Black Friday

Dieser Cocktail hat es in sich: Lieferprobleme, stark steigende Corona-Fallzahlen und ein so heftiger Preisauftrieb wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Gründe, weshalb der wichtigste deutsche Frühindikator, der Ifo-Geschäftsklima­index, soeben zum fünften Mal in Folge gesunken ist, liegen auf der Hand.

IMAGO / STPP

Deutsche Chefs blicken so skeptisch nach vorn wie zuletzt im Januar, also mitten in der zweiten Welle. Inzwischen hat die Verunsicherung auch die Börsianer erfasst, wie der Black Friday für den DAX zeigte. „Sollte sich die neue Variante als sehr aggressiv herausstellen, könnte dies wie bei der ersten Corona-Welle mit der Schließung des internationalen Flugverkehrs einhergehen“, warnte Anlagestratege Jürgen Molnar vom Brokerhaus RoboMarkets. Einige Staaten schränken die Reisefreiheit bereits ein oder stehen kurz davor. Vor dem Hintergrund brach der Index der europäischen Reise- und Tourismuswerte um bis zu 7,3 Prozent ein. Zu den größten Verlierern zählte hier die Lufthansa, die mit einem Minus von zeitweise knapp 16 Prozent auf den größten Tagesverlust seit mindestens 30 Jahren zusteuerten. Die Furcht vor neuen flächendeckenden Lockdowns setzte auch Einkaufszentrum-Betreibern zu. Deutsche Euroshop fielen um bis zu 7,6 Prozent auf ein Zwölf-Monats-Tief von 14,53 Euro. Die Papiere des Rivalen Klepierre brachen in Paris fast doppelt so stark ein. Die Konjunkturängste schlugen sich auch in Rohstoffkursen nieder: Spekulationen auf einen erneuten Rückgang der Nachfrage drückte den Preis für die Öl-Sorte Brent aus der Nordsee 4,4 Prozent ins Minus auf 78,57 Dollar je Barrel (159 Liter). Zusätzlich belasteten Spekulationen um ein mögliches Überangebot die Stimmung, sagte Analyst Tamas Varga vom Brokerhaus PVM. Ein Beratergremium der Opec prognostiziert dies wegen der Freigabe strategischer Reserven durch die USA und andere Staaten. Vor diesem Hintergrund rutschte der Index für die europäische Öl- und Gasbranche um 4,8 Prozent ab. Das wichtige Industriemetall Kupfer verbilligte sich um 2,3 Prozent auf 9.573 Dollar je Tonne.

Ausgerechnet am Schnäppchentag „Black Friday“ hat es am Freitag auch an der Wall Street einen Ausverkauf gegeben. Die Furcht vor einer neuen Coronavirus-Variante ließ den Dow Jones Industrial zeitweise um fast drei Prozent auf den tiefsten Stand seit sechs Wochen absacken. Mit 34.899 Punkten konnte das Kursbarometer seine Verluste zum vorgezogenen Handelsschluss nur wenig auf 2,5 Prozent reduzieren. Der marktbreite S&P 500 verlor 2,3 Prozent auf 4.595 Zähler. An der Nasdaq gerieten die Technologiewerte auch nicht viel weniger stark unter Druck. Der Auswahlindex NASDAQ 100 konnte sich dem Abwärtsstrudel mit einem Abschlag von 2,1 Prozent auf 16.026 Punkte nicht entziehen.

In der Tat hat sich die Perspektive am Markt inzwischen gedreht: Die Bilanzsaison ist so gut wie vorbei, Makrodaten treten in den Vordergrund. Und da sticht vor allem die Inflation unangenehm ins Auge. In Europa versucht EZB-Präsidentin Christine Lagarde zwar noch, die Tatsachen wegzulächeln. Die US-Fed aber fährt ihre Anleihekäufe zurück und könnte bereits im ersten Halbjahr 2022 beim Zins zupacken. Vor allem Anleger, die bei hochriskanten Techs investiert sind, bekommen die sich verfestigende Erwartung steigender Zinsen zu spüren. Denn je weiter die Erträge der Firmen in der Zukunft liegen, desto weniger sind diese bei höheren Zinsen wert. Charttechnisch ist bislang aber noch nichts angebrannt.

US-Präsident Joe Biden ist immer für eine Überraschung gut. Statt wie von vielen erwartet seine Parteifreundin Lael Brainard für Spitze der US-Notenbank vorzuschlagen, nominierte er vergangene Woche den amtierenden Fed-Chef Jerome Powell für eine zweite Amtszeit. Die Finanzmärkte reagierten rasch auf die Ankündigung, da Powell im Vergleich zu Brainard eher zu den geldpolitischen Falken zählt. Die Aussichten auf Powell und weniger billiges Geld stoppten daher die Aktienmarktrally, drückten die Kurse der US-Staatsanleihen und werteten den US-Dollar auf. Infolgedessen musste zudem der Goldpreis Federn lassen, der aufgrund der Inflationssorgen zuletzt ­gestiegen war.

Das Post-Corona-Wachstum in diesem Jahr ist erheblich geringer ausgefallen als zunächst als zunächst von Ökonomen und der Reffierung prognostiziert. Der Stimmung der Finanzanalysten in Leitmedien wie „Financial Times“ und „Wall Street Journal“ tut das aber keinen Abbruch, wie die jüngste Auswertung der Analystenzitate durch das Zürcher Medienanalyseinstitut Media Tenor zeigt. Ein Vergleich mit dem Sentiment im vierten Quartal des Vorjahres zeigt: Plus 8,2 für die Autobranche ist im Vergleich zu plus 13,2 vor einem Jahr ein optimistisches Statement angesichts zahlreicher ­Produktionsverzögerungen. Bei der Chemiebranche sieht es mit plus 27,2 (Vorjahr: plus 30,7) noch zuversichtlicher aus. Ein leerer Weihnachtsbaum scheint auch kein realistisches Szenario: Die Wertungen zum Handel fallen mit plus 22,3 im Vergleich zum Vorjahr sogar noch positiver aus (plus 17,7). Die weiteren Corona-Wellen ­inspirieren die Einschätzungen zu Pharma und Biotech (plus 37,0; Vorjahr plus 21,1). Beim Technologie­sektor bleibt das Sentiment ebenfalls über plus 25 Zählern. Keine Wolken am Anlegerhimmel, also? Das wäre übertrieben. „Risiken sehen die Analysten zuletzt bei Versorgern, zyklischem Konsum/Reise und auch bei Bau und Immobilienwerten“, meint Matthias Vollbracht, Leiter Research bei Media Tenor. Wie es an den Börsen weitergeht, hängt auch nicht zuletzt davon ab, welchen Kurs die Notenbanken beim Thema Inflation einschlagen werden. Insgesamt wurden 17.899 Aussagen ausgewertet.

Neben vielen Technologieunternehmen zählten Private-Equity-Firmen zuletzt zu den wahren Stars am Börsenhimmel. Der LPX Major Market, ein Aktienindex mit den 25 größten börsennotierten Private-Equity-Firmen des Researchhauses LPX, hat zwischen dem Jahresanfang und Mitte November ein Plus von 72,2 Prozent eingefahren. Die Mehrrendite gegenüber dem MSCI World liegt seit Jahresbeginn bei über 41 Prozentpunkten. Als Grund für die exzellente Wert­entwicklung nennt Michel Degosciu, Geschäftsführer von LPX, als Grund, dass viele Finanzinvestoren in der Covid-19-Pandemie außerordentlich geschickt agiert hätten. „Als die Kaufpreise kurzzeitig einen Dämpfer bekamen, hat Private Equity die Gunst der Stunde für Zukäufe genutzt. Und als dann die Erholung an Fahrt gewann, haben die Investoren bei IPOs und Verkäufen an strategische Investoren Kasse gemacht“, so Degosciu.


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Kommentare ( 4 )

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Julischka
8 Monate her

Was ich am „Black Friday“ am interessantesten finde ist, daß man nirgendwo einen „rassistischen“ Aufschrei gehört hat, denn normalerweise ist doch so ein „Name“ in unserer woken, solidarischen ,regenbogenvielfaltsgesellschaft ein „No Go“!

Lotus
8 Monate her

„Die Gründe, weshalb der wichtigste deutsche Frühindikator, der Ifo-Geschäftsklima­index, soeben zum fünften Mal in Folge gesunken ist, liegen auf der Hand.“

Fehlt bei der Aufzählung der Ursachen nicht ein ganz wichtiger Faktor? Demnächst wird Deutschland von einer Regierung geführt, die den Klima-Sozialismus mit planwirtschaftlichen Maßnahmen installieren will. Sozialismus und Planwirtschaft haben noch nie funktioniert. Genauso wenig übrigens, wie die dauerhafte Finanzierung eines Staatswesens durch Gelddrucken. Es wird auch diesmal nicht funktionieren. Die Linksgrünen werden Merkels Werk vollenden und den Karren endgültig vor die Wand fahren.

norbertb783
8 Monate her
Antworten an  Lotus

Sieht man auch daran, daß über 40 US-Staaten den ganzen „Schwachsinn“ in Sachen Corona spätestens seit dem Frühjahr d.J. nicht mehr mitmachen und alle sogenannten Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben und unter Strafe gestellt haben. Es geht halt nichts über Pragmatismus und gesundem Menschenverstand.

Paul Brusselmans
8 Monate her
Antworten an  Lotus

Ich habe immer noch nicht verstanden, warum man analog zum Euro nicht europäischen Sachverstand bündelt und den europäischen Aktienindex jeden Tag durch die Europäische Kommission beschliesst und im Amtsblatt veröffentlicht. Erfolg ist planbar.