Zeitgeist beruft sich gern auf „Die Wissenschaft“. Vorsicht ist angebracht, denn der akademische Betrieb lässt sich von Politik vereinnahmen. Immer größer werdende Qualitäts- und Produktivitätsprobleme verschärfen die Krise. Die Folgen für die Gesellschaft sind schwerwiegend, schreibt Alexander Schatten.
Die Wissenschaft umgibt sich mit der Aura steter Beschleunigung, die zu immer neuen Möglichkeiten führt, unsere Welt zu verstehen und zu verändern. Auch für die Herausforderungen der Zukunft setzen wir große Hoffnungen auf Wissenschaftler und wissenschaftliche Strukturen. Aber ist die heutige Forschung diesen Anforderungen gewachsen? „Folge der Wissenschaft“ gilt als Motto vieler Aktivisten – aber welche Wissenschaft meinen die, die dieses Motto wie eine Monstranz vor sich hertragen, genau, und können sie diesen Anspruch einlösen?
Aus der Abschiedsansprache von US-Präsident Dwight D. Eisenhower aus dem Jahr 1961 wird in der politischen Diskussion in diesem Zusammenhang häufig zitiert, weil er bei dieser Gelegenheit nicht nur vor dem „militärisch-industriellen Komplex“ warnte, sondern auch Trends in der Wissenschaft kritisch und weitblickend reflektierte. Der abtretende Präsident machte schon vor 65 Jahren deutlich, dass ökonomische Interessen oder Abhängigkeiten in der Wissenschaft großen Schaden anrichten könnten. Auch ein zweites Problem sah Eisenhower voraus: Wissenschaftliche Eliten könnten politische Prozesse kapern. Sie beschädigten aufgrund der Rückwirkungen auch die Wissenschaft selbst.
In der Tat sind Förderungen heute ideologisiert – ebenso wie Studieninhalte und Auswahlprozesse des Nachwuchses. Dass Dissens und Unabhängigkeit wesentliche Voraussetzungen für wissenschaftlichen Fortschritt sind, wurde von dem damals sehr populären polnisch-britischen Philosophen Jacob Bronowski betont. Auch Karl Popper erwies sich als früher Kritiker der Entwicklungen im wissenschaftlichen Betrieb. Er schrieb sehr weitsichtig im Jahr 1968: „Ich denke, dass die zwei wesentlichen Hindernisse für den Fortschritt in der Wissenschaft sozialer Natur sind: ökonomische und ideologische Hindernisse.“ Er warnte dann vor dem, was er – im Grunde ähnlich wie Eisenhower – „Big Science“, also „große Wissenschaft“, nannte: Zu viel Geld würde zu wenige Ideen jagen, und die explosionsartig zunehmende Zahl an Publikationen würde die seltenen guten in einer Flut des Mittelmaßes oder Unsinns ertränken.
Qualität im Sturzflug
Die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Die negativen Folgen werden immer deutlicher und beschädigen den wissenschaftlichen Prozess nachhaltig. Zahlreiche Untersuchungen und Experimente zeigen, dass qualitätssichernde Maßnahmen in der Wissenschaft nicht hinreichend funktionieren und zudem von ideologischen Wunschvorstellungen ausgebremst werden. Alan Sokal hat dies bereits vor 30 Jahren öffentlichkeitswirksam gezeigt. Er sandte einen völlig unsinnigen Wortsalat-Artikel an ein führendes sozialwissenschaftliches Journal, wo er ohne Probleme publiziert wurde.
Systematischer wurde das kürzlich von John Bohannon getestet. Unter Pseudonym sandte er Varianten eines offensichtlich fehlerhaften Artikels an Hunderte Zeitschriften. In den meisten Fällen konnte er keine erkennbare Qualitätssicherung feststellen. Weitere vielfach zitierte und fundamentale Arbeiten stammen von John Ioannidis (Stanford-Universität). Die Titel wissenschaftlicher Studien seien häufig verklausuliert oder vage, stellte er fest, was auf seinen Artikel von 2005 keineswegs zutraf: „Warum die meisten publizierten wissenschaftlichen Erkenntnisse falsch sind“. Die untersuchten Arbeiten seien methodisch so schlecht, dass deren Ergebnisse irrelevant seien und im Grunde nie hätten publiziert oder rezipiert werden dürfen.
Mode beherrscht auch die Forschung
Ganze Forschungsbereiche können modischen Strömungen verfallen, etwa die Hirnforschung, wo über lange Zeit der Einsatz bildgebender Verfahren in der Auswertung meist funktioneller Magnetresonanztomographie geradezu eine Notwendigkeit für Publikationen war. Nun hat sich herausgestellt, dass wesentliche statistische Prinzipien in einem großen Teil dieser Studien ignoriert wurden und viele Arbeiten daher nutzlos sind. Millionen Euro an Forschungsmitteln wurden hier wohl verschwendet, die man ohne Zweifel nutzbringender hätte einsetzen können. Den bisher vielleicht größten Aufruhr lösten umfangreiche Studien des Psychologen Brian Nosek 2015 und 2018 aus. Sein Team untersuchte 100 vermeintlich hochwertige psychologische Studien. Diese sollten gemäß der methodischen Beschreibung wiederholt werden. Kaum 50 Prozent der hochrangigen Arbeiten ließen sich jedoch replizieren.
Hinzu kommt eine immer stärkere Ideologisierung der Wissenschaft. Auch diese ist gut untersucht. Im Jahr 2023 veröffentlichte etwa Kaitlin Kimmel eine Studie, in der 350 Artikel im Fachbereich Ökologie untersucht wurden. Sie fand in vielen Fällen systematische Übertreibungen und selektive Berichterstattung. Auch die (ebenfalls stark politisierte) Klimaforschung bleibt von diesem Problem nicht verschont. Patrick T. Brown, ein kalifornischer Klimaforscher, veröffentlichte 2023 eine wissenschaftliche Arbeit in der hoch angesehenen Zeitschrift „Nature“. Danach beklagte er, dass er nur einen Teil seiner Erkenntnisse in den Artikel aufnehmen konnte, sonst wäre er nicht publiziert worden. Jessica Weinkle, eine US-Professorin, die sich intensiv mit der Frage des Zusammenspiels von Wissenschaft und Politik beschäftigte, bestätigte dies in einer Ansprache vor dem US-Senat: „Die Wissenschaft zum Klimawandel zeigt ein unterschätztes dynamisches System von Interessenkonflikten zwischen Klimaforschern, Interessenverbänden und der Finanzindustrie.“ Diese ideologische Schlagseite wird offensiv vertreten.
So schrieb etwa Marcia McNutt als Chefredakteurin von „Science“, einem der bedeutendsten wissenschaftlichen Magazine weltweit, in einem Editorial über Klimaforschung im Jahr 2015, dass die Zeit der Debatte beendet sei. Sie verglich den Klimawandel mit Dantes „Inferno“ und diskutierte, an welcher Stelle einzelne Sünder in den Ringen der Hölle einzuordnen wären. Nun kann man sich überlegen, welche Wirkung ein solches Editorial auf Wissenschaftler hat, die aus Karrieregründen in diesen Journalen publizieren müssen. In dieser Gemengelage ist es auch nicht mehr verwunderlich, wenn führende Wissenschaftsmagazine Wahlempfehlungen, etwa bei der Entscheidung zwischen Trump und Biden, abgeben. So hieß es in einem Aufmacher von „Nature“: „Wir können nicht tatenlos zusehen, wie die Wissenschaft unterminiert wird. Joe Bidens Vertrauen in Wahrheit, Beweise, Wissenschaft und Demokratie machen ihn zur einzigen Wahl bei den US-Wahlen.“
Fälschungen nehmen zu
Rasanter Stillstand
Der bekannte britische Physiker David Deutsch deutete in einem Gespräch in seinem Büro auf das Bild der 30 Physiker, die an der Solvay-Konferenz 1913 in Brüssel teilgenommen hatten. Dabei bemerkte er leicht polemisch, dass dies mehr oder weniger die Welt-Physik vor hundert Jahren war. Diese Physiker hätten die wesentlichen Grundlagen der Physik gelegt. Heute hätten wir um Größenordnungen mehr Physiker, aber es herrsche seit 50 Jahren weitgehend Stillstand in fundamentalen Fragen. Jetzt könnte man hoffen, dass wir zwar eine dramatische Qualitätskrise erleben, neben der es dennoch eine blühende Wissenschaftslandschaft gibt, zumal die Zahl an Wissenschaftlern, Publikationen und verwandten Ressourcen seit Langem sehr schnell zunimmt. Viel mehr Menschen mit viel mehr Geld und immer besserer Technik sollten auch entsprechend mehr leisten. Es zeigt sich leider, dass das Gegenteil der Fall ist. Stagnation in der Wissenschaft ist ebenso wie in anderen Bereichen unserer Gesellschaft gang und gäbe.
Die deutsche Physikerin Sabine Hossenfelder fasst dies für die Physik pointiert so zusammen: „… meine Generation war erstaunlich erfolglos […] über mehr als dreißig Jahre waren wir nicht in der Lage, die Fundamente der Physik zu verbessern.“ Das ist im Übrigen nicht Polemik, sondern lässt sich auch quantitativ erfassen.
Falsche Anreize
Natürlich wird auch heute noch gute Wissenschaft betrieben, aber es steckt immer mehr Sand im Getriebe, und ganze Forschungsgebiete drohen im Qualitätssumpf zu versinken oder sind bereits verschwunden. Es gibt verschiedene Begründungen für das zunehmende Versagen. Max Perutz, der während der Nazi-Diktatur aus Österreich nach Cambridge (UK) vertriebene und 1962 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Chemiker, wurde am Ende seines Lebens einmal gefragt, wie es gelungen sei, aus seinem Labor neun Nobelpreisträger hervorzubringen. Perutz’ Anwort spricht für sich: „Keine Politik, keine Komitees, keine Berichte, keine Gutachter, keine Interviews. Nur begabte, hoch motivierte Menschen, ausgewählt von einer kleinen Zahl von Männern mit guter Urteilskraft.“ Der mittlerweile emeritierte österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann formulierte es in seiner seit 2006 in mittlerweile 17. Auflage erschienenen „Theorie der Unbildung“ so: „Forschung [braucht] vor allem eines […]: Zeit und Freiheit“.
Ein wesentlicher Grund für die heutige Dysfunktionalität liegt in der außer Kontrolle geratenen Wissenschaftsbürokratie sowie systemischer Inkompetenz. Was hätten Albert Einstein, Marie Curie, Immanuel Kant oder Werner Heisenberg gesagt, hätte man sie aufgefordert, nach Stundenlisten zu forschen? Ein Zeitalter der Rekonstruktion ist für wesentliche politische Systeme ebenso wie für die Wissenschaft unabdingbar. Das Schlimmste an der Krise aber ist die Tatsache, dass diese weitgehend schulterzuckend zur Kenntnis genommen und zum fragwürdigen Tagesgeschäft übergegangen wird. Nur wenige Disziplinen und Wissenschaftler versuchen das Problem aktiv anzugehen. Ganz mit Goethes Mephisto gesprochen: „So lang der Wirt nur weiter borgt, sind sie vergnügt und unbesorgt“.
So wäre selbst unter normalen Umständen der Aufruf „Folge der Wissenschaft“ fragwürdig – denn die Wissenschaft ist keine Instanz, hat keine Vertreter der Wahrheit, auch wenn so manche Wissenschaftler wie Propheten auftreten. Unter den genannten Rahmenbedingungen wird diese Forderung vollends zur Farce. Der erste Schritt zur Besserung wäre es, Karl Poppers Aufruf zu mehr intellektueller Bescheidenheit zu folgen und das Motto der ersten wissenschaftlichen Gesellschaft der Welt, der 1660 in London gegründeten britischen Royal Society, ernst zu nehmen: „nullius in verba“ – „Verlass dich auf das Wort von niemandem“. Gemeint war damit, dass man auch wissenschaftliche Autoritäten nicht beim Wort nehmen, sondern kritisch hinterfragen sollte.
Alexander Schatten. Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der Krise. Seifert Verlag, Hardcover, 352 Seiten, 28,00 €





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„Folge der Wissenschaft“ ist in praxi kaum mehr als die Mahnung, der angepaßten Mehrheit hinterher zu laufen.
Innovationen wurden regelmäßig von Außenseitern proklamiert, die bis zur Durchsetzung ihrer Erkenntnisse, von der „herrschenden Meinung“ bekämpft wurde.