Finanzexperten-Sentiments im Oktober und November eher pessimistisch

In den USA ist das Hoch des Konjunkturzyklus womöglich bald erreicht. Ein, zwei Zinsschritte weniger, diese Aussicht gab der Wall Street gleichwohl Auftrieb — und sorgte auch für einen versöhnlichen Wochenausklang in Frankfurt.

Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Börsianer denken um. Das Wachstum in vielen Regionen der Welt zeigt Schwäche, in Deutschland etwa schrumpfte die Wirtschaft im dritten Quartal, die Perspektiven in Europa sind gedämpft. Eine Ausnahme gibt es: Die USA seien in guter Form, stellte Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank, soeben mit Blick auf die Wirtschaft fest.

In der Tat, die Löhne steigen, Kaufkraft und Konsumlust sind groß, was sich in den Quartalsergebnissen vieler US-Einzelhändler niederschlägt. Doch trotz steigender Gewinne und teils angehobener Prognosen fielen gerade diese Werte an der Wall Street — zum Beispiel die Aktie des US-Kaufhausriesen Macy’s. Anleger nahmen Gewinne mit und bereiteten sich offenbar auf eine Abschwächung vor. Zuletzt war schon der Abgabedruck bei anderen konjunktursensiblen Werten, etwa den Technologietiteln, groß. Die Bemerkung von Fed-Chef Powell, dass die Zinserhöhungen im kommenden Jahr moderater ausfallen könnten, passt ins Bild: In den USA ist das Hoch des Konjunkturzyklus womöglich bald erreicht. Ein, zwei Zinsschritte weniger, diese Aussicht gab der Wall Street gleichwohl Auftrieb — und sorgte auch für einen versöhnlichen Wochenausklang in Frankfurt. Unter sämtlichen Dax-Mitgliedern erzielten die Aktien von Merck (2,2 Prozent), RWE (3,5 Prozent) und der Deutschen Börse (4,2 Prozent) die höchsten Tagesgewinne. Am kräftgsten bergab ging es mit den Titeln von Infineon (2,9 Prozent), Volkswagen (2,5 Prozent) und Bayer (1,5 Prozent). Marktteilnehmer begründeten die Kursschwäche bei der VW-Aktie mit den Aussagen von Unternehmenschef Herbert Diess zur operativen Marge. Der Manager sieht sie auch in den nächsten Jahren bei rund sieben Prozent und merkte an, dass es aber sehr harte Arbeit sei, diese zu erreichen. Diese Skepsis kam an der Börse gar nicht gut an.

Hoffnungen auf eine baldige Einigung im Handelskonflikt zwischen den USA und China haben am Freitag schließlich der Wall Street ins Plus verholfen. Der Dow Jones Industrial beendete den Tag mit einem Plus von 0,5 Prozent auf 25.413 Zähler und konnte damit seine am Donnerstag gestartete Erholungsbewegung untermauern. Der Verlust des Dow im Wochenverlauf reduzierte sich auf 2,2 Prozent und damit blieb von dem fast dreiprozentigen Gewinn aus der Woche zuvor immerhin noch etwas übrig.

Der S&P 500 konnte am Freitag im Handelsverlauf ebenfalls ins Plus drehen und schloss mit einem Aufschlag von 0,2 Prozent auf 2.736 Punkten. An der technologielastigen Nasdaq-Börse gab der Auswahlindex NASDAQ 100 hingegen um 0,3 Prozent auf 6.867 Punkte nach.

Börsianer verwiesen für die Gewinne an der Wall Street auf Aussagen von US-Präsident Donald Trump. Dieser hatte zwar gesagt, dass Chinas Zugeständnisse im Handelsstreit noch nicht ganz akzeptabel seien, allerdings den Eindruck erweckt, das nicht mehr viel fehle und eine Lösung möglich sei. Weitere Strafzölle gegen die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft könnten ausbleiben.

Dagegen wurden negative Nachrichten aus der Technologiebranche von den Anlegern genauer analysiert. Für die Aktien von NVIDIA führte dies zu einem Kurssturz von fast 19 Prozent. Das Ende des Bitcoin-Booms war auf das Geschäft des Grafikkarten-Spezialisten durchgeschlagen. Quartalszahlen und Ausblick enttäuschten. Die Produktion der Digitalwährung Bitcoin erfordert massive Computer-Ressourcen – und Grafik-Karten sind optimal dafür. Doch in diesem Jahr verlor der Bitcoin über zwei Drittel seines Werts – und das machte auch die Erzeugung der Digitalwährung weniger attraktiv.

Intel gewann im Dow dagegen 1,5 Prozent. Hier honorierten die Anleger, dass der Chipkonzern sein Aktienrückkaufprogramm um 15 Milliarden US-Dollar aufgestockt hat.

Es ging heiß zu vergangene Woche auf dem Ölmarkt. Die Notierungen für die Sorten Brent und WTI rutschten an einem Tag um rund sieben Prozent auf den niedrigsten Stand seit Monaten ab. Das Preisbeben löste ein Tweet von US-Präsident Donald Trump aus, der die OPEC-Staaten aufforderte, ihre Förderung nicht zu kürzen. Gleichzeitig zeigen neue Zahlen, dass der Bedarf am schwarzen Gold auch wegen weltwirtschaftlicher Probleme geringer als angenommen ausfällt. Mit Spannung wird erwartet, wie die Förderstaaten reagieren. Am 6. Dezember trifft sich das Kartell, um seine Förderpolitik für 2019 festzulegen.

Eine Auswertung des Finanzexperten-Sentiments durch das Schweizer Institut Media Tenor International zeigt, dass die Stimmung im Oktober und November bis jetzt eher pessimistisch ist. Betrug das Sentiment im November 2017 noch plus 23 Punkte, so stand im Oktober 2018 unter dem Strich ein Minus von 13 Punkten. Unter den Top 25 Ländern und Regionen, die in den Analystenzitaten der internationalen Finanzmedien in den letzten sechs Wochen angesprochen waren, war nur für Russland und Frankreich unter dem Strich ein kleines Plus zu verzeichnen. „Bei Frankreich wurde die Stärke einzelner Sektoren und Unternehmen betont, für die Gesamtwirtschaft akzentuieren die Analysten weiter eher die Risiken“, so Matthias Vollbracht, Leiter Unternehmensresearch bei Media Tenor. Die Länder mit dem negativsten Sentiment in den letzten Wochen waren Spanien, Griechenland, Argentinien, die Türkei und Italien. „Bei Italien stehen in den Analystenäußerungen die Sorgen über die Wirtschaftsentwicklung, die Fähigkeit des Staates zum Schuldendienst und die Risiken des Bankensektors im Fokus“, so Vollbracht. Unter dem Strich betrug das Minus hier 46 Punkte. Für die großen Player ist das Sentiment der Finanzexperten ebenfalls gedämpft. Bei China sank der Wert von plus 22 im vierten Quartal 2017 auf minus 24 in den letzten Wochen. Für die USA ging es von plus 24 auf minus acht. „Offenbar ist die Trump-Rendite durch Steuererleichterungen vollständig eingepreist, und die Mittelfristrisiken der Konfrontationsstrategie in der Handelspolitik bereiten den Finanzexperten zunehmend Sorgen“, so Vollbracht. Insgesamt wurden 39 .507 Aussagen in führenden internationalen Wirtschaftsmedien untersucht.

Es sind Zahlen, die viele Deutsche wachrütteln sollten. Eine globale Analyse der Fondsgesellschaft Fidelity zeigt, dass Sparer in Deutschland bis zum 67. Lebensjahr das Zehnfache ihres jährlichen Bruttoeinkommens ansparen müssten, um ihren Lebensstandard nach Beendigung ihrer Erwerbstätigkeit halten zu können. Damit deutsche Arbeitnehmer dieses Ziel erreichen, sollten sie eine jährliche Gesamtsparquote von 21 Prozent ihres Bruttoeinkommens umsetzen. „Die globale Analyse zeigt, dass es Arbeitnehmer in Deutschland sehr viel schwerer haben, ihre individuelle Vorsorgelücke zu schließen. Sie müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen — auch weil sich der Staat immer stärker zurückzieht“, so Christof Quiring von Fidelity.​


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