Wie mit Scheinargumenten die Aufarbeitung der Stasi-Akten blockiert wird

Die virtuelle Rekonstruktion der Stasi-Akten harrt dagegen immer noch ihrer Umsetzung. Übernimmt ein Privater die notwendige 2-Millionen-Investition, wenn sich der Staat drückt? Von Philipp Lengsfeld.

IMAGO / Christian Spicker

Erinnerungspolitik und Erinnnerungskultur ist politisch oft ein heiß umgekämpftes Feld: Das war beim Thema Stasiakten natürlich ganz besonders der Fall. Obwohl jetzt, nach 30 Jahren und zum Zeitpunkt der Überführung der Akten aus der Verantwortung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik und seiner Behörde (BStU) (die aufgelöst wird) in das Bundesarchiv die Bewertung dieses historisch sehr radikalen und mutigen Schrittes bis weit hinein in die ursprünglich erbitterte Gegnerschaft dieses vor allem von den Bürgerrechtlern betriebenen Projekts sehr positiv ist.

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Und aus meiner Sicht zu Recht, denn dies war ein wahrhaft radikaler, aber auch sehr moderner Schritt: Die Akten des wichtigsten Unterdrückungs- und Sicherungsapparats einer Diktatur den Opfern und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und damit eine persönliche und gesellschaftliche radikal-transparente Aufarbeitung und Forschung zu ermöglichen. Von den meist von interessierter Seite vorgebrachten Befürchtungen (schlimme gesellschaftliche Verwerfungen, tiefe Verletzungen, Spaltung etc.) hat sich trotz vieler sehr schmerzhafter Erkenntnisse nichts bewahrheitet – dafür haben einige der schlimmsten Opportunisten und Verräter ihren Job verloren, insbesondere, wenn sie nach der Wende Falschangaben gemacht haben. Aber vor allem wurden die Mechanismen der Manipulation und Unterdrückung einer Diktatur gnadenlos enttarnt.

Erinnerungskultur kann auch ein großer Innovationstreiber sein: So hat die Generalität der Staatssicherheit in den ersten Wendewochen verzweifelt versucht, wichtige Akten zu vernichten – was nicht ganz einfach war, da sie eine urdeutsche Sammel- und Dokumentierwut hatten und ihre Technik zwar besser als im Rest des Landes, aber letztlich auch nicht wirklich adäquat war. So mussten viele Mitarbeiter in einer Art Verzweiflungsakt am Ende Akten mit der Hand zerreißen. Dabei kamen letztlich immerhin stolze 15.000 Säcke zusammen, mutmaßlich mit eher dem aktuellen, sehr brisanten Material – viele Säcke gehören zur Hauptabteilung 20 (Staatsapparat, Kultur, Kirchen, Untergrund/HA XX), deren Bereich 20/IV die Hauptzuständigen für die Oppositionsgruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche, vulgo Bürgerbewegung, waren.

Einige wenige dieser handzerrissenen Akten wurden von Seiten des BStU in einer aufwendigen und sehr zeitraubenden Maßnahme per Hand zusammengesetzt: Damit konnte natürlich nur ein winziger Teil rekonstruiert werden. Hier kam schon sehr früh der Wissenschaftler und Innovator Dr. Bertram Nickolay vom Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (Fraunhofer IPK) aus Berlin ins Spiel.

Bertram Nickolay hatte eine simple, aber durchschlagende Idee: Wenn man die zerrissenen Einzelstücke scannt und eine intelligente Software entwickelt, dann kann man die Stücke digital zusammensetzen und die virtuell rekonstruierte Akte drucken.

Verschleppung der Stasi-Aufarbeitung
Ein Scanner für Monika Grütters
Wie alle wirklich disruptiven Ideen war auch diese im Grunde genial einfach. Und Dr. Nickolay und sein Team am Fraunhofer IPK haben die Idee auch erfolgreich umgesetzt. Das Kernstück ist der sogenannte ePuzzler, eine vom Fraunhofer IPK mit Geldern des BKM (Bundesbeauftragter für Kultur und Medien), der Regierungsinstitution (es ist ja kein vollwertiges Ministerium), welche für den BStU zuständig ist, entwickelte Rekonstruktionssoftware, die mithilfe komplexer Algorithmen der Bildverarbeitung und Mustererkennung gescannte Papierfragmente automatisiert zu vollständigen Seiten zusammensetzt.

Die technischen Details will ich nicht vertiefen, im Prinzip ähnelt aber die die Methodik der virtuellen Rekonstruktion beim Puzzeln. Sie entscheidet anhand einer Vielzahl von Merkmalen, ob zwei Teile zusammenpassen oder nicht. Analog zur menschlichen Vorgehensweise berechnet der ePuzzler zunächst verschiedene Merkmale der Schnipsel – wie Kontur, Papierfarbe, Schrift oder Linierung und setzt sie dann sukzessive zusammen . Und damit wird gleich noch ein zweiter Punkt ganz deutlich: Ähnlich wie beim analogen Puzzeln ist die Methode unabhängig von der Sprache oder gar der Herkunft der zerrissenen Papiere – lediglich die Größe der Fragmente ist relevant: Wie beim Puzzeln ist auch die virtuelle Rekonstruktion besser, schneller und robuster, je größer die Stücke und je klarer die Muster. Damit ist der ePuzzler nicht nur für Geheimdienst und andere Aufklärung jeglicher Art hoch interessant – immerhin gibt es genug andere mafiöse Vereine und Strukturen, die durch Zerreißen von Akten versuchen, ihre Tun zu verschleiern, sondern im Prinzip auch für andere museale Rekonstruktionen.

Eine hochinnovative Technik made in Germany.

Aber wie bei jeder Innovation gibt es auch hier eine Schwachstelle: Das Scannen und die Verbindung mit der Ursprungsaufgabe. Obwohl das Fraunhofer IPK im Prototyp auch einen Scanner gebaut hat, ist für eine Übertragung des Verfahrens auf die Untersuchung der MfS-Säcke eine weitere Entwicklungsphase mit einem besseren, einfacheren semiautomatischen Scanner- und Zuführungssystem nötig. Das kostet Geld und Zeit und hätte aber bedeutet, dass man tatsächlich größere Menge der handzerrissenen Akten, zu mindestens gezielt hätte rekonstruieren können.

Struktureller Täuscher
Affäre Lederer: Täuschte der Senator, um Knabe loszuwerden?
An diesem Punkt der Diskussion habe ich 2013 das Projekt, was leider unter dem mehr als unglücklichen Label „Stasi-Schnipsel-Maschine“ im Berliner Politikbetrieb lief, von der alten CDU-Berichterstatterin Beatrix Philipp, die es mit großer Leidenschaft unterstützt hatte, übernommen (die Kollegin ist mittlerweile verstorben). Ich merkte schnell, dass ich es mit einem politischen Klassiker zu tun hatte: Der Wind hatte sich gedreht: Die gerade frisch gewählte zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters wollte das eh schon ins Stocken geratene Projekt nicht mehr – es gab wohl auch mächtige Gegner innerhalb der CDU-Granden, wohl aber nicht, um hier gleich jeglichen Gerüchten zuvorzukommen, von der Kanzlerin, die sich – wie oft in Symbol- und Erinnerungsfragen – eher vornehm zurückgehalten hat.

Ein zähes Ringen begann, denn die großen Unterstützer des Projekts neben mir, z.B. CDU-MdBs Martin Pätzold und Klaus Dieter Gröhler aus Berlin oder auch MdB Johannes Selle aus Thüringen, waren alle aus der CDU-Fraktion.
Aber im heutigen Deutschland ist nichts leichter, als ein missliebiges Projekt auszubremsen – immer neue Hürden türmten sich auf, der Rechnungshof hat Anmerkungen, zwischen Fraunhofer Dachgesellschaft, Fraunhofer IPK und der BStU-Leitung kommt es zu zähen Vertragsdiskussionen. Versuche von mir, die Zuständigkeit und die Geldquelle von BKM auf das ebenfalls denkbare Forschungsministerium (beide waren und sind in CDU-Hand) zu übertragen, wurden hintertrieben und zerredet oder gar im letzten Moment gestoppt.

Vorsorge für die Zeit nach Merkel
Monika Grütters versucht, sich ein eigenes Kultur-Ministerium herbeizureden
So sind mittlerweile acht Jahre vergangen, ohne dass die hochinnovative Idee wirklich in die nächste Phase kam, geschweige denn in die Praxis umgesetzt wurde – aber Dr. Nickolay und das Fraunhofer IPK erhielten noch einen Europäischen Innovationspreis. Und viele warme Worte, besonders von Seiten der BStU-Leitung.

Die virtuelle Rekonstruktion der Stasiakten harrt dagegen immer noch ihrer Umsetzung. Letzte Geheimnisse des MfS schlummern weiterhin in den tausenden Säcken mit handzerrissenen Akten: Eine gezielte Suche mit Hilfe eines leistungsstarken, semiautomtischen Scanners und des ePuzzlers – ein echter proof of concept – wartet auf den Einsatz.

Wird das Thema in der nächsten Legislatur, wo sich ja vieles ändern wird, noch mal aufgerufen? Man kann es nur hoffen.

Ansonsten könnte natürlich auch in diesem Land ein solches Projekt mal von privater Seite weitergeführt werden: Die Kosten sind überschaubar (1-2 Millionen), dafür hätte man einer hochinnovativen und potentiell lukrativen Digitalisierungstechnik zur Marktreife verholfen. Und vielleicht sind auch die rechtlichen Hürden nach Überführung der Verantwortung für die Akten ins Bundesarchiv für die ursprüngliche Zielsetzung Stasi-Akten nicht mehr so hoch.

Aber vielleicht bin ich da auch zu optimistisch und zu weit weg: Im momentanen Berliner Betrieb gilt: Wenn etwas politisch gewollt ist, dann ist sehr viel möglich. Aber leider noch viel mehr: Wenn etwas politisch nicht gewollt ist, dann übertrifft die Obstruktionsmaschinerie sich selber.


Philipp Lengsfeld war 2013-17 Mitglied des Bundestages für die CDU (u.a. Berichterstatter zum Thema Erinnerungskultur der CDU/CSU-Fraktion)

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Kommentare ( 65 )

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65 Comments
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Dr. Michael Kubina
3 Monate her

Mir fällt es als Historiker eher schwer, diesem Thema angesichts dessen, was sich in diesem Land gerade abspielt, einen nennenswerte Relevanz zuzubilligen. Selbst wenn sich Merkels „Stasiakte“ unter den Schnipseln befinden sollte, was würde es ändern? Merkel ist gefährlich, wegen ihrer Politik, nicht weil sie ggf. mal als kleines Mädchen für die Geheimpolizei ihres Staates spitzelte (was sie aller Kenntnis nach aber nicht getan hat). Ein vollkommen nebensächliches Thema. Es ist nahezu ausgeschlosseen, dass sich in diesen Schnipseln irgendetwas findet, das unser Bild von der DDR nennenswert ändern würde. Merkel hat im Übrigen ihr Fähnchen ihr ganzes Leben in den… Mehr

Ostfale
3 Monate her

„““Wird das Thema in der nächsten Legislatur, wo sich ja vieles ändern wird, noch mal aufgerufen? Man kann es nur hoffen.“““ Mit Verlaub, Herr Lengsfeld, in welchem Mustopf sind Sie eigentlich zuhause? Grün/Schwarz oder Schwarz/Grün, beide Varianten evtl. und notgedrungen mit ’nem bißchen Lindnergelb gesprenkelt- und da hoffen Sie auf einen erneuten Aufruf eines Projektes, das den Verbreche(r)n der kommunistischen DDR-Stasi nachgehen soll?! Diesen Figuren, die 1989 eingetaucht sind in den in Westdeutschland seit 1968 gärenden Prozess, der Zerstörung Deutschlands a la Adenauer-BRD, Die werden werden alles, aber auch alles daran setzen, daß das Fraunhoferprojekt der weiteren Entwicklung und Verwirklichung… Mehr

F.Peter
3 Monate her

Es sind offensichtlich noch zuviele der damaligen Parteigänger bei uns in öffentlichen Ämtern, so dass deren Entlarvung wohl nicht nur persönliche Probleme zur Folge hätte!

horrex
3 Monate her

Ich vermute stark, dass bei einer genauen Aufarbeitung – neben vielem Anderem – auch(!) zutage treten dürfte wie und unter welchen Umständen M’s Promotion zustande kam, wie „wertig“ sie ist … oder auch nicht. –
Was – selbstverständlich und unbedingt – zu verhindern ist!!!

Last edited 3 Monate her by horrex
Physis
3 Monate her

Soweit ich weiss, ist die Wiedervereinigung bereits über dreissig Jahre her!
Aber wahrscheinlich hofft man heute, dass man, wenn man mit dem puzzeln fertig ist, in 30 Jahren einen 90 Jahre „jungen“ DDR-Grenzer wegen millionenfacher Freiheitsberaubung anklagen kann… 😉
(Ähnlichkeiten mit noch lebenden, oder bereits verstorbenen Personen und ähnlichen Anklagepunkten sind reiner Zufall…)

Eberhard
3 Monate her

Geld für NGO und weiteren einseitigen Schwachsinn ist vorhanden. Aber an die, die in der DDR die Diktatur bekämpften, Opfer brachten und teilweise noch heute darunter leiden, wird kaum noch gedacht. So soll wieder linke Unmenschlichkeit aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht werden. Wird auch jetzt wieder klappen.

EURO fighter
3 Monate her

Das erinnert mich an die Ausführungen von Andreas von Bülow in seinem Buch „Im Namen des Staates“. Danach bestand schon nach der Wende wenig Interesse an der Aufarbeitung der DDR-Akten, weil Schalck-Golodkowskis KoKo ziemlich undurchsichtige Geschäfte mit Wissen und sogar unter Einbeziehung westlicher Dienste (BND, CIA) betrieb.
Und von Grütters kann man erst recht keinen konstruktiven Beitrag erwarten. Als „Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“ unterstützt sie lieber das antirussische Propaganda-Organ „Dekoder“.

Deutscher
3 Monate her

LOL

Wer glaubt, dass am Ende der superteuren Superscannerei so etwas wie eine Entstasifizierung des Politmilieus und des Staatsapparates stünde, dem kann man vieles erzählen.

Naja, bei der jährlichen Milliardenverschwendung kommt es auf die paar Milliönchen auch nicht mehr an. Ein paar Fraunhofer-Spielkinder haben einige Jahre lang gut bezahlten Spaß mit ihrem tollen Spielzeug, die Informatikergemeinde hat ein anregendes Thema für´s abendliche Biertrinken und am Schluss verläuft eh alles im Sande. Gönnen wir es ihnen!

Last edited 3 Monate her by Deutscher
SwingSkate
3 Monate her

Sicher richtig, dass einige „Opportunisten und Verräter“ im nachhinein enttarnt wurden. Nur im wesentlichen Punkt hat dieses System versagt (vermutlich auch ein Verdienst von Herrn Gauck): Merkel sitzt im Kanzleramt. Und wer das nötige Durchstehvermögen besitzt streitet einfach alles ab (Gysi), Akten von durch und durch verlogenen Geheimdiensten lassen das nicht mal zwingend unplausibel erscheinen. Nur jetzt ist es eh zu spät, es ist nicht einmal unbekannt (und scheint auch niemanden zu stören) zu welchen Schlüsselpositionen sich Stasiverbindungen rekonstruieren lassen.  

Roellchen
3 Monate her

Dabei geht es nicht um weniger als die SED Tochter Merkel, die Deutschland seit 16 Jahren auf den Kopf stellt und immer mehr Macht und Ohnmacht an sich reißt.

Es geht sozusagen um ein sehr berechtigtes Interesse der Bevölkerung, das gehindert wird.