Nur einen Tag, nachdem die Tagesschau einen Beitrag zurückgezogen hat, legt Stefan Weber gleich die nächste fragwürdige Tagesschau-Darstellung offen. Eine "Studie" zu digitaler Gewalt gegen politisch Engagierte liefert keine belastbare Grundlage für die behauptete Schlagseite – und ist laut Verfassern (HateAid) selbst nicht repräsentativ.
IMAGO
Stefan Weber hat die nächste mediale Alarmmeldung der Tagesschau auseinandergenommen. In seinem Blog kritisiert der Salzburger Kommunikationswissenschaftler die Darstellung eines Tagesschau-Beitrags vom 14. März 2026 zu digitaler Gewalt gegen Frauen in der Politik und geht noch weiter: Nicht nur die Zuspitzung der ARD, auch die methodische Anlage der zugrunde liegenden Studie von HateAid und der Technischen Universität München hält er für schwer mangelhaft.
Der Kern seines Einwands ist so einfach wie unerquicklich. Die Tagesschau behauptete, „Frauen in der Politik“ würden „besonders häufig Ziel solcher Angriffe“. Weber hält dagegen, dass sich diese Aussage aus der verlinkten Studie so nicht ableiten lasse. Denn befragt wurden eben nicht nur Politikerinnen und Politiker, sondern insgesamt 1.114 politisch engagierte Personen aus verschiedenen Bereichen, darunter Aktivisten, Wissenschaftler, Journalisten, Publizisten, Influencer und sonstige Parteimitglieder. Der Schwerpunkt lag zwar auf Politikerinnen und Politikern mit 67 Prozent, doch die Auswertung zur Betroffenheit erfolgte laut Weber gerade nicht entlang der Untergruppe „Politiker*innen“ nach Geschlechtern, sondern nach Berufsfeldern insgesamt.
Damit trifft Webers methodischer Hauptpunkt ins Zentrum. Die Studie zeige laut ihrer Zusammenfassung zwar, dass 58 Prozent aller Befragten digitale Gewalt erlebt hätten und dass die Betroffenheit unter Frauen mit 63 Prozent signifikant höher liege als unter Männern mit 53 Prozent. Sie beantwortet aber nach Webers Darstellung nicht die viel präzisere Frage, ob weibliche Politiker häufiger betroffen sind als männliche Politiker. Genau diese Verengung aber transportierte die Tagesschau. Aus einem allgemeinen Geschlechterunterschied unter politisch Engagierten wurde so eine zugespitzte Botschaft über Frauen in der Politik.
Hinzu kommt ein Punkt, der jeder journalistischen Verwertung eigentlich vorgeschaltet sein müsste: Die Studie erklärt selbst ausdrücklich, ihre Ergebnisse seien „nicht repräsentativ“. In der Zusammenfassung heißt es wörtlich: „Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ.“ Weber verweist zudem auf die selbstselektierte Stichprobe und folgert, aus solchen Daten dürften gerade keine weitreichenden politischen Schlüsse gezogen werden. Wer das liest, versteht sofort, wie fragwürdig es ist, auf dieser Grundlage eine große publizistische Erzählung zu stricken.
„Schwerwiegende Methodenkritik auch am Studiendesign von HateAid“
Noch schärfer wird Webers Kritik beim Studiendesign selbst. Die quantitative Online-Befragung lief laut „Studie“ vom 27. April bis zum 21. Oktober 2024. Die zwölf qualitativen Interviews mit Frauen fanden bereits vom 2. Juli bis zum 26. August 2024 statt, also noch während die quantitative Erhebung lief.
Für Weber ist das ein schwerer methodischer Fehler, weil der Fokus auf Frauen damit schon vor Abschluss der breiteren Datenerhebung festgestanden habe. Er formuliert, das Ergebnis, dass Frauen stärker betroffen seien als Männer, müsse im Vorhinein bereits gesetzt gewesen sein. Seine Folgerung ist hart: ein Verstoß gegen das Gütekriterium der Validität.
— Critical Cat | (@Critical__Cat) March 15, 2026
Dazu kommt ein weiteres Problem. Im Anhang ist nach Webers Darstellung kein Fragebogen abgedruckt. Damit bleibt unklar, wie HateAid den Begriff „digitale Gewalt“ genau operationalisiert hat. Die Studie selbst verweist zwar auf Begriffserklärungen und Forschungsstand, Weber hält die Erhebung aber gerade deshalb für unzureichend transparent. Wenn schon eine einzige Erfahrung ausreicht, um als betroffen zu gelten, dann wird aus einer politisch aufgeladenen Kategorie schnell ein dehnbarer Sammelbegriff, der mehr Stimmung als Erkenntnis produziert.
Brisant ist der Fall auch deshalb, weil die Studie ihre politischen Forderungen offen ausspricht. In der Zusammenfassung heißt es, man wolle dadurch „Handlungsmöglichkeiten für Parteien, Strafverfolgungsbehörden und Online-Plattformen“ aufzeigen. Genau hier liegt der neuralgische Punkt. Wenn ein nicht repräsentatives, methodisch umstrittenes Lagebild in politische Forderungen und mediale Schlagzeilen übersetzt wird, entsteht aus dünner Datengrundlage schnell normativer Druck. Dann dient Wissenschaft nicht mehr in erster Linie der Aufklärung, sondern der Legitimation.
Das Ganze kommt nur einen Tag, nachdem die Tagesschau bereits einen fragwürdigen Beitrag zur Diskriminierungsstudie nach Kritik und Nachfragen aus dem Netz nehmen musste. Schon steht schon der nächste Fall im Raum.
Wer da noch von bloßem Versehen sprechen will, macht es sich zu leicht. Genau dieses Muster hat Alexander Teske, der selbst jahrelang bei der Tagesschau gearbeitet hat, in seinem Buch Inside Tagesschau beschrieben: einen Betrieb, in dem Auswahl, Verdichtung und Zuspitzung nach seiner Darstellung regelmäßig näher an Meinungsmacht heranrücken, als es dem öffentlich-rechtlichen Selbstbild lieb sein kann.
Wenn binnen eines Tages zwei Beiträge mit derselben Schlagseite auffallen, dann ist das keine bloße Schlamperei mehr. Es bestätigt den Befund, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr reformierbar sind.



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