Daimler mit Verlust, Facebook mit Fünf-Milliarden-Strafe

Wall Street im Rekordfieber, unterschätzte Risiken bei Anleihen.

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Auf ein ausgewogenes Verhältnis von Dividendenzahlungen und Kurssteigerungen achten deutsche Privatanleger bei der Auswahl von Aktien für ihre langfristige Investmentstrategie. Das ergab eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, die das Deutsche Aktien­institut (DAI) vorgestellt hat. Dividenden waren den Anlegern schon immer wichtig — ihr Stellenwert hat aber in den vergangenen Jahren zugenommen. Der Studie, die zum vierten Mal durchgeführt wurde, liegt eine Befragung von Aktionären der Deutschen Post zugrunde. Dennoch soll sie repräsentativ sein für die Kleinanleger in Deutschland. „Privatanleger sind heute im Schnitt bei 13  Unternehmen investiert — das ist eine Verdoppelung der Streuung im Vergleich zur ersten Untersuchung 2004“, erläutert DAI-­Vorstand ­Christine Bortenlänger. Für mehr als 80  Prozent der Anleger ist der Vermögensaufbau das zentrale Motiv für die Aktienanlage. „Privataktionäre denken langfristig, sie stabilisieren auf diese Weise die Aktionärsstruktur, hieran sollten alle Unternehmen ein Interesse haben“, sagt Kay Bommer, Geschäftsführer des Deutschen ­Investor Relations Verbands (DIRK).

Via Twitter-Nachricht hat US-Präsident Donald Trump dem Iran im Atomstreit damit gedroht, die Sank­tionen gegen das Land bald substanziell auszuweiten. Zusammen mit anderen Faktoren sorgte der Trumps Tweet Mitte der Woche für einen kräftigen Sprung bei den Ölpreisen der Nordseesorte Brent und der US-Sorte WTI. Denn im Golf von Mexiko hat sich ein Sturm zusammengebraut, der die dortige Ölproduktion bedroht. Zudem sanken die Öllager­bestände in den Vereinigten Staaten zuletzt weitaus deutlicher als von ­Experten erwartet worden war.

Bert Flossbach warnt Anleger vor drohenden Verlusten am Anleihemarkt. Zwar erwartet der Vorstand des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch keine Zinswende, er weist aber darauf hin, dass bei Anleihen mit langen Restlauf­zeiten auch schon ein kleiner Anstieg des allgemeinen Renditeniveaus ausreicht, um den Investoren empfind­liche Kursverluste zu bescheren. Anfang Juli sank die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen zeitweise unter die Marke von minus 0,4 Prozent und damit auf ein Allzeittief. Wenn die Rendite von diesem Niveau auf null Prozent stiege, bedeutete das einen Kursverlust von vier Prozent, rechnet Flossbach vor. Kletterte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen auf den im vorigen Oktober erreichten Wert von 0,5 Prozent, wäre damit sogar ein Kursverlust von acht Prozent verbunden. Weil derzeit das Potenzial für weitere Renditerückgänge und spiegelbildliche Kursgewinne begrenzt sei, hält Flossbach das Chance-­Risiko-Verhältnis von Anleihen generell für unattraktiv. Viele Investoren halte dies indes nicht davon ab, ihre Investments in Anleihen auszuweiten — sei es, weil sie die Risiken nicht kalkulieren könnten oder sie diese in ihrem Anlagenotstand einfach ausblendeten. Zwar gebe es immer einzelne Anleihen mit besserem Chance-­Risiko-Profil, „aber die Anzahl ver­borgener Perlen ist auch hier kleiner geworden“, stellt Flossbach fest.

An der Wall Street setzen Investoren auf eine baldige Zinssenkung durch die US-Notenbank. Fed-Chef Jerome Powell schilderte vor dem US-Kongress, dass er die US-Konjunktur trotz jüngst starker Arbeitsmarktzahlen in Gefahr sehe — weil die Wirtschaft weltweit schwächele und der Handelskrieg Wachstum koste. Die Fed sei bereit, Maßnahmen zu treffen. Das deutet auf einen Zinsschritt Ende Juli hin; es wäre die erste Senkung seit der Finanzkrise. Die Vorfreude ist groß, die Wall Street schreibt neue Rekorde: Der S & P 500 lugte zwischenzeitlich über die Marke von 3000 Punkten, Dow und Nasdaq setzten neue Höchststände. US-Präsident Trump hat damit ein weiteres Ziel erreicht: Er drückt mit dem selbst ­angezettelten Handelskrieg die US-Zinsen und schwächt den Dollar. Die Hausse jenseits des Atlantiks steht in krassem Gegensatz zu den Gewinnwarnungen, die die angelaufene Berichtssaison in Deutschland begleiteten. Das ist die dunkle Seite der Trump’schen Wirtschaftspolitik. Der DAX ist hin- und hergerissen zwischen Wall Street und Warnungen, während der Woche überwog dann aber doch die negative Seite. Ein echter Einbruch blieb aber aus.

Der Deutsche Aktienindex verabschiedete sich jedenfalls am Freitag mit einem kleinen Minus von 0,1 Prozent ins Wochenende und schloss bei 12.323 Punkten. Dabei bestimmten Nachrichten aus dem Automobilsektor das Geschehen auf dem Parkett. Daimler schockierte die Anleger mit einem milliardenschweren Quartalsverlust und abermals gesenkten Gewinnerwartungen. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) werde deutlich unter den gut elf Milliarden Euro des Vorjahres liegen, warnte der Konzern. Autoanalyst Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore geht sogar nur noch von 6,5 Milliarden Euro aus. „Daimler hat sich in eine schwierige Lage manövriert“, sagte Ellinghorst. Der Konzern führt allein 3,1 Milliarden Euro Sonderbelastungen auf, die ihm im abgelaufenen zweiten Quartal einen Verlust von 1,6 (Vorjahr: Gewinn 2,6) Milliarden Euro einbrockten. Daimler-Aktien fielen zeitweilig um bis zu 4,5 Prozent. Volkswagen verzeichnete dagegen mit einem Plus von 15 Prozent deutliche Zuwächse im wichtigsten Einzelmarkt China. Auch die weltweiten Verkäufe des Autobauers kletterten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,6 Prozent auf fast 975.000 Fahrzeuge. Zugleich kündigte der DAX-Konzern eine Kooperation mit Ford an. Beide Unternehmen wollen künftig auch bei Elektrofahrzeugen und Roboterautos die Kräfte bündeln. Die Volkswagen-Aktie legte zeitweise um rund 1,6 Prozent zu.
An der Wall Street riss die Kette immer neuer Börsenrekorde auch am letzten Handelstag der Woche nicht ab. Die Aussicht auf sinkende Zinsen bei einer gleichzeitig soliden Konjunktur trieb Anleger auch am Freitag in Aktien. Sowohl der Dow Jones Industrial als auch der breit gefasste S&P 500 und der technologielastige NASDAQ 100 erklommen Höchstkurse.

Der Dow rückte um 0,9 Prozent auf 27.332 Punkte vor. Auf Wochensicht verbuchte der Dow damit ein Plus von 1,5 Prozent. Seit Jahresbeginn sind es bereits gut 17 Prozent. Die Hürde von 27.000 Zählern, die sich im Oktober vergangenen Jahres noch als zu hoch erwiesen hatte, hatte der Dow schon am Donnerstag hinter sich gelassen. Der S&P 500 kletterte am Freitag um 0,5 Prozent auf 3.014 Punkte und schloss damit erstmals über der 3000er Marke. Der NASDAQ 100 stieg um 0,6 Prozent auf 7.943 Zähler.

Die jüngsten Rekorde müssen noch nicht das Ende der Fahnenstange sein: „Für einen Bärenmarkt nach einem neuen Allzeithoch brauchte es in den letzten fünfzig Jahren entweder eine Rezession innerhalb des nächsten Jahres oder eine deutliche Überbewertung von Aktien gegenüber Anleihen“, sagt Anlagestratege Maximilian Kunkel von der Bank UBS. Die realen Zinsen und das US-Verbraucher-Klima deuteten aber nicht auf eine baldige Rezession hin. Und Aktien seien im Vergleich zu Anleihen weiterhin günstig bewertet.

Auffällig waren die erneuten Kursverluste im Pharmasektor. Papiere von Branchengrößen wie Merck & Co, Pfizer, Abbott Laboratories und Eli Lilly verloren zwischen 1,4 und 2,1 Prozent. Die Branche hatte schon am Vortag unter Verkaufsdruck gelitten. Experten zufolge könnte sich in den USA der politische Streit um die Medikamentenpreise im zweiten Halbjahr verschärfen, nachdem das Weiße Haus am Vortag einen Plan zur Abschaffung von Preisnachlässen für Medikamente fallen gelassen hatte. Nun könnte der Kongress auf niedrigere Barrieren für den Markteintritt generischer Produkte drängen, sagten Beobachter. Diese würden den etablierten, profitablen Medikamenten großer Pharmakonzerne Konkurrenz machen.

Enttäuscht reagierten Anleger beim weltgrößten Bierbrauer AB Inbev. Dieser sagte den geplanten Börsengang des asiatisch-pazifischen Geschäfts ab. Der Aktienkurs verlor daraufhin drei Prozent. AB Inbev verwies unter anderem auf das herrschende Marktumfeld. Analysten hatten einen Börsengang favorisiert, hätte der Brauer von Budweiser und Beck‘s mit den Einnahmen doch den gewaltigen Schuldenberg etwas abtragen können.

Facebook-Aktien stiegen im späten Handel um 1,8 Prozent. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge hat die Aufsichtsbehörde FTC gegen das Unternehmen wegen gravierender Verstöße gegen den Datenschutz eine Strafe von rund fünf Milliarden Dollar verhängt. Facebook hatte bereits Rückstellungen für eine Strafzahlung gebildet. Ausgelöst worden waren die Ermittlungen der FTC gegen Facebook durch den Skandal um den Missbrauch von Facebook-Nutzerdaten durch die Datenanalysefirma Cambridge Analytica.


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Kommentare ( 9 )

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Ich stelle selbiges im „kleinen“ Bereich fest: Bei mir kommt es auch gerade knüppeldicke – statt den gewohnten Auftragsboom zu Sommerferienbeginn abzuarbeiten, diversifiziere ich gemütlich vor mich hin. Was noch keinerlei Problem darstellt, da die Letzten die Hunde beißen, und da kommen noch ein paar dazwischen, zwischen mir und denen. Aber ich würde mal sagen, dass es rappelt, in der Kiste …

Wichtig ist eine globale Diversifizierung, was man an den vielen Problemen deutscher Unternehmen sieht. Auch ist das Dividendenwachstum eher mickrig.

Wer ernsthaft investiert kommt an den Dow-Jones Werten aber auch US-REITs nicht vorbei. Wer sich langfristige Charts anschaut, der zieht diese Werte sowieso vor.

Kommen Sie denn am Nasdaq vorbei? Ich nicht. Und wer ernsthaft investieren will, kommt auch an Optionen nicht vorbei. Man kann als Stillhalter bequem, d.h. mit moderatem Risiko, 0,5% pro Monat extra rausquetschen.

An der Börse geht es schon lange nicht mehr um Fundamentaldaten, sonder nur um den Zufluss billigen Zentralbankgeldes. Und da wäre alles andere als steigende Kurse unwahrscheinlich. DAX und DOW sind die großen Ballons, in die fortwährend das frische Geld gepumpt, und die Herde der Herde folgt. Am Ende ist es dann egal, ob die Streuung bei 6,5 oder 13 Aktien lag. Da zählt nur, was von den schönen Kursnotierungen übrig bleibt, und ob alles nicht nur eine trügerische Illussion gewesen ist.

Ich kann jedem nur raten auf die Fundamentaldaten zu achten. Jeder Hype a la „Beyond Meat“ ist irgendwann vorbei, aber eine Microsoft wird auch die nächste Krise überstehen.

5 Milliarden (!) Strafe. Das ist natürlich absolut rechts konform.
Hat nichts damit zu tun das die EU in Sachen Digitalisierung absolut rückständig ist und keinen Einzigen Konzern beheimatet der Facebook, Tweeter, Google etc auch nur das Wasser reichen könnte.
Und mit neuzeitlichen Raubrittertum hat das absolut nichts zu tun.

Daran sehen Sie, dass NICHT NUR deutsche Firmen zu Milliardenstrafen verdonnert werden können.

Anleihen sind natürlich ein gewaltiges Risiko. Aber wenn Versicherer und andere institutionelle Anleger durch absurde Regelwerke, nach denen eine Griechenanleihe weniger risikoreich sein soll als z.B. Aktien von Nestle oder SAP, in diese Papiere gezwungen werden, braucht man sich nicht zu wundern, wer hier kauft. Der Verlierer wird einmal mehr der Sparer sein, den die Politik so an der Finanzierung des irrwitzigen Euro-Projekts beteiligt.

Immerhin kann davon die Versicherung fürstlich leben. Zahlen tut es der Versicherte. Aber das ist eigentlich nur ein Problem, solange wir von Zwangsversicherungen reden. Ansonsten muss man ja den Blödsinn nicht mitmachen.