Schnelles Internet gibt’s anderswo

Schnelles Mobiles Internet ohne Volumenbegrenzung gibt es in Finnland, aber nicht in der deutschen Digitalwüste.

Urlaub auf dem Land? Eine Horrorvorstellung! Jedenfalls für viele, die auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen sind. An vielen Orten und Regionen in Deutschland kommt man noch heute nicht mit einer vernünftigen Geschwindigkeit mobil ins Internet. In anderen europäischen Ländern funktioniert das viel besser. Kann sich das ein Hightechland leisten? Steht das im Einklang mit der Zukunftsfähigkeit Deutschlands?

Mittelfinnland Spätsommer 2015: Zu viert machen wir in einem abgelegenen Sommerhaus Urlaub. Bevölkerungsdichte: Etwa 5 Einwohner je km². Wir sind alleine, können die Ruhe genießen, die taghellen Nächte, den See, die Sauna. Die Abgeschiedenheit ist schön, aber alle vier wollen und können auch hier nicht auf das Internet verzichten, auch im Urlaub müssen wir für unsere Jobs in Forschung und Management ab und an zum Beispiel E-Mails beantworten. Als Serienjunkies wollen wir natürlich auch im Urlaub unsere bevorzugten Streamingdienste nutzen, datenumfangreiche Präsentationen runterladen, Fotos und Videos up- und downloaden.

Das ist alles kein Problem, denn trotz der Abgelegenheit ist an unserem Urlaubsort der Standard für schnelles mobiles Internet, LTE (4G), verfügbar. Kostspielig ist der Spaß nicht, denn wir haben über eine finnische Simkarte Zugang zum Netz. Kostenpunkt: 66 Cent pro Tag, unbegrenzte Nutzung bei Maximalgeschwindigkeit inklusive. Probleme gibt es keine, die Verbindung läuft reibungslos.

Ostdeutschland Spätsommer 2015: Nach vier Versuchen in fünf Minuten gebe ich es einfach auf. Ich habe versucht, die mobile Loginseite meines E-Mailanbieters zu laden und nicht einmal das klappt. Ich muss eigentlich dringend eine E-Mail schreiben, erledige die Sache dann jedoch per Anruf. Wenigstens das funktioniert. Die Netzabdeckung hier: 2G im Vergleich zum 4G-Standard in Finnland. Bevölkerungsdichte: 29 Einwohner je km², also etwa sechs mal so viele wie auf dem finnischen Land. Wenn überhaupt, dann bauen sich die Webseiten in einer quälend langsamen Geschwindigkeit auf. Ich empfinde es als reine Folter und bin kurz davor, mein Handy an die Wand zu schmeißen.

LTE ist der derzeit übliche Standard für schnelles Internet. Laut Deutscher Telekom werden im Netz von T-Mobile etwa 85% der deutschen Bevölkerung mit LTE versorgt (Realität maximales Tempo 2G, Volumenbegrenzung 400 MB), in Finnland sind es im Netz von „Elisa“ mehr als 97% der finnischen Bevölkerung. Und das, obwohl viel weniger Menschen in Finnland leben, auf die gleiche Fläche verteilt wie in Deutschland. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte beträgt in Finnland 18 Einwohner je km², in Deutschland 226 je km². Der Urbanisierungsgrad ist in Finnland nur geringfügig höher.

Wie kann es sein, dass Deutschland als Hightechland so hinterherhinkt? Als Land, in dem die Bevölkerungsdichte viel höher ist und somit ein technischer Ausbau viel effektiver und günstiger möglich wäre. Was für eine Konsequenz hat das für die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft? Studenten, die unterwegs für ihre Abschlussarbeit recherchieren wollen, Manager, die darauf angewiesen sind, auch die Reisezeit für die Arbeit zu nutzen, oder aber auch Pendler, die sich unterwegs gesellschaftlich beteiligen oder einfach Kontakt mit ihren Lieben halten möchten, werden in ihren Aktivitäten massiv behindert.

Ökonomisch betrachtet stellt ein immobiles Deutschland ohne Frage einen Verlust für seine Volkswirtschaft dar – sozial betrachtet sowieso. Menschen in nicht-urbanen Regionen haben noch immer eine geringere Möglichkeit auf Teilhabe in der Gesellschaft, denn ein schneller Internetzugang ist heute ein Muss, um mitzukommen und beispielsweise Jobangebote zu finden oder Anschluss an den aktuellen Wissensstand zu halten. Für Internetabhängige gibt es allerdings Hoffnung: Einfach in die Provinz ziehen und die Sucht ist mangels Zugang schnell verflogen – wenn auch unter harten Entzugserscheinungen.

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