Börse: Nur ein kleiner Kater – die Börse ahnte, was kommt

Gut zwei Monate nach Beginn der Krise liegen erste detaillierte Daten über die Folgen für die Unternehmen vor. Im DAX haben etwa die Zahlen von Adidas und Bayer gezeigt, dass auch diese Krise Konzerne in Verlierer und Gewinner scheidet. Ein ähnliches Bild in den USA.

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Betrachtet man das gesamte Bild, das die US-Bilanzen zeichnen, so stellt man fest: Knapp 65 Prozent der Firmen lagen mit ihren Ergebnissen über Erwartungen — die Quote liegt auf üblichem Niveau. Analysten vermochten die Wirkung der Krise offenbar ebenso einzuschätzen wie das Geschäft in normalen Zeiten. Die Gewinne stehen dabei unter Druck, sie sinken im breiten US-Index S & P 500 um 14,8 Prozent zum Vorjahr. Der eigentliche Schock aber kommt im zweiten Quartal. Hier rechnen die Experten mit einem Gewinneinbruch von im Schnitt einem Drittel. Entscheidend für die Börsen bleibt dabei, inwieweit die Wirklichkeit von den Erwartungen abweicht.​

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Am Freitag verdarb die Angst vor einem Wiederaufflammen des Konflikts zwischen den USA und China den Anlegern den Appetit auf Aktien. Der Leitindex Dow büßte 2,6 Prozent auf 23.724 Punkte ein. Zudem kamen die Quartalszahlen von Schwergewichten wie Amazon, Chevron und ExxonMobil bei den Investoren nicht gut an. Im Verlauf der Woche erlitt der Dow Jones Index damit einen kleinen Verlust.

Der marktbreite S&P 500 gab um 2,8 Prozent auf 2.831 Zähler nach. Der NASDAQ 100 verlor 3,1 Prozent auf 8.718 Punkte. Analyst Edward Moya vom Broker Oanda vermutete hinter diesen Verlusten aber auch Gewinnmitnahmen, „vor allem bei Schwergewichten wie Apple und Amazon“.

Amazon fielen um 7,6 Prozent, nachdem sie am Vortag noch auf ein Rekordhoch geklettert waren. Die Corona-Krise beschert dem Online-Händler zwar einen regen Kundenzustrom, führt aber auch zu höheren Ausgaben – etwa aufgrund einer Einstellungsoffensive wegen des Kundenansturms. Der Konzern warnte nun vor Sonderkosten.

Für die Papiere von Chevron ging es um 2,8 Prozent abwärts. Der US-Ölkonzern streicht im Zuge der Corona-Krise und fallender Rohölpreise die Investitionen erneut zusammen. Die Anteilscheine des Branchenkollegen ExxonMobil knickten gar um 7,2 Prozent ein. Der Ölpreiseinbruch hatte dem Konzern im ersten Quartal einen dicken Verlust eingebrockt.

Apple-Aktien gaben nach Quartalszahlen um 1,6 Prozent nach. Analysten attestierten dem iPhone-Hersteller, bislang gut durch die Corona-Krise gekommen zu sein. Allerdings war der Aktienkurs vom Crash-Tief Mitte März bereits um fast 40 Prozent gestiegen.

Aktien von Tesla büßten mehr als zehn Prozent ein. Auslöser des Kursdrucks war ein Tweet des Chefs Elon Musk, dem der Aktienkurs zu hoch erschien. Vom Crash-Tief am 18. März bei gut 350 Dollar bis zum Hoch vom Vortag waren diese um fast 150 Prozent nach oben geschossen.

Am Ende des Leitindex Dow fanden sich die Aktien des Chemiekonzerns Dow mit einem Verlust von 7,5 Prozent wieder. Sowohl die Citigroup als auch die Bank Credit Suisse hatten die Kaufempfehlungen für die Titel gestrichen.

Der Dax hatte den letzten Tag des wegen des Mai-Feiertags verkürzten Handelswoche am Donnerstag bereits mit minus 2,22 Prozent (auf 10.862 Punkte) beendet. Das Wochenplus belief sich damit aber immer noch auf rund fünf Prozent. Im gesamten Monat April hat sich der deutsche Leitindex um etwas mehr als neun Prozent erholt, nachdem er allerdings während des Corona-Crashs auch um bis zu 40 Prozent eingebrochen war.

Der MDAX verlor am Donnerstag ebenfalls – um 1,55 Prozent auf 23.044 Punkte. Europaweit und in den USA wurden ebenfalls Verluste verzeichnet: Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 büßte 2,27 Prozent auf 2.928 Zähler ein. Um mehr als zwei Prozent gab auch der CAC 40 in Paris nach, während der FTSE 100 in London sogar um 3,5 Prozent absackte. „Auf die Party an der Börse mit teils schon ausgelassener Stimmung gestern folgte heute die Katerstimmung“, kommentierte CMC-Markets-Analyst Jochen Stanzl und verwies auf die von der EZB prognostizierten düsteren Aussichten für die Euro-Länder.

Die Berichtssaison lief am Donnerstag zugleich auf Hochtouren. Der weltgrößte Chemiekonzern BASF verdiente im ersten Quartal wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie weniger. Den Ausblick für 2020 hatte der Konzern bereits am Vorabend gestrichen. Die BASF-Aktien büßten als einer der schwächsten Werte im Dax 5,2 Prozent ein. Mit 5,3 Prozent Abschlag waren die Aktien der Deutschen Bank allerdings noch etwas schlechter unterwegs. Im MDax hielten die Papiere der Commerzbank die rote Laterne mit minus 7,5 Prozent.

Der Triebwerksbauer MTU hatte im ersten Quartal dagegen besser abgeschnitten als von Analysten befürchtet. Für 2020 rechnet das Unternehmen jedoch wegen der Corona-Krise mit einem Nachfrageeinbruch bei Passagierjets, Antrieben und Ersatzteilen. Die Papiere schlossen 2,4 Prozent tiefer, nachdem sie am Mittwoch noch um mehr als zehn Prozent zugelegt hatten.

Nimmt man die Aussagen von Chefs führender Versicherer, dann herrscht in der Branche gerade Untergangsstimmung. Erst äußerte sich vor Kurzem Allianz-CEO Oliver Bäte ungewohnt düster: „Es wird enorme Verluste für die Branche geben, es dauert nur eine Weile, bis diese eintreten“, erklärte Bäte und beschrieb den Schock wie folgt. „Das Coronavirus hat unsere Branche wie einen Meteoriten-Einschlag getroffen.“ Und John Neal, der erste Mann beim britischen Versicherungs- und Rückversicherungsmarkt Lloyd’s of London, legte nach. Er beschrieb die Pandemie als teuerstes Ereignis in der Geschichte der Branche, mit schlimmeren Folgen als Hurrikan Katrina 2005 und die Terrorattacken von 2001. „Die Verluste, über die wir diskutieren, gehen in die zig Milliarden, wenn nicht sogar in die Hunderte Milliarden.“ Und Neal ist sich sicher, dass „die Chancen, dass die Branche 2020 keine Verluste macht, gleich null sind.“ Die Versicherer sind von der Pandemie gleich doppelt betroffen: Erstens kommt auf die Institute eine Reihe von Schadenersatzforderungen zu. Zweitens haben die Konzerne ihr Vermögen auch an der Börse investiert und leiden so ebenfalls unter den aktuellen Marktturbulenzen.

Eine verheerende Bilanz im Kampf gegen Corona, eine stark steigende Arbeitslosigkeit und ein Chaos auf dem Ölmarkt machen den USA zu schaffen. Und was machen die US-Börsen? Sie schneiden besser ab als ihre europäischen Counterparts. So kam der S & P 500 in den vergangenen drei Monaten auf ein Minus von rund zwölf Prozent, während DAX, Euro Stoxx und Co bis zu 21 Prozent einbrachen. Einfacher Grund: Die Aktien von Microsoft, Amazon, Alphabet, Apple und Facebook zeigen sich auch in der Corona-Krise megastark und haben so ihren Anteil am S & P-500-Index von 16 Prozent zu -Jahresanfang auf heute 20 Prozent -gesteigert. Microsoft allein ist inzwischen so viel wert wie der gesamte britische britische Leitindex FTSE zusammen – mit Mitgliedern wie Unilever oder Shell. Ohne das starke Gewicht der Giganten sähe die Rechnung indes ganz anders aus. Wären alle 500 Titel im S & P mit gleichem Gewicht berücksichtigt, hätte der US-Index fast so schlecht wie Europas Indizes abgeschnitten.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) nimmt derzeit viel Geld in die Hand, um sich gegen eine Aufwertung des Frankens zu stemmen. So stiegen die Sichtguthaben bei der Schweizerischen Nationalbank in der vergangenen Woche um 13,5 Milliarden Franken, so stark wie seit 2015 nicht mehr. Grund für die Abwehrmaßnahmen zum Schutz des Schweizer Exportsektors: Die heimische Währung ist als sicherer Hafen in Krisenzeiten weltweit stark gefragt. Der Run auf den Schweizer Franken sowie der Einbruch an den Finanzmärkten führte im ersten Quartal für die SNB zudem zu einem Verlust von rund 38  Milliarden Franken. In den vergangenen Jahren hat die SNB einen Devisenbestand von rund 800 Milliarden Franken aufgebaut. Unter anderem war in Anleihen, Aktien und Gold investiert worden.​


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Kommentare ( 4 )

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Nibelung
5 Monate her

Wer zockt, kann auch verlieren und man sollte nie vergessen, Anleger sind Besitzende, die sich an der Schaffenskraft der Masse oft bereichern und selbst nichts dazu beitragen außer ihrem persönlichen Risiko und das ist mehr als gerecht, denn Umverteilung auf diese Art ist genauso unanständig wie Nichtstun und deshalb sind sie im Prinzip keine Rede wert.

user10
5 Monate her
Antworten an  Nibelung

Der wesentliche Grund für das Scheitern des Sozialismus ist und war die Unfähigkeit der Planwirtschaft marktgerechte Preise zu bilden und dadurch die tatsächliche Knappheit des jeweiligen Gutes anzuzeigen und dadurch entsprechende Reaktionen der Unternehmer hervorzurufen. Es muss daher nicht verwundern, dass der „siegreiche Sowjetische Sozialismus“ sich für die Preisfestlegung seiner Güter amerikanische Kaufhausprospekte (Ottokatalog u. a. zählen auch dazu) besorgt hat. Die Preise in den Kaufhausprospekten beruhen letztendlich auf der Spekulation an der Börse. Somit muss auch der glorreichste Sozialismus die „phöse Spekulation“ als wahre Grundlage seines 70 jährigen Überlebens anerkennen. Lernen wird der Sozialist daraus gar Nichts. Denn wie… Mehr

Wolfgang M
5 Monate her
Antworten an  Nibelung

Wer Aktien hält, der zockt nicht, sondern er beteiligt sich an Unternehmen. Er sorgt damit für Arbeitsplätze, für Einkommen und dem Wohlstand der Gesellschaft. Er geht dafür Risiken ein und er wird für seinen Einsatz bezahlt. Es steht jedem frei, sich an Unternehmen zu beteiligen. Viele engagieren sich noch nicht einmal am eigenen Unternehmen. Dann sollen sie aber auch nicht an denen herummeckern, die Geld in ihr Unternehmen stecken. Das Ganze gilt übrigens auch für die Anleihen. Wer Anleihen hält, der gibt Staaten oder Unternehmen Geld, damit diese investieren können und Arbeiten vergeben können. Das noch zu niedrigsten Zinsen. Staaten… Mehr

fatherted
5 Monate her
Antworten an  Nibelung

Ohne Investitionen (von wem auch immer) keine Wirtschaft. Klar…wenn man Tauschhandel dem derzeitigen System vorzieht, dann wird ein Schuh aus Ihren Vorwürfen….
Das Auswüchse nicht gut sind (z.B. Hochfrequenzhandel, Bündelung wertloser Anlagen die dann hochpreisig an Ahnungslose verkauft werden usw. ) ist klar….dafür sollte es auch Regularien und Aufsichten geben. Aber ohne den Aktienmarkt wäre kein Großunternehmen noch in der Lage Investitionen zu tätigen…außer natürlich im Sozialismus…..und das hat ja immer „so gut“ geklappt.