Schlechtestes Börsenjahr seit 2008

Anleger haben im zu Ende gehenden Jahr an den Aktienmärkten viel Geld verloren. Der Überfall Russlands auf die Ukraine, die sich beschleunigende Inflation und rapide steigende Zinsen erwischten sie auf dem falschen Fuß.

IMAGO / Westlight

Wichtige Aktien-Indizes von New York über Frankfurt bis Schanghai gaben im zweistelligen Prozentbereich nach. Sogar konservative Aktien wie die Versicherungsriesen Allianz und Münchner Rück oder die Schweizer Blue Chips Nestlé oder Roche verbuchten deutliche Kursrückgänge. Die Kursentwicklung einiger Titel erinnert an das Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende: So hat der Elektroautobauer Tesla 2022 drei Viertel seines Kurswerts verloren. Risikoreiche Märkte wie jener für Kryptowährungen stehen inzwischen nach der spektakulären FTX-Pleite am Abgrund. Börsengänge sind eine Seltenheit geworden, Startups, die jüngst noch mit Kapital überschwemmt wurden, haben inzwischen große Mühe, Geldgeber zu finden. Im Silicon Valley wurde erstmals in großem Stil Personal freigesetzt. Die Kursverluste bei den Lieblingen der vergangenen Jahre wie Apple oder Microsoft belaufen sich auf mehr als ein Viertel. Mit Blick auf die großen Aktienmärkte schloss nur der britische FTSE 100 im Plus. Er hängte im Jahresverlauf wegen seiner zahlreichen Öl- und Gaswerte die anderen Börsen ab und verzeichnet einen Gewinn von rund einem Prozent.

Da passt ins Bild, dass der Aktienmarkt am letzten Handelstag eines enttäuschenden Börsenjahres einmal mehr etwas schwächer schloss. Der Leitindex Dow Jones Industrial verlor letztlich 0,2 Prozent auf 33.147 Punkte. Der marktbreite S&P 500 gab um 0,3 Prozent auf 3.840 Punkte nach. Beim technologielastigen Nasdaq 100 belief sich der Abschlag am Ende des Tages auf 0,1 Prozent auf 10.940 Zähler. Alle drei Indizes verbuchten im Monat Dezember hohe Verluste, allein der Nasdaq 100 rutschte um gut neun Prozent ab. Noch düsterer fällt die Jahresbilanz aus: 2022 war das schwächste Börsenjahr seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008. Für den Dow ging es um 8,8 Prozent bergab. Beim S&P 500 steht ein Verlust von 19,4 Prozent zu Buche. Der Nasdaq 100 verlor rund ein Drittel. Im Dow waren 2022 mit dem Chiphersteller Intel und dem Cloudsoftware-Spezialisten Salesforce bezeichnenderweise zwei Techwerte die größten Verlierer mit Einbußen von rund 49 beziehungsweise fast 48 Prozent. Chevron nahmen mit einem Zuwachs von 53 Prozent die Spitzenposition ein. Als Ölkonzern profitierte das Unternehmen von den hohen Energiepreisen. Am Freitag gewannen sie 0,7 Prozent.

Der Dax hate zuvor am letzten Handelstag des Jahres nach einem zweiwöchigen Hin und Her unter der Marke von 14.000 Punkten geschlossen. Das deutsche Börsenbarometer ging bei sehr dünnen Handelsumsätzen mit einem Abschlag von 1,1 Prozent auf 13.924 Zählern aus dem Jahr. Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar von RoboMarkets empfahl passend zum schwachen Handelsschluss, das gesamte Börsenjahr 2022 „einfach abzuhaken“, aber den Optimismus zu behalten. Denn auch wenn der Start in das Jahr 2023 holprig sein werde, sollte „die Reise an der Börse in den kommenden Jahren wieder nach oben gehen“. In der Wochenbilanz zeigte sich der deutsche Leitindex zwar weitgehend stabil, für den Monat Dezember indes verzeichnete er ein Minus von 3,3 Prozent. Auf das Jahr gerechnet büßte der Dax letztlich 12,3 Prozent ein und verbuchte so das schlechteste Börsenjahr seit vier Jahren. 2021 hatte er noch einen Gewinn von knapp 16 Prozent eingefahren. Der MDax beendete den Freitag 1,3 Prozent tiefer bei 25.118 Punkten, was für den Index der mittelgroßen Werte im Gesamtjahr ein Minus von 28,5 Prozent bedeutet.

Unternehmensseitig wurde zum Jahresende allenfalls noch etwas „Window Dressing“ betrieben. Zalando und Vonovia zählten zu den schwächeren Dax-Werten des Tages. Diese zwei haben im Gesamtjahr etwa die Hälfte an Wert eingebüßt und damit die größten Verluste unter den Dax-Mitgliedern eingefahren. Beiersdorf dagegen hielt sich mit minus 0,2 Prozent am Freitag vergleichsweise stabil und zählt auch im Gesamtjahr zu den Favoriten mit einem Plus von knapp 20 Prozent. Die beiden größten Jahresgewinner aus in den drei bekannten Indizes Dax, MDax und SDax sind indes Rheinmetall mit plus 124 Prozent und PNE einem Anstieg um mehr als 150 Prozent. Bei Windparkentwickler PNE lieferten die Energiewende, höhere Strompreise sowie Übernahmefantasie Auftrieb. Der Rüstungskonzern profitierte von der Aussicht auf reichlich Aufträge durch steigende Wehretats westlicher Länder infolge des Ukraine-Krieges. Auch Titel anderer internationaler Rüstungsunternehmen wie BAE Systems, Lockheed Martin oder Thales sind in diesem Jahr gut gelaufen.

Während Anleger weltweit aus Wachstumsbereichen wie Technologie flüchteten, erlebten ehemals unpopuläre Branchen ein unerwartetes Comeback. Einige Titel aus unterschiedlichen Ländern und Sektoren stehen exemplarisch für das Aktienjahr 2022.Beginnen wir mit dem erfreulichen: Auf Handtaschen von Louis Vuitton oder Parfums von Christian Dior will man anscheinend auch in einem Umfeld von hoher Inflation nicht verzichten. So wuchs der Umsatz des französischen Luxuskonzerns LVMH 2022 zweistellig. Dabei war nicht der chinesische Markt der Wachstumsmotor – dieser fiel wegen Covid-Restriktionen als solcher aus –, sondern Europa. Die Aktien verloren im Jahresverlauf zwar leicht an Wert, mit einer Börsenkapitalisierung von 347 Milliarden Euro ist LVMH aber dennoch Europas wertvollster Konzern; LVMH-Chef Bernard Arnault hat Elon Musk als reichsten Menschen der Welt abgelöst.

Wenige Investoren hatten Anfang Jahr Ölförderer wie Occidental Petroleum auf ihrer Kaufliste. Wegen des Ukraine-Kriegs und den Preiserhöhungen auf dem Spotmarkt im Zuge der Rußland-Sanktionen konnten aber die Aktien traditioneller Öl- und Gasversorger zulegen – solange sie nicht von Sanktionen betroffen waren. Occidental Petroleum wurde so mit einem Jahresplus von 113 Prozent die erfolgreichste Aktie im S&P 500. Für einen Kursschub sorgte auch, dass Investorenlegende Warren Buffett im Jahresverlauf seine bereits sehr große Beteiligung an Occidental Petroleum weiter ausbaute. Auch in Europa gehörten Energiewerte wie BP, Equinor, Shell oder Total Energies zu den erfolgreichsten Titeln.

Während die Old Economy mit den Energieversorgern, Rüstungsgüterproduzenten und hochwertigen Konsumtiteln wie LVMH ein Comeback erlebte, wurde ein langjähriger Higflyer aus der Techwelt arg gerupft: Mit der – verlorenen – Wette auf die rasche Entwicklung von Geschäftsmodellen in der Virtual Reality – dem von ihm so benannten Metaversum – hat der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg viel von seinem Ruf als Innovator eingebüßt. Die Umbenennung der Facebook-Muttergesellschaft in Meta, aber auch neue Datenschutzbestimmungen von Apple im App-Store, die das Werbegeschäft von Facebook dauerhaft behindern, haben die Gewinne schrumpfen und die Begeisterung der Anleger schwinden lassen. 60 Prozent betrug der Kursverlust am Ende des Jahres.

Ein Opfer der Sanktions- und Gegensanktionspolitik war Uniper. Die nach Einführung der Sanktionen gegen Russland zunächst reduzierten und schließlich ganz gestoppten Gaslieferungen brachten den deutschen Energieversorger an den Rand der Insolvenz. Uniper war verpflichtet, Gas zu fixen (niedrigen) Preisen zu liefern, musste dieses aber zu sehr hohen Kosten am Spotmarkt beschaffen. Ende September standen Verluste von 40 Milliarden Euro in den Büchern. Der Staat übernahm Ende Dezember 99 Prozent des Unternehmens. Die Aktien hatten in der Zwischenzeit fast ihren gesamten Wert verloren.

Viele Problemherde werden die Stimmung an den Märkten auch im kommenden Jahr belasten: Die Inflation wird sich weiter auf hohem Niveau bewegen, die konjunkturelle Entwicklung bleibt ungewiss, für den Ukraine-Krieg zeichnet sich vorerst keine Lösung ab, und die Folgen der Aufhebung der Covid-Restriktionen in China sind unberechenbar. Die Strategie? Aktien mit substanzieller Dividende können für fehlende Wachstumsperspektiven entschädigen und sich in einem inflationären Umfeld behaupten. Gleiches gilt für die Papiere von Energie- und Rohstoffkonzernen. Sie stehen zwar auf den No-Go-Listen der Nachhaltigkeitsbewussten, dürften angesichts der Energieprobleme aber ein weiteres gutes Jahr vor sich haben.

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Kommentare ( 1 )

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Aegnor
1 Monat her

Naja – die Kurse sind nach dem Corona-Crash 2020/21 wegen der Rettungsmaßnahmen der Notenbanken mit frisch geschaffenem Geld derart durch die Decke gegangen, dass die Korrektur 2022 uns gerade mal wieder in die Nähe der Rekord-Kurse von 2019 gebracht haben, die ja das Produkt einer 11 Jahre langen Rally seit 2009 waren. Und auch wenn einige (aber nicht alle) Techwerte ziemlich Federn lassen mussten, boomen dafür aktuell, neben den Rohstoffwerten, die US-Konsumgüterwerte. Aktien sind noch lange nicht wieder billig. Da verzerrt auch der Blick auf die relativen Veränderungen. Ähnlich wie bei der Inflation. Wenn man vereinfacht gerechnet 2021 2% Inflation… Mehr

Last edited 1 Monat her by Aegnor