von der Leyen aus ganz anderem Zusammenhang, könnte sie sich angesichts des neuen Etiketts Pfuschi zurückwünschen.

Andreas Skrziepietz studierte Medizin sowie deutsche und romanische Philologie. Er arbeitet als Übersetzer und Autor.

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