Ein Treffer, eine Luftnummer

Für 2025 wählte die Jury das Unwort „Sondervermögen“. Auf Platz zwei landete das „Zustrombegrenzungsgesetz“. Warum die sprachkritische Aktion damit einmal getroffen und einmal völlig danebengelegen hat.

picture alliance/dpa | Christian Lademann

Zum politischen Ritual des Jahresbeginns gehört die Wahl des „Unwort des (vergangenen) Jahres“. Es gibt zwar auch ein „Wort des Jahres“ (2025: KI-Ära) sowie zahlreiche andere Jahrespreisträger – „Manager des Jahres“, „Vogel des Jahres“, „Baum des Jahres“, „Roman des Jahres“ usw. –, aber der seit 1991 vergebene Negativpreis „Unwort des Jahres“ ist medial am besten vernetzt und etabliert. Für 2025 wählte die Jury (4 Sprachwissenschaftler + 1 Journalist) zwei Unwörter: (1) Sondervermögen und (2) Zustrombegrenzungsgesetz.

Was ist ein Unwort? Wörtlich bedeutet es „ein falsch gebildetes Wort“ (Unarmut, kaputtlos), im übertragenen Sinne „ein böses, unangebrachtes Wort“. Die Jury begründet ihre Wahl meistens damit, das Wort sei für eine Personengruppe „diffamierend“ oder bezeichne einen Sachverhalt „schönfärberisch“, „irreführend“ und „falsch“. Salopp ausgedrückt: Das Unwort des Jahres lügt und/oder beleidigt. Bei den Unwörtern von 2025 kritisierte die Jury an Sondervermögen (statt Schuldenaufnahme) die „irreführende euphemistische Bedeutung des Wortes“, also eine Wortlüge, bei Zustrombegrenzungsgesetz die „Wassermetapher“, welche „Zuwanderung … als Bedrohung konnotiert“ und „Menschen, die sich auf der Flucht befinden, …entmenschlicht“.

Beide Wörter sind Fachausdrücke, gehören also nicht zum allgemeinen Wortschatz, womit sich für Laien ein Verständnisproblem stellt. Unter einem (staatlichen) Sondervermögen versteht man finanzrechtlich einen – in der Regel kreditfinanzierten – Nebenhaushalt zur Erfüllung bestimmter Aufgaben, zum Beispiel das 2025 beschlossene „Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität“ in Höhe von 500 Milliarden Euro. Die Jury kritisiert zu Recht, dass der Gebrauch dieses Fachwortes „in der öffentlichen Kommunikation verdeckt, was mit ihm gemeint ist: die Aufnahme von Schulden“, und zwar in enormer Höhe. Auch die Schlussfolgerung stimmt: Es werden „dadurch demokratische Debatten über die Notwendigkeit der Schuldenaufnahme unterminiert“. Die Frage, ob dies nicht typisch für „UnsereDemokratie“ ist, stellt sich die Jury nicht.

Beim Zustrombegrenzungsgesetz handelt es sich um den Kurztitel eines von der damaligen Oppositionsfraktion CDU/CSU eingebrachten Gesetzesentwurfes, der am 31. Januar 2025 vom Deutschen Bundestag abgelehnt wurde. Der vollständige Titel lautete: „Gesetz zur Begrenzung des illegalen Zustroms von Drittstaatsangehörigen nach Deutschland“, enthält also auch die „Wassermetapher“ mit dem anstößigen Wort Zustrom. Dieses angebliche Unwort bedeutet ein „Herbeiströmen in großen Mengen“ und kann sich auf die Natur (Luft, Wasser) beziehen, Geld oder – wie im vorliegenden Fall – auf Personen, zum Beispiel den Zustrom von Studenten an eine bestimmte Universität, von Touristen an einen bestimmten Ort und von Migranten in ein bestimmtes Land. „Das individuelle Schicksal von Migrierenden wird ausgeblendet“ interpretiert die Jury in das Zustrombegrenzungsgesetz hinein. Das zeigt kreative Phantasie, aber hat mit der rein sprachlichen Bedeutung dieses „Unwortes“ nichts zu tun.

Fazit. Die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ hat für 2025 einmal getroffen und einmal völlig danebengelegen.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 13 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

13 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Dieter Rose
1 Monat her

Unwort, unwertes Leben, komnt alles aus der gleichen Denkschule…

Epouvantail du Neckar
1 Monat her

„Zustrombegrenzungsgesetz“ ist bestimmt ein Begriff aus dem Physikhandbuch-unter „Hydraulik und Strömungslehre“-der olle Bernoulli lässt grüßen 🙂

verblichene Rose
1 Monat her

Ich hätte ja auch gedacht, daß „5%-Hürde“ besonders anzüglich ist, wo doch die „Volkspartei“ SPD darauf zusteuert.
Aber wenn das nichtmal die SPD kümmert…

flo
1 Monat her

Wirklich bemerkenswert am „Sondervermögen“ ist doch aber, huch, wie konnte das denn passieren, dass hier mal ein Wort den ersten Platz ergattert, dass nicht so klar linke Kritik an bürgerlich-konservativen „rechten“  Begriffen bedeutet. Gekürte Begriffe der letzten Jahre unter anderen: biodeutsch, Remigration, Sozialklimbim, Klimaterroristen, importierter Antisemitismus, Umvolkung, Anti-Abschiebe-Industrie, Gutmensch, Lügenpresse, … Das „Sondervermögen“ erfüllt auch nicht wirklich alle Kriterien auf der Website, nur das Kriterium Nr. 4: Ein Unwort soll eigentlich gegen die Prinzipien der Menschenwürde(1) und Demokratie(2) verstoßen, Gruppen diskriminieren(3), „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend“(4) wirken. Fraglich auch, ob das Sondervermögen „auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam macht“, es… Mehr

Helmut Berschin
1 Monat her
Antworten an  flo

Dass die Jury dieses Mal kein „Unwort“ aus dem Bereich Migration auf Platz 1 gewählt hat, zum Beispiel das aktuelle „Stadtbild“, hängt wohl damit zusammen, das Thema Migration bei der Unwortvergabe nicht zu übertreiben.

Epouvantail du Neckar
1 Monat her
Antworten an  Helmut Berschin

Was erlaube Unwortfindungskommission?

flo
1 Monat her
Antworten an  Helmut Berschin

Das muss so sein, denn das „Stadtbild“ hatte deutlich mehr Befürworter unter den Einsendern. „Es wurden 553 Ausdrücke vorgeschlagen, von denen ca. 70 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Unter den häufigsten Einsendungen (mindestens 10 Einsendungen) – nicht alle von ihnen entsprechen strikt den Kriterien – waren u.a.: Babyboomer (16), Brandmauer (22), Deal (215), Drecksarbeit (91), Friedensangst (582), hocheffizienterVerbrenner (22), kriegstüchtig (42), Ladeerlebnis (154), Sondervermögen (79), Stadtbild (141), tatsächlich (20), Technologieoffenheit (36), umstritten (427), Zustrombegrenzungsgesetz (17).“

Jens Frisch
1 Monat her

Die „Junge Freiheit“ hat alternativ zu 5 Einzelpersonen eine Umfrage erhoben, an der 70.061 Menschen teilnahmen:
Auch dort war „Sondervermögen“ dabei, wenn auch auf Platz 2 – auf dem 1. Platz wählten deren Leser – wie passend! – „unsere Demokratie“

Helmut Berschin
1 Monat her
Antworten an  Jens Frisch

„UnsereDemokratie“ würde ideal den Kriterien der Unwort-Jury entsprechen: Es täuscht vor, alle Staatsbürger seien gemeint; tatsächlich meint es nur einen Teil, nämlich die politisch Korrekten; die übrigen werden als Demokratiefeinde von UnsereDemokratie ausgeschlossen, weil sie „unsere Werte nicht teilen“ und „Hass und Hetze“ verbreiten. Sprachlich ist diese Doppeldeutigkeit möglich, weil das Possessivpronomen unser eine unbestimmte Anzahl von Personen (darunter die eigene) bedeutet.

Micci
1 Monat her

Hauptbedeutung des sogenannten „Unwortes“ ist die Klärung, an welcher Stelle sich unsere „Eliten“ beim Kampf gegen das Volk ertappt fühlen.

verblichene Rose
1 Monat her
Antworten an  Micci

…und gleichzeitig glauben, daß sie damit entschuldigt sind.
Da das regelmässig nicht der Fall ist, kann man sich den kompletten Nonsens auch sparen. Aber vielleicht bekommt die Juri ja regelmässig auch etwas vom Unwort des Jahres ab. Also nicht nur vom letzten Unwort… 😉

roffmann
1 Monat her

Habe ich es nur übersehen oder gibt es ihn nicht , den Lügner des Jahres ? Wenn nicht, sollte das unbedingt passieren und ich habe auch schon einen Favoriten ! Nein , nein das kann man nicht machen , es gibt zu viele !

Klaus D
1 Monat her

Zustrombegrenzungsgesetz….besser wäre gewesen man hätte es „Lawinenverhinderungsgesetz“ genannt – bezogen auf die aussage von Wolfgang Schäuble CDU (rip) aus dem jahre 2015*. Einen zustrom kann (könne manche) man ja noch als was positives darstellen aber eine lawine ist immer was bedrohliches.

*Schäuble vergleicht Flüchtlingsbewegung mit Lawine

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wolfgang-schaeuble-vergleicht-fluechtlingsbewegung-mit-lawine-a-1062373.html