DIHK-Umfrage hoffnungsfroh interpretiert: „Wir arbeiten uns langsam aus dem Keller“

Die Stimmung in der Wirtschaft hat sich angeblich gedreht. Die Investitionen der schwarz-roten Regierung wirken sich aus – ebenso wie das Wachsen der Weltwirtschaft. Doch es brauche grundlegende Reformen, mahnt die Deutsche Industrie- und Handelskammer in einer Darstellung, die Hoffnung als Fakten nimmt.

Helena Melnikov, DIHK-Hauptgeschäftsführerin, Pressekonferenz zur DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2025, Berlin 27.05.2025

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) befragt einmal pro Halbjahr ihre Unternehmen nach deren Sicht auf die Lage und auf die zu erwartende Entwicklung der deutschen Wirtschaft. Normal beteiligen sich etwa 23.000 Betriebe an diesen „Konjunkturumfragen“, sagt die Hauptgeschäftsführerin der DIHK, Helena Melnikov. Dieses Mal seien es 26.000 Unternehmen gewesen: „Das spricht dafür, dass den Unternehmen einiges unter den Nägeln brennt, das sie mitteilen wollen.“

In den vergangenen Jahren ging die Stimmung nach unten. Wenn Melnikov jetzt sagt, 3000 zusätzliche Unternehmen hätten sich gemeldet, weil ihnen was unter den Nägeln brenne, dann ließe sich daraus schließen, dass der Unmut in der Summe der Umfrage größer wird. Doch es ist anders gekommen. Die Stimmung hellt sich auf: Vor einem Jahr erreichte sie noch einen Wert von 91,6 Punkte, im Herbst waren es dann 93,8 Punkte und nun sind es 95,9 Punkte. Laut einer aktuellen Analyse der Beratungsgesellschaft EY hat die deutsche Industrie über 120.000 Arbeitsplätze im Jahr 2025 abgebaut – das entspricht einem Rückgang von rund 2,3 % gegenüber dem schon miesen Jahr 2024. Davon ist in der Umfrage keine Rede. Die Zukunft wird rosig, suggerieren die Handelskammern.

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Anders als im Herbst ist das „Lagesaldo“ dieses Mal im Plus. Wenn auch nur um einen Prozentpunkt. 25 Prozent der Befragten bewerten laut Kammer die wirtschaftliche Lage als „gut“, 24 Prozent sprechen demnach von einer schlechten Lage. Wer diese beiden Lagewerte miteinander verrechnet, kommt auf ein Saldo von plus ein Prozent. Bisher besonders schlecht war die Einschätzung in der Industrie. Dort ist das Saldo immer noch mit zehn Punkten im Minus – aber die Verbesserung zum Herbst betrug hier 5 Prozentpunkte. Das zeigt für Melnikov: „Die Stimmung hellt sich geringfügig auf. Wir arbeiten uns langsam aus dem Keller.“ Dazu passt, dass die Kammer ihre Wachstumserwartung für das laufende Jahr von 0,7 auf 1,0 Prozent nach oben korrigiert hat.

Das ist ein bemerkenswerter Gegensatz zu anderen Sichtweisen. Der Zusammenbruch der europäischen Industrie ist unvermeidlich, wenn die EU nicht ihren bürokratischen und ideologischen Wahnsinnskurs dramatisch ändert. Das sagt Belgiens Premier-Minister Bart de Wevers. Er macht Schluß mit Selbstbetrug und Schönrednerei à la von der Leyen und Nichtstun-Sprüchen von Friedrich Merz und den Hoffnungen des DIHK.

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Für die sich erholende wirtschaftliche Lage nennt die Kammer mehrere Gründe. Einer davon ist, dass bereits die tatsächliche Entwicklung besser ist als erwartet: „Das letzte Quartal im letzten Jahr war überraschend stark. Das zahlt auf das Wachstum für dieses Jahr ein“, sagt Jupp Zenzen, Referatsleiter Konjunktur bei der Kammer. Was er nicht sagt: Es waren die Rüstungsaufträge, versteckt hinter dem Posten „Sonderfahrzeugbau“. Auch meldeten stark exportorientierte Unternehmen bessere Zahlen, da sich die Weltwirtschaft erhole. Hinzu kämen die Investitionen der Bundesregierung, auch in die Rüstung. Davon profitierten nicht nur große Unternehmen und Zulieferer, auch im Bereich Cyber-Security gäbe es Gewinner. Also Unternehmen, die mit dem Thema sicheres Internet Geld verdienen.

Noch ist die Lage aber nicht ausschließlich positiv. Das lässt sich laut Melnikov aus dem Investitionsverhalten herauslesen. Die Zahlen der privaten Investitionen und der Investitionspläne stiegen wieder. Aber sie lägen immer noch um rund zehn Prozent unter den Durchschnittswerten seit 2015. Unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) florierte die deutsche Wirtschaft. Gemessen an ihren Zahlen sind die aktuellen, steigenden Investitionszahlen also schwach.

Zudem weist Melnikov darauf hin, dass ein großer Teil der Investitionen auf „Ersatzbedarf“ und Maßnahmen zur Kostensenkung fielen. Sie stünden folglich nicht für den Willen, am Standort zu expandieren, sondern eher durchzuhalten und sich geordnet zurückzuziehen. Viel hänge nun davon ab, ob die schwarz-rote Regierung die angekündigten Reformen auch durchsetze. Die „Rahmenbedingungen“ müssten besser werden: niedrigere Arbeitskosten, günstigere Energie oder schnellere Verwaltungswege und Genehmigungsverfahren. Derzeit glaubten die Unternehmen noch nicht daran, dass dies alles passiere – „und das ist fatal“.

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Zwar sagt auch Zenzen: „Es geht langsam bergauf.“ Doch auch der Konjunktur-Experte sieht den Zusammenhang zwischen notwendigen Reformen und einer potenziell besseren wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Die Stärke der Wirtschaft habe in den Jahren nach Merkel gelitten: In den zurückliegenden Jahren sei die Zahl der Exporte dreimal in Folge gesunken. Das wirke sich negativ auf das Wachstum aus.

Zahlen des Internationalen Währungsfonds belegen die jüngste Schwächephase der deutschen Wirtschaft: Nach diesen Zahlen ist die Weltwirtschaft in den letzten sechs Jahren im Schnitt um 18,8 Prozent gestiegen, in den USA waren es demnach 15 Prozent. Dieses Wachstum stellt die Entwicklung des jeweiligen Bruttoinlandsproduktes dar, also vereinfacht ausgedrückt die Summe an Ausgaben, die innerhalb einer Volkswirtschaft getätigt werden.

In Europa sind die Zahlen schlechter. Die EU kommt laut Währungsfonds immerhin in diesen 6 Jahren auf ein Wachstum von 7,5 Prozent. Ihre großen Wirtschaften wie Italien und Frankreich erreichen 6,1 beziehungsweise 5,1 Prozent. Bei Deutschland sind es 0,2 Prozent; ein katastrophales Ergebnis. Und: Ohne die Zahlen der späten Regierungszeit Merkels – vor der Pandemie – läge Deutschland in diesem Vergleich sogar im negativen Bereich. Der Bruch der Corona-Politik ist in Deutschland nicht überwunden und die Schwäche langfristig angelegt.

Melnikov appelliert daher an Friedrich Merz (CDU), die angekündigten Reformen auch umzusetzen. Bisher fände sich der Optimismus, den der Kanzler auslösen will, in den Zahlen der Konjunkturumfrage nicht wieder. Bemühungen und Ankündigungen reichten nicht. „Das verbraucht sich irgendwann mal“, sagt Melnikov. All das müsse nun in der Realität ankommen. Na, dann hofft mal schön.

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Kommentare ( 10 )

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Montesquieu
1 Stunde her

Man könnte das Bruttosozialprodukt auch famos steigern, indem man alle Menschen komplett enteignen würde und von ihrem abgepressten Geld durch deutsche Firmen Milliarden an Eismaschinen, die keiner braucht, produzieren lassen würde. Das Geld wäre nicht weg, sondern nur woanders. Anzunehmen,dass durch den Staat von dem abgepressten Geld seiner Bürger vorgenommene „Investitionen“ Investitionen im konstruktiven Sinne sind, ist zumeist ein Irrtum. Der Staat sollte nur „investieren“, um eine Anschubfinanzierung bzw. eine vorübergehende katalysierende Unterstützung für eine Infrastruktur zu fördern, die eine dauerhaft Werte generierende Produktivität privater Unternehmen ermöglicht. Alles andere ist Selbstbetrug. Wirtschaftlicher „Aufschwung“ durch massive Investitionen in die Rüstungsindustrie endet… Mehr

Last edited 1 Stunde her by Montesquieu
Kaesebroetchen
2 Stunden her

Das ist ein durch extreme Schulden und Aufrüstung getriebenes Strohfeuer. Durchaus vergleichbar mit dem Vorkriegsdeutschland der Nazidiktatur, bis dann 1938 das Geld doch noch ausging. Die weitere Entwicklung ist bekannt.

DrMabuse
2 Stunden her

„Wir arbeiten uns langsam aus dem Keller“.
Wenn die DIHK 360Grad genauso definiert wie unsere Geistesphilosophin Baerbock, dann geht es natürlich nach oben.
Leider wird man bald feststellen, dass man nicht im Erdgeschoss rauskommt, sondern das Kellergeschoss um UG2, 3 und 4 erweitert werden muss.

Lars Baecker
2 Stunden her

Ich gehe davon aus, dass viele Unternehmer depressiv sind und Stimmungsaufheller nehmen. Insofern ist es wahrscheinlicher, dass die positive Stimmung mehr auf den Konsum von Psychopharmaka, als auf reale Zahlen zurückzuführen sind. Mal im Ernst: Woher soll der Aufschwung denn kommen, auf was soll er fußen? Auf den günstigen Standortdaten (niedrige Energiepreise, moderate Steuer- und Abgabenlasten, erstklassige Bildungseinrichtungen, die hervorragend ausgebildete Menschen hervorbringen, welche die Boomer lückenlos ersetzen können?). Also bitte. Aber gut, es ist Wahlkampf. Der DGB trötet für die SPD, da ist es nur gerecht, dass auch die Kanzlerpartei im DIHK einen Partner hat, der im Interesse der… Mehr

Peter Klaus
2 Stunden her

Man sind die bei VW dumm! Jetzt, wo endlich wieder Licht am Ende des Tunnels sichtbar ist, wollen diese 35.000 Fachkräfte los werden.

Haedenkamp
2 Stunden her

Die deutsche Industrie verliert 2025 rund 124.000 Arbeitsplätze. Das muss der Aufschwung sein. Ja, noch mehr von diesen tollen, kühnen Reformen. Dann stellen wir 2027 einen neuen Rekord auf, der durch die Decke geht.

Dr. Meersteiner
2 Stunden her

Der Kampf gegen Rechts zeigt endlich seine Wirkung und es geht wieder aufwärts! Hurra!

Petra G
2 Stunden her

Und immer feste dran glauben……. !

HansKarl70
2 Stunden her

Wenn sie meinen.

hansgunther
2 Stunden her

Rosarotes Wetterleuchten aus allen Ecken, der konjunkturelle Frühling greift Platz überall. Ja, was ist das, was kann das jetzt sein? Gasmangellage. Papperlapapp. Richtig, Wahlen stehen an, die positiven Meldungen überschlagen sich! Ein jeder Wähler ist aufgerufen, die Regierung für ihre Kühnheit und ihre unverminderten Erfolge mit einem Kreuz zu belohnen! Danach ist wieder Ruhe in der Kiste und die Totengräber machen ihr Ding erneut, ohne mit der Wimper zu zucken. Zu ihrem Vorteil und wie immer zum Nachteil für die Wähler. Der Wähler zuckt dann auch nicht mehr. Geschafft, so geht die echte unsere Demokratie! Selbstverarschung Hand in Hand mit… Mehr

Last edited 2 Stunden her by hansgunther