Und wo bleibt das Positive, liebe Publizisten?

Nicht klagen, jammern, verschleiern und auslassen ist die Aufgabe von Politikern, Publizisten, Lesern und Zuschauern, sondern Hintergründe recherchieren, Lücken füllen und verdeutlichen, wozu wir heute mehr denn je zuvor die Möglichkeit haben. Puzzleteile in aller Nüchternheit zu einem Gesamtbild zusammensetzen und dabei die Moralkeule wegstecken.

Screenshot ZDF

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, schrieb 1959 die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Die wahrhaftige, lückenlose Unterrichtung der Öffentlichkeit ist ein Gebot der demokratischen Ordnung und der Menschlichkeit. Wir dürfen nicht nachlassen, sie einzufordern und zu verbreiten.

Ist er noch ein Begriff, der Publizist und Zeitkritiker Erich Kästner, der so wunderbar scharfsinnige Gedichte schrieb und die Kinderliteratur mit seinem „doppelten Lottchen“, mit „Emil und den Detektiven“ und dem „fliegenden Klassenzimmer“ bereicherte?

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

schrieb er 1930 unter dem Titel Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? – und könnte es heute noch genauso gut geschrieben haben.

Wer sich durch den Mainstream-Blätterwald bewegt, findet wenig, was ihn motiviert und aufbaut. Ständig liegen wir auf der Lauer in der Hoffnung auf ein paar klare, erlösende Worte, auf Vorschläge, die  uns darlegen, was wir tun könnten, damit wir uns wieder heimischer fühlen in unserer Welt. Dushan Wegner beschreibt das treffend in seinem Text vom 11.7.: „Diese Schwere, die auf uns liegt, sie ist auch ein Gefühl der Hilflosigkeit. Wir fühlen uns ausgeliefert. Wir fühlen uns Merkel ausgeliefert, einigen ist es sogar bewusst, andere mögen das. Einige fühlen sich übermächtiger Meinungsmacht ausgeliefert.“  

Jeder in der eintönigen Meinungswüste auftauchende Hoffnungsschimmer wird begrüßt. Die AfD ist so ein Rettungsanker, an den viele sich klammern. Nun scheint sie zu bröckeln, und prompt ist die ständig lauernde und schon viel zu lange genährte Hoffnungslosigkeit wieder präsent und nur schwer zu verdrängen. Die EM schaffte kurzfristig Ablenkung. Auch als die Grünen das Fahnenschwenken stigmatisieren wollten – die Bundeskanzlerin hatte es  bei ihrer Wiederwahl 2013 bekanntlich schon vorgemacht – ließen sich die Fans den Spaß nicht nehmen. Doch nach Ende des langen Fußballfestes tritt wieder der Alltag ein, der nun vermehrt aufs Gemüt drückt wie ein schwüler Tag im Sommer. „Gerade herrscht hier das drückende Wetter wie vor einem Gewitter. Elektrische Spannung in der Luft, und alle schleppen sich schlaff herum. Und genauso drückend ist die politische Lage,…“ stimmt Kommentator „Wildrose“ zu.

Die meist gelesensten Texte in diesem diskutierfreudigen Blog  sind derzeit die, die die rasanten Veränderungen unserer Lebenswirklichkeit – besonders durch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ – unter die Lupe nehmen und den Finger in die Wunde legen. Schonungslos sachlich-kritische Artikel besitzen in den Mainstream-Medien Seltenheitswert. Ein vom Spiegel kürzlich veröffentlichter Kommentar zum „unbelehrbaren Duo“ Juncker und Schulz erntete seitenweise begeisterte Leserbriefe à la: „Was für ein guter Kommentar, bissig und nicht das einfachste Ziel angreifend (Briten). Wie kommt so ein Kommentar auf die SPON Seite?“ Und: „Endlich stellt mal jemand diese beiden Pfeifen in Frage!“ – „Da spricht mir mal jemand wirklich aus dem Herzen!“

Das Schweigen der Lämmer?

Indessen stolpern die beiden Verantwortlichen weiter verantwortungslos und kein Fettnäpfchen auslassend durch die EU-Landschaft. Juncker begrüßt seine Gäste – Staatsminister, Kommissare, hohe Funktionäre – mit Ohrenklapsen, Küssen auf deren (Kahl)Kopf, militärisch stramm stehend, salutierend und Haltung einfordernd oder eine Zeitung auf den Hinterkopf knallend. Der ungarische Staatspräsidenten Victor Orban bekommt neben der Anrede „Diktator“ gleich noch einen Klaps ins Gesicht. Und alle Danebenstehenden, – u. a. Ratspräsident Donald Tusk – mimen (oder empfinden?) Amüsement.

Nüchtern-kritische Worte gelten in Deutschland nun ja auch schon im Alltagsleben als peinlich und ungehörig. Beißende Satire gibt es kaum noch. Geduldig ertragen und mitmachen ist angesagt. Man erntet schon Empörung, wenn man sich, nachdem einem der Junior in der Reihe hinter dem eigenen Sitz im Flugzeug eine ganze Weile pausenlos gegen den Rücken getreten hat, schließlich einmal umwendet und das verantwortliche Elternteil um Ruhestellung bittet. In Deutschland hat man – außer wenn man anonym bleiben kann –  Bedenken, den Mund aufzumachen und zu seiner Meinung zu stehen, da bin ich ganz bei Anabel Schunke. „Bloß nicht auffallen, lieber schweigen und sich einreihen.“ Protestieren macht unbeliebt. Dann ist man doch lieber bei denen, die Kästner im Folgenden so beschreibt:

Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen
den leeren Platz überm Sofa ein.
Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,
gescheit und trotzdem tapfer zu sein.

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Andererseits lechzt man geradezu nach schonungsloser Offenheit, die von den Mainstream-Gazetten zu selten gewährt wird. Nach Angeboten, die uns aus dem zunehmenden Frust der Hilflosigkeit ausbrechen und tätig werden lassen. An Ideen mangelt es mitnichten. Die – manchmal noch zugelassenen  – quer zu den Artikeln argumentierenden kritischen Kommentare beweisen es. Doch wo sind die verantwortlichen Ohren, die nicht nur „auf Durchzug“ eingestellt sind, sondern zuhören, aufnehmen, verarbeiten und umsetzen? Die uns Bürgern das motivierende Gefühl vermitteln, wir arbeiteten gemeinsam an unserer Zukunft. Müssen wir da vielleicht nicht doch noch viel lauter und vor allem tapferer sein?  – Es hat sich ja schon ein wenig getan. Die Kritik an der Berichterstattung über die Ukraine-Krise führte zeitweise zu heftigem Wirbel, Entschuldigungen und einer Diskussion auf Phoenix. Selbstkritik steht zumindest inzwischen auf der Agenda der Massenmedien: „Vertrauen verspielt? Wie Medien um Glaubwürdigkeit kämpfen“, lautet der Titel der am 11.7. gesendeten „Story im Ersten“.

Am Wochenende sitzt die Kanzlerin bei Bettina Schausten zum „Sommerinterview“. Als „dürre Sätze“ bezeichnet der angeklagte Can Dündar, Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, ihre Worte in einem offenen Brief, in dem er sie um das Eintreten für die Pressefreiheit gebeten hatte. Dürre Sätze auch hier – fürwahr: Die Welt sei in Unruhe. Sie habe viel nachgedacht und sich intensiv mit Europa beschäftigt. Als „Nachbargebilde“ von Syrien (?) seien „wir“ dafür verantwortlich, die Flüchtlinge humanitär zu behandeln. Man müsse „humanitär ordentlich arbeiten.“ Viele Probleme seien noch nicht gelöst; einiges sei geschehen, aber noch nicht genug. Daran – z.B. an Strukturreformen, Jugendarbeitslosigkeit, Unterbindung illegaler Migration, an der Sicherung der Außengrenzen – müsse gearbeitet werden. Man müsse „jetzt lernen, wie wir damit umgehen.“ Das Integrationsgesetz sei ein Fortschritt. Man müsse „jetzt in die Zukunft gucken.“ – Jetzt erst?

Warum lassen wir uns eigentlich mit so etwas Dürrem abspeisen: Wiederholungen aneinandergereihter Banalitäten und Ungeschicklichkeiten in Teenager-Sprache.

„Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!“(Günter Eich)

Das Positive, das ist für Kästner nicht das Beschönigen, sondern das Beschreiben der Realität. „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“, wie es im Pressekodex steht. Wenn möglich, auch mal mit Biss und (Wort)Witz, wie es Kästners Zeitgenosse Kurt Tucholsky ebenso unvergleichlich verstand. Auch „Morgengrauen“ in diesem Blog gehört in dieses Ressort. Das Grauen am Morgen – im „Morgengrauen“ auf eine momentan entlastende satirische Ebene gehoben – entlässt die trüben Gedanken für kurze Zeit aus ihrem Korsett: „Lerne lachen ohne zu weinen.“ (Kurt Tucholsky) „Die angemessene Form, um den ganzen Wahnsinn zu benennen. Dieser Spott wirkt befreiend!“ stimmt TE-Leser „Johannes“ ein.

Nicht klagen, jammern, verschleiern und auslassen ist die Aufgabe von Politikern, Publizisten, Lesern und Zuschauern, sondern Hintergründe recherchieren, Lücken füllen und verdeutlichen, wozu wir heute mehr denn je zuvor die Möglichkeit haben. Puzzleteile in aller Nüchternheit zu einem Gesamtbild zusammensetzen und dabei die Moralkeule wegstecken. Nicht zulassen, dass Zusammenhänge und psychologische Befunde ausgeblendet werden und man sich auf eine der zahllosen, oft dubiosen Untersuchungen und Studien, die einem gerade in den Kram passen, bezieht. „Das ganze Bild“ verspricht der Sender Phoenix seinen Zuschauern. Hält er das ein?

Und nicht zu vergessen: Den Blick auf kommende Zeiten richten und  die Verantwortlichen fragen, wie all das, was heute geschieht, sich auf unsere eigene Zukunft und die unserer Nachkommen auswirken wird. Helmut Schmidt hat immer wieder darauf hingewiesen: „Mir hat die bisherige Diskussion  nicht sonderlich gefallen“, sagte er auf einer Podiumsdiskussion anlässlich der 50. Münchner Sicherheitskonferenz. „Sie beschäftigt sich mit den letzten 50 Jahren […] Ich bin mehr dafür, mich mit den nächsten 50 Jahren zu beschäftigen.“ Eindeutige Fragen stellen und auf Antworten bestehen, sich nicht beirren lassen, um mit Erich Kästner sagen zu können:

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Ingrid Ansari war Dozentin am Goethe-Institut.

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Kommentare ( 23 )

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