Großbritanniens Energiewende – vom Erdölland zum Netto-Null-Minister

Brennende grüne Batteriespeicher, Not-Importe belgischen Atomstroms, der Abstieg des "Dallas des Nordens", Schweigekartelle und andere Stilblüten der Energiewende unserer britischen Nachbarn. Von Christian Geib

IMAGO / Westend61

Die “Energiewende” ist nur als Schlagwort ein Exportschlager geworden. Meistens als mahnendes Beispiel, was man nicht tun sollte, jedenfalls wenn man industrialisiert bleiben möchte.

Großbritannien indessen widersetzt sich diesem Trend und folgt dem Motto “von der Energiewende lernen, heißt siegen lernen”. Es hat, ähnlich wie Deutschland, Ministerien mit immer längeren Fantasienamen: “Secretary of State for Energy Security and Net Zero” also Staatsminister für Energiesicherheit und Netto-Null. Geleitet wird dieses vom grünen Hardliner Ed Miliband. Dieser könnte bald Keir Starmer als Premierminister beerben – letzterer ist nach den Jeffrey-Epstein-Verbandelungen seines Parteigenossen (und Botschafter Großbritanniens in den USA) erheblich angeschlagen.

Aus für Verbrennungsmotoren schon 2030?

Allerdings ist Großbritannien nicht erst unter der derzeitigen Labour-Regierung auf den Netto-Null-Kurs eingeschwenkt. Allerspätestens schlug der “rechte” Boris Johnson diesen Weg ein. Nicht nur wurde der einstige “Bauchgefühl-Libertäre” Johnson zum Lockdown-Enthusiasten, alsbald sprach er von der “Grünen Industriellen Revolution”. Als Mann, der um Superlative und Versprechungen nie verlegen war, stellte er 2020 seinen 10-Punkte-Plan vor, der mindestens 250.000 neue Arbeitsplätze schaffen sollte. Es darf darüber spekuliert werden, ob seine Ehegattin, Carrie Symonds, Tochter des Eigentümers der linksliberalen Zeitung The Independent, etwas damit zu tun hatte. Damit der Ambitionen nicht genug. Die Regierung Johnson verpflichtete sich, Verbrennungsmotoren bis 2030 zu verbieten. Johnsons ebenfalls “konservativer” Nachfolger (Johnson hielt nur drei Jahre der fünfjährigen Legislaturperiode durch) Rishi Sunak verschob das Datum immerhin um 5 Jahre nach hinten. Der Hardliner Miliband der derzeitigen Labour-Regierung möchte es allerdings nur zu gerne wieder nach vorn schieben.

Höchste Energiepreise in Europa und im globalen Vergleich

Alsbald gehörte Großbritannien, das einstige Erdölexportland, zu einem der Länder mit den höchsten Energiepreisen Europas und weltweit. 2023 waren die britischen Elektrizitätspreise 50 Prozent höher als in Deutschland und Frankreich und viermal so hoch wie in den USA und Kanada.

Im Juli 2022 konnte ein Energie-Blackout gerade noch abgewendet werden. Nicht ganz umsonst, Belgien ließ sich den Not-Import aus Atomstrom teuer bezahlen, mit einem Aufschlag von 5.000 Prozent – also dem 50-fachen des gewöhnlichen Marktpreises.

Der Abschied vom Erdöl

Großbritannien war von den frühen 80er Jahren bis 2004 Netto-Exporteur von Erdöl. Dass sich dies änderte, ist nicht nur politischen (Fehl-)Entscheidungen geschuldet. Viele der britischen Vorkommen waren zunehmend erschöpft und die verbleibenden Reste konnten nur unter größerem technischen Aufwand gefördert werden.

Aber geholfen hat die Politik sicherlich nicht. Anti-”fossile” Rhetorik der schottischen und britischen Regierung und restriktive Vergabe von Erschließungslizenzen schreckte mögliche Investoren ab. Der Kapitalbedarf der Offshore-Förderung in der rauen Nordsee ist hoch, die Planungshorizonte sind lang. Das erklärt, warum es 2025 erstmals seit 1960 keine neuen Bohrungen auf dem britischen Gebiet der Nordsee gab (auf der norwegischen Seite wird munter weiter gebohrt), was Greenpeace auf seiner Webseite ausgiebig feiert. Ein Mitarbeiter einer in Aberdeen ansässigen Erdölfirma stöhnte frustriert, dass man inzwischen auf das Ende der Labour-Regierung warte (also in etwa 3 Jahren), bevor man wieder über Investitionen ernsthaft nachdenken könnte.

Offenbar birgt die britische Insel auch potentiell gewaltige Schiefergasvorkommen (die wären angesichts der derzeitigen Krise am Persischen Golf praktisch). Allerdings hat das “Fracking” des sehr sauberen Erdgases ein Imageproblem. Die Debatte, ob dies nun angemessen ist oder auf Öko-Propaganda fußt, sprengt den Rahmen dieses Artikels. Netto-Null-Minister Miliband denkt indessen über ein permanentes Fracking-Verbot nach.

Was mit einer lokalen Ökonomie passiert, wenn man ideologisch abrupt von oben herab ein neues Energiezeitalter dekretiert, ist an der Erdölstaat Aberdeen zu beobachten.

Aberdeen: Abstieg des “Dallas des Nordens”

Aberdeen war jahrzehntelang als das “Dallas des Nordens” bekannt. Mit etwas über 200.000 Einwohnern gab es in dieser Stadt Boutiquen und Restaurants, wie man sie sonst nur in weitaus größeren Städten vorfindet.

Die Stadt zog hochqualifiziertes Talent an, das sich selten nördlich von London oder Manchester verirrt – neben den erdölnahen Ingenieurdienstleistungen fanden viele Computerfachleute, Unternehmensberater und Bilanzprüfer hier hervorragende Anstellungen.

Das hat sich erheblich gewandelt. Hotels werden nicht mehr von gut bezahlten Erdölspezialisten frequentiert, sondern von Asylanten, welche die Zentralregierung aus London zu Hunderten in Hotels einquartiert. Ein kleiner Vorort Aberdeens hat so über 300 junge Männer “hinzugewonnen”. Viele der schmucken Restaurants und Boutiquen sind inzwischen geschlossen, John Lewis, das Einkaufszentrum der gehobenen britischen Mittelschicht (und Gradmesser der Kaufkraft einer britischen Groß- und Mittelstadt) schloss 2021 seine Pforten für immer.

Die Hauspreise sind erheblich gefallen. Während man junge Asylbewerber in Hotels unterbringen kann und es konjunkturbedingt erheblichen Leerstände bei Häusern gibt, steigt die Obdachlosigkeit der Einheimischen. Einige Unterstützer der Obdachlosenhilfsorganisation Cyrenians berichten, dass man früher Obdachlose stets mit warmem Essen versorgen konnte. Inzwischen bekommen sie wegen des erheblich gestiegenen Bedarfs nur vorgepackte Essenspakete in Plastiktüten, und auch diese sind nur noch von Montag bis Mittwoch erhältlich.

Energie-Erfolgsbilanzen und Gute-Laune-Meldungen

Wie in Deutschland fehlt es nicht an Erfolgsbilanzen und Gute-Laune-Meldungen der Energiewende. “Neue Rekorde bei Grüner Energieversorgung”, jubelt da der zwangsfinanzierte Staatssender BBC, “fast 30 Prozent der Energie durch Wind produziert”. Eine Solarwebseite feiert, dass 2024 50,8 Prozent des britischen Stroms aus erneuerbaren Energien stammte. Komisch nur, dass sich solche Erfolgsbilanzen nie im Preis niederschlagen oder dass nach wie vor 19 Prozent des britischen Stroms auch 2025 importiert werden muss.

Atomkraft als saubere Energie

Auf viele Gute-Laune-Meldungen gebettet, geben die Netto-Null-Ideologen der Labour-Regierung eine ambitionierte Marschrichtung vor: 95 Prozent der Energie muss bis 2030 aus “sauberen“ Energiequellen kommen. Bemerkenswert pragmatisch ist im deutschen Kontext, dass selbst die Ideologen um Minister Miliband Atomkraft als saubere Energiequelle hinzuzählen. Noch interessanter aus deutscher Perspektive ist, dass die Regierung Starmer aktiv die Entwicklung nuklearer Energie vorantreibt, etwa beim Bau kleiner modularer Reaktoren (SMR).

Batterieanlagen, die auch mal gerne brennen

Nun entstehen an vielen Orten sogenannte Battery Energy Storage Systems (BESS), also gewaltige Batteriespeicheranlagen. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Vielzahl von containergroße Lithium(auto)batterien, die Überkapazitäten von grünem Strom speichern sollen. Der stammt in Schottland zumeist aus Windenergie, Sonne gibt es hier wenig.

Über die vielseitig umweltzerstörende Kraft von Lithium-Abbau und -Produktion wird zunehmend ehrlich berichtet. Auch über die Gefahren beim Betrieb von Lithium-Batterien als gemeine Autobatterien häufen sich die Meldungen inzwischen. Besonders Brandentwicklung und Schwierigkeiten beim Löschen sind hierbei der Knackpunkt.

140 riesige Lithiumbatterien – was soll schon schief gehen?

Was aber, wenn man eine Anlage mit 140 dieser riesigen Lithiumbatterien baut? Eine solche Anlage wird derzeit neben dem relativ beschaulichen Fischerdorf Cockenzie gebaut – ca. 22 km östlich von Edinburgh. Sie erstreckt sich über 15.2 Hektar. Von Seiten des Investors und Vermögensverwalters Gresham House wird freilich betont, wie unglaublich sicher eine solche Speicheranlage sei.

Da stört es nur, zu erwähnen, dass Anfang 2025 eine Batteriespeicheranlage dieses Bautyps in Flammen aufging, selbst im kühlen Nordostschottland bei Aberdeen.

Was hierbei durch die brennenden Lithiumbatterien an Umweltgiften freigesetzt wurde, möchte man sich lieber nicht ausmalen. Ein Freedom of Information Antrag (in etwa dem deutschen Informationsfreiheitsgesetz entsprechend), der nachbohrte, wie viel denn diese Investorenfirma der lokalen Gemeinde bezahlt hatte, wurde abgeschmettert.

Der schottische Informationskommissar erklärte, dass diese Information unter die Geschäftsbedingungen des Vertrages mit Gresham House fallen würde. Diese seien allerdings von einer zwischen Investor und Gemeinde geschlossenen Verschwiegenheitsvereinbarung abgedeckt. Diese Vereinbarung sei höher zu gewichten als das öffentliche Interesse.

Parallelen und Unterschiede zum deutschen Energiesonderweg

Die Parallele zwischen den deutschen und britischen Energieabenteuern ist, dass hier Ideologie erstrangig, tatsächlicher Umweltschutz zweitrangig und wirtschaftliche Erwägungen drittrangig sind. In beiden Fällen ist die tatsächliche Umweltbilanz der “nachhaltigen” Lösungen wie der Lithiumspeicheranlagen oder der Windkraft (Abholzung, Betonverbrauch etc) bis dato keiner hinlänglich rationalen Diskussion unterzogen worden.

Der große Unterschied ist, dass selbst britische Netto-Null-Hardliner Atomenergie als mögliche saubere Energiequelle thematisieren, wogegen dies in Deutschland nach wie vor ein Tabuthema ist. Es bleibt zu hoffen, dass man in Deutschland langsam aus dem nuklearen Vogel-Strauß-Schlaf aufwacht – oder wir werden uns ähnlich stark deindustrialisieren wie die Briten.

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Kommentare ( 4 )

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Konservativer2
2 Stunden her

Mal unabhängig vom Thema – jeder Bericht aus dem Kalifat Britannistan liest sich mittlerweile wie eine Mischung aus Satire und Dystopie – nix mehr „die sind halt spleenig“ und „ehemaliges Empire“. Bereitet es körperliche Schmerzen, darüber zu schreiben?

Haba Orwell
49 Minuten her
Antworten an  Konservativer2

> Bereitet es körperliche Schmerzen, darüber zu schreiben? Wieso sollte es, es ist weit weg, hinter der Nordsee. Mehrere Jahre habe ich mindestens einmal jährlich London besucht, doch seit der Einführung der eVisa nicht mehr. Wenn in der bisher meistbesuchten Stadt der Welt Touristen ausbleiben (Kerosin und so), vielleicht wird die Einreise wieder vereinfacht? Wollten die Britenden:innen es anders haben, würden die schon längst ganz anders wählen. Ach so: > Inzwischen bekommen sie wegen des erheblich gestiegenen Bedarfs nur vorgepackte Essenspakete in Plastiktüten, und auch diese sind nur noch von Montag bis Mittwoch erhältlich. Beim letzten Londoner Besuch vor einem… Mehr

Haba Orwell
2 Stunden her

> Im Juli 2022 konnte ein Energie-Blackout gerade noch abgewendet werden

Irgendwie schade – ein paar dunkle Tage mit Plünderungen und Krawallen in London, vielleicht würde vom Himmel Erleuchtung fallen? Mit viel Glück auch auf dem Kontinent – OK, Blackout in Spanien und Portugal bewirkte hier fast nichts.

Haba Orwell
2 Stunden her

> Nicht nur wurde der einstige “Bauchgefühl-Libertäre” Johnson zum Lockdown-Enthusiasten, alsbald sprach er von der “Grünen Industriellen Revolution”.

Vergessen wir nicht die von ihm bewirkte Verlängerung des Banderastan-Kriegs, der den Vorwand lieferte, auf billige russische Energie zu verzichten. Wenn man das destruktive Agieren der beiden größten Parteien bedenkt – woher die Sorge hier, was aus den „Briten“ wird? Egal was, Hauptsache vorbei – es läuft schließlich seit Jahrhunderten so.