KI-Euphorie bekommt Risse: Nasdaq stürzt ab, Intel bricht ein

Milliarden fließen in künstliche Intelligenz, doch die Zweifel an den Erträgen wachsen. Die Nasdaq rutscht kräftig ab, Intel verliert fast 29 Prozent. Zugleich schwindet angesichts hoher Inflation die Hoffnung auf sinkende Zinsen.

shutterstock

Manchmal kann die Wirtschaft gar nicht kräftig genug wachsen. Und manchmal wird genau das zum Problem: Am Donnerstag meldeten die Amerikaner, dass ihre Wirtschaft im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 3,4 Prozent gewachsen ist. Deutlich mehr als erwartet. Die Unternehmen investieren, die Verbraucher geben weiter Geld aus, und von einer Rezession kann keine Rede sein.

Prima. Nur kam gleichzeitig eine zweite Zahl aus Washington: Die Inflation, gemessen am von der US-Notenbank (Fed) besonders beachteten PCE-Preisindex, lag im September bei 3,6 Prozent. Ohne Energie und Lebensmittel waren es immer noch 3,1 Prozent. Das ist deutlich mehr, als sich die Notenbank wünscht. Und damit sind wir wieder bei den Zinsen. Die Fed hatte am Mittwoch ihren Leitzins unverändert bei 3,75 bis 4 Prozent belassen. Zwei Notenbanker hätten ihn sogar lieber erhöht. Fed-Chef Kevin Warsh ließ offen, wie es im Dezember weitergeht. Die Botschaft war trotzdem klar: Solange die Wirtschaft kräftig wächst und die Inflation hoch bleibt, gibt es wenig Grund für eine Zinssenkung.

Für die Börse ist das eine ziemlich unangenehme Kombination. Denn hohe Zinsen machen Anleihen attraktiv und verteuern die Finanzierung der Unternehmen. Besonders die großen Technologiekonzerne investieren inzwischen gewaltige Summen in Rechenzentren und künstliche Intelligenz. Das Geld muss irgendwann wieder hereinkommen.

Genau daran wachsen die Zweifel. Und so standen im Technologiesektor am Freitag die Vorzeichen klar auf Rot. Die New Yorker Nasdaq-Börse beschleunigte ihren jüngsten Kursrutsch wegen zugespitzter Sorgen um den KI-Megatrend nochmals drastisch. Dieses Mal galten vor allem negative Geschäftsaussagen des Internetriesen Amazon und des Halbleiterherstellers Intel als Ursache. Außerdem stiegen die Ölpreise angesichts wachsender Sorgen über einen möglichen erneuten Militärschlag der USA im Iran.

Am Vortag hatte Alphabet die Befürchtung exzessiver KI-Ausgaben wieder angeheizt. Nun sackte der Nasdaq 100 noch rasanter um 3,5 Prozent auf 28.385 Punkte ab, was den größten Tagesverlust seit Anfang Juni bedeutete. Mit einem Rückfall, der sich seit dem Rekordhoch von Anfang Oktober auf mehr als zehn Prozent ausdehnte, erfüllte er zeitweise die Bedingung einer Korrektur. Trotz der Erholung in der ersten Wochenhälfte wurde seine Wochenbilanz noch mit zwei Prozent negativ. Im ganzen Oktober hat er sogar 6,7 Prozent verloren.

Andere Indizes schlossen sich dem Kursrutsch am Freitag wenn auch reduziert an. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 1,8 Prozent auf 7.580 Punkte bergab. Der stärker von Standardwerten dominierte Dow Jones Industrial gab um 1,1 Prozent auf 51.770 Zähler nach. Seine Wochenbilanz liegt jetzt zwar auch im Minus, doch im Oktober ist sein Ergebnis mit einem Anstieg um 1,7 Prozent erfreulich.

„Die KI-Euphorie bekommt Risse“, schrieb am Freitag der Anlagestratege Stefan May von der Quirin Privatbank angesichts wachsender Zweifel, ob sich gigantische Investitionen jemals lohnen werden. Große Technologiesprünge verliefen selten geradlinig, denn auf Phasen der Begeisterung folgten oft Überinvestitionen und schmerzhafte Rückschläge. Überstürzte Umschichtungen aufgrund von Warnungen vor einem möglichen Crash oder dem Platzen einer KI-Blase seien deshalb im Depot aber nicht ratsam.

Mit Amazon musste am Freitag der nächste Technologieriese den Sorgen Tribut zollen: Die Aktien sackten um bis zu sechs Prozent auf den tiefsten Stand seit Ende Juli ab, konnten ihren Abschlag aber noch auf 1,4 Prozent reduzieren. Der Kursverlust sei der enttäuschenden Umsatzentwicklung der Cloud-Sparte AWS geschuldet, schrieb der UBS-Experte Stephen Ju. Auch bei Amazon lasteten hohe KI-Ausgaben auf der Aktie.

Die größten negativen Schlagzeilen kamen aber von Intel mit einem Kurseinbruch um fast 29 Prozent. Der Chipkonzern sorgte mit seiner Prognose für das Schlussquartal für eine herbe Enttäuschung. Das Umsatzziel bleibe selbst hinter den pessimistischsten Schätzungen zurück, merkte Analyst Timothy Arcuri von UBS an. Trotz eines starken Quartalsberichts wurden auch die Titel des Speicherherstellers Sandisk auf ganzer Linie von der schlechten Branchenstimmung erfasst.

Unter den sieben Tech-Riesen, den sogenannten „Magnificent 7“, gab es nur Verlierer. Ein Minus größer vier Prozent sorgte bei Nvidia dafür, dass Apple im Rennen um das wertvollste Börsenunternehmen nach längerer Zeit wieder vorbeizog. Der Börsenwert von Nvidia sank unter die 5-Billionen-Dollar-Marke, über der sich Apple gerade so halten konnte.

Im Nebenwertebereich wurden mit Roblox und Reddit zwei Internetaktien mit heftigen Kurseinbrüchen davon belastet, dass im vergangenen Quartal die Nutzerentwicklung enttäuschte. Im Falle von Reddit wurden fast 30 Prozent des Börsenwertes eingebüßt. Hier blieb auch die Umsatzprognose für das vierte Quartal hinter den Erwartungen zurück.

Positive Kursentwicklungen waren eher in defensiven Branchen zu beobachten. Aus dem allgemein gefragten Pharmasektor schnellten die Aktien von Regeneron um 13 Prozent hoch. RBC-Experte Brian Abrahams sprach davon, dass die Zahlen Zuversicht verbreiten, was die Abwehr von Nachahmermedikamenten betreffe.

Titel von Fedex Freight schnellten um 15 Prozent hoch. Nach der Abspaltung war dies der erste alleinstehende Quartalsbericht der früheren Frachtsparte des Logistikers Fedex. Laut Analystin Stephanie Moore von Jefferies stärkte er die Überzeugung, dass eine 15-Prozent-Marge schon vor dem Jahr 2029 erreichbar ist.

Unter den Standardwerten konnten die Papiere der Ölriesen Chevron und ExxonMobil mit ihren Quartalsberichten punkten, wie Kursanstiege von bis zu 2,2 Prozent belegten. Chevron profitierte im dritten Quartal neben den hohen Ölpreisen auch von deutlich höheren Raffineriemargen.

Höhere Ölpreise sowie schwache Vorgaben von den Börsen in den USA und Asien hatten zuvor schon dem deutschen Aktienmarkt einen Dämpfer verpasst. Der Dax schloss 0,9 Prozent im Minus bei 25.818 Punkten, nachdem er tags zuvor das höchste Niveau seit Anfang September erreicht und am Ende ein Plus von 1,3 Prozent verzeichnet hatte. Damit ergibt sich für den deutschen Leitindex ein Wochengewinn von 2,5 Prozent. Für den Monat Oktober steht ein Aufschlag von gleichfalls 2,5 Prozent zu Buche. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen fiel am Freitag um ein Prozent auf 30.472 Zähler.

Die Verbraucherpreise hierzulande lagen im Oktober um 2,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats – nach 3,3 Prozent im September. Volkswirte hatten mit einer Inflationsrate von drei Prozent gerechnet. „Dass die Inflation unter die Marke von drei Prozent fällt, liegt vor allem am Tankrabatt“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Für eine Entwarnung sei es noch zu früh.

Die aktuelle Tech-Schwäche nach der jüngsten Stabilisierung erfasste Papiere von Unternehmen aus der Halbleiterbranche und deren Umfeld: Jenoptik, Elmos, Suss Microtec und Siltronic verloren im MDax bis zu 7,5 Prozent. Im Dax büßten die Anteilsscheine von Infineon 6,4 Prozent und die von Siemens Energy als Profiteur des Baus von KI-Rechenzentren am Index-Ende 6,9 Prozent ein.

Ein positives Urteil in einem Glyphosat-Prozess trieb die Aktien von Bayer an der Dax-Spitze um weitere 5,5 Prozent nach oben. Eine Geschworenen-Jury im US-Bundesstaat Missouri hatte zugunsten des Pharma- und Agrarchemie-Konzerns geurteilt. Jefferies-Analyst Michael Leuchten sprach von einem ermutigenden Gerichtserfolg.

Der Chemiekonzern Evonik stellt sich gegen das Übernahmebegehren des größeren Wettbewerbers BASF. Nach Prüfung sei entschieden worden, nicht in Verhandlungen einzutreten, teilte Evonik mit. Der Vorstand sei aber bereit zu einem rein informativen und vertraulichen Austausch mit BASF, in dem beide Seiten ihre Positionen erläutern könnten. Die Evonik-Papiere und die BASF-Titel legten jeweils etwas zu.

Puma verbuchte im dritten Quartal einen geringeren Verlust als im Vorjahr. Die Anteilsscheine des Sportartikelherstellers standen mit einem Kursplus von 5,6 Prozent an der MDax-Spitze.

Die Papiere von Alzchem brachen um 7,7 Prozent ein. Analyst Gerhard Orgonas von der Berenberg Bank rechnet damit, dass die durchschnittlichen Marktschätzungen für das operative Ergebnis des Spezialchemiekonzerns nach unten korrigiert werden.

Der Blick nach vorn

Die kommende Woche bringt noch einmal reichlich Stoff für die Börsen. Am Dienstag veröffentlicht das amerikanische Arbeitsministerium die Zahl der offenen Stellen für September. Am Freitag folgt um 14.30 Uhr deutscher Zeit der offizielle Arbeitsmarktbericht für Oktober. Besonders interessant wird, ob die amerikanische Wirtschaft trotz der hohen Zinsen weiterhin kräftig neue Arbeitsplätze schafft.

Denn genau hier liegt das Dilemma der Notenbank: Ein robuster Arbeitsmarkt ist erfreulich. Wenn er allerdings die Löhne und damit die Inflation weiter antreibt, wächst die Gefahr einer weiteren Zinserhöhung. Dazu kommen weitere Quartalszahlen. Neben Palantir stehen unter anderem AMD und zahlreiche Unternehmen aus der Technologiebranche im Mittelpunkt.

Am Freitag wird es dann auch in Deutschland interessant: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die Septemberzahlen zur Industrieproduktion. Damit treffen erneut zwei Fragen aufeinander: Wie gut läuft die Wirtschaft? Und was bedeutet das für die Zinsen?

Anzeige

Unterstützung
oder €

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen