Ist die „gefährliche Mutante“ nur eine Erfindung der Politik?

Der Molekularbiologe Wolf-Dieter Schleuning zeigt in diesem Beitrag die prinzipiell positiven Auswirkungen von Virus-Mutationen: Es dürfte etliche unentdeckte, harmlosere Mutationen geben, die uns auf einen risikoarmen Weg zur Herdenimmunität bringen könnten – wäre da nicht der Lockdown. 

IMAGO / ZUMA Wire

Die WHO verkündete in einem ihrer letzten wöchentlichen Covid-19-Update einen anhaltenden substanziellen Rückgang der Corona-Neuinfektionen und zwar weltweit, offenbar unabhängig von den jeweils getroffenen Gegenmaßnahmen. Nun beginnt das allgemeine Grübeln über die möglichen Ursachen. Zu diesem Thema seien im Folgenden ein paar epidemiologische Grundlagen zur Evolution von Krankheitserregern aufgelistet. Unsere Politiker und einige Virologen scheinen davon auszugehen, dass neue SARS-CoV-2 Mutationen grundsätzlich gefährlicher seien als die ursprünglich aus Wuhan importierte Population. Den Politikern mag man diese Fehleinschätzung nachsehen, den Virologen allerdings nicht. Viren verändern sich ständig durch Mutationen, und das Auftreten neuer Varianten ist ein zu erwartendes Ereignis und nicht per se ein Grund zur Sorge.

Heft 03-2021
Tichys Einblick 03-2021: Es reicht.
Eine Diversifizierung von SARS-CoV-2 im Rahmen von Evolutions- und Anpassungsprozessen ist bei fortlaufender Übertragung bei Viren im Allgemeinen und bei RNA-Viren im Besonderen die Regel. Die meisten auftretenden Mutationen werden dem Virus keinen selektiven Vorteil verschaffen. Allerdings können bestimmte Mutationen oder deren Kombinationen einen solchen doch ermöglichen, etwa durch eine erhöhte Rezeptorbindungsaktivität oder die Fähigkeit, das Immunsystem des Wirts zu täuschen. Nun gibt es zwar Belege, dass diese Mutationen, z.B. die aus England stammende B.1.1.7 Variante, virulenter (ansteckender) sind, aber bisher keine statistisch validen Daten, dass sie pathogener wären (d.h. schwerere Krankheitsverläufe verursachen). Es gibt nämlich keinen evolutionären Druck in Hinblick auf die Selektion von Viruspopulationen mit verstärkter Pathogenität. Der evolutionäre Druck richtet sich vielmehr ausschließlich auf die Selektion von Populationen mit erhöhter Virulenz (Ansteckungsgefahr). Erhöhte Pathogenität wäre sogar ein negativer Selektionsfaktor, weil die Infizierten isoliert werden und dann das Virus nicht weiter verbreiten können.

Hochrechnungen des britischen Gesundheitsministeriums zufolge sind bereits über 95% der Neuinfektionen in Großbritannien auf die Mutation B.1.1.7 zurückzuführen, wäre diese 60% tödlicher, wie jetzt teilweise berichtet wird, müssten die Totenzahlen in die Höhe schießen. Die sind aber ebenso im Sinkflug, bei etwa gleichbleibender Fallsterblichkeit:

Für die Verbreitung einer Viruspopulation ideal wäre in der Tat eine Mutation, die hoch ansteckend ist, aber kaum Symptome verursacht. Solche Mutationen gibt es vielleicht schon lange, aber sie wurden nicht identifiziert, weil symptomarme Personen selten getestet werden. Auch schwach pathogene Viren lösen eine Immunantwort aus, sonst würden wir ja schon an einem harmlosen Schnupfen sterben. Dass eine Minderung der Pathogenität vor allem in Verbindung mit einer erhöhten Reproduktionsrate auftritt, ist Lehrbuchwissen, das auch Virologen bekannt sein müsste, das sie aber den Politikverantwortlichen offensichtlich nicht verraten. Sollte dieser evolutionäre Druck auch auf die Verbreitung von SARS-Cov-2 Mutationen zutreffen, was sehr wahrscheinlich ist und die WHO-Daten sprechen dafür, dann wäre ein allgemeiner Lockdown, der sich nicht auf die Risikogruppen beschränkt, kontraproduktiv, weil er die Verbreitung relativ harmloser Mutationen und die Herstellung der Herdenimmunität verhindert.

Ob diese Hypothese zutrifft, ließe sich durch Studien an größeren zufällig zusammengesetzten Gruppen (Kohortenstudien) belegen, bei denen Virusgenome und Krankheitsverläufe zueinander in Beziehung gesetzt werden. Solche Studien sind aufwendig und teuer, aber zweifellos billiger als die Kosten des Lockdowns. Das kleine Island mit seinen 350.000 Einwohnern ist in dieser Hinsicht Deutschland weit voraus. Während hierzulande gerade erst begonnen wird, das Erbgut von Coronavirus-Proben systematisch zu sequenzieren, wird auf der Insel bereits seit zehn Monaten jeder positive Corona-Test genau analysiert. Schon im Januar waren bereits 463 Mutationen sequenziert. Auf die Einwohnerzahl Deutschlands hoch gerechnet, wären das hierzulande 110.000 Mutationen.

Kritik ist schmerzhaft, aber macht uns klüger
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Hierzulande beschränkt man sich lieber auf die bloße Durchführung von PCR-Tests – die für sich genommen aber nicht zur Begründung eines Lockdowns ausreichen. Für den Nachweis einer Infektion ist nur eine minimale Viruslast erforderlich, die längst noch keine Krankheitssymptome verursacht. Ist die Viruslast derart gering, werden die Viren von den im Nasenrachenraum reichlich vorhandenen Fresszellen (Makrophagen und dendritische Zellen) aufgenommen und vernichtet. Der PCR-Test ist aber so empfindlich, dass er auch solche nicht reproduktionsfähigen Viren oder Virusreste positiv anzeigt. Ebenso ungeeignet ist die Angabe der Anzahl der an oder unter Covid19 Verstorbenen, da diese im Durchschnitt über 80 sind und ohnehin eine hohe Sterblichkeit aufweisen. Aufschluss darüber, ob wirklich das Virus die Todesursache war, können nur Autopsien liefern, die vom RKI aber ausdrücklich abgelehnt wurden.

Neben allgemeiner Inkompetenz hat der Umgang mit der Pandemie auch strukturelle Schwächen im Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft ans Licht gebracht. Eine davon ist die Unterstellung des RKI unter das Bundesgesundheitsministerium. Eine andere ist die Schamlosigkeit mancher Wissenschaftler, die sich nicht zu schade waren, dem BIM vor 11 Monaten erwünschte, zweifelhafte Daten zur Begründung der Grundrechtseinschränkungen zu liefern. Ähnliches gilt für eine entsprechende Erklärung der Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Gleichermaßen degoutant ist die Art und Weise, mit der sich Wissenschaftler ins Rampenlicht drängen, indem sie sich die absurde Null-Covid Forderung von Hengameh Yaghoobifarah, Luisa Neubauer und Margarete Stokowski zu Eigen machen, um bei Illner, Plasberg oder Maischberger glänzen zu dürfen.


Prof. Dr. Wolf-Dieter Schleuning ist Arzt und Molekularbiologe mit dem beruflichen Schwerpunkt: Gentechnische Verfahren in der Arzneimittelforschung und -entwicklung. Er forschte unter anderem an der Rockefeller Universität, der Universität Lausanne und leitete den Aufbau und die präklinische Forschung der Hauptabteilung für Zell- und Molekularbiologie der Schering AG. 

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Kommentare ( 114 )

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Dr. A. Mamsch
6 Monate her

Bisher hat man in Deutschland pro Woche rund 1 Million Menschen auf sog. Neuinfektionen getestet. Also rund die Hälfte der Bevölkerung. Da muß Nachschub her! Den großen Testschub landete man nach dem Ende der Schulferien im vergangenen Jahr: 1 Lehrer hat drei Klassen à 30 Schüler, davon 70 % aus „Großfamilien“: Eine wahre Fundgrube. Als die ausgeschöpft war, wendete man sich ENDLICH den Alters- und Pflegeheimen zu, die man bis dato wohlweislich „in Ruhe (sterben)“ gelassen hatte. Auch eine Fundgrube für die sog. Neuinfektionen. Da ist man jetzt leider auch durch! Wie gut, daß es jetzt Mutationen gibt, und die… Mehr

Entenhuegel
7 Monate her

Danke, Herr Schleuning! Es braucht mehr Stimmen der Vernunft, gerade aus dem Bereich der („wahren“) Wissenschaft, um den Wirrologen und Scharlatanen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft die Deutungshoheit über die „Pandemie“ zu nehmen.

Aljoschu
7 Monate her

Herzlichen Dank, Herr Prof. Dr. Schleuning, für Ihren Mut, Tacheles zureden. Ich bin faszinierter Amateur in Sachen Evolutionslehre, und Ihrer evolutionsbasierte Erklärung zu Virusmutanten kann ich nur zustimmem. Das Virus kann beinahe nichts gegen die 0 – 50 Jährigen ausrichten, deshalb wären sie eigentlich die ideale Gruppe zur Herstellung einer Herdenimmunität. Außerdem sind dasgenau diejenigen, dieunsere Wirtschaft und uns alle sprichwörtlich am Kacken halten. Warum man genau diese Gruppeeinsperrt und gängelt, sie ausbremst, wo es nur geht, kann ich nur mehr mit voller Absicht der Verantwortlichen begründen. Dazu fehlen mir schlicht die Worte!

EDELSACHSE 57
7 Monate her

Nichts ist dem Zufall überlassen.Es werden bewusst viele und falsche Zahlen gestreut.Diese selbsternannten Experten widersprechen sich doch selbst.
Das Ziel ist es Unsicherheit und Ängste zu schüren.Einen unwissenden verwirrten Untertan kann mann besser beherrschen.

Marion Soennichsen
7 Monate her

Hervorragender Artikel! Bitte publizieren Sie weiter, lesenswert für alle Molekularbiologen. 1. Einen Aspekt würde ich hier gerne ergänzen bzw. Ihnen eine Frage stellen: Die Bedeutung der „silent spreader“, also der Menschen, die symptomfrei sind, jedoch als „stille Verteiler“ kleine Mengen von Viren an die Individuen innerhalb der Wirts-Population verteilen und so bei diesen eine „stille Immunantwort“ auslösen, sollte näher betrachtet werden. Die Funktion der „silent spreader“ wäre es, sehr schnell dafür zu sorgen, dass sich eine natürliche Herden-Immunität aufbauen kann (Funktion der Kinder während der Zeit der Spanischen Grippe? Die „silent spreader“ wurden nicht isoliert). Diese „silent spreader“ werden nunmehr… Mehr

Th. Nehrenheim
7 Monate her

Vielen Dank für diesen fachlichen fundierten Artikel.
Mir war auch negativ aufgefallen, dass hier in Deutschland offenbar in zu wenigen Fällen die Viren-RNA sequenziert wird. Vielleicht auch darum wurde die britische Mutation eben in Großbritannien entdeckt.
Dass allerdings die Zahl der Todesfälle „ebenso wenig geeignet“ ist, die Anzahl der an oder unter Covid19 Verstorbenen zu repräsentieren, bezweifle ich angesichts der Massenautopsien, die die hamburger Gerichtsmediziner durchgeführt haben.
Wissenschaftler sollten frei von politischen Ideen sagen, was sie in der Sache guten Gewissens vertreten können.

Elmar Hofmann
7 Monate her

Der Artikel geht davon aus, dass ein „allgemeiner Lockdown, der sich nicht auf die Risikogruppen beschränkt, kontraproduktiv (ist), weil er die Verbreitung relativ harmloser Mutationen und die Herstellung der Herdenimmunität verhindert.“ Die WHO hat allerdings ihre Definition von Herdenimmunität im Oktober 2020 geändert. Bis dahin galt: „Herd immunity is the indirect protection from an infectious disease that happens when a population ist immune either through vaccinition or immunity developed through previous infection.“ Jetzt definiert man neu: „Herd immunity, also known as population immunity, is an concept used for vaccination, in which a population can be protected from a certain virus if a… Mehr

Aljoschu
7 Monate her
Antworten an  Elmar Hofmann

Danke, Herr Hofmann, für das obige Zitat. Das erklärt in meinen Augen dieses dumme Geschwafel der Kanzlerin undihrer Zöglinge über dieImpfung (obwohl ja gerade der Impfstoff fehlt!).

Dire
7 Monate her

Nur ein Kommentar dazu: Ja, stimme ich zu, aber, um auch die Gegenseite zu verstehen, woher ihre fehlgeleiteten Argumente stammen … mehr Infektionen bedeutet natürlich automatisch mehr schwere Verläufe, nicht weil das Virus gefährlicher für das Individuum geworden ist, sondern weil sich, sagen wir mal, einfach im selben Zeitraum doppelt so viele Leute anstecken als zuvor. Das lässt sich zwar nicht 1:1 auf die Intensivauslastung dann übertragen, aber von dem Aspekt kann ich das schon verstehen. Auch die Sache mit der Herdenimmunität, da scheint zumindest Brasilien gerade das Gegenteil zu beweisen, wo es ja angeblich schon 75% gehabt haben sollen.… Mehr

November Man
7 Monate her

Bei dieser Regierung ist nicht nur die „gefährliche Mutante“ eine Erfindung, sonders so ziemlich alles um Corona herum ist auf Erfindungen aufgebaut.
Zu mindesten alles was auf manipulierten Zahlen aufgebaut und uns kolportiert wurde.

Paroline
7 Monate her

Von meinem Arbeitgeber wurden wir zum Test geschickt, weil ein Mitarbeiter positiv getestet wurde. Der Test kostete 100 Euro pro Nase, die ich, ehrlich gesagt, lieber als Weihnachtsgeld erhalten hätte… Ein Haufen Geld, mit dem sich irgendwelche Testfirmen eine goldene Nase verdienen. Eigentlich gehört das verboten. Der Preis steht in keinem Verhältnis zu Arbeitsaufwand und Materialkosten. Was mich aber am meisten gewurmt hat ist die Tatsache, dass nicht mal getestet wird, ob man Antikörper hat (das hätte man noch mal extra bezahlen müssen). Es sollte wenigstens verpflichtend sein, dass bei SÄMTLICHEN durchgeführten Tests ein Antikörpertest gemacht wird. Vielleicht hatten wir… Mehr