Die Jahresendrally hat schon begonnen

Die Börsen weltweit setzten ihre Rekordfahrt fort. Die Anleger honorierten damit den guten Job der US-Notenbank, begründete Marktexperte Stephen Innes von SPI Asset Management am Freitag den starken Lauf. Angetrieben von Erwartungen auf bald sinkende Zinsen hatte zuvor schon der Dax die Marke von 16.300 Punkten übersprungen.

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Seit Jahrzehnten pilgern jedes Jahr Anfang Mai Tausende Anleger nach Omaha im amerikanischen Mittelwesten, um den Worten von Warren Buffett zu lauschen. Die Hauptversammlung der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway ist das Woodstock der weltweiten Anlegergemeinde, sagen viele Fans der Investorenlegende.

Neben Buffet saß bislang stets sein Weggefährte Charlie Munger, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. Seine Tirade über Kryptowährungen war vor einigen Jahren ein Hit im Netz. Am Dienstag ist Charlie Munger – fünf Wochen vor seinem 100. Geburtstag – in einem Krankenhaus in Kalifornien gestorben. Buffett und Munger waren trotz ihres hohen Alters bis heute die dominierenden Köpfe bei allen wichtigen Entscheidungen der Investmentgesellschaft, die an der Börse einen Wert von rund 790 Milliarden Dollar hat. „Berkshire Hathaway hätte ohne Charlies Inspiration, Weisheit und Mitwirkung nicht zu seinem heutigen Status gelangen können“, sagte Buffett in einer Erklärung.

Beide wurden in Omaha geboren, Munger am 1. Januar 1924. Als Teenager arbeitete er im Gemischtwarenladen Buffett & Son, der Warren Buffetts Großvater gehörte. Als Kind erlebte er noch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Zunächst studierte er Mathematik an der Universität Michigan, wurde dann aber im 2. Weltkrieg zur Armee eingezogen. Nach dem Krieg machte er einen Abschluss in Jura an der Harvard Law School. Als gelernter Anwalt arbeitete er zunächst in einer Kanzlei in Los Angeles und gründete bald seine eigene. Ab 1959 freundeten sich Munger und Buffett immer stärker an, aber erst knapp 20 Jahre später trat er in die Führung von Berkshire Hathaway ein. Nicht nur Buffett, auch Munger brachte es zu einem beträchtlichen Vermögen, gemäß Forbes rund 2,6 Milliarden Dollar.

Munger hat nicht nur direkt die Portfolios beeinflusst – er war ein passionierter Fürsprecher für den Kauf von Apple-Aktien, die mit 156 Milliarden Dollar die mit Abstand größte Position im Portfolio sind. „Charlie gab mir den Anstoß, nicht nur Schnäppchen zu kaufen, wie Ben Graham es mich gelehrt hatte“, sagte Buffett einmal. „Es war die Kraft von Charlies Verstand. Er hat meinen Horizont erweitert.“ Munger brachte Buffett dazu, nicht nur in günstige Aktien, sondern auch in qualitativ hochwertige Unternehmen – wie eben Apple – zu investieren. „Qualität zu einem vernünftigen Preis“ wurde für Buffet so zum neuen Mantra. So schaffte es Berkshire, den breiten amerikanischen Aktienmarkt deutlich zu schlagen.

Während Value-Investoren trauerten, setzten die Börsen weltweit ihre Rekordfahrt fort. Die Anleger honorierten damit den guten Job der US-Notenbank, begründete Marktexperte Stephen Innes von SPI Asset Management am Freitag den starken Lauf. Die Fed habe die Inflation bekämpft, ohne zugleich eine schwere Rezession auszulösen. Eine moderatere Teuerung stelle nun das hohe Zinsniveau infrage, weshalb Investoren baldige Zinssenkungen erwarteten. Die New Yorker Aktienmärkte gaben am Freitag nach einer anfangs durchwachsenen Entwicklung nochmals Gas. Nach dem starken November glückte damit auch der Auftakt in den letzten Börsenmonat des Jahres.

Der Leitindex Dow Jones Industrial ließ anschließend die Marke von 36.000 Punkten endgültig hinter sich und gewann letztlich 0,8 Prozent auf 36.245 Punkte. Damit erreichte er den höchsten Stand seit knapp zwei Jahren und ein Wochenplus von 2,4 Prozent. Zum Anfang 2022 erreichten Rekordstand von 36.952 Punkten fehlen dem Börsenbarometer nur noch 1,9 Prozent beziehungsweise rund 700 Punkte. Der marktbreite S&P 500 schloss 0,6 Prozent höher mit 4.594 Punkten, während der technologielastige Nasdaq 100 in positives Terrain drehte und am Ende um 0,3 Prozent auf 15.998 Punkte zulegte. Letzterer verbuchte damit nach vier Gewinnwochen doch noch ein knappes Plus. Seit Jahresbeginn hat er die Nase weit vor den anderen Indizes vorn.

Die Aktien von Dell büßten am Freitag nach Quartalszahlen 5,2 Prozent ein. Der Computerhersteller meldete einen stärker als erwartet ausgefallenen Umsatzrückgang, der durch die anhaltend schleppende Unternehmensnachfrage beeinträchtigt wurde. Dass der Pharmakonzern Pfizer eine Studie zum Abnehm-Medikament Danuglipron stoppte, ließ die Papiere um 5,1 Prozent absacken. Die Anteilscheine von Marvell Technologies verloren 5,3 Prozent. Der Hersteller von Halbleiterprodukten enttäuschte die Anleger mit seinem Umsatzausblick auf das Schlussquartal.

Weitere Kursverluste von 0,5 Prozent nach dem schwachen Vortag mussten die Anteilseigner von Tesla verkraften. Der Elektroautobauer teilte mit, dass sein futuristisch aussehender Pickup „Cybertruck“ deutlich teurer verkauft wird als ursprünglich angekündigt.

Dagegen zogen die Aktien von Ulta Beauty um 10,9 Prozent an. Das Kosmetikunternehmen übertraf auf vergleichbarer Basis die Umsatzschätzungen und hob das untere Ende der bisherigen Umsatz-Zielspanne an. Für Elastic ging es gar um rund 37 Prozent hoch, nachdem der Suchalgorithmus-Spezialist mit seinen Quartalszahlen positiv überrascht und den Ausblick angehoben hatte.

Der Euro blieb schwach und kostete in New York zuletzt 1,0880 US-Dollar. US-Staatsanleihen legten zu: Die Rendite für zehnjährige Staatspapiere sank auf 4,21 Prozent und setzte damit ihren jüngsten Abwärtstrend fort.

Angetrieben von Erwartungen auf bald sinkende Zinsen hatte zuvor schon der Dax die Marke von 16.300 Punkten übersprungen. Letztlich gewann der Leitindex 1,1 Prozent auf 16.397 Zähler und verbuchte damit ein Wochenplus von rund 2,3 Prozent. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen schloss mit einem Gewinn von 1,2 Prozent bei 26.492 Zählern.

Die laufende Rally hat den Dax von seinem Oktober-Tief aus inzwischen um rund zwölf Prozent nach oben getrieben. Im November gewann der Leitindex 9,5 Prozent und machte den Großteil der Korrektur seit August wett. Zudem schaffte das wichtigste deutsche Börsenbarometer seine fünfte Woche in Folge im Plus. Das entspricht der längsten Gewinnserie des Jahres 2023. Charttechnisch gesehen ist der Weg bis zum Rekordhoch bei 16.529 Punkten frei.

Die Zinshoffnungen gaben Immobilienwerten weiteren Auftrieb. Vonovia gewannen im Dax vier Prozent. LEG und TAG Immobilien legten im MDax um vier beziehungsweise 3,2 Prozent zu. Spitzenwert im Index der mittelgroßen Unternehmen war jedoch die Jenoptik-Aktie mit plus 5,6 Prozent. Der Technologiekonzern hob zum Kapitalmarkttag seine mittelfristigen Profitabilitätsziele an und übertraf die Erwartungen.

Die Anteile von Bechtle sackten am MDax-Ende um 4,5 Prozent ab. Der IT-Dienstleister verschaffte sich mithilfe einer Wandelanleihe frische finanzielle Mittel. Das Geld soll unter anderem für Zukäufe im In- und Ausland genutzt werden. Da Aktionäre keine Bezugsrechte hatten, wird ihr Anteil damit verwässert.

Mit minus 3,7 Prozent zählten die Papiere von Metro zu den schwächsten SDax -Werten. Die US-Bank JPMorgan ist inzwischen negativer gestimmt für den Großhändler und stufte die Aktie auf „Underweight“ ab.

Am Rentenmarkt stieg die Umlaufrendite von 2,43 Prozent am Vortag auf 2,44 Prozent.

Nach dem extrem starken November am deutschen Aktienmarkt rechnen Anleger mit einer Fortsetzung der Jahresendrally. Der Dax könnte Experten zufolge seine Bergfahrt in der neuen Woche fortsetzen, nachdem er im abgelaufenen Monat mit 9,5 Prozent den zweitstärksten November-Gewinn in der Historie des deutschen Leitindex und das kräftigste Monatsplus in diesem Jahr erzielt hat.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, rechnet damit, dass die Erholung am deutschen Aktienmarkt weitergeht, da sich die Einschätzungen der künftigen Geldpolitik gewandelt hätten. Grund dafür sei der anhaltende Rückgang der Inflation in den USA und im Euroraum. In der Folge hätten sich wieder neue Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen im kommenden Jahr herausgebildet und zu deutlich sinkenden Anleiherenditen geführt. „Allerdings hat es in diesem Jahr bereits mehrere solcher Meinungsumschwünge gegeben. Auch jetzt bleibt die Unsicherheit über die weitere Marktentwicklung hoch“, betonte Kater.

„Ob der vorherrschende Zinsoptimismus weiter anhält, müsste allerdings auch von der Konjunkturseite bestätigt werden“, gaben die Experten der Commerzbank zu bedenken. Weitere Aufschlüsse darüber könnten die US-Beschäftigungsdaten des privaten Dienstleisters ADP am Mittwoch und der offizielle US-Arbeitsmarktbericht am Freitag geben. Die schwächer erwarteten Daten dürften „neben der sinkenden Entwicklung beim US-Konsum dafür sorgen, dass sich die Fed bei der Inflationsbekämpfung auf dem richtigen Weg wähnt und künftig eher über Zinssenkungen als über weitere Bremsmaßnahmen nachdenken sollte“, so die Commerzbank.

Aus Sicht von Helaba-Expertin Claudia Windt läuft sich die Jahresendrally an den Aktienmärkten warm. So könnte in der neuen Woche beim Dax der bisherige Höchststand bei knapp 16.529 Punkten von Ende Juli fallen. Es bleibe aber eine Gratwanderung, da sich zumindest in den USA die Wirtschaftsaktivität laut dem Konjunkturbericht (Beige Book) der US-Notenbank Fed allmählich abkühle. Die Frage für Aktienanleger sei, wie sehr. Windts Helaba-Kollege Markus Reinwand sieht den fairen Wert des Dax derzeit bei 17.500 Indexpunkten. „Wir erachten die Kurserholung daher als nachhaltig und sehen mit Blick auf 2024 weiteres Potenzial“, bemerkte Reinwand.

Nach Einschätzung von Marktexperten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) dürfte bis zum Jahresschluss kein Verkaufsdruck mehr aufkommen. Allerdings habe sich das Chance/Risiko-Verhältnis nach der November-Rally eingetrübt. Insofern könnte die „inzwischen sehr optimistisch gewordene kurzfristige Marktstimmung bei mittelfristig spürbarer Skepsis“ nach dem Jahreswechsel wieder als Kursbremse wirken.

Frische Zinsimpulse dürften auch die US-Auftragseingänge der Industrie am Montag und der ISM-Index für den Dienstleistungssektor am Dienstag liefern. Einen Blick wert sein könnten zudem die Daten zur US-Handelsbilanz am Mittwoch und der Uni-Michigan-Index zum Verbrauchervertrauen am Freitag. In China sollte der Anlegerfokus auf dem Caixin-Dienstleistungsindex liegen, der am Dienstag bekannt gegeben wird. Der Datenkalender für die Eurozone ist unspektakulär.

Aus Unternehmenssicht ist es nach dem Abflauen der Quartalsberichtssaison in Deutschland ruhig geworden. Entsprechend wenige Termine stehen auf der Agenda für die neue Woche. Dabei sollten die Investorenveranstaltungen von Continental am Montag, Brenntag am Dienstag sowie BASF und Siemens Healthineers am Donnerstag im Mittelpunkt des Interesses stehen. Zudem hat der Touristikkonzern Tui für Mittwoch die Bekanntgabe seiner Zahlen für das Geschäftsjahr 2022/23 avisiert.

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Kommentare ( 4 )

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eisenherz
2 Monate her

Eine ernst gemeinte Frage an die Wirtschaftsfachleute bei Tichy: An der Börse wird die Zukunft gehandelt, so wird gesagt. Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind nun wahrlich nicht besonders aussichtsreich, um deutsche Aktien zu kaufen. Und trotzdem steigt, wie im Artikel geschrieben, der Dax deutlich von unter, auf über 16 000 Punkte. Auf welche Zukunftsaussichten hin lässt sich das erklären? Steile These, zu steil? Die großen Geldsammelstellen haben Insiderwissen, der Aktienanstieg passiert wegen eines baldigen Friedensabkommens zwischen Russland und der Ukraine. Die Ukraine kommt in die EU und dann beginnt der notwendige Wiederaufbau der Ukraine, wie Straßen, Brücken, Gebäude… Mehr

Kleinstaater
2 Monate her

Bin kein Experte. Aber das ist vermutlich immer noch der Effekt der Geldmengenausweitung, den wir da an der Börse sehen? Um wieviel haben die AGs tatsächlich an Wert zugelegt, wenn man ihre Börsenwerte mit der Gesamtgeldmenge (US-Dollar) abgleicht? Ist das Gesamtvolumen aller AGs immer noch nur so um die 45 Billionen US-Dollar?

JuergenR
2 Monate her

Ich kann Ihnen nur beipflichten. Für mich gehört der „Tanz ums goldene Kalb“, wie ihn die Börsen und ihre idiotischen Indizes weltweit repräsentieren, zu dem Obszönsten, was es gibt.

Albert Pflueger
2 Monate her

In Deutschland erklärt ein Schwergewicht wie VW, nicht mehr profitabel zu sein, die ganze Autoindustrie geht am Stock, Zulieferern steht der Angstschweiß auf der Stirn, und der Dax steigt. Offensichtlich hofft man auf Subventionen, und die Inflation tut ein übriges. Noch lassen sich ein paar Tropfen aus den Steuerzahlern rausquetschen, na dann, Frohe Weihnachten!