Die EU kauft weiterhin Öl und Gas von Russland

Russland sanktionieren, russisches Gas und Öl über Umwege kaufen und hohe Energiepreise beklagen. Die EU ist moralische Selbstgewissheit und wirtschaftliche Abhängigkeit in verhängnisvoller Verbindung. Ohne Doppelmoral ist dieser absurde Spagat nicht durchzuhalten.

picture alliance / AP Photo/Omar Havana | Omar Havana

Die EU importiert einen Großteil ihrer fossilen Brennstoffe. Bei Rohöl liegt die Importquote bei 96,6 Prozent, bei Gas bei etwa 90 Prozent. Es ist also keineswegs übertrieben zu sagen, die EU sei bei der Versorgung mit fossilen Brennstoffen von anderen Ländern abhängig. Gleichzeitig hat die EU aber außerordentlich hohe moralische Ansprüche. Diese Ansprüche, beispielsweise die Einhaltung des Lieferkettengesetzes, fordert sie selbstverständlich auch von ihren Lieferanten ein. Katar und die USA, beides wichtige Lieferanten von Flüssiggas, haben schon angekündigt, ihre Lieferungen stoppen zu wollen, sollte die EU auf der Einhaltung bestehen.

Auch bei Russland, bis vor 2022 einer der wichtigsten Lieferanten von fossilen Brennstoffen, befindet sich die EU in einem selbstverschuldeten Spannungsfeld zwischen hehren moralischen Ansprüchen und lästigen faktischen Zwängen. Deshalb ist die EU trotz immer neuer Sanktionslisten immer noch größter Abnehmer von russischem Flüssig- und Pipelinegas.

Bei Rohölprodukten, beispielsweise Benzin, Diesel und Kerosin, ist jetzt Indien zu einem Lieferanten der EU geworden. Indien importiert den Großteil seines Rohöls, zeitweise über 1,5 bis 2 Millionen Barrel pro Tag, aber aus Russland, verarbeitet es in seinen Raffinerien und exportiert die daraus gewonnenen Kraftstoffe legal in die EU.

Am 21. Januar 2026 trat ein striktes EU-Importverbot für Kraftstoffe in Kraft, die aus russischem Rohöl raffiniert wurden. Da nun indische Raffinerien erhebliche Mengen russischen Öls verarbeiten, kam es Anfang 2026 zu einem Lieferstopp. Die indischen Dieselexporte in die EU brachen im Januar 2026 auf null ein. Aber die EU hat nicht nur hohe moralische Ansprüche, sie hat diese hohen moralischen Ansprüche sogar doppelt. Verbal ist man moralisch, handelt aber pragmatisch. Doppelmoral muss also nicht schlecht sein. Seit Mitte 2026 erlaubt die EU jetzt Importe aus indischen Raffinerien, wenn diese zusichern, kein russisches Öl zu verarbeiten. Das haben die Exporteure, großes Ehrenwort, natürlich gern zugesichert, und so konnten sich die Exporte in die EU bis Juni 2026 zumindest bei Kerosin wieder auf das vorherige Niveau erholen. Die indischen Dieselimporte sind aber anscheinend noch nicht wieder auf dem Niveau von 2025.

Wie sehr man die Doppelmoral dehnen muss, um Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, zeigt das Beispiel Spanien. Spanien importierte von Januar bis Juli 2026 insgesamt 222.000 Tonnen Diesel aus Marokko. Ein Rekordwert. Man kann davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil dieses Treibstoffs ursprünglich aus Russland stammt und über Marokko unter Umgehung der EU-Sanktionen nach Spanien gelangt. Beweise dafür liegen bislang nicht vor.

Nach 74.000 Tonnen im Mai und 53.000 Tonnen im Juni sanken die Einfuhren im Juli auf 7.000 Tonnen. Im August stellte Marokko seine Diesellieferungen nach Spanien vollständig ein. Zeitlich fällt dies mit dem russischen Exportverbot für Diesel und einer schweren diplomatischen Krise zwischen Spanien und Marokko zusammen. Ende Juli hatten mehr als 70.000 marokkanische Migranten die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta überquert. Ob der Lieferstopp eine politische Vergeltungsmaßnahme Rabats darstellt, ist unklar, aber eben auch nicht auszuschließen. Während Marokko keinen Diesel mehr nach Spanien liefert, setzt Spanien seine Gaslieferungen an Marokko fort. Allein im August flossen 785 Gigawattstunden Erdgas über spanische Infrastruktur nach Marokko, seit Jahresbeginn insgesamt 5.735 Gigawattstunden.

Die Europäische Union könnte nun ihr hehres Ziel, bis Ende 2026 vollständig auf russisches Flüssiggas (LNG) verzichten zu können, verfehlen. Der Krieg im Iran, die Blockade der Straße von Hormus, steigende Energiepreise und historisch niedrige Gasspeicherstände verschärfen die europäische Energiekrise. Gleichzeitig halten mehrere Mitgliedstaaten an russischen Energielieferungen fest.

Im Dezember 2025 beschloss die EU, russisches Flüssiggas bis Ende 2026 und russisches Pipelinegas bis Herbst 2027 schrittweise zu verbieten. Zunächst zeigte die Politik Wirkung. Im August 2026 sanken die europäischen LNG-Importe aus Russland gegenüber dem Vormonat um 46 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Beginn des Ukrainekriegs. Doch bereits im September stiegen sie wieder um 60 Prozent und erreichten ungefähr das Vorjahresniveau.

Der Krieg gegen den Iran hat die Lage dramatisch verschärft. Seit den amerikanisch-israelischen Angriffen vom 28. Februar 2026 und der Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus sind die Energiepreise stark gestiegen. Laut Associated Press mussten die EU-Staaten seit Kriegsbeginn mehr als 100 Milliarden Euro zusätzlich für Energieimporte ausgeben. In einigen europäischen Ländern verteuerten sich Benzin und Diesel um nahezu 50 Prozent.

Ausgerechnet Russland profitiert nun von dieser Entwicklung. Nach Berechnungen des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) brachte die Hormus-Krise Moskau innerhalb von sechs Monaten zusätzliche Öl- und Gaseinnahmen von schätzungsweise 31 Milliarden Euro. Die EU zahlte im September 2026 für ungefähr dieselbe Menge russischen Flüssiggases 73 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Trotz der Sanktionen deckt russisches Gas weiterhin rund zwölf Prozent des europäischen Gasbedarfs. Flüssiggas gelangt nach Belgien, Frankreich, in die Niederlande und nach Spanien. Griechenland, Ungarn und die Slowakei beziehen weiterhin russisches Pipelinegas. Ungarns Abhängigkeit von russischem Erdöl stieg sogar von 61 Prozent im Jahr 2021 auf 93 Prozent im Jahr 2025.

Besonders problematisch ist die Versorgungslage vor dem Winter 2026/27. Die europäischen Gasspeicher waren laut Institute for Energy Economics and Financial Analysis nur zu 72,4 Prozent gefüllt – der niedrigste Wert für diese Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Um Engpässe zu vermeiden, könnte die EU ihren Gasverbrauch im Winter um sieben Prozent reduzieren müssen.

EU-Energiekommissar Dan Jørgensen warnt bereits vor einer Versorgungskrise, die zugleich eine Preiskrise auslöst. Er fordert die Mitgliedstaaten auf, Maßnahmen zur Senkung des Gas- und Stromverbrauchs zu ergreifen.

Während Ungarn und die Slowakei gegen die europäischen Importverbote vorgehen und die Slowakei eine Lockerung der Russland-Sanktionen fordert, lehnt die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas Zugeständnisse an Moskau ausdrücklich ab.

Zwar kann die EU-Kommission bei einer schwerwiegenden Gefährdung der Energieversorgung das Importverbot für kurzfristige Verträge vorübergehend für maximal vier Wochen aussetzen. Eine weitergehende Lockerung wäre jedoch politisch schwierig, da das LNG-Verbot auch Bestandteil des 19. Russland-Sanktionspakets ist und Änderungen die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten erfordern würden.

Damit steht die EU vor einem selbstverschuldeten energiepolitischen Dilemma. Sie will hohe moralische Standards weltweit durchsetzen, gleichzeitig ihre Abhängigkeit von Russland beenden, während der Krieg im Nahen Osten alternative Energielieferungen verteuert und verknappt. Seit Kriegsbeginn hat die EU angeblich etwa 240 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe in Russland bezahlt.

Zusätzlich drängt die EU Russland durch ihre hauptsächlich durch moralische Prämissen geprägte Politik immer weiter in die chinesische Einflusszone. China ist jetzt Hauptabnehmer von russischem Rohöl und Kohle. Bei Gas und Ölprodukten liegt China an zweiter Stelle. Die USA und China sind Großmächte. Russland ist eine Mittelmacht, die über Atomwaffen verfügt. Eine eher rationale Politik wäre wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass es eventuell vernünftiger sein könnte, Russland im Westen einzubinden. Die jetzige Lösung, Russland an China zu binden und vom Westen zu entfernen und trotzdem auf russische fossile Brennstoffe angewiesen zu sein, ist zwar moralisch hochwertig, aber vermutlich von allen Möglichkeiten die schlechteste Lösung.

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