Ökonom Blum: Deutschland muss sein Geschäftsmodell verändern

Es erinnert an Josef Mühlbauers Mundorgel-Lied: Seit den Lockdown-bedingten Unterbrechungen der Lieferketten fordern viele Politiker rund um den Erdball den Aufbau einer lokalen Produktion der wichtigsten Güter. Die Vorteile des internationalen Handels verkehren sich plötzlich in Nachteile

IMAGO / Chris Emil Janßen

Halle. Deutschlands wirtschaftliche Abhängigkeit von wenigen großen Nationen hat nach Ansicht des Ökonomen Prof. Ulrich Blum, langjähriger Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, keine Zukunft mehr. Deutschland sei gezwungen, sich neu auszurichten und leide dabei auch unter ideologischen Entscheidungen im Bereich Verkehr und Energie. „Deutschland steht mit seinem exportbasierten Geschäftsmodell vor kritischen Entscheidungen: Viele seiner Handelspartner befinden sich in potenziellen oder tatsächlichen Risikoregionen, sind mit Sanktionen überzogen, wollen von sich aus den Freihandel nicht weiter ausweiten und sind, insbesondere was das Absaugen von Innovationen betrifft, auch starke Technologiekonkurrenten“, analysiert Blum in einem Gastbeitrag für das Monatsmagazin Tichys Einblick. „Fehlen alternative Märkte für die Diversifizierung, dann muss sich das Land fragen, ob es vielleicht sinnvoll wäre, im Inland fehlende Arbeitsplätze durch den Export von Komponenten oder Autos in kritische Länder zu binden, um die Energiewende zu bewältigen.“

Der Krieg Russlands habe bestehende deutsche Probleme nur verschärft. „Das Problem einer hocheffizienten, sich aber nur auf wenige Partner verlassende globale Arbeitsteilung ist spätestens mit der Corona-Krise fühlbar geworden und wird jetzt unter Bedingungen des von Russland entfachten Krieges existenziell.“ Gleichzeitig leide Deutschland unter einer selbst herbeigeführten Standortschwäche. „Gegenwärtig entwertet der globale Wandel ebenso wie eine gelegentlich ideologisierte Politik Deutschlands alte Infrastrukturen im Bereich Verkehr und Energie, neue aber werden nicht oder nur extrem zögerlich aufgebaut. In diesem Sinne ist der kritische Zustand der deutschen Wirtschaft weniger ein Globalisierungsproblem als vielmehr eine Folge selbst verschuldeter Standortschwäche.“

Deutschland stehe nun vor großen Entscheidungen, so Prof. Blum. „Benötigt eine alternde Gesellschaft nicht erhebliche Investitionen, um die Produktivität im Dienstleistungsbereich anzuheben, was gleichzeitig mitabnehmenden Exportüberschüssen verbunden ist? Gilt dies nicht auch für Bildungs- und Integrationsinvestitionen im Rahmen der Einwanderung? Muss der Staat intervenieren? Die Folgen einer solchen Strategieänderung – weniger Exportüberschüsse und Kapitalabfluss, mehr Investitionen in die Binnenwirtschaft – wären erheblich.“


Der komplette Beitrag in Tichys Einblick 08-2022 >>>

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