Echtzeit-Daten zeigen: Die Straße von Hormus bleibt blockiert

Für die europäischen Staaten ist diese Entwicklung absolut beunruhigend: Noch immer befahren keine beladenen Mega-Tanker die Straße von Hormus, wie die Echtzeit-Daten von marinetraffic.com belegen – die Meerenge bleibt also auch nach den Waffenstillstands-Aussagen blockiert.

picture alliance / Anadolu | Shadi J. H. Alassar
Ein Schiff wartet darauf, die Straße von Hormus zu passieren, Oman, 08.04.2026

Aktuell hat die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtet, der Iran habe den Schiffsverkehr durch die wichtige Meerenge aus Protest über die israelischen Angriffe im Libanon wieder eingestellt. Nach Angaben von Fars passierten nur zwei Öltanker die Straße von Hormus seit Beginn der Waffenruhe.

Die Situation für alle Industriestaaten verschärft sich nun dramatisch: Die aktuelle Ölkrise infolge des Krieges im Nahen Osten und der weitgehenden Blockade der Straße von Hormus entfaltet ihre volle Wucht nämlich mit Verzögerung – weil Öl mit Schiffen transportiert wird, die langsam über die Weltmeere ziehen. Diese Verzögerung ist der Grund, warum viele die Versorgungssituation in den kommenden Monaten noch falsch einschätzen, warnen die Analysten von Armstrong Economics auf X.

Vor Ausbruch des Krieges der USA und Israels gegen den Iran flossen täglich 20,7 bis 20,9 Millionen Barrel Rohöl, Kondensat und Erdölprodukte durch die Straße von Hormus – darunter etwa 14,7 Millionen Barrel Rohöl und Kondensat sowie 6,1 Millionen Barrel Produkte. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht inzwischen von der „größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“. Die Durchflussmengen sind auf ein Rinnsal geschrumpft, Golf-Staaten haben ihre Förderung um mindestens 10 Millionen Barrel pro Tag gedrosselt, und nahezu 20 Millionen Barrel tägliche Exporte sind ausgefallen.

Der unsichtbare Puffer: Öl, das schon unterwegs war

Was das System derzeit noch abfedert, sind die Tankerladungen, die vor der vollständigen Blockade beladen wurden. Reuters berichtete, dass allein der Iran nach den Angriffen vom 28. Februar etwa 13,7 Millionen Barrel Rohöl exportierte. Diese bereits auf See befindlichen Ladungen wirken als temporärer Puffer.

Die IEA wies zudem darauf hin, dass die beobachteten globalen Ölvorräte im Januar bei 8,21 Milliarden Barrel lagen – davon etwa 25 Prozent „Öl auf dem Wasser“, also 2,05 Milliarden Barrel in Transit oder schwimmender Lagerung. Von diesem schwimmenden Vorrat lebt die Welt derzeit. Doch diese Überbrückung endet irgendwann.

Warum der Schmerz erst später ankommt

Tankerschiffe teleportieren nicht: Eine Ladung aus dem Persischen Golf nach Japan braucht normalerweise 20 bis 30 Tage. Nach Europa über den Suezkanal etwa 19 Tage. Müssen die Schiffe nun um das Kap der Guten Hoffnung herumfahren, verlängert sich die Route vom Persischen Golf nach Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen auf fast 35 Tage. Auch Produktladungen aus dem US-Golf nach Japan (etwa nach China) haben derzeit zusätzliche Verzögerungen – je nachdem, ob sie Panama, Suez oder das Kap nutzen.

Genau diese Transportverzögerung schönt die Realität: Die letzten „normalen“ Lieferungen werden derzeit noch verbraucht. Sobald diese Puffer aufgebraucht sind, wird der echte Mangel spürbar – an den Tankstellen, in der Industrie und in den Haushalten.

Der Markt spricht bereits Klartext: Während die Brent-Futures nur einen Teil der Geschichte erzählen, zeigt der physische Markt bereits Panik. Europäische und asiatische Raffinerien zahlen für sofort lieferbares Rohöl teilweise 150 Dollar pro Barrel. North Sea Forties erreichte kürzlich 146,09 Dollar. Dated Brent notiert fast 20 Dollar über den Juni-Futures. Europäisches Kerosin (Jet Fuel) liegt bei 226,40 Dollar pro Barrel, Diesel bei etwa 203,59 Dollar.

Das ist die brutale Logik eines plötzlichen Ersatzbedarfs: Raffinerien müssen fehlende Golf-Barrel durch teurere Alternativen aus der Nordsee, Westafrika, Brasilien oder den USA ersetzen. Alle bieten gleichzeitig auf das selbe knappe Ersatzangebot – und treiben die Preise in die Höhe.

Die Verzögerung durch die Schifffahrt bedeutet: Der wahre Schock steht noch bevor. Sobald die letzten noch vor der Nahostkrise beladenen Tanker entladen sind und die Umwege um das Kap der Guten Hoffnung zur neuen Normalität werden, wird der Versorgungsmangel unübersehbar.

Globale Inflation, höhere Transportkosten, Produktionsausfälle in der Industrie und steigende Preise für Heizöl, Diesel, Benzin und Flugkerosin sind dann nicht mehr nur eine Prognose, sondern Alltag. Die IEA warnt bereits vor den schwerwiegendsten Folgen seit Jahrzehnten. Wer heute nur auf die Zapfsäulen-Preise schaut und glaubt, das Schlimmste sei vorbei, ignoriert die langsame Fahrt der Tanker über die Weltmeere: Die Krise ist nicht vorbei, sie hat eben erst begonnen, ihre volle Wucht zu entfalten.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 7 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

7 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Eddy08
38 Minuten her

Wie lange geht der Krieg jetzt? 6Wochen? Früher waren die Geschäftsleute flexibler und pragmatischer. Heute steht man halt im Stau…anstatt den Tanker auf eine andere Route zu schicken

Yani
43 Minuten her

Haben sich die hiesigen Israelapologeten denn schon einen positiven Spinn für den Terrorangriff Israels auf Beirut und die dadurch initiierte Sabotage der Waffenruhe zurecht gelegt?

humerd
48 Minuten her

in Europa gäbs ja Erdöl und Erdgas und Pipelines. Erlaubt aber Herr Selenskyi nicht

Haba Orwell
52 Minuten her

> Globale Inflation, höhere Transportkosten, Produktionsausfälle in der Industrie und steigende Preise für Heizöl, Diesel, Benzin und Flugkerosin sind dann nicht mehr nur eine Prognose, sondern Alltag. Die IEA warnt bereits vor den schwerwiegendsten Folgen seit Jahrzehnten.

Wieso soll ich das alles für Herrn Netanjahu akzeptieren – oder sonst jemand in Westeuropa? Eigene Interessen (pures Überleben) sind viel wichtiger.

bernstedter
55 Minuten her

Die Straße könnte offen sein würde Israel der Agressor nicht weiter andere Länder mit Raketen beschießen!
Der Angriffskrieg wäre nicht mal enstanden würde die jüdische AIPAC nicht die USA Regierung kontrollieren!

Memphrite
55 Minuten her

Es sollte so dort stehen:
 
Echtzeit-Daten zeigen: Die Straße von Hormus bleibt blockiert, weil Israel durch seine barbarischen Bombardierungen von Wohnhäusern in Beirut das Waffenstillstandabkommen zwischen USA/ Iran gebrochen/ nicht einhält.
 
Solange Israel nicht endlich mit internationalen Sanktionen zur Vernunft gebracht wird, wird dieser Apartheitsstaates weiterhin seine Nachbarn terrorisieren.
Alle Unterstützer dieses Apartheitsstaates sollen dementsprechend kein Öl und Gas erhalten. Hier an erster Stelle Deutschland.

BeastofBurden
1 Stunde her

Deswegen: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das iranische Regime kollabiert ohne Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl schneller, als der Westen wegen zu hoher Energiepreise zusammenbricht.