Olympia-Nein: Gebt den Sport jenen zurück, denen er gehört!

Zu viele Menschen haben den Eindruck, Sport und Sportler sind nur noch Staffage einer großen Funktionärs-Show.

Hamburg sagt nein. Und Sportdeutschland wundert sich. Denn wie einst die Schlange Ka in Disneys Adaption des Kipling-Klassikers Dschungelbuch hatten sich Politik und Sportfunktionäre gegenseitig in Trance gesungen. Olympia in Hamburg – ein Innovationsschub ohne Ende – und zum krönenden Abschluss ein riesiges Sportfest.  Ein Herzschrittmacher für Deutschlands zweitgrößte Stadt, die dank Elbvertiefungs-Dauer-GAU, zunehmend peripherer Lage im internationalen Welthandel und ideenloser Senatspolitik dringend eines Bypasses bedarf.

Nach irreführenden Umfragen Katerstimmung und  Suche nach den Schuldigen

Glaubte man Initiatoren und Realisatoren, dann war Hamburgs Bewerbung eigentlich schon durch das IOC abgesegnet – nur die Zustimmung des hanseatischen Fußvolks fehlte noch. Aber kein Problem: Auch kurz vor der Abstimmung schufen Umfragen Sicherheit. Immer noch 56 Prozent Ja – kein Problem.

Und nun? Katerstimmung. Hamburgs Politik befindet sich in einem großen Loch. Ein Nein war im großen Plan nicht vorgesehen. Also werden Schuldige gesucht. Und natürlich gefunden werden.

Die gemeinsam von SPD, CDU, Grünen, FDP, Wirtschaft und Medien getragene Pro-Olympia-Kampagne wird es nicht sein. Sie war es auch nicht. Sie war hochprofessionell und ansprechend. Vielleicht zu ansprechend. Dagegen wirkte die Graswurzelkampage der Nein-Sager nicht nur primitiv – sie war über weite Strecken derart schlecht, dass auch Olympia-Gegner fast schon mit einem Ja für den Event liebäugelten.
Das Engagement der Sportler war es auch nicht. Ihre Begeisterung für Olympia ist echt und niemand hätte das jemals bezweifeln können oder wollen.

Also wird man sich nun darauf verständigen, dass es die nach Paris noch frische Angst vor dem Terror gewesen sein wird. Wie sollte man in einer weltoffenen Stadt wie Hamburg die Sicherheit garantieren können? Das Hamburger Nein als Ausdruck der europaweiten Verunsicherung.

Dann selbstverständlich das dokumentierte Unvermögen bei anderen Großprojekten. Wer nicht in der Lage ist, einen Großflughafen fertigzustellen – wie soll der Olympia bauen? Wer an der Elbphilharmonie versagt – kann man dem zutrauen, Olympia auf die Beine zu stellen? Das Hamburger Nein als Quittung für Ingenieursversagen, das allerdings vorrangig ein Politikversagen ist.

Natürlich die Erfahrungen mit Sportgroßveranstaltungen in anderen Ländern. Südafrika. Brasilien. Hochmoderne Tempel des Sports, für Unsummen errichtet. Und danach? Bauruinen, für die das Geld zum Unterhalt fehlt und die langsam verfallen werden. Daneben die Massen der Armen – vereint in den Slums. Nichts, was den Spaß am ganz großen Sport beflügeln könnte.

Und selbstverständlich die FIFA. Blatters Internationale der Handaufhalter. Sowas schreckt ab. Zugegeben – wer wie ich hautnah an Berlins erstem Versuch war, Nachkriegs-Olympia auszurichten, dem reichte der Blick hinter die Berliner Kulissen, um auch beim IOC jene zu verorten, deren Stimme erst durch kleine und große Gefälligkeiten gewonnen werden konnte. Obgleich Thomas Bach beschwört, nun alles geändert zu haben.

All das ist sicherlich ein Teil der Wahrheit. Die tiefere Ursache der Ablehnung aber ist nicht nur darin zu finden, dass die weltweiten Sport-Events den Geist des Sports längst verraten haben und zu riesengroßen Kommerzveranstaltungen verkommen sind. Sie liegt auch darin, dass der Bürger hier ein großes Kartell aus Politik und Kontostands-Aufbesserern vermutet, für das der Sport nur noch Mittel des eigenen Wohlbefindens und Wohlergehens ist.

Gegen das Kartell der Funktionäre und Selbstbediener

Das fängt damit an, dass mit dem grünen Gründungsmitglied Michael Vesper 2006 ein aussortierter Landesminister mit dem Dauerjob des deutschen Olympia-Chefs abgefunden wurde.

Hamburgs Sportbund darf dem Polit-Rentner Jürgen Mantell sein Rentenalter versüßen. Der gestandene Sozialdemokrat war zuletzt Verwaltungschef des Hamburger Verwaltungsbezirks Eimsbüttel.

Seit 2009 Präsident des Hamburger Fußballverbandes mischt der ewige Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Dirk Fischer im Hintergrund die sportpolitischen Karten. Der begnadete Strippenzieher, bundespolitisch als Verkehrssprecher seiner Fraktion eher unbekannt, ist gerade dabei, mit der Durchsetzung des ebenfalls aus Hamburg stammenden Politikers Reinhard Grindel  zum Nachfolger von Wolfgang Niersbach einen neuen Mayer-Vorfelder beim DFB zu installieren.

Und dann sind da noch die eher kleinen Sünden. Beispielsweise dann, wenn mit Nicolas Hill der einzige christdemokratische Senatssyndicus, der das Ende der von-Beust-Ära überlebt hatte, als Geschäftsführer der Hamburger Olympia-Bewerbungsgesellschaft aus dem Senat gelobt und der Senatssprecher Christoph Holstein von Bürgermeister Olaf Scholz zum Sport-Staatsrat mit Olympia-Zuständigkeit erhoben wird.

Es geht nicht darum, die Qualitäten der Herren anzuzweifeln. Es geht auch nicht darum, ihr sportpolitisches Engagement in Frage zu stellen. Aber bis tief in die bürgerliche Wählerschaft Hamburgs hinein war ein Grummeln darüber zu hören, dass der Sport längst schon keine Sache der Sportler mehr ist, sondern von der Politik gekapert wurde. Sportfunktionärs-Jobs als krönendes Sahnehäubchen für politische Auslaufmodelle. Und Olympia als Veranstaltung einer Funktionärs-Elite ohne Bodenhaftung.

Hamburg hätte Ja zu Olympia gesagt, wenn nicht immer mehr Menschen das Gefühl gehabt hätten, bei den Verbänden auf ein bürgerfernes Kartell aus Politik und Wirtschaftsinteressen zu stoßen, für das der Sport nur noch Mittel zum eigenen Zweck ist. Möglich, den Verantwortlichen mit dieser Einschätzung Unrecht zu tun. Niemand wird beispielsweise den visionären Braun-Brüdern von der Welt größter Modellbahnanlage ihre echte Sportbegeisterung absprechen. Doch in einer Zeit, in der immer mehr Bürger das Gefühl haben, dass die Politik sich auf einem fernen Stern bewegt, sucht das Bauchgefühl Ventile. Die Hamburger Olympia-Abstimmung war ein solches.

Insofern mögen die nun aufzulistenden, äußeren Umstände ihren Teil zum am Ende doch deutlichen Nein beigetragen haben. Die eigentlichen Ursachen aber liegen darin, dass die Menschen den Eindruck hatten, dass Sport und Sportler nur noch Staffage einer großen Funktionärs-Show sind.

Schade eigentlich. Olympia in Hamburg hätte eine große Sache werden können. Wenn sie als Sache des Sports wahrgenommen worden wäre. Eine Mehrheit der Hamburger aber hatte das Gefühl, hier nicht für den Sport, sondern für ein Kartell abstimmen zu sollen. Das lag nicht in ihrem Interesse.

Deshalb wäre die Politik gut beraten, den Sport jenen zurück zu geben, denen er gehört. Den Sportlern. Und mit ihnen all jenen, die sich tagtäglich in den Sportvereinen mit großem Engagement und eigenem KLEINEN Geld um den Sport verdient machen.

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