Amokfahrt oder Wahnsinnstat in Trier? Mann tötet fünf Menschen und verletzt 15

Medienberichten zufolge geht der Trierer Oberbürgermeister von einer Amokfahrt aus. Der Tathergang spricht aber dagegen.

picture alliance/dpa | Harald Tittel

Am 01.12.2020 um 13:47 Uhr ging bei der örtlichen Polizei der erste Notruf ein. Nach vier Minuten wurde der Täter Abseits der Tatorte durch Polizeibeamte festgestellt und festgenommen. Die Person leistete dabei Widerstand. 

Der Tatverdächtige hatte bis dahin in der Innenstadt von Trier eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Zu beklagen sind fünf Tote, darunter eine Frau (25), ein Mann (45), ein Baby (9 Monate) und eine weitere Frau (73). Alle stammen ebenso wie der Fahrer des PKW Land-Rover aus Trier bzw. dessen Umgebung. Durch den Tatverdächtigen (TV) wurden vorsätzlich auf beiden Seiten des Weges Menschen angesteuert, die laut Medienbericht der Bild teilweise durch die Luft geflogen sein sollen. 

Weitere Angaben zum TV: Es soll sich um einen 51-jähriger Deutschen (1969 in Trier geboren) aus dem Landkreis Trier-Saarburg handeln, der in Trier aufgewachsen ist und dort gelebt haben soll. Medienberichte sprechen von einer sehr strengen Erziehung des Vaters, bei der Gewalt eine sehr große Rolle gespielt habe. Der TV war nicht vorbestraft, es würde sich jedoch um einen „schwierigen Charakter“ handeln. 

Der TV soll vor wenigen Tagen sein Elternhaus verkauft haben (Quelle „Welt-TV“) und verbrachte die letzten Tage vor der Tat ohne festen Wohnsitz. Seitdem lebte der Mann in dem Tatfahrzeug, das nicht auf seinen Namen zugelassen ist. Das Fahrzeug wurde ihm von einem Bekannten überlassen, der mit der Tat gemäß Polizeiangaben ausdrücklich nicht im Zusammenhang stehen soll.  

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Nach Aussagen des leitenden Oberstaatsanwalts Peter Fritzen (Herr des Verfahrens) werden gegenwärtig Ermittlungen wegen Mordverdacht vorgenommen. Man geht also von Heimtücke und niedrigen Beweggründen aus. Der Jurist führt auf der Pressekonferenz weiter aus, dass das Motiv für die Tat gegenwärtig (Stand 01.12.2020, 19:20 Uhr) unklar ist. Es sei bisher kein politisches, terroristisches oder religiöses Motiv feststellbar. Der TV wird zurzeit vernommen, er macht dabei Angaben und Aussagen. 

Gegenwärtige Bewertung:

Wenige Zeit nach der Tat berichteten Medien, dass der Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe von einem „Amoklauf“ ausgehe. Meine gegenwärtige Einschätzung: Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine klassische Amoktat. Bei dieser Vorgehensweise werden durch den Täter ganz bestimmte Personen ausgesucht und getötet. Zum Beispiel in München Migranten oder typischerweise an Schulen Lehrer, der Direktor und/oder Mitschüler. Typisch für Amoktäter ist, dass sie sich durch die Polizei provozierend-freiwillig erschießen (Suicide-by-Cop) lassen oder sich nach Beendigung des Massakers selbst töten. Dieser TV ist nach den mir bisher bekannten Informationen wahllos auf Menschen zugefahren und hat bei seiner Festnahme Widerstand geleistet. An dieser Feststellung ändert auch der festgestellte Atemalkoholgehalt von 1,4 Promille nichts. 

Der Oberstaatsanwalt sagte dann bei der Pressekonferenz auch, dass psychiatrische Anhaltspunkte bzw. Erkrankungen bei der Tat eine Rolle gespielt haben könnten. Ein Arzt des zuständigen Gesundheitsamtes hat den TV bereits diesbezüglich kurz bewerten können. Zur generellen Frage der Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt wird ein umfangreiches psychiatrisches Gutachten angefertigt werden.

Diese Bewertungen ändern nichts an der furchtbaren Tat, sind jedoch zur Aufhellung unerlässlich. Eine psychiatrische Erkrankung scheint mir persönlich sehr glaubhaft zu sein. 

Es ist in diesem Zusammenhang dringend erforderlich, die Lage nicht nur zu beurteilen. Welche inneren („persönlichen“) und äußeren („gesellschaftlichen“) Umstände führen dazu, dass Menschen solche Verbrechen begehen? Warum sind wir offensichtlich nicht ausreichend befähigt, erhebliche Verhaltensveränderungen und Warnsignale bei unseren Mitmenschen wahrzunehmen? Und wenn doch, warum tun wir nichts bzw. zu wenig? Welchen Anteil hat die sich immer weiter vertiefende Spaltung, Hysterie und Eskalationsspirale in unserem Gemeinwesen? Natürlich ist „Schuld“ immer individuell und persönlich, insofern eine Schuldfähigkeit vorliegt. Wir sollten jedoch nicht schon wieder den Fehler begehen, diesen Fall als „Einzelfall“ und Tat eines „Irren“ zu den Akten zu legen. Kein Mensch wird als Verbrecher oder psychisch Erkrankter geboren. 

Bei der Trauer und Betroffenheit darf man nicht, wie so oft, stehenbleiben.

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Kommentare ( 53 )

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Sonny
1 Monat her

Hm. Das kann natürlich alles auch ganz anders sein. Warum hat er kurz vorher das Eigenheim verkauft? Was hat er mit dem Erlös des Verkaufes gemacht? – Das Geld in „Sicherheit“ gebracht? Dann noch schnell ein bißchen Alkohol einschieben, damit beim Strafprozess mildernde Umstände greifen? Für mich hört sich das alles sehr planvoll an und nicht wie die Tat eines psychisch kranken Geistes. Allgemein wird eine jede solcher Taten heutzutage als psychisch krank eingestuft. Das jemand einfach nur böse ist, kommt kaum noch im allgemeinen Wortgebrauch vor. Warum eigentlich? Ich bin weit davon entfernt, jede Straftat mit psychischen Krankheiten zu… Mehr

Gruenauerin
1 Monat her

Zitat: „Warum sind wir offensichtlich nicht ausreichend befähigt, erhebliche Verhaltensveränderungen und Warnsignale bei unseren Mitmenschen wahrzunehmen? Und wenn doch, warum tun wir nichts bzw. zu wenig? Welchen Anteil hat die sich immer weiter vertiefende Spaltung, Hysterie und Eskalationsspirale in unserem Gemeinwesen? „ Das scheint mir ein wenig übertrieben zu sein. Wer ist denn WIR? Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Wir leben in keiner Volkswohlfühlgemeinschaft. Ein Mensch kann sich nur ändern, wenn er selbst einsieht, dass es nicht so weiter gehen kann und sagt, dass er mit seinem Leben nicht mehr zurande kommt und Hilfe möchte. Man kann sich Menschen… Mehr

metroo
1 Monat her

Laut Medien heißt der TV Bernd W.51 Jahre Wenn man sich mit Bildvergrößerung das Nummernschild des Tatwagens ansieht kann man TR BW 69 erkennen. Wenn der Wagen doch geliehen ist warum hat das Nummernschild die initialen und das Geburtsjahr des TV. Dieser Bernd W war beim Gemeindehaus in Trier als Ansprechpartner Flüchtlinge angestellt und auch beim Bürgermeister bestens bekannt. Focus meldete, Beim mutmasslichen Amokfahrer handelt es sich laut «Focus» um den 51-jährigen Bernd W. Nachbarn hatten den Mann aufgrund des Kennzeichens seines SUV identifiziert.“ Wurde evtl der Wagen gestohlen und jmd anderes hat den Wagen gefahren? Warum sollte der TV… Mehr

Ralf Poehling
1 Monat her
Antworten an  metroo

Das sind hochinteressante Informationen.

Deutscher
1 Monat her

„Medienberichte sprechen von einer sehr strengen Erziehung des Vaters, bei der Gewalt eine sehr große Rolle gespielt habe.“

Da sieht man mal wieder, was passiert, wenn Kinder von ihren Eltern erzogen werden. Drum wollen die Grünlinken ja die Kitapflicht ab Geburt.

😉

Korner
1 Monat her

Die Kanzlerin hat gleich Dreyer angerufen. Ich gehe davon aus, dass sie nur wissen wollte, ob es einer ihrer Gäste war. Jetzt ist sie wohl beruhigt.

EndemitdemWahnsinn
1 Monat her
Antworten an  Korner

In den Medien wird ja auch ganz stark betont und hervorgehoben, dass es sich um einen Deutschen handelt, so nach dem Motto „Zum Glück keiner von den Gästen, dann ist ja alles in Ordnung“

Uwe Jacobs
1 Monat her
Antworten an  EndemitdemWahnsinn

Ja, das habe ich auch bemerkt. Sehr, sehr oft wurde gesagt, dass der Täter ein Deutscher ist. Ansonsten hätte es geheißen „ein Mann“.
Ist dieser Herr Bernd W. derjenige, der das Tatfahrzeug gelenkt hat?

Paralyzer
1 Monat her

Bemerkenswert, bei aller gebotenen Trauer, dass noch kein Bezug zur
AFD herbeiphantasiert wurde von den üblichen Krakeelern, zumindest
nicht im öffentlichen Tenor, oder hab ich was übersehen?

Kateiker
1 Monat her

„Warum sind wir offensichtlich nicht ausreichend befähigt, erhebliche Verhaltensveränderungen und Warnsignale bei unseren Mitmenschen wahrzunehmen? Und wenn doch, warum tun wir nichts bzw. zu wenig?“
Wer bereits damit überfordert ist, die eigene Situation differenziert zu betrachten oder sich selbstständig und unvoreingenommen zu informieren, geschweige denn sich sogar für die eigenen Rechte und Belange aktiv einzusetzen, hat ganz sicher kein Potential mehr für sein Umfeld übrig. Es sei denn, man kann seinen Frust dabei irgendwie rauslassen und über den anderen schimpfen.

Querdenker_Techn
1 Monat her

Zitat: „Warum tun wir nichts bzw. zu wenig?“
Wir tun nicht zu wenig, wir setzen nur Prioritäten, weil unsere Empathie und unsere Kraft nicht für alle Menschen in unserem Lande ausreicht. Da fällt halt der eine oder andere hinten herunter.
Wie die Prioritäten sind, geben Zivilgesellschaft und Politik vor. Man las es fast täglich im September 2020 in den Zeitungen, wie viel Hilfe geleistet wurde.

mediainfo
1 Monat her

Wie die Politprominenz Schlange steht um sich betroffen und mitfühlend zu zeigen! Man spürt förmlich die Erleichterung, dass der Täter Deutscher ist. Wäre das nicht der Fall, gäbe es weder bereits eine Beileidsbekundung von Frau Merkel noch einen Vor-Ort-Betroffenheits-Termin von Frau Dreyer. Ich denke diese Annahme lässt sich mit der Rückschau auf andere Taten begründen.

AlNamrood
1 Monat her
Antworten an  mediainfo

Die Polizei und Medien würden sich auch deutlich mit der Nennung der Herkunft zurückhalten.

mediainfo
1 Monat her
Antworten an  AlNamrood

Natürlich. An der Tragik für die Betroffenen und ihre Angehörigen ändert das alles nichts, aber diese offensichtlichen Unterschiede im Verhalten der Politik und der Medien, je nach Interessenlage und Zweckmäßigkeit, das ist abstoßend.

Deutscher
1 Monat her
Antworten an  mediainfo

Der Trierer OB will sogar eine Gedenkstätte am Tatort einrichten. Ist ja ok. Aber wo sind „die anderen“ Gedenkstätten?

Holger Wegner
1 Monat her

„Und wenn doch, warum tun wir nichts bzw. zu wenig?“ Man ist als Teil der Gesellschaft eben nicht dafür verantwortlich, rund um die Uhr auf alles und jeden aufzupassen. Solcherart Sippenhaft wollen uns diverse Politiker auch immer einreden. Genügend Leute treten z.B. gar nicht besonders in Erscheinung, haben nicht viel Kontakt. Außerdem hat man noch sein eigenes Leben und gar nicht die Möglichkeit, allen umfassend auf den Zahn zu fühlen, so man denn wollte.