Es gehe nicht nur um ökonomische Reformen, sondern auch um eine Änderung grundsätzlicher Einstellungen, analysiert der Milei-Kenner Philipp Bagus im Interview. Heute folgten etwa 30 Prozent der Argentinier den Vorstellungen von Präsident Javier Milei und seien liberal respektive libertär
Tichys Einblick: Herr Professor Bagus, der argentinische Präsident Javier Milei konnte bei den Zwischenwahlen einen unerwartet großen Erfolg erzielen. Die Unterstützung der Bürger scheint derzeit groß zu sein. Seit dem Ende der Militärdiktatur in den 1980er-Jahren gab es immer wieder Reformversuche, beispielsweise unter den Präsidenten Menem und Macri, um das Land aus der sozialistisch-peronistischen Umklammerung zu befreien und in Richtung Marktwirtschaft zu führen. Doch diese Reformer scheiterten letztlich, und nachfolgende Regierungen führten das Land wieder auf den sozialistisch-peronistischen Weg zurück. Wie wahrscheinlich ist es, dass es Milei gelingt, Argentinien dauerhaft auf den Weg einer florierenden Marktwirtschaft zu führen?
Philipp Bagus: Die Chancen stehen gut. Zwischen den Reformen Mileis und Macris (2016–2019) beziehungsweise Menems (1989–1999) gibt es erhebliche Unterschiede. Die Reformen von Menem und Macri waren Stückwerk. Menem ging das Problem der überbordenden Staatsausgaben nicht an, und Macri war bei seinen Reformen insgesamt zu graduell und langsam. Beide haben jedoch versäumt, den erforderlichen Kulturkampf zu führen, um bei der breiten Bevölkerung das Verständnis für Reformen zu verfestigen. Milei führt diesen Kulturkampf, mit der Konsequenz, dass circa 30 Prozent der Wähler zu Liberalen respektive Libertären geworden sind – eine Entwicklung, die für Deutschland derzeit noch undenkbar ist, zumal es hierzulande auch keine echte libertäre Partei gibt. Insbesondere bei den jüngeren Wählern ist die Unterstützung für Milei sehr groß. Deshalb bin ich sehr optimistisch, was das Gelingen des Milei’schen Reformprojekts betrifft, zumal das Milei’sche Denken auch in anderen Ländern Südamerikas (Bolivien, Ecuador, Chile) an Einfluss gewonnen hat. So hat etwa Ecuador mehrere Ministerien gestrichen oder zusammengelegt.
Wie vulnerabel ist der Reformpfad Argentiniens heute gegenüber externen Schocks, etwa einer lateinamerikanischen Schuldenkrise, einem überraschend starken Dollar oder global ansteigenden Zinsen?
Im Oktober 2025 kündigte die US-Regierung unter Donald Trump ein 40 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für Argentinien an. Die eine Hälfte wurde über den „Exchange Stabilization Fund“ finanziert, über den das US-Finanzministerium direkt entscheiden kann. Dabei wird der Peso über eine Swap-Linie und durch direkte Interventionen am Markt gestützt. Die andere Hälfte sollte von Banken und Investmentfonds bereitgestellt werden. Es heißt, dass JPMorgan hier die Strippen zieht. Nun hat jedoch JPMorgan-Chef Jamie Dimon verkündet, dass Argentinien stark genug sei und möglicherweise keine Kreditlinie benötige. Wie beurteilen Sie diese Aussage? Kommt Argentinien ohne diese zusätzliche Unterstützung aus?
Argentinien benötigte die Hilfslinie, um die Währungsstabilität zu gewährleisten. Nachdem die Peronisten im Vorfeld der Zwischenwahlen eine lokale Wahl in der Region Buenos Aires gewonnen hatten, stieg die Risikoprämie auf über 1500 Basispunkte. Dies spiegelte das politische Risiko wider, dass Milei die Zwischenwahlen verlieren könnte. Das hätte womöglich das Ende seiner Regierung bedeutet. Nach dem erfolgreichen Ausgang der Zwischenwahl sank die Risikoprämie schlagartig auf etwa 600 Basispunkte, wodurch sich die Situation entspannte. Insofern werden für den aktuell relevanten Zweck der Absicherung des Währungskurses erst einmal keine weiteren Kredite benötigt.
Als klassische liberale Partei in der Bundesrepublik gilt die FDP, die jedoch sehr stark von Lifestyle-Liberalen unterwandert ist. Dann ist da noch die AfD, über die der frühere Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn kürzlich in einem Interview urteilte: „Nein, die ist nicht wirtschaftsfeindlich. Im Gegenteil, sie ist sehr wirtschaftsfreundlich.“ Würden Sie als Liberaler Ihre Hoffnungen auf eine dieser Parteien setzen?
Die AfD ist sehr an den Milei’schen Reformen interessiert. Ich erhalte mehrere Einladungen, dort zu über den Ansatz von Milei zu sprechen. Offenbar gibt es dort Bestrebungen, den libertären Gedanken zu stärken.
Kürzlich wurde ein neuer Verein gegründet, der demnächst zu einer Partei werden soll. Das von Frauke Petry und Thomas Kemmerich mitgegründete „Team Freiheit“ möchte die politische Elite durch eine ökonomische ersetzen. Der Verein wirbt offensiv mit dem Slogan „Sozialstaat abschaffen“ und will außerdem Bürokratie abbauen und NGOs bekämpfen. Wie beurteilen Sie die Erfolgschancen einer solchen Partei? Ist Deutschland schon reif für die Kettensäge?
Generell ist die Zeit in Deutschland reif für die Kettensäge, denn es gibt eine Mehrheit gegen links, die sich aufgrund der Brandmauer jedoch nicht in politische Mehrheiten umwandeln lässt. Ob das mit einer neuen Partei von ganz unten klappt, bleibt abzuwarten. Allerdings gibt es auch in anderen Parteien Bestrebungen, zu libertären Parteien zu werden.
Dieses Institut steckt noch in den Kinderschuhen. Ich glaube jedoch nicht, dass es das Ziel ist, eine breite Masse zu erreichen. Das Institut sieht sich vielmehr in der Position, als „Thinktank“ Vorschläge für eine Deregulierung in Europa auszuarbeiten. Ich arbeite jetzt beim Milei-Institut, unter anderem weil man mich gebeten hat, dafür zu garantieren, dass nichts unternommen wird, was den Vorstellungen von Javier Milei widerspricht.
Milei sprach in Bezug auf Argentinien stets von einer „politischen Kaste“, die vom System profitiere und ihre Privilegien verteidige. Erkennen Sie ähnliche Strukturen, wenn Sie auf Deutschland und die EU blicken? Glauben Sie, dass grundlegende Reformen ohne eine ähnlich offene Konfrontation mit dieser „Kaste“ überhaupt möglich wären?
Es wird ein langer Weg sein. Doch das Beispiel Argentiniens zeigt, dass es möglich ist. Bis Milei erschien, verfolgten praktisch alle Parteien Spielarten des Peronismus. Inzwischen hat sich das Land jedoch völlig verändert. In Deutschland hat die „Linke“ mit absurden Maßnahmen wie der Identitätspolitik, dem Ausstieg aus der Kernkraft und der Destabilisierung der wichtigen Autoindustrie überzogen. Eine Konfrontation zwischen der Politikerkaste und den Steuerzahlern ist unumgänglich. Das war für den Erfolg von Milei ganz entscheidend. Dies betrifft, wie in Argentinien, auch Nichtregierungsorganisationen und Medienbetriebe.
Argentinien hat die Folgen von Inflation und Staatsverschuldung in extremer Form erlebt – eine Erfahrung, die sich viele Deutsche kaum vorstellen können. Inwiefern ist das, was Argentinien hinter sich lässt, auch eine Warnung für den Euroraum? Erkennen Sie Parallelen zur Politik der EZB und der Bundesregierung in Bezug auf Inflation und die schleichende finanzielle Repression der Sparer? Sehen Sie eine Parallele zwischen der wachsenden Abhängigkeit der EU-Staaten von der Politik der EZB einerseits und der jahrzehntelangen Abhängigkeit Argentiniens von den Programmen des IWF und der internationalen Kreditfinanzierung andererseits? Könnte ein erfolgreicher argentinischer Kurs zeigen, dass ein Ausstieg aus dieser Logik auch für Europa möglich ist?
Das Grundprinzip ist dasselbe. Das staatliche Geldsystem dient der Finanzierung des Staates. In Argentinien war die Inflation jedoch deutlich höher als in Europa. Inflation verschleiert die tatsächlichen Ausgaben. Milei hat den Bürgern dies immer wieder erläutert. Auch die Bürger in Europa würden die überbordenden Ausgaben nicht akzeptieren, wenn sie diese vollständig über Steuern finanzieren müssten. In Europa ist die Situation jedoch etwas anders, da die Zentralbank für mehrere Staaten zuständig ist. Dadurch entsteht ein Anreiz, sich auf Kosten anderer zu bedienen. In meinem Buch „Die Tragödie des Euro“ bezeichne ich dies als die Tragödie der Allmende. Wenn der Euro überlebt, dann vermutlich als Weichwährung.
Gelegentlich wird der Einwand gegen Mileis Wirtschaftspolitik vorgebracht, dass auch er, wie fast alle seine Vorgänger, lediglich die Geldmenge ausweitet. Was ist dran an diesem Vorwurf?
Milei hat nach seinem Amtsantritt einen gewissen Korridor festgelegt, innerhalb dessen sich der Peso gegen- über dem US-Dollar bewegen soll. Im April 2025 lag dieses Band bei 1000 bis 1400 Peso pro Dollar. Seitdem steigt der obere Wert um ein Prozent, und der untere Wert wird um ein Prozent abgesenkt. Javier Milei und sein Wirtschaftsminister Luis Caputo haben kürzlich bekräftigt, dass sie diesen Rahmen auf Dauer verteidigen werden. Die Regelung soll bis zu den Präsidentschaftswahlen 2027 gelten, bei denen Milei voraussichtlich seine Wiederwahl anstreben wird. Kritiker bemängeln, diese Regelung verhindere, dass vermehrt ausländische Investitionen in Argentinien getätigt werden. Auch Sie haben sich in der Vergangenheit kritisch über das Währungsband geäußert. Wie sehen Sie es heute?
Ich verstehe die Intention. Wenn der Wert des Peso fällt, dann flüchten viele Argentinier in den Dollar, wodurch das Vertrauen weiter verloren geht und die Abschwächung des Peso noch weiter verstärkt wird. Das ist tendenziell destabilisierend. Der Mechanismus dient zusammen mit den Dollarreserven, die man für eine Intervention nutzen kann, zur Stabilisierung des Wechselkurses und damit auch der Inflationserwartungen und letztlich der Teuerung. Meine Empfehlung wäre, sich bei den USA einen Kredit zu beschaffen, auf eine 100-Prozent-Reservedeckung umzustellen und das Währungssystem vollständig zu dollarisieren. Dann kann auch die Zentralbank abgeschafft werden. Dazu fehlen derzeit aber die politischen Mehrheiten. Allerdings wäre es auch im Interesse der Vereinigten Staaten, einen solchen Schritt zu begleiten, da die aktuelle Doktrin der USA versieht, Südamerika nicht den Chinesen zu überlassen und den Einfluss von Staaten wie Venezuela und Brasilien zu beschränken.
Wie geht es nach dem deutlichen Sieg bei den Zwischenwahlen weiter? Wird Präsident Javier Milei weitere große Reformvorhaben wie die Dollarisierung oder die Abschaffung der Notenbank anstoßen, oder wird er bis zu einem möglichen Gewinn der Präsidentschaftswahlen von weiteren einschneidenden Schritten absehen?
Für Milei hat sich nun ein Zeitfenster geöffnet, um wichtige Reformen in die Wege zu leiten. Durch seinen Triumph bei den Zwischenwahlen wird er moderate Parteien auf seine Seite ziehen können. Der Druck auf diese ist so groß, dass sie sich dem nicht widersetzen können. Konkret sind eine Reform des Arbeitsmarkts, eine Steuerreform, eine Strafrechtsreform und eine Bildungsreform geplant. Und im Falle weiteren Wachstums sollen die Steuern weiter gesenkt werden, da Milei die Ausgaben nicht erhöhen wird. Eine Dollarisierung oder gar die Abschaffung der Zentralbank wird er allerdings wohl nicht vor den nächsten Wahlen durchsetzen können.
Philipp Bagus, Jahrgang 1980, studierte in Münster und Madrid. Seit 2020 ist er Titularprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universidad Rey Juan Carlos. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geld- und Konjunkturtheorie. Er ist Fellow des Mises Institute (USA), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Ludwig von Mises Instituts Deutschland und des Liberalen Instituts in der Schweiz, IREF-Stipendiat und Autor zahlreicher Bücher. Sein Buch „Anti-Rallo“ wurde zum libertären Buch des Jahres 2023 gekürt. Er ist ein Vertrauter von Javier Milei und hat dessen Reformen in seinem viel gelobten Buch „Die Ära Milei“ analysiert. 2016 erhielt er den Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik. Bagus ist zudem Verwaltungsratspräsident von Elementum International.
Philipp Bagus, Die Ära Milei. Argentiniens neuer Weg. LMV, Klappenbroschur, 264 Seiten, 22,00 €





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