Als Margaret Thatcher das Scheitern des Euro vorhersagte

Im Jahr des Maastricht-Vertrages sagte die frühere britische Premierministerin voraus, was wir heute erleben: das Scheitern der Währungsunion und den Aufstieg extremer Parteien. Thatchers prophetische CNN-Rede liest sich streckenweise wie eine Beschreibung unserer Gegenwart.

Robert Pearce/Fairfax Media via Getty Images

Im Nachhinein kann man Margaret Thatchers Prognose nur als zutreffend bewerten. Was sie am 19. September 1992, zwei Jahre nach ihrem Machtverlust und wenige Monate nach Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages, auf der CNN World Economic Development Conference in Washington der EU und der damals beschlossenen Währungsunion prophezeite, ist eingetreten:  

„Wenn die Divergenz zwischen verschiedenen europäischen Volkswirtschaften so groß ist, dass sogar der ERM (European Exchange Rate Mechanism) sie nicht eindämmen konnte, wie würden dann diese Volkswirtschaften auf eine einzige europäische Währung reagieren? Die Antwort ist, dass es Chaos gäbe in einer Weise, vor der die Schwierigkeiten der jüngeren Zeit verblassen würden.“

„Riesige Summen,“ so prophezeite Thatcher weiter, „müssten transferiert werden von den reicheren zu den ärmeren Ländern und Regionen, um ihnen zu ermöglichen die Spannungen auszuhalten. Auch dann würden Arbeitslosigkeit und Massenwanderung über die nun offenen Grenzen die Folge sein. Und eine vollständig gemeinsame Währung würde keinen Notausstieg ermöglichen.

Die politischen Folgen sind schon erkennbar: das Wachsen extremistischer Parteien, gemästet durch die Furcht vor Zuwanderung und Arbeitslosigkeit, die eine wirkliche – allerdings völlig unwillkommene – Alternative zum euro-zentristischen politischen Establishment bieten.

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Wenn dazu noch eine übernationale europäische Föderation geschaffen würde, wodurch die Leute ihre nationalen Parlamente nicht mehr zur Verantwortung ziehen könnten, könnte der Extremismus noch mehr wachsen. 

Es ist Zeit für die europäischen Politiker aufzustehen und dies zur Kenntnis zu nehmen. Zeit, ihre endlosen Gipfeltreffen zu beenden – diese Gipfelei wird bald zu einem Ersatz für Entscheidungen – und die Wirklichkeit um sie herum zu beobachten.“

Der rhetorische Höhepunkt ist ein unübersetzbarer Satz, mit dem sie – auch hier prophetisch – das „wachsende Gefühl der Entfernung, der Entfremdung der Menschen von ihren Verwaltungseinrichtungen und politischen Führern“ beschreibt: „There is a fear that the European train will thunder forward, laden with its customary cargo of gravy, towards a destination neither wished nor understood by electorates.“ Fans der Rock-Band Pink Floyd werden vielleicht aus deren Lied „Have a Cigar“ die englische Redensart „riding the gravy train“ (wörtlich: „auf dem Soßen-Zug mitfahren“), was so etwas wie „absahnen“ (auf Kosten anderer) bedeutet. Thatcher kritisiert also indirekt eine absahnende Euro-Elite, die ein Ziel ansteuert, das „von den Wählern weder gewünscht noch verstanden wird“. Und sie warnt: „Aber der Zug kann gestoppt werden.“

Thatcher hielt ihre Rede wenige Tage vor dem französischen Maastricht-Referendum. Ihre Ablehnung des Vertrages spricht sie nicht direkt aus. Aber sie sagt: „Wie auch immer das Ergebnis sein wird, Frankreich wird weiterhin Europa errichten, weil Europa nicht ohne Frankreich errichtet werden kann. Aber wird es ein Europa der Bürokratie sein oder ein Europa der Vaterländer? Das Europa von Delors? Oder das Europa von de Gaulle? Wenn ich Französin wäre, würde ich zur Fahne des Generals stehen und rufen: Vive l’Europe libre!“

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Die Position, die Thatcher 1992 vertrat (und vor ihr de Gaulle), ist also eine, die heute in Brüssel und Berlin als mindestens populistisch bezeichnet würde. Etwa, wenn sie weiter sagt: „Jede Politik oder jedes Programm, dass versäumt die Macht der nationalen Zugehörigkeit anzuerkennen, ist letztlich zum Scheitern verurteilt.“ Und fordert: „Statt einer zentralisierten Bürokratie, die identische Regeln festlegt, sollten die nationalen Regierungen verschiedene Mischungen von Steuern und Regulierungen anbieten, die miteinander im Wettbewerb stehen und ausländische Investitionen, Top-Manager und Großverdiener. Solch ein Markt würde die Regierungen zu fiskalischer Disziplin zwingen, da sie Experten und Unternehmen nicht vertreiben wollen.

Das britische Volk und Thatchers Nach-nach-nach-nach-nach-Nachfolger Boris Johnson, haben nun, indem das Vereinigte Königreich komplett aus der EU scheidet, die Konsequenz aus der Prophezeiung der eisernen Lady gezogen. Sie taten, was Thatcher in ihrer Rede einforderte: „Was wir tun müssen, ist die Lektionen dessen zu lernen, was geschehen ist.“

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Kommentare ( 104 )

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104 Comments
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Baudolino
1 Jahr her


Vorletzter Absatz:
‚Jede Politik oder jedes Programm, dass versäumt die Macht der‘ dass -> das
‚die miteinander im Wettbewerb stehen und ausländische‘ und -> um
Danke

Wolf Koebele
1 Jahr her

…“da sie Experten und Unternehmen nicht vertreiben wollen.“ Aus D schon!

Dirk Badtke
1 Jahr her

Die CO² Show hatte Maccy doch erdacht, in Verbindung mit Smog wegen Hausbrand, Bergarbeitergewerkschaften und der Förderung der Nuklearstreitkräfte. Richtig ist das an antidemokratische Deppen wie Juncker, Merkel, Macron, Sarko und Assi? keine Macht abgegeben wird. Grüsse

Menschenfreund
1 Jahr her

Dazu musste man keine ehemalige Premierministerin sein. Als der Euro-Wahnsinn in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts propagandistisch verbrämt ins allgemeine Bewusstsein einsickerte musste jedem neutral Denkenden mit etwas volkswirtschaftlichem Grundwissen klar sein: Das System ist von seiner Struktur her instabil. Es wird an den Unterschieden in der Wirtschaftskraft der beteiligten Länder zerbrechen. Mich wundert vor allem, wie lange es schon gehalten hat. Je länger es noch hält, desto schlimmer wird sein Ende für uns normale Bürger.

Carlos
1 Jahr her

Auch wenn heute bereits der 7.1.ist. Man lese sich den Beitrag von Stefan Rook, einem Mitarbeiter von t-online durch. Er wünscht den Briten alles nur erdenklich schlechte beim Verlassen der EU, damit nicht weitere Mitglieder diesem Haufen von Nichtsnutzen in Brüssel den Rücken kehren. Was hat solche Meinungsmache mit Journalismus zu tun? Pfui Teufel.

pbmuenchen
1 Jahr her

Es gibt für uns genau zwei Möglichkeiten: Entweder wir erleben das Ende der EU, oder wir müssen deren totale Diktatur über uns ergehen lassen. Der Brexit wird für uns das erstere erleichtern, hoffe ich. Freiheit, Wohlstand und Selbständigkeit will die EU verhindern, da dies ihren Machtinteressen entgegensteht. Herrschen kann man leichter über arme Bittsteller. Um die Ziele der EU abzuwenden, bedarf es der Aufklärung möglichst vieler.

Karina Vogel
1 Jahr her

Der Witz ist ja, das Thatchers Position heute rechtsradikal wäre, wie alles, was gegen die EU spricht, wie sie heute existiert. Thatcher war eine weise Frau mit Format, die offensichtlich niemandem nach dem Mund sprach. Ihre Vorstellung, von Staaten, die miteinander um Unternehmen, Fachkräfte und das beste Steuersystem konkurieren, ist der Alptraum der heutigen EU-Technokraten, die nichts können und am wenigsten Wirtschaft und in der Realität der einzige Weg zu Wohlstand und Zufriedenheit und einem Minimalstaat, der seine Bürger nicht ausbeutet.

karel
1 Jahr her
Antworten an  Karina Vogel

Werte Karina, eine Fr. Thatcher konnte es sich leisten, niemandem nach dem Mund zu reden….. regierte sie mit einer stattlichen eigenen Mehrheit im Parlament. Der Kanzlerin kann sich das nicht leisten…… sonst wäre sie längst keine Kanzlerin mehr, hatte sie nicht die wie Thatcher eine eigene Mehrheit. Selbst von 2013 bis 2017 blieb sie Kanzlerin, obwohl die SP’D, die GRÜNEN zusammen mit den LINKEN mit einer Mehrheit von 9 Sitzen die absolute Mehrheit hatten, also Gabriel jederzeit als Kanzler ausrufen konnten. Was eine Thatcher in England war, war ein Kohl in Deutschland. Steht nur nicht so in den Zeitungen. Warum… Mehr

Marie-Jeanne Decourroux
1 Jahr her

Auch andere sahen die Euro-Misere prophetisch voraus:

»Es wird heißen, wir finanzieren Faulenzer, die an südlichen Stränden in Cafes sitzen … Die Währungsunion wird am Ende auf ein gigantisches Erpressungsmanöver hinauslaufen … Wenn wir Deutschen Währungsdisziplin einfordern, werden andere Länder für ihre finanziellen Schwierigkeiten eben diese Disziplin und damit uns verantwortlich machen. Uberdies werden sie, selbst wenn sie zunächst zugestimmt haben, uns als eine Art Wirtschaftspolizisten empfinden. Wir riskieren auf diese Weise, wieder das bestgehaßte Volk Europas zu werden.«

[Prof. Arnulf Baring im Jahre 1997 in seinem Buch »Scheitert Deutschland ?«]

karel
1 Jahr her

Werte Marie……. auch in den USA haben die einzelnen von den 50 Bundesländern so ihre ökonomischen Schwierigkeiten. Nur herrscht dort eine andere zwischenstaatliche Disziplin. Dort übernimmt kein Bundesland die Schulden eines Anderen. Auch nicht die Regierungs- Zentrale in Washington. Sie setzt im Ernstfall eine „Zwangs-Regierung“ ein, um Währungsdisziplin durchzusetzen. Und genau dieses stand als Vorbild für Helmut Kohl. Was sein Nachfolger erfolgreich „torpedierte“. Es blieb der Kanzlerin vorbehalten, „alternativlos“ im Griechenland-Desaster den EURO zu retten. Eine Insolvenz Griechenlands bedeutete für Europas Banken eine Eigen-Kapital-Vernichtung von ca. 700 Mrd. Euro, was nach der „Lehman“-Bankenkrise zu einem Zusammenbruch der Banken Europas und… Mehr

Marie-Jeanne Decourroux
1 Jahr her
Antworten an  karel

Verehrter @karel: Wenn Helmut Kohl ein Europa nach dem Modell der Vereinigten Staaten vorschwebte, so zeugt schon das von einem Mangel an politischem Weitblick – genauer, einer Unkenntnis der unterschiedlichen europäischen Mentalitäten und Kulturen, die bei einem Historiker verblüfft. Denn wer diese kennt, weiß, dass kein Land Europas (außer uns Deutschen) ernsthaft Willens wäre, sich einer Zentralregierung nach dem Vorbild der USA zu unterstellen. Linke, Grüne und große Teile der CDU/CSU machen in ihrer permanenten Propaganda »(Rechts-) Populisten« für die Krise der EU verantwortlich. In Wirklichkeit aber haben europäistische Fanatiker wie Schulz, Juncker und Verhofstadt den Niedergang zu verantworten. Anstatt… Mehr

lucrecia
1 Jahr her

Ist nur die Frage, wo die „extremen“ neuen Parteien sind. Mir erscheint es eher so, als wäre die AFD die moderate Antwort auf die radikalen Auswüchse der Altparteien.

Senni
1 Jahr her

Ich denke der Euro wird scheitern und in der Folge wird sich die EU auf lösen . Mit GB hat es angefangen………….

Johann P.
1 Jahr her
Antworten an  Senni

Der Gedanke ist leider zu schön, um wahr zu sein!!

pbmuenchen
1 Jahr her
Antworten an  Senni

Das hoffe ich auch. Aber solange Unmenschen wie vdL an die Macht geschoben werden und dagegen offensichlich nichts zu machen ist, haben wir keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse. Deren Unfähigkeit und der damit einhergehende unvermeidliche Untergang ist unsere einzige traurige Hoffnung. Der Euro ist bereits gescheitert, aber er liegt im künstlichen Koma.

Albert Pflueger
1 Jahr her
Antworten an  pbmuenchen

Ist nicht „Flintenuschi“ die beste Garantie für unterirdische Leistung? Bisher jedenfalls hat sie zuverlässig versagt. Ihre Methode ist immer gleich, bei Versagern sehr beliebt: Zum Amtsantritt laut auf die Pauke hauen, dann umfassend versagen, unter Verschwendung großer Beträge durch Beschäftigung externer Berater, nach dem Motto: cover your ass.

Eigentlich die Richtige am richtigen Ort, gleich und gleich gesellt sich gern!