Erinnern wir uns – vor ziemlich genau einem Jahr haben wir uns über die 110.000.000.000 Euro aufgeregt, die zur Stabilisierung der griechischen Staatsschulden aufgerufen wurden.
Mittlerweile hat der Rettungsschirm ein Volumen von 700.000.000.000 Euro; der deutsche Anteil liegt bei 27 Prozent. Deutschland steht damit für rund 190 Milliarden Euro gerade. Über die verschwiegenen Kanäle der europäischen Transferunion bürgt Deutschland sogar mit über 300 Milliarden Euro für andere Länder; das ist so hoch wie der gesamte Bundeshaushalt. Man mag es eigentlich nicht mehr hören oder lesen, zu viele Nullen stumpfen ab – und wie. So bleibt unbemerkt, dass Europa sich mit Beschönigungen um die eigentliche Lösung gedrückt hat.
Es gibt Nachschubprobleme – das schmale Bändchen von Stéphane Hessel „Empört Euch!“ ist oft ausverkauft. Das Neue daran ist weniger, dass Hessel empörungswürdige Zustände kritisiert.
Der jugendlich wirkende 93-Jährige erhebt vielmehr die Wut, die Wucht der Empörung, zum politischen und mehr noch zum ganz persönlichen Programm einer individuellen Verjüngungskur: Wer widrige Umstände hinnimmt, wird leblos, weil er Würde und Energie verliert. Dass, wer sich nicht wehrt, verkehrt lebt, wissen wir aus Spontizeiten. Aber das war mehr was für jugendliche Hitzköpfe. Jetzt erfasst sie reifere Alter und eine immer älter werdende Gesellschaft. Tatsächlich, die Wut belebt, wie man auf jeder Demonstration sehen kann. Auch ältere, geruhsame Semester haben wieder glänzende und blinkende Augen, wenn sie ihren Ärger herausschreien.
Darf man in Glaubensdingen über Geld reden?
Man muss – immerhin sind die katholische und evangelische in Deutschland die reichsten Kirchen der Welt: 9,5 Milliarden Euro in Form von Staatszuschüssen und Steuereinnahmen klingeln im Kasten. Obwohl die Mitgliederzahl pro Jahr um ein Prozent sinkt, blieben die Einnahmen dank steigender Einkommen konstant. Doch so kapitalstark die Kirchen sind, so glaubensschwach erscheinen sie, wie leere Kirchen und überalterte, mutlose Gemeinden zeigen – das Feuer des Glaubens erlischt.
Hurra, er lebt noch! Das ist so ziemlich das Beste, was man nach einem runden Jahr akuter Euro-Krise über die gemeinsame europäische Währung sagen kann.
Der Euro sollte ja auch ein neues Welt-Geld werden und den Dollar wenigstens teilweise ersetzen. Jetzt will eine dritte Währung Weltrang erringen – der chinesische Yuan.
Ernsthaft diskutieren kann man heute Politik nicht. Gewichtige Fragen stehen auf dem Index. Wer sie stellt zu Kosten und Konsequenzen des Kernkraftausstiegs, ist sofort ein Atomknecht.
Mit Nachfragen zur Frauenquote entlarven sich Chauvi-Schweine. Nun haben Frauenquote und Kernkraft eigentlich nichts miteinander zu tun, aber Sachzusammenhänge lösen sich im ganzjährig totalen Karneval ohnehin auf: Dass eine Reaktorkatastrophe in Japan zum Ende eines Bahnhofs in Schwaben führen kann, ist eine so absurde Kettenreaktion, dass sie bislang nur im Kabarett Lacher ausgelöst hätte. Deutschland befindet sich in einem bizarren Stimmungstaumel, den ich so nur aus dem Kölner Karneval kenne: „Drink doch ene met, stell dich nit esu ann.“
Schade, dass moralisierendes Gerede und romantische Träume keinen Strom erzeugen. Bis es so weit ist, sollten wir diskutieren, wie die Rahmenbedingungen einer Energiepolitik für den Industriestandort Deutschland bei einem schnellen Atom‧ausstieg aussehen könnten.
Bis 2050 werden dann Kosten und Investitionen in Höhe von 1455 Milliarden Euro für den Umbau zu regenerativen Energien fällig. Das entspricht den Kosten der Wiedervereinigung. Diese Zahl, errechnet aus den Analysen des grün orientierten Sachverständigenrats für Umweltfragen, wurde kaum zur Kenntnis genommen. Weitere Konsequenzen: Die Klimaziele sind nicht zu halten. Allein während des dreimonatigen Atom-Moratoriums werden anstelle der sieben stillgelegten Reaktoren Kohle- und Gaskraftwerke eine CO2-Menge in die Luft jagen, die der durch regenerative Energien eingesparten Menge eines ganzen Jahres entspricht. Der grüne Strom ist dreckig und teuer.
Der preisgekrönte Archäologe und Historiker Ian Morris versucht in seinem neuen, ebenso spannenden wie vielschichtigen Werk eine Antwort auf die Frage „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“.
Seine Erfolgsfaktoren im Kampf um Macht sind militärische Stärke, Bildung, Organisationsfähigkeit – und Herrschaft über Energieressourcen. Das zeigt die historische Dimension der Frage, die gerade im populistischen Hauruck-Verfahren gelöst wird: Deutschland wird wegen ihrer Risiken auf die Atomenergie verzichten. Das ist möglich.
Was für aufregende politische Zeiten: Der Verteidigungsminister geht stiften, der Umweltminister muss für einen Benzingipfel gar seinen Skiurlaub unterbrechen, der neue Innenminister polarisiert die Gesellschaft, weil er nicht gleich auf Samtpfoten durch die Moschee schleicht.
Von einer Richtungswahl ist die Rede, ausgerechnet in dem für revolutionäre Umtriebe bekannten Baden-Württemberg. Wir leben in einem Land der medialen Dauererregung: Eine getürkte Doktorarbeit reißt die bürgerliche Werteordnung in einen apokalyptischen Strudel; wenn die Frauenquote nicht bis zum 1. Januar 2013 wirkt, bleibt die Unterdrückung der Frau für immer zementiert; die Spaltung der Gesellschaft droht, die Armen verelenden. Nazis marschieren durch die Innenstädte, und Tschernobyl ist überall, weshalb Abgeordnete gegen Atommüll demonstrieren.
Ich habe einen Traum. Ein Bundesminister tritt zurück.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen erklärt: „Die Einführung von Biosprit, bekannt unter der Formel E10, war falsch. Die Beweislage, und das übrigens schon seit zehn Jahren, ist eindeutig: Dieser Sprit hilft nicht bei der Rettung des Weltklimas; wer Mais in den Tank kippt, verschärft die weltweite Nahrungsmittelknappheit und trägt dazu bei, dass unsere Ökosysteme zerstört werden. Außerdem werden viele Automotoren ruiniert, und unnötigerweise steigt auch noch der Benzinpreis. Ich übernehme für diese Fehlentscheidung die politische Verantwortung und trete von meinem Amt zurück.“
Die Deutschen sind unermesslich reich: Die sagenhafte Summe von 618,2 Milliarden Euro lagert in Guthaben auf Sparbüchern und in Form von Drei-Monats-Geldern.
Die Bevölkerung wird immer wohlhabender – allein seit Ende 2008 nahm dieser Betrag um über 80 Milliarden zu. Das ist die eine Seite der Medaille; diese Zahlen werden gerne herumgezeigt, wenn über Vermögensteuer nachgedacht, die Erbschaftsteuer eingefordert oder generell über Steuererhöhungen fabuliert wird. Die andere Seite der Medaille ist: Die Deutschen sparen wie verrückt – und werden immer ärmer. Denn die Verzinsung dieser Guthaben ist jämmerlich – sie liegt irgendwo zwischen 0,5 und zwei Prozent.
Ach, was leben wir doch in aufregenden Zeiten. Der Bundesverteidigungsminister wird ertappt, dass er bei 10 von 1000 Fußnoten bei seiner Dissertation geschludert hat.
Das ist ja auch wirklich wichtiger als seine Bundeswehrreform, die möglicherweise die Funktionsfähigkeit der Armee infrage stellt. Zudem: Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht, Bundestag und Bundesrat ringen seit über einem Jahr darum, welcher denn nun der richtige Berechnungsweg für die Hartz-IV-Unterstützung ist und ob 4,7 Millionen Hilfeempfänger nun acht Euro im Monat statt fünf Euro zusätzlich bekommen sollten.
Axel Weber, dem neuerdings Illoyalität gegenüber der Kanzlerin, seinem Amt und der Zukunft des Euro unterstellt wird, hat aus Loyalität die Unwahrheit gepredigt.
Wo immer es von ihm verlangt wurde, hat er das Mantra des Euro gebetet, so laut und solange es irgendwie ging. Inflation? Kein Thema. Euro-Rettungsschirm? Seine Erfindung, unverzichtbar. Der Euro? Die bessere Mark. Wer Axel Weber kennt, spürte seit Wochen: Der Mann ist dabei zu zerbrechen – zwischen seinen Überzeugungen und den politischen Zumutungen, die ihm abverlangt wurden.
War es damals die globale Erwärmung, die bessere Ernten brachte? Im 16. Jahrhundert explodierte jedenfalls die Bevölkerung in Spanien und Portugal. Kurze Zeit später brachen die Karacken und Karavellen in die Neue Welt auf.
In England und Holland wiederholte sich der Prozess wenige Jahrzehnte später: Bevölkerungszuwachs mündete in die Eroberung der Welt durch den europäischen Imperialismus. In der Demografie sind die Folgen eines Jugendüberschusses in der Bevölkerung unter dem Stichwort „Youth Bulge“ seit Langem bekannt: Starkes Wachstum bei der Zahl junger Menschen in Ländern mit wirtschaftlicher Stagnation erhöht die Aggression und Kriegsgefahr – gekämpft wird um Brot und Arbeitsplätze, um Lebenschancen, Status und Macht. Die Folge sind Bürgerkriege, gewaltsame Eroberungen und Massenmigration.
Es ist wieder schick, über das Feld zu stapfen, in grünen, feuchten Gummistiefeln, an denen Lehm und Erde kleben – Hauptsache, es ist die eigene Scholle, die da brockenweise mitmarschiert.
Wer sich keinen eigenen Forst oder Acker leisten kann, der träumt davon – ein ganzes Segment neuer Zeitschriften schwelgt in Bildern vom erdverbundenen, ehrlichen Leben auf dem Lande. Internet-Versender bieten poppige Designer-Hühnerställe und grelle Bienenstöcke für Vorgarten und Balkon an. Und wenn erst die Frühlingssonne lockt, dann stauen sich die Käufer in den Gartensupermärkten für den Kauf der Wegwerfhybridstaude und Einmal-Bäumchen.
Wolfgang Ruge durchlebte ein tragisches, sehr deutsches Schicksal: 1933 flieht der begeisterte Jungkommunist vor Hitler in die Sowjetunion, wird dort an Eliteschulen ausgebildet, studiert und verschwindet wegen seiner deutschen Herkunft im Todeslager Nr. 239.
Er überlebt und wird in Ost-Berlin Parteihistoriker. Nach der Wende wird sein Institut abgewickelt, er publiziert aber weiter in der SED-Zeitung „Neues Deutschland“.
Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, wird ein Manuskript gedruckt, in dem er sein enormes historisches Wissen, seine bittere Lebenserfahrung und seine eigenen Lebenslügen zu einem großen Werk verdichtet hat – eine Biografie Lenins, des gefeierten, verehrten und verherrlichten Gründers der ursprünglichen Kommunistischen Partei, einer Partei, deren artgleiche Klone die halbe Welt beherrschten. Auch die heute in Deutschland auftretende Linke ist die Rechtsnachfolgerin der SED, einer Partei leninistischen Typs.
In den Siebzigerjahren beherrschte eine Angst die deutschen Medien: Sie trug die Farbe Blau und bestand aus drei Buchstaben: IBM.
Der Computerhersteller wurde als die große globale Datenkrake gefürchtet, die bald das gesamte Wissen der Welt sammeln und ausbeuten würde. Die große Angst schien berechtigt – immerhin zwei Drittel Weltmarktanteile entfielen auf den Riesen. Und heute? Es hat sich alles geändert – nur die deutschen Ängste nicht. IBMs Riesencomputer wurden von Steve Jobs Personalcomputern zerlegt und von asiatischen Konkurrenten zerschlagen.
Ohne menschliche Eingriffe wäre Deutschland immer noch von dichten Laubwäldern bedeckt; durch Unterholz und Farne bräche gelegentlich eine Rotte Wildschweine, in den Wipfeln wäre keine Ruh’.
Der berühmte deutsche Wald ist eher arm an Tier- und Pflanzenarten. Immer wieder hat die Umgestaltung der Landschaft auch geistesgeschichtliche Veränderungen provoziert: Der Verlust des Waldes sorgte für eine überschäumende Naturromantik; gegen die Verstädterung und Industrialisierung zogen sozialdemokratische Naturfreunde, libertäre Wandervögel, bürgerliche Wandervereine und eine völkische Bewegung in die „freie“ Natur hinaus. Das „Waldsterben“ der Siebzigerjahre war der Wendepunkt hin zu einer Ökologisierung des Bewusstseins, das von den Rändern in das Zentrum von Politik und Wirtschaft wucherte.
Deutschland, ein Weihnachtsmärchen: Die Arbeitslosigkeit sinkt, Lohnsteigerungen werden vorgezogen, und für den Dax ist ein Kursniveau von weit über 8000 erreichbar. Zuversicht hat die Einkaufstüten so prall gefüllt wie die Auftragsbücher in fast allen Branchen – selbst die Autoindustrie, die mit ihren schweren Kisten ja angeblich am globalen Markt vorbei produziert, schiebt Sonderschichten zwischen den Jahren, statt Stille Nacht am Fließband zu üben.
Wenn die Lage besonders unübersichtlich wird, sollte man mit dem ganz Einfachen anfangen – das gilt auch für die Krise des Euro.
Also: Geld- und Währungspolitik soll für Stabilität sorgen und die Kaufkraft des Geldes sichern. Nur wenn die Sparer darauf vertrauen können, dass ihre Guthaben nicht weginflationiert werden, tauschen sie ihre Geldmittel nicht in Gold, andere Währungen oder Sachanlagen um, sondern leihen sie für Investitionen her und ermöglichen so wirtschaftliches Wachstum. Die Investoren wiederum brauchen stabile Preise, Zinsen und Wechselkurse als Planungsgrundlage. Das ist schon eine komplizierte Angelegenheit, deshalb wurden unabhängige Zentralbanken geschaffen, deshalb beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit diesen Kernfunktionen als Voraussetzung einer modernen Wirtschaft.
Mittlerweile beschimpfen sich europäische Politiker in einer noch nie da gewesenen Offenheit.
So wirft Jean-Claude Juncker, als luxemburgischer Premier einer der Zaunkönige Europas, der Bundeskanzlerin vor, sie denke „uneuropäisch“ und habe das Wesen einer gemeinsamen „Euro-Anleihe“ und einer Europäischen Schuldenagentur „nicht verstanden“. Da ist nicht viel zu begreifen. Rund 1700 Milliarden Euro deutsche Staatsschulden müssten dann nicht zu den bisher niedrigeren Zinsen für den guten Schuldner Deutschland umgeschuldet werden, sondern zu deutlich höheren Zinsen – je nach Fälligkeitsstruktur und Zinssatz pro Jahr ein zweistelliger Milliardenbetrag.
