"Sich von Irrtümern zu lösen, war das Wesen seiner Kunst. Nicht wirklich ein Renegat, sondern ein Mann, der zum Denken keine Anleitung benötigte. Darin bleibt er auch mein Vorbild.", schreibt Wolfgang Herles in seinem Nachruf auf Peter Schneider.
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Sein Haus in Latium steht auf einem Hügel zwischen Neapel und Rom. Im Garten römisches und mittelalterliches Mauerwerk. Im nahen Itri, einem berüchtigten Brigantennest, schlotterte Goethe um sein Leben, im nahen Formia wurde Cicero ermordet. Genau hier fühlte Peter Schneider sich mindestens so zuhause wie in Berlin. Über den Bau seines Ferienhauses schrieb er einen herrlich komischen Roman („Skylla“, 2005), in dem der Bauherr in die Mühlen zwischen Korruption und Archäologie gerät.
Der deutsche Autor zählte dort unten zur Prominenz. Im September war er zum letzten Mal dort. Schon gezeichnet vom Krebs, hatte er mich gebeten, ihn zu begleiten, allein wäre es ihm wohl nicht mehr ganz geheuer gewesen. Jeden Tag aber schwamm er im nahen Meer wie befreit weit hinaus – viel weiter als ich ihm folgen konnte und wollte. Noch immer ein kräftiger Mann voller Energie. Wir kochten, tranken, debattierten und schrieben. Stille Tage, die Wehmut und Dankbarkeit hinterlassen.
Auch seine erfolgreichste Romanfigur ist mit Italien verbunden. Fünf Jahre nach Ausbruch der Studentenrevolte macht ein schmaler Band literarisch Furore: Die Novelle „Lenz“ ist Anfang 1973 Kultbuch und Schulbuchlektüre. Als moderne Nacherzählung des gleichnamigen Buchs von Georg Büchner, der sich wiederum auf den rebellischen Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz bezog, folgt Schneider dem Studenten Lenz nach Italien, das für ihn zur Befreiung wird. Es ist, wenn auch damals noch aus „linker“ Perspektive, die Geschichte über den Mut zur Veränderung, über die Kraft des eigenen, unabhängigen Denkens. Es zeichnet auch Peter Schneider aus.
Ja, er war einmal ein Ideologe der Achtundsechziger, träumte gar von einem Leben als Berufsrevolutionär, organisierte das Springer-Tribunal, verliebte sich unsterblich in die schöne Marianne Herzog, die in den Terrorismus abglitt. Schneider machte nicht mit, beschrieb aber in seinem erst kürzlich erschienenen letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ so diskret wie verschlüsselt diese Geschichte, rang sie sich unter widrigen Umständen ab, und war darauf zurecht stolz.
Seine großen Lieben wären mehrere Romane wert gewesen. Etwa die zu einer italienischen Kulturministerin. Am Ende war ihm auch in diesem Fall seine Unabhängigkeit mehr wert. Von seiner Liebe zu Italien kündet auch der wunderbare Roman „Vivaldi und seine Töchter“ (2019), in dem der Sohn eines Dirigenten und in seiner Jugend ambitionierte Geiger zu einer alten Liebe, zur Musik zurückfand.
Ich lernte ihn leider erst spät kennen, als ich für meine Literatursendung „Das blaue Sofa“ mit Schneider ins Dorf seiner Kindheit, ins bayerische Grainau fuhr. Sein autobiografischer Bericht über seine Mutter („Die Lieben meiner Mutter“, 2013), ein weiterer Bestseller, schildert bewegend wie das 1940 in Lübeck geborene Kind sich mit seiner Mutter durch das zerstörte Deutschland über das zerbombte Dresden bis zu den Alpen durchschlägt, wo die Flüchtlingsfrau sich in ihrer Überlebensgier die Freiheit nimmt, eine Dreiecksbeziehung einzugehen. Unabhängigkeit: das Lebensmotto von Peter Schneider.
Frei in Gedanken war er immer. Als Gastdozent an renommierten US-Universitäten, als erfolgreicher Drehbuchautor, als Autor des Romans „Die Mauerspringer“(1982), in der er die deutsche Teilung als absurde Groteske abhandelt, die ihm damals schon gegen den Strich ging. Auch als Essayist, der in keine Schublade zu pressen war.
Sein letzter Text trägt die Überschrift „Über die Schwierigkeit, sich von Irrtümern zu lösen“ (Er erscheint demnächst im Sammelband „Wenn das Denken die Richtung ändert“.) Peter Schneider hasste intellektuelle Feigheit und wusste, was es bedeutete, die Freiheit zu verteidigen. „Das Dumme ist nur, dass wir tatsächlich kriegstauglich werden müssen, um unsere Existenz zu verteidigen“, schrieb er noch kürzlich.
Sich von Irrtümern zu lösen, war das Wesen seiner Kunst. Nicht wirklich ein Renegat, sondern ein Mann, der zum Denken keine Anleitung benötigte. Darin bleibt er auch mein Vorbild.

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