ARD lässt vom Staffelstein aus den Blick über Abgründe schweifen

Hinter Fachwerkfassaden lauern Missbrauch, Gewalt und Selbstjustiz. Der Nürnberg-„Tatort“ macht aus einer fränkischen Dorfidylle ein moralisches Gruselkabinett. Die üblichen Klischees triste aufbereitet.

screenshot ARD-Tatort

Es ist eines der liebsten Sujets des ARD-Sonntagskrimis: Dörfer voller Landeier, deren Rückständigkeit nur von ihrer Unbedarftheit übertroffen wird. Mundgerecht portioniert und dargereicht vom Ermittlerduo, das sich durch die beschauliche Umgebung eine Schneise der Wahrhaftigkeit bahnen muss.

„Da, wo ich herkomm …“ (Lieblingsspruch von Kommissarin Emmy Rathgeber, gespielt von Rosalie Thomass)

Vor gut 10 Jahren trieb ein Kinderschänder, Drogenhändler und Rattenfänger in Franken sein Unwesen, der die Fünfzehnjährigen Elias (Vitus Glass), Toni (Wanja Kube) und Marcel (Mats Ludwig) nächtens in einen leerstehenden Supermarkt lockte und sie im Glanz von Diskokugeln und zur Musik von der „Münchner Freiheit“ vergewaltigte. Den Bildern nach war praktisch die gesamte Dorfjugend anwesend.

Fachwerkidylle, Zweitaktgemisch-Zapfsäule und ausgestopfte Uhus

Obwohl hier im ländlichen Franken die Uhren noch so zu ticken scheinen wie in den 80er-Jahren, gab es offenbar keine wachsamen Erziehungsberechtigten, keine Schule und natürlich auch keine Polizei, die dem Unhold Thorsten Widner, gespielt von Jörg Witte, Einhalt geboten hätte. Jeder „habe davon gewusst“, aber niemand sei eingeschritten. Am Ende gibt es zwar einen Prozess gegen Widner, er wird aber mangels Beweisen freigesprochen. Später aufgetauchte Beweise wurden, getreu dem Grundsatz, dass ein einmal wegen eines Delikts Freigesprochener nicht für dieselbe Tat nochmal angeklagt werden kann, nicht für einen erneuten Prozess verwendet. Elias wird die Aussage von seinem Vater Horst Kummeth, in modischer Trachtenweste, verboten, weil er befürchtet, dass sein Sohn sonst „das ewige Opfer“ sei.

Selbst am Stammtisch wütet Gast Rödel (bekannt aus Pfarrer Braun als Monsignore Mühlich, Gilbert von Sohlern): „Der g’hört mit einem Kälberstrick aufgehängt, die Sau …“ Ganz in diesem Sinne beschließen die drei nun schon lange volljährigen Opfer gemeinsam Widner etwas anzuhängen, um ihn endlich vor Gericht zu bekommen oder aber ihn einfach „wegzumachen“. Gesagt, getan.

Der offenbar auch wegen des Missbrauchs in Drogensucht und Prostitution abgerutschte Elias Schaller (Moritz Bock) versucht, Widner als Freier in sein Stundenhotel zu locken und mit einem Teppichmesser umzubringen – er bringt die Tat aber nicht übers Herz. Aus Enttäuschung nimmt er sich selbst das Leben, was zunächst von Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) und seinem Team als Mordfall untersucht wird. Was die Polizei zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Toni Steeg (Leonard Scheicher) ist nach einem Abschiedsanruf von Elias zu seinem Freund geeilt, den er aber nur noch tot vorfindet. Er ergreift die günstige Gelegenheit und entfernt die Tatwaffe und Elias’ Handy, um diese Widner unterzuschieben und ihn damit des Mordes verdächtig zu machen. Unterwegs liest er Marcel Dahlmann (Anselm Ferdinand Bresgott) auf, mit dem er zum Wohnort Widners fährt. Der hat im Haus seines im Pattaya-Urlaub befindlichen Bruders, dem örtlichen Pfarrer (hier zwinkert das Drehbuch von Constantin Lieb heftig), Unterschlupf gefunden. In seiner Freizeit sammelt er Heidelbeeren. Offenbar haben ihn seine Taten aber doch eingeholt, er ist gerade dabei, Fensterscheiben zu ersetzen, die wohl jemand eingeworfen hat.

Die Aktion geht gehörig schief. Als Widner sie auffliegen lässt, wird er von Toni übel zusammengeschlagen und sie entführen ihren früheren Peiniger im Kofferraum. Endstation ist schließlich der alte Supermarkt, der immer noch leer steht. Den Entführten auf einem Stuhl festgeschnallt, sind sich die beiden Geiselnehmer uneins, ob sie ihn gleich erschießen oder vorher noch zu einem Geständnis zwingen sollen.

„Männern traue ich alles zu“ – Kellnerin Marei

Voss und Rathgeber haben nun mithilfe einer auskunftsfreudigen und von den Männern enttäuschten Kellnerin (Ronja Herberich) endlich herausgefunden, wo sich Widners ominöse alte Rattenfängerhöhle befindet und eilen dorthin. Zwei Beamte reichen nicht, Toni zur friedlichen Aufgabe zu bewegen oder wenigstens außer Gefecht zu setzen – er kann Widner exekutieren und wird daraufhin von Rathgeber erschossen.

Informationen, die eigentlich niemand braucht, die aber in dem Krimi scheinbar zusammenhanglos herumgeistern:

Voss’ Deutschlehrer Herr Brehm war auch Travestiekünstler, nannte sich Betty Blumenschein, und er habe ihn trotz Verbots des Vaters auch auf der Bühne gesehen. Das sei aufregend gewesen, eindrucksvoll. Auf die Frage Rathgebers „Und auch erotisch?“ antwortet er: „Doch, schon!“

Elias stand zum Zeitpunkt seines Todes unter dem Einfluss von „Diazepinen, einer Armada an Medikamenten, hauptsächlich Psychopharmaka und Schmerzmitteln, Alkohol und Cannabis …“, außerdem habe er früher die Schminke seiner Mama (Jule Gartzke) benutzt und „gern Kleidle angezogen“. Er sei mit 16 das erste Mal in der Klinik gewesen, wegen Depression, „dann ham’s gesagt bipolar“. Elias war vorbestraft wegen „Erschleichens von Leistungen, Schwarzfahren“.

Zeugin Anyana (Anhelina Vlasenko) beschreibt den Verdächtigen und ihre Kunden: „Normal groß, Deutsch, glaube ich … riechen nach schmutzige Haare, Rasierschaum, Deo, alle gleich …“ Zu ihren Kunden an dem Tag gehören „der verrückte Deutschlehrer und zwei Studenten“.

Wie der fluchende Herr Schaller („Scheißteil“) über seinen kaputten Mähroboter und offenbar über den toten Sohn denkt:

„Der hat sein Leben wechgeworfen … der hat doch gar ned studiert … man wurde ja ständig darauf angesprochen, Nachbarn, Kollegen, war früher ein ganz braver Bu, im Verein und in der Kirch … wird ermordet, selber Schuld … zieht sich an wie a Frau …“ Und er setzt hinzu, dass sein Vater und Großvater Bürgermeister des Ortes gewesen seien: „… wir sind alle immer hier geblieben, so wie sich das gehört.“

„Bei so einem Vater ist der Tod vielleicht nicht das Schlimmste, was einem passieren kann“

Das Drehbuch legt Kriminalhauptkommissar Voss für die ganz Begriffsstutzigen noch in den Mund: „… Herr Schaller kannte seinen Elias gar nicht, sondern hat sich selbst auf den Sohn übergestülpt und ihn erdrückt mit seinen Erwartungen. Es geht ihm nur um sich selbst und wie er dasteht. Der wollte eine Version von seinem Sohn, die es nie gegeben hat, und das begleitet einen dann ein Leben lang, damit läuft man immer rum, man ist immer falsch. Zum Kotzen, wirklich zum Kotzen …“

Zitat von der Mutter: „Wissen Sie, was er mal in der Klinik zu mir gesagt hat? ‚Mama, ich möcht doch einfach nur a bisserle glücklich sein …‘“

Man kann bedauern, dass die Ermittlungen in Richtung eines bekannten Nürnbercher Luden und Clan-Bosses früh abgebrochen wurden, aber dafür blieb ja genügend Sendezeit für eine Dosis ländlicher Lynchjustiz und Sozialdrama.

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