Politischer Wortschatz: „Einwanderungsgeschichte“

Das Statistische Bundesamt hat einen neuen Sammelbegriff für Migranten: „Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte“. Von den 83 Millionen Einwohnern Deutschlands haben demnach 21 Millionen (26 Prozent) eine „Einwanderungsgeschichte“.

Am 14. April stellte das Statistische Bundesamt (Wiesbaden) einen Bericht vor mit dem Titel: „Bevölkerung nach Einwanderungsgeschichte. Erstergebnisse 2025“. Darin wird in die Bevölkerungsstatistik das Konzept „Einwanderungsgeschichte“ eingeführt, das attraktiv klingt. Aber was steckt dahinter?

Seit den 1990er Jahren wird in Deutschland breit über Migration diskutiert, und die Betroffenen, die Migranten, erhielten immer neue Namen, weil bisherige „abschätzig“, „unangemessen“ und „negativ“ seien. So kam die sprachübliche Bezeichnung „Asylant“ außer Gebrauch und „Flüchtlinge“ wurde ersetzt durch „Schutzsuchende, Zufluchtsuchende, Geflüchtete“ u. Ä. Als Sammelbegriff für die „neu Hinzukommenden“ verwendet man gerne „Einwanderer“, genderkorrekt: „Eingewanderte“ oder „Einwandernde“.

Vom „Migrationshintergrund“ zur „Einwanderungsgeschichte“

Für die amtliche Bevölkerungsstatistik braucht es präzis definierte Begriffe. So wurde 2005 der „Migrationshintergrund“ eingeführt, worunter eine in Deutschland lebende Person zu verstehen ist, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit der deutschen Staatsangehörigkeit geboren wurde. 2025 betrug die Zahl der Einwohner mit Migrationshintergrund rund 25 Millionen.

Aktuell stellt das Statistische Bundesamt in seinem „Deutschen Statistik-Informationssystem“ (= Destatis) einen neuen Sammelbegriff für die Migranten vor: „Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte“. Von den 83 Millionen Einwohnern Deutschlands haben demnach 21 Millionen (26 Prozent) eine „Einwanderungsgeschichte“, sei es als „Eingewanderte“ (16 Millionen), die im Ausland geboren wurden, oder als deren in Deutschland geborene „Nachkommen“ (5 Millionen). Knapp die Hälfte dieser Personen mit Einwanderungsgeschichte hat (auch) die deutsche Staatsangehörigkeit.

Was unterscheidet den „Migrationshintergrund“ von der „Einwanderungsgeschichte“? Statistisch in erster Linie die Zuordnung der Migrantenkinder: Beim Kriterium Migrationshintergrund genügt es, dass ein Elternteil mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde – Kinder binationaler (deutsch-ausländischer) Eltern haben deshalb Migrationshintergrund –, beim Kriterium Einwanderungsgeschichte müssen beide Elternteile nicht-deutscher Herkunft sein. Die vier Millionen Kinder binationaler Eltern haben also keine Einwanderungsgeschichte, sie gelten nun als „normale“ Deutsche und werden bei zukünftigen Stellenausschreibungen mit dem Vermerk „Bewerbungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind ausdrücklich erwünscht“ nicht mehr eigens berücksichtigt.

Wer ist „Einwanderer“?

Warum führt das Statistische Bundesamt den neuen Begriff „Einwanderungsgeschichte“ ein? Es hätte ja auch genügt, die Definition von „Migrationshintergrund“ etwas zu modifizieren, wie dies seit seiner Einführung 2005 mehrmals geschah. Allerdings war „Migrationshintergrund“ (eine Lehnübersetzung von englisch migration background) ein rein technischer Begriff, der im allgemeinen Sprachgebrauch wenig Anklang fand. In einer Zeit, in der das Thema „Migration“ ein zentraler politischer Streitpunkt ist, muss das viel beschworene „Einwanderungsland Deutschland“ auch sprachlich deutlich zum Ausdruck kommen, und dafür eignet sich „Einwanderungsgeschichte“ durchaus. Die Wörter „Einwanderung“ und „Einwanderer“ sind positiv besetzt: Man denkt an das klassische Einwanderungsland USA, wo viele Deutsche (darunter der Großvater Friedrich Trump des jetzigen US-Präsidenten) ihr Glück machten. Und eine gute „Geschichte“ ersetzt, wie die Werbung weiß, ein gutes Argument.

Wer ist „Einwanderer“? Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) definiert ihn als „jemand, der sich in einem anderen Land angesiedelt hat, nachdem er seine Heimat für immer verlassen hat“. In diesem Sinne sind viele „Personen mit Einwanderungsgeschichte“ der amtlichen Statistik keine Einwanderer, zum Beispiel die fünf Millionen ausländischen EU-Bürger, die in Deutschland leben: Innerhalb der EU herrscht Freizügigkeit – ein Italiener, der in München wohnt, ist nicht „eingewandert“, sondern „umgezogen“. Entsprechendes gilt für einige Nicht-EU-Staaten wie USA, Schweiz oder Großbritannien: Der Mittelstürmer (seit 2023) des FC Bayern München, Harry Kane, erlebt in Deutschland keine „Einwanderungsgeschichte“, sondern sammelt „Auslandserfahrung“.

„Einwanderung“ in das Bürgergeld

Die Bevölkerungsbewegung zwischen Deutschland und den übrigen EU-Staaten ist ziemlich ausgeglichen: 2025 zogen rund eine halbe Million Personen aus der EU zu bzw. in die EU weg. Demgegenüber kamen aus den Nicht-EU-Staaten 300.000 mehr Personen nach Deutschland als es in Richtung dieser Länder verließen. Dabei handelte es sich überwiegend um keine Arbeitsmigration nach Deutschland, sondern eine Flucht- und Asylmigration.

Der Begriff „Einwanderung“ für diese Migrationsbewegung erweckt hier falsche Vorstellungen, es sei denn, man versteht darunter eine Einwanderung in das deutsche Sozialsystem. Dazu passt eine Kennzahl im Bericht des Statistischen Bundesamtes: Von den drei Millionen Bürgergeldempfängern (Stand: 31.Dezember 2025) hatten zwei Drittel, genauer: 67,6 Prozent, eine „Einwanderungsgeschichte“.

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