Ölpreise – Inflation – Konjunkturhoffnungen – Abnehmspritzen

Die Konjunktur sendet wieder Lebenszeichen, doch an den Börsen bleibt die Erholung fragil. Hohe Energiepreise, steigende Renditen und neue Inflationssorgen halten die Anleger in Atem – während einzelne Aktien kräftig ausschlagen.

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Am Donnerstag kam aus der Bundespressekonferenz eine Nachricht, die viele Börsianer überraschte: „Die deutsche Wirtschaft lässt die Talsohle hinter sich und dürfte in den kommenden zwei Jahren wieder etwas an Dynamik gewinnen“, hieß es dort bei der Bekanntgabe des gemeinsamen Herbstgutachtens der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Nach der Stagnation in der ersten Jahreshälfte prognostizieren die Ökonomen nun für das laufende Jahr „eine Zunahme des Bruttoinlandsproduktes von 0,2 Prozent. In den beiden kommenden Jahren dürfte eine expansive Finanzpolitik den Anstieg der Wirtschaftsleistung dann spürbar auf 1,3 bzw. 1,4 Prozent beschleunigen.“

Damit bleibt die Prognose der Institute für dieses und nächstes Jahr gegenüber dem Frühjahrsgutachten mehr oder weniger unverändert. Vom ifo-Institut, das an dem Gemeinschaftsgutachten beteiligt ist, kam kurz darauf noch eine Untermauerung: Die Stimmung in den deutschen Unternehmen habe sich im September weiter verbessert. Der monatlich erhobene ifo-Geschäftsklimaindex stieg von 88,8 auf 89,9 Punkte. Die Firmen beurteilen ihre aktuelle Lage besser, auch der Blick auf die kommenden Monate sei freundlicher geworden.

Nach all den düsteren Konjunkturmeldungen der vergangenen Jahre klingt das beinahe ungewohnt. Auch anderswo hält sich die Wirtschaft erstaunlich gut. In der Eurozone wuchs die Unternehmensaktivität im September so kräftig wie seit April 2023 nicht mehr. Noch deutlicher ist das Bild in den USA: Dort signalisiert der aktuelle Einkaufsmanagerindex das stärkste Wachstum seit mehr als fünf Jahren. Die Unternehmen stellten so viel Personal neu ein wie seit 2022 nicht mehr.

Eigentlich prima. Nur steckt gerade darin genau das Problem. Denn gleichzeitig steigen die Kosten der amerikanischen Unternehmen so schnell wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Energie und Transport sind teurer geworden, Lieferketten knirschen wieder. Eine kräftige Wirtschaft plus steigende Preise ist für die Notenbank keine besonders angenehme Mischung.

Und damit sind wir wieder bei den Zinsen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bewegt sich um die fünf Prozent. Anfang der Woche ging sie zwar etwas zurück, gleichzeitig fiel Brent-Öl wieder in Richtung 100 Dollar. Prompt sprang der S&P 500 um 1,5 Prozent nach oben, der Nasdaq sogar um 2,3 Prozent.

Die Rechnung der Anleger ist inzwischen ziemlich simpel: Öl runter, Inflationsangst runter, Renditen runter, Aktien rauf. Nicht besonders elegant. Aber derzeit erstaunlich zuverlässig. Auch am Donnerstag, als die Wall Street mit Ausnahme der Nasdaq leicht im Minus schloss. Und genauso am Freitag, als sich die Ölpreise wieder abwärts bewegten. Gestützt von fallenden Ölpreisen im Zuge von Entspannungssignalen im Nahostkonflikt gingen die US-Aktienmärkte mit Gewinnen ins Wochenende. Der Dow Jones Industrial schloss mit einem Plus von knapp ein Prozent bei 51.829 Punkten, nachdem er am Vortag sein niedrigstes Niveau seit Juni erreicht hatte. Daraus resultierte für den US-Leitindex ein Wochengewinn von 0,3 Prozent. Der marktbreite S&P 500 gewann am Freitag 0,5 Prozent auf 7.743 Zähler. Für den Nasdaq 100 ging es letztlich um 0,4 Prozent auf 30.608 Punkte aufwärts. Damit verbuchte der technologielastige Index auf Wochensicht einen Anstieg von mehr als drei Prozent.

Der Iran legte den USA laut Medienberichten einen neuen Vorschlag zur Wiederaufnahme der Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges vor. Dem Plan zufolge könne die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormus nach sieben Tagen wieder geöffnet werden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt seien, sagte der iranische Außenminister Abbas Araghtschi laut der New York Times und der Financial Times am Rande der UN-Woche in New York. Aus dem Weißen Haus hieß es, dass über Vermittler positive und konstruktive Gespräche geführt würden.

Unter den Einzelwerten fielen die Papiere von Microsoft als Dow-Spitzenreiter positiv auf. Sie stiegen auf den höchsten Stand seit November 2025 und gewannen am Ende 3,7 Prozent. Der Softwarekonzern hatte neue Funktionen für seinen KI-Assistenten Copilot angekündigt. Bei den Aktien von Meta setzten nach der jüngsten Rally Gewinnmitnahmen ein, die den Kurs um 3,3 Prozent senkten. Tags zuvor hatten die Papiere des Facebook-Mutterkonzerns mit einem Anstieg von 4,5 Prozent den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr erklommen. Allein im September hat der Börsenwert um rund 35 Prozent auf knapp zwei Billionen Dollar zugelegt.

Frischen Wind in die KI-Branche brachte eine vermeldete Kooperation zwischen der KI-Plattform Anthropic und dem Cloud-Dienstleister Akamai, dessen Kurs um 3,2 Prozent stieg. Analysten der RBC sprachen von einem „wegweisenden Deal“ über die Bereitstellung von Rechenleistung, der sich mit einem Gesamtwert von 11,6 Milliarden US-Dollar über sieben Jahre erstrecken soll.

Die Titel des IT-Sicherheitsunternehmens Zscaler dagegen sackten um mehr als zehn Prozent ab. Nach dem Rücktritt von Mike Rich soll ab 1. Oktober mit Ross Tackett ein neuer Manager die Vertriebsaktivitäten des Unternehmens verantworten. Unter Anlegern sorgte dies für Verunsicherung.

Ein Thema blieb die Zukunft der Casinokette MGM Resorts und des Medienkonzerns People Inc., der am Vortag seine Kaufofferte für MGM zurückgezogen hatte. Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf Kreise berichtete, erwägt nun MGM, ein Übernahmeangebot für den eigenen Großaktionär abzugeben. Davon getrieben zogen die Aktien von People Inc. um 11,3 Prozent an, während die MGM-Anteilsscheine um 3,3 Prozent nachgaben.

Der Dax hatte zuvor eine durchwachsene Börsenwoche mit Gewinnen beendet. Zum Handelsschluss behauptete der deutsche Leitindex dank leicht sinkender Ölpreise einen Kursanstieg von 0,6 Prozent auf 25.409 Punkte. Auf Wochensicht schaffte er damit nur ein Plus von 0,4 Prozent, stoppte aber immerhin eine dreiwöchige Verlustserie. Für den MDax der mittelgroßen Unternehmen ging es am Freitag letztlich um 0,8 Prozent auf 31.031 Punkte hoch.

„Bei den Anlegern regiert die Vorsicht“, kommentierte Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst beim Broker CMC Markets. „Die Sorge vor weiter steigenden Zinsen und Anleiherenditen ist omnipräsent und erschwert eine nachhaltige Erholung am Aktienmarkt. Gleichzeitig bleiben die Energiepreise hoch und entwickeln sich zunehmend zum Bremsklotz für Konjunktur und Börse. Positive Impulse könnten laut Lipkow von der bald beginnenden Berichtssaison kommen. Aber „dann müssen die Unternehmen zeigen, wie gut sie mit hohen Finanzierungskosten, Energiepreisen und einem zurückhaltenden Konsum tatsächlich zurechtkommen“, warnte er vor zu hohen Erwartungen. Nach dem Dax-Rekord Ende August hatten stark gestiegene Ölpreise und Anleiherenditen die Anlegerstimmung getrübt. Zuletzt entspannte sich hier mit wieder aufgekommenen Hoffnungen auf eine diplomatische Lösung im Nahostkonflikt die Lage etwas.

Am deutschen Aktienmarkt standen Evonik und HelloFresh mit zwischenzeitlich prozentual zweistelligen Kursausschlägen im Fokus. Die Aktien von Evonik sprangen um bis zu zwölf Prozent hoch und gingen rund sieben Prozent fester ins Wochenende. Der Spezialchemiekonzern bestätigte das zuvor kolportierte Interesse des Branchenrivalen BASF an einer möglichen Übernahme ebenso wie die Ludwigshafener und die RAG-Stiftung als Evonik-Großaktionärin. Die BASF-Aktien verloren knapp vier Prozent. Evonik ist an der Börse rund neun Milliarden Euro wert; BASF kommt auf eine Marktkapitalisierung von 45 Milliarden Euro.

HelloFresh kommt derweil nicht aus der Krise. Der Kochboxenversender informierte über ein schwaches drittes Quartal und senkte seine Jahresziele. Die Aktien sackten um bis zu knapp 15 Prozent auf ein weiteres Rekordtief ab. Sie gingen mit einem Minus von fast zehn Prozent als abgeschlagenes Schlusslicht im Nebenwerte-Index SDax aus dem Handel.

Gefragt waren die als konjunktursensibel geltenden Bankaktien. So stiegen die Papiere der Deutschen Bank und der Commerzbank um jeweils 2,7 Prozent. Sollte sich die Situation im Nahen Osten tatsächlich nachhaltig entspannen, würde dies die Ölpreise deutlich sinken lassen und damit der Weltwirtschaft einen Schub geben. Banken könnten davon über eine höhere Kreditnachfrage oder eine geringere Risikovorsorge profitieren, so die Hoffnung.

Der Flugzeugbauer Airbus kämpft indes mit einem Qualitätsproblem beim Kassenschlager A321neo. Nach Angaben eines Sprechers hat der Konzern bei einigen Jets an den Längsversteifungen im vorderen unteren Bereich des Rumpfes „Abweichungen“ beim Oberflächenschutz festgestellt. Es handele sich jedoch nicht um ein Sicherheitsproblem. Airbus habe bereits eine Lösung entwickelt. Die Anteilsscheine von Airbus büßten am Ende noch knapp ein Prozent ein.

Abnehmspritzen werden vielleicht bald seltener gespritzt. Das klingt zunächst nicht nach einer Börsengeschichte. Für Viking Therapeutics war es diese Woche allerdings eine ziemlich gute. Das amerikanische Biotechunternehmen veröffentlichte neue Studiendaten zu seinem Abnehmmedikament VK2735. Nach einer ersten Phase mit wöchentlichen Spritzen wurden die Abstände verlängert. Patienten bekamen das Mittel nur noch alle zwei Wochen oder sogar einmal im Monat.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Bei zweiwöchentlicher Gabe blieben je nach Dosierung bis zu 97 Prozent des zuvor erreichten Gewichtsverlusts erhalten. Bei monatlicher Gabe waren es bis zu 90 Prozent. Die Aktie sprang nach der Nachricht um mehr als 20 Prozent nach oben.

Warum das interessant ist, lässt sich leicht erklären. Medikamente wie Wegovy oder Zepbound funktionieren hervorragend, müssen bislang aber regelmäßig genommen werden. Wenn Patienten ihr Gewicht später mit deutlich weniger Spritzen halten könnten, wäre das komfortabler – und natürlich auch günstiger.

Noch ist VK2735 nicht zugelassen. Viking ist ein Biotechunternehmen in der klinischen Entwicklung. Bis aus guten Studiendaten ein erfolgreiches Medikament wird, kann noch einiges passieren. Aber der riesige Markt für Abnehmmedikamente bekommt offenbar einen weiteren ernst zu nehmenden Mitspieler. Kein Wunder, dass es ausgerechnet beim bisherigen Star der Abnehmspritzen weniger erfreulich lief. Novo Nordisk lud am Montag zum Kapitalmarkttag nach London und wollte Anleger davon überzeugen, dass es auch nach Ozempic und Wegovy noch genügend Wachstum gibt. Das ging eher schief. Die Aktie verlor rund acht Prozent. Der Konzern präsentierte durchaus große Pläne: Bis 2030 sollen mehr als fünf neue Medikamente mit Milliardenpotenzial auf den Markt kommen. Langfristig sollen neue Wirkstoffe mehr als 150 Milliarden dänische Kronen Umsatz beisteuern. Nur überzeugte das die Anleger nicht; denn Novo hängt weiterhin stark an Semaglutid, dem Wirkstoff hinter Ozempic und Wegovy. Gleichzeitig wird der Wettbewerb härter. Eli Lilly macht längst Druck, und kleinere Konkurrenten wie Viking rücken nach. Auch der Patentschutz für Semaglutid wird in den kommenden Jahren zunehmend zum Thema. Novo muss deshalb zeigen, was nach Wegovy kommt. Ein paar Folien mit großen Plänen haben dafür diese Woche nicht gereicht.

Der Blick nach vorn

Die kommende Woche liefert gleich mehrere Antworten darauf, ob die US-Wirtschaft tatsächlich so robust bleibt, wie sie derzeit scheint. Am Freitag kommt der wichtigste Termin: der offizielle US-Arbeitsmarktbericht für September. Nach den starken Signalen aus den Unternehmensumfragen wird genau beobachtet werden, wie viele neue Stellen tatsächlich entstanden sind und was mit den Löhnen passiert. Der Bericht wird am 2. Oktober veröffentlicht.

Das ist diesmal besonders interessant. Denn noch vor wenigen Wochen machte sich die Börse Sorgen, der Arbeitsmarkt könne plötzlich wegbrechen. Jetzt melden die Unternehmen wieder deutlich mehr Einstellungen. Dazwischen kommen weitere Hinweise auf die Konjunktur. Und auch bei den Unternehmen gibt es einiges zu sehen. Die Ausgangslage für den Oktober ist damit fast ein bisschen kurios. Die Wirtschaft in den USA läuft kräftig. Die Stimmung deutscher Unternehmen verbessert sich. Selbst die Eurozone zeigt mehr Leben.

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