An allgegenwärtige Terrorbedrohung will ich mich nicht gewöhnen

Entweder, die deutsche Presselandschaft sieht Lutz Bachmann als ernstzunehmendere Bedrohung an als den drohenden Terror oder man traut sich an die Themen, die wirklich von Belang sind, nicht heran.

Frederic Legrand - COMEO / Shutterstock.com

Eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, mich nicht gleich zu Anfang des neuen Jahres aufzuregen. Die gleiche Absicht hatte ich übrigens auch schon über die Weihnachtsfeiertage und da hatte ich es zumindest geschafft, drei Tage lang keinen einzigen wütenden Post bei Facebook zu verfassen. Obgleich ich beim Lesen diverser Meldungen das ein oder andere Mal große Lust dazu verspürte. Mein Neujahrsvorsatz verließ mich indes bereits heute Mittag, als ich nach dem späten Aufstehen nach der vorangegangenen Silvesterfeier das erste Mal Facebook öffnete und Nachrichten las.

Währenddessen erinnerte ich mich daran, wie ich gestern während der Silvesterparty bei Freunden die Nachricht auf mein Handy bekam, dass für München eine Terrorwarnung ausgesprochen wurde. Ich erinnerte mich, wie ich mich Tage zuvor gegen eine größere Party in einer anderen Stadt und an einem öffentlichen Ort entschied, weil mir die Sicherheitslage als zu prekär erschien; wie ich mich in meiner sicherlich übertriebenen Furcht bestätigt sah, als die Warnung ausgesprochen wurde, und wie ich bis nach 0 Uhr so etwas wie eine Anspannung empfand und hoffte, dass nirgendwo etwas passiert –  Gedanken, die ich noch nie an einem Silvesterabend hatte.

Die letzten Monate haben etwas in mir verändert. Als die Anschläge von Paris sich am 13. November des letzten Jahres ereigneten, befand ich mich gerade selbst auf einem Konzert. Während wir ausgelassen zur Musik bei einem Konzert tanzten, betraten bei einem anderen Konzert in einem anderen Land zur selben Zeit Terroristen die Halle und erschossen mehr als 90 Menschen. Nun war meine Heimatstadt, in der ich mich zu dem Zeitpunkt aufhielt, nicht Paris und die Konzerthalle nicht das Bataclan, aber es hatte mich in diesem Moment in einem besonderen Maße nachfühlen lassen, in welcher Situation sich diese Menschen befanden, wie ihre Stimmung vielleicht war, als sie jäh aus ihrem Leben gerissen wurden oder sich ihr Leben als Überlebende für immer veränderte.

Nicht einmal einen Monat später hatte ich Pässe für Fritz Kalkbrenner in Hannover. Als wir zur Swiss Life Hall fuhren, kamen wir auch an der HDI-Arena vorbei: Jenem Stadion, welches ebenfalls nur Wochen zuvor und kurz nach den Paris-Attentaten, aufgrund einer Terrorwarnung geräumt wurde. Eine Stunde mussten wir trotz Access all Areas-Pässen in der Kälte anstehen. Nie zuvor hatte ich eine solch lange Schlange vor einem Konzert erlebt. Schuld waren die verschärften Sicherheitsmaßnahmen und auch wenn genau diese verschärfte Kontrollen einem ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit hätten geben sollen, war das Gefühl im Gegensatz zu allen meinen vorherigen Konzertbesuchen ein anderes.

Ich wollte nie und ich will mich auch jetzt nicht vom Terror unterkriegen lassen. Ich hätte auch nicht zum Konzert gehen müssen. Die Pässe hatten mich nichts gekostet und ein großer Fan von Housemusik in Konzertform war ich auch nicht, aber es ging eben auch und vor allem ein Stück weit darum, sich nicht in der eigenen Freiheit einschränken zu lassen, nicht in Panik zu verfallen und jetzt erst recht so zu leben wie vorher. Und dennoch bin ich zumindest an Silvester ein Stück weit eingeknickt. Mein eigener Umgang, die eigenen Gedanken, haben sich verändert. Ob ich es will oder nicht. Und selbst wenn ich ihnen nicht nachgebe, weiter das tue, was ich sonst auch tue, sind sie in meinen Gedanken immer öfter präsent. Letztlich schufen sie so auch ein anderes Bewusstsein über die Bedrohung und den Wert unserer freiheitlichen Grundwerte.

Spätestens die Nachricht aus München gestern offenbarte, dass Hannover wohl kein trauriger Einzelfall war, dass wir endgültig in Zeiten leben, in denen wir quasi bei jedem Großevent, jeder Menschenansammlung, bei allem, was uns Spaß macht, mit Terror zu rechnen haben. Und wenn es nur die Angst, oder auch nur das leicht mulmige Gefühl ist, was uns nicht mehr ganz so unbeschwert tanzen, feiern und Spaß haben lässt wie vorher.

Dabei ist es nicht entscheidend, ob es tatsächlich zu Anschlägen kommt und wie viele es sein werden. Es geht nicht um Wahrscheinlichkeiten. Es geht darum, was in unseren Köpfen passiert. Danach bemisst sich das Ausmaß dieses Angriffs auf unsere Grundwerte und daran wird ersichtlich, dass dieses Ausmaß in seiner Intensität ein nie da gewesenes ist. Die RAF war jedenfalls noch ein harmloser Haufen gegen das, was uns jetzt bedroht. Auch und vor allem deshalb gibt es so vieles, worüber wir uns in Zukunft Gedanken machen müssen. Es wird sich uns die Frage stellen müssen, wie wir unsere Werte, unsere freiheitliche demokratische Grundordnung vor diesen Angriffen verteidigen wollen.

Ja, es geht wirklich um solch grundlegende Fragen, über die ich seit Wochen unablässig grüble und nach Antworten für mich suche. Und ja, sicherlich mag es sein, dass ich durch das, was ich studiere, empfindlicher, sensibler, mitunter vielleicht auch aufmerksamer wahrnehme und auf diese veränderte Situation reagiere. Sowohl mein Geschichtsstudium als auch mein Politikstudium rufen mir eigentlich täglich auf’s Neue ins Bewusstsein, wie lang und beschwerlich unser Weg bis hierhin war. Wie viele Kriege, Konflikte und Revolutionen ausgefochten wurden und wie schnell man in vergangenen Zeiten selbst für die Freiheit der Gedanken mit dem eigenen Leben bezahlte. Dass die Gesellschaft, in der wir heute Leben, die Werte, die wir besitzen ein absolutes Privileg sind, dessen Ausmaß und Bedeutung, so mein Empfinden, vielen oft nicht mehr bewusst ist. Was hier von radikalen Fundamentalisten zur Disposition gestellt wird, sind Werte, für die die Gesellschaften, aus denen wir stammen, jahrhundertelang gekämpft haben und diese gilt es, wenn es nach mir geht, mit allem, was wir haben, zu verteidigen.

Und damit erklärt sich auch meine Wut. Denn was an Neujahr in den großen Medien diskutiert wurde, sind nicht etwa diese Fragen, die ich mir stelle und die sich, meinen Beobachtungen der letzten Wochen und Monaten zufolge, so viele stellen. Dabei würden sich gerade zu Beginn des neuen Jahres Auseinandersetzungen, Prognosen darüber, wie es nun weitergeht, unbedingt anbieten: Nicht zuletzt aufgrund der gestrigen Vorkommnisse rund um München. Dabei verlangt niemand überbordenden Pessimismus. Denn auch hier würde die Auseinandersetzung mit dem, was die Leute bewegt, vielmehr eine Chance bieten, hoffnungsvoll, selbstbewusst aber zugleich auch mit dem nötigen Maß an Kritik als Gesellschaft in die Zukunft zu blicken. Stattdessen befasst man sich Artikel über Artikel mit einem wirren Post des Pegida-Frontmanns Lutz Bachmann. Dies lässt für mich nur zwei mögliche Überlegungen zu: Entweder, die deutsche Presselandschaft sieht den Idioten Lutz Bachmann in der Tat als ernstzunehmendere Gefahr an als die allgegenwärtige Terrorbedrohungan oder man traut sich an die Themen, die wirklich von Belang sind, nicht heran.

In beiden Fällen ein Armutszeugnis sondergleichen.

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