Warnsignale aus den USA: Investoren gehen in Deckung

Die üblichen Verdächtigen für Sorgen bleiben uns treu: Brexit, Zolldrohungen, Chinas nachlassende Nachfrage, Immobilienblase. Doch jetzt kommt eine weitere Sorge hinzu: Umfragen zeigen einen neuen Pessimismus in US-amerikanischen Unternehmen.

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Mit vielen Schreckensszenarien haben sich Anleger arrangiert. In Europa droht ein harter Brexit, Donald Trump schwingt die Zollkeule — nach Westen Richtung China, nach Osten Richtung Europa. Die Wirtschaft der Eurozone schwächelt, die Konjunktur der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, China, hat Fehlzündungen. Nun aber schiebt sich eine weitere Bedrohungskulisse ins Bild: Die Nummer eins gerät offenbar ebenfalls ins Straucheln. Aus Industrie und verarbeitendem Gewerbe der USA werden Warnsignale gegeben, die einschlägigen Indikatoren notieren auf einem Niveau, das zuletzt im Sommer 2009 aufschien. Im Dienstleistungsbereich scheint sich die Schwäche jetzt ebenfalls zu manifestieren. An der Wall Street gingen Investoren in Deckung, in Frankfurt taten sie es ebenfalls. Der DAX hat eingebüßt und ist unter die 12 000-Punkte-Marke abgetaucht. Es ist indes noch vertrautes Terrain, erst Anfang September hatte der Index die Marke zurückerobert. Technisch ist alles okay: Die Notenbanken drehen den Geldhahn weiter auf. Viele wetten bereits darauf, dass die Fed großzügiger wird.​

Vielleicht auch deshalb setzten die US-Aktienmärkte am Freitag ihren Erholungskurs vom Vortag fort. Es war zugleich das versöhnliche Ende einer verlustträchtigen Woche. Im Anlegerfokus standen die US-Arbeitsmarktdaten, die Licht und Schatten zeigten. Positiv war die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren sank. Die Lohnentwicklung war jedoch hinter den Prognosen zurückgeblieben.

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Der Dow Jones Industrial schloss jedenfalls knapp unter seinem Tageshoch mit einem Gewinn von 1,4 Prozent bei 26.574 Punkten. Wegen der heftigen Verluste am Dienstag und Mittwoch resultierte daraus jedoch ein Wochenminus von knapp einem Prozent. Der marktbreite S&P 500 gewann am Freitag ebenfalls 1,4 Prozent auf 2.952 Punkte. Für den technologielastigen NASDAQ 100 ging es um 1,5 Prozent auf 7.754 Zähler aufwärts.

Nach Einschätzung von LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert ist der US-Arbeitsmarktbericht insgesamt zu stark ausgefallen, um von einer drohenden US-Rezession zu sprechen. Allerdings dürfte sich die Notenbank Fed schwer tun, aus den Daten eindeutige Schlüsse zu ziehen. Unter dem Strich sollte die verhaltene Lohnentwicklung den Währungshütern Raum geben, ihre Geldpolitik bei Bedarf weiter zu lockern. Ende Oktober findet die nächste Zinssitzung statt.

In diesem Jahr hat die Fed ihren Leitzins bereits zweimal gesenkt. In der abgelaufenen Woche signalisierten jedoch wichtige Unternehmensumfragen, dass die Schwäche der US-Industrie auf den großen Dienstleistungssektor übergreift. Ökonomen sehen hierin eine große Konjunkturgefahr, weil die Dienstleister bisher als Wachstumsstütze galten.

Bei den Einzelwerten standen die Apple-Aktien mit plus 2,8 Prozent ganz oben im Dow und näherten sich damit wieder ihrem Rekordhoch vom vergangenen Oktober. Konzernchef Tim Cook hatte sich optimistisch zur weiteren Geschäftsentwicklung des Elektronikkonzerns geäußert: Er rechnet mit einem neuen Wachstumszyklus für Smartphones und zeigte sich zufrieden über die Verkäufe der neuen iPhone-Modelle. Zudem berichtete die japanische „Nikkei Asian Review“ ohne Quellenangaben, die Nachfrage nach dem neuen iPhone 11 sei stärker als angenommen.

Bei den Aktien von HP kam es dagegen zu einem Kursabschlag von knapp zehn Prozent. Analysten hatten sich zurückhaltend zu den Umstrukturierungsplänen des PC- und Druckerherstellers geäußert. Das Unternehmen will 7000 bis 9000 Stellen streichen und damit sowie mit anderen Maßnahmen jährlich rund eine Milliarde US-Dollar einsparen.

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Die Reihe von schlechten Konjunkturnachrichten reißt in Europa vorerst qnicht ab. So rechnet nun auch die Welthandelsorganisation (WTO) für das laufende Jahr mit einem deutlich schwächeren globalen Warenverkehr. Der Handel dürfte nur noch um 1,2 Prozent zulegen, teilte die WTO mit. Bisher hatte sie noch mit 2,6 Prozent Wachstum gerechnet. Damit senkte die Organisation ihre Prognose um mehr als die Hälfte. Und auch die wichtigsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognose nach unten korrigiert. Waren sie im Frühjahr noch im Schnitt von einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands um 0,8 Prozent für 2019 ausgegangen, sind es nun nur noch 0,5 Prozent. In der Herbstprognose vor einem Jahr hatten die Volkswirte noch mit einem Plus von 1,9 Prozent gerechnet.

Die Geldpolitik sei für die Börsen momentan von hoher Bedeutung, sagte der unabhängige Marktanalyst Timo Emden: „In dem durch den Handelsstreit von Unsicherheit geprägten Marktumfeld hat die Hoffnung auf weitere Zinssenkungsmaßnahmen der Fed weitere Verluste verhindert.“ Die Federal Reserve entscheidet Ende Oktober das nächste Mal über den Leitzins. Am Markt wird überwiegend mit einer Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt gerechnet.

Gleichzeitig linderte die unerwartet gesunkene Arbeitslosenquote in den USA die an den Börsen umgehenden Konjunktursorgen. Der Preis für das in Krisenzeiten genutzte Gold drehte daraufhin ins Minus. Das Edelmetall verbilligte sich um 0,4 Prozent auf 1499 Dollar je Feinunze. Europas Anleger stellen sich angesichts eines abgeschwächten Booms am US-Arbeitsmarkt auf weitere Zinssenkungen der Notenbank Fed ein. Der deutsche Leitindex kam am Freitagnachmittag deshalb in Schwung und schloss mit einem Plus von 0,7 Prozent bei 12.012 Punkten.

Im Brexit-Streit sind die Fronten nach wie vor verhärtet. EU-Parlamentspräsident David Sassoli hält die neuen britischen Ideen für absolut unzureichend. „Zumindest in ihrer gegenwärtigen Form sind die britischen Vorschläge nicht mal ansatzweise eine Grundlage für ein Abkommen, dem das Europäische Parlament zustimmen könnte“, sagte Sassoli dem Spiegel.

Von wegen kaum Inflation
Geldentwertung findet da statt, wo die Statistiker nicht hinblicken
Mit welchen Titeln kommen Anleger durch den Abschwung? Media Tenor International hat die Analystenzitate in Leitmedien wie Financial Times und Wall Street Journal zwischen Juli und September untersucht. Dabei zeigen sich manche Überraschungen. „Klassischerweise würde man in einer Rezession positive Einschätzungen für Nahrungsmittel, Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs und Unternehmen mit stabilen Cashflow-Modellen erwarten“, so Matthias Vollbracht, Leiter Research bei Media Tenor. Zu den Aktien mit den höchsten Positiv-Einschätzungen gehören aber nicht nur Titel wie Wirecard, Alphabet, Deutsche Telekom, Deutsche Post und Snap Chat. Auch Airbus, Siemens, SAP und Volkswagen haben einen Positiv-Saldo von mehr als 34 Prozentpunkten. Offenbar setzen die Analysten darauf, dass Airbus-Flieger trotz Nachhaltigkeitsdiskussion eine große Zukunft haben und der strategische Elektro-Schwenk bei Volkswagen aufgeht. Damit liegen die Einschätzungen zu VW deutlich über denen von Tesla (minus 18,5). Dass Technologie an sich kein Kurstreiber ist, zeigt der Negativsaldo bei Apple(minus 4,9), oder Netflix (minus 32). „Und auch bei Nahrungsmittelwerten heißt es genau hinzuschauen“, so Vollbracht. „Nestlé kann inzwischen ein positives Sentiment verbuchen, Kraft Heinz zählt zu den Verlierern.“ Die schlechtesten Wertungen unter den 50 am meisten diskutierten Aktien haben neben Kraft Heinz Intu Properties, GeneralMotors und Boeing. Wenig positiver sind die Einschätzungen zu Drillisch, Fuchs Petrolub, Cathay Pacific oder auch Ford.

Kritiker bemängeln seit Langem, dass die Niedrigzinspolitik der EZB für Verwerfungen auf den Kapitalmärkten sorge. Am Freitag meldeten sich fünf frühere Notenbanker in diesem Sinn mit einem Memorandum gegen die EZB.

Warnzeichen sendet nun der UBS Global Real Estate Bubble Index. Die jährliche Studie untersucht die Situation der Immobilienmärkte von Metropolen weltweit. Ergebnis: In den vergangenen vier Quartalen haben die Ungleichgewichte am Immobilienmarkt vor allem in der Eurozone zugenommen. Das Risiko für eine Immobilienblase wächst, am schlimmsten ist es in München. „Keine andere Stadt der Welt ist dem Risiko einer Immobilienblase so klar ausgesetzt wie München“, so Maximilian Kunkel, UBS-Chefanlagestratege Deutschland. Danach folgen im Ranking Toronto, Hongkong, Amsterdam und Frankfurt.​


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Die Deutschen sind einfach zu exportlastig und das kann sich bei wirtschaftlichen Verwerfungen extrem negativ auswirken, die Chinesen leben wiederum von der äußeren Auftragslage und haben ca. 350 Mill. Wanderarbeiter, die nur in Lohn und Brot gehalten werden können, wenn der Auftragseingang stimmt, ähnlich wie bei uns, nur in anderen Dimensionen und demzufolge hat Trump recht, wenn er den heimischen Markt stärker machen will, denn Abhängkeiten durch globale Aktivitäten können sich bei Verwerfungen schneller und übler auswirken und wenn das Kapital anfängt vorsichtig zu werden, dann ist das immer ein Alarmzeichen und bei uns setzt man immer noch auf die… Mehr

Das Gegenteil machen was Analysten so sagen und man dürfte nicht so schlecht fahren.

Bald bricht sich der Realismus kalte Bahn und die Schneeflocken werden schmelzen.

Kann es denn nicht auch sein, dass die EU mehr Angst vor einem Brexit hat als England selbst? Und aus Amerika vernehme ich auch andere Dinge – Arbeitslosenzahlen auf niedrigstem Stand, Firmen investieren, Geld fürs Militär auch da.

America first scheint doch in USA zu zünden.

Nun, in Deutschland war Amerika und fast alle anderen europäischen Länder, vor allem Frankreich und Großbritannien, mindestens suspekt. Das haben schon damals viele mit der Muttermilch aufgesogen und, wie es für Deutsche nicht unüblich ist, selten hinterfragend an die nächste Generation weitergegeben. Und diese Denke schwingt heute auch bei vielen Autoren mit. Das erlebe ich bei jedem Gespräch, wenn die USA auch nur leicht erwähnt werden. Je weiter links der Gesprächspartner verortet ist, desto heftiger die Kritik ( Nr. 1: die haben keine Krankenversicherung) und Vorbehalte. Gegenargumente werden per se in Richtung fake abgeschoben. Dies gilt auch für vermeintlich solche,… Mehr

In den letzten Tagen sah ich einen Artikel, laut dem Brexit den Rest der britischen Autoindustrie vernichten wird, da 80% der Autos exportiert werden – 60% in die EU. Außerdem werden viele Lieferketten unterbrochen – mit Zöllen lohnen sie sich nicht mehr.

In den anderen Branchen wird es wohl kaum anders laufen.

kurz noch zwei Zahlen zum Handel UK /DAutos und Teile (2017) :
deutsche Exporte nach UK : 22.7 Mrd.
deutsche Importe von UK: 4,2 Mrd.
Handelsdefizit : 18,5 Mrd.
Frage: wer hat wohl mehr zu verlieren?

Hans Werner Sinn, vormals ifo-Inst. München hält den Brexit aus ökonomischer Sicht für eine Katastrophe. Für GB und für die EU. Ich auch. Hoffentlich wird das nochmal abgewendet.

Toyota und Suzuki investiern gerade in großen Maßstab in UK und wollen dort
Hybrid Fahrzeuge für den europäischen Markt bauen.
https://www.theguardian.com › business › mar › toyot…
Es werden viele Horrormeldungen von den Gegnern des Brexit produziert. Und wenn sie Exporte von UK in die EU anführen dann sollten sie der Vollständikeit auch die Exporte von PKW aus Deutschland nach UK erwähnen und dass UK einer der wichtigsten Absatzmärkte für deutsche PKW ist. Und Zölle wirken in beide Richtungen. Warten wir doch einfach ab.