RTL: Reporter fälscht mindestens 21 Nachrichten-Filme

Über 12 Jahre hinweg hat ein „RTL“-Reporter zahlreiche TV-Beiträge manipuliert. Erste Fälschungen kamen im Mai ans Licht. Jetzt räumte „RTL“ weitere 14 Manipulationen ein. Und es gibt noch andere Verdachtsfälle.

Getty Images
Symbolbild

Schon vor rund sechs Wochen hatte der Privatsender „RTL“ – nach einer Überprüfung etlicher Sendebeiträge – darüber informiert, dass ein Reporter des Regionalsenders „RTL Nord“ (eine hundertprozentige Tochter von „RTL Köln“) im Verlauf von etwa zwölf Jahren sieben Film-Beiträge für das nationale „RTL“-Programm teils gefälscht hat. Daraufhin wurde der 39-jährige Journalist entlassen. „RTL“ selbst leitete umgehend eine weitere, umfassende Überprüfung aller Beiträge des ehemaligen Mitarbeiters ein.

Ein sechsköpfiges Prüf-Team hat in den vergangenen Wochen sämtliche 104 Reportagen des Reporters analysiert, die primär für das bundesweit ausgestrahlte „RTL“-Mittagsjournal „Punkt 12“ gedreht worden waren. Ergebnis: 14 weitere Manipulationsfälle wurden aufgedeckt. Es gibt allerdings noch andere Verdachtsfälle, die jetzt eingehend überprüft werden sollen.

Drei konkrete Fälle

Ein erster Hinweis auf die Manipulation war am 15. Mai bei der Geschäftsführung des TV-Senders eingegangen. Einer Mitarbeiterin waren einige Unstimmigkeiten in einem Beitrag über Codein-Missbrauch aufgefallen. Die angeblichen Fakten in dem gesendeten Film stimmten nicht mit dem gedrehten Rohmaterial überein.

Hans Mathias Kepplinger
Nicht nur der Spiegel, auch das TV verdreht Tatsachen
In einem anderen Fall hatte der Reporter vorgegeben, ein Interview mit dem Sänger Lionel Richie geführt zu haben. In Wirklichkeit „handelte es sich bei den Aufnahmen von Lionel Richie um Dateien aus einer digitalen Pressemappe“ („Ruhr 24.de“). Der „RTL“-Mitarbeiter hatte sich selbst gefilmt und nachträglich seine Fragen in ein scheinbares Interview geschnitten. Die Szenen wurden am 17. April 2015 bei „Punkt 12“ ausgestrahlt.

Bei einem weiteren Beitrag nutzte der Fälscher mehrere Passagen aus einem Dreh mit der Musikerin Melanie C. für seine Manipulationen. Im zweiten Film ging es um das Thema „Desinfektionsmittel“. Hier wird zu einer Filmpassage behauptet, dass sich Melanie C. gerade die Hände desinfiziere. In Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, zeigen die Bilder, wie sich die Musikerin Hände und Unterarme mit Feuchtigkeitscreme eincremt.

Nach welchen Grundmustern wurde gefälscht?

Folgende primäre Manipulations-Methoden sind laut „RTL“ immer wieder angewendet worden:

Der scheinbar seriöse Journalist überredete mehrfach Personen dazu zu behaupten, ihnen seien Dinge widerfahren, die sie selbst in Wirklichkeit nie erlebt hatten. Dabei hatten diese Personen Geschichten „nachzuerzählen“, die der Reporter von anderen Personen erfahren hatte, die aber nicht selbst gefilmt werden wollten. Dabei wurde oftmals „verdeckt“ gedreht.

  • Der RTL-Mitarbeiter gab vor dem Film-Dreh gegenüber Protagonisten an, geschilderte Szenen nur nachstellen zu wollen. Später wurden diese Sentenzen aber als „echte“, verfremdete Szenen in die Filmbeiträge eingebunden.
  • Darüber hinaus nutzte der Reporter häufig Archivbilder, um seine aufgestellten Thesen „zu untermauern“ und seine Filme so attraktiver zu gestalten. Statt diese Methode kenntlich zu machen, wurde dem Fernsehzuschauer mehrmals vorgegaukelt, die Bilder seien frisch gedreht worden.

Michael Pohl, Programmchef und Geschäftsführer von „RTL Nord“, erklärte zu dem Skandal eher beschwichtigend:

„Die von uns geprüften Beiträge waren im Gesamtkontext zwar nicht erfunden, aber handwerklich und inhaltlich sehr geschickt dahingehend manipuliert, dass sie aufregender und größer wirken sollten, als es die Realität hergab. Damit hat der Reporter ganz bewusst rote Linien des überschritten. In logischer Konsequenz haben wir mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit beendet.“

Nun ist laut „RTL“-Chefredaktion in Köln geplant, zusätzliche Kontrollmechanismen im Sendebetrieb zu installieren. So soll es bei „RTL“ künftig eine „Optimierung der Bestell- und Abnahmeprozesse durch das Qualitätsmanagement von ‚infoNetwork’“ geben, und zwar ergänzend zur Überprüfung durch den jeweils zuständigen und sendungsverantwortlichen „CvD“ (Chef vom Dienst): Demnach ist zukünftig vorgesehen, dass ein Team von wechselnden Mitarbeitern stichprobenartig Fernseh-Beiträge überprüft und diese dazu auch mit dem jeweils vorliegenden Rohmaterial vergleicht. Außerdem: Mitarbeiter sollen ebenfalls anonym Hinweise auf Unregelmäßigkeiten geben können; hierzu soll ein Extra-Postfach eingerichtet werden.

Die Dunkelziffer ist hoch

TE 06-2019
Kepplinger: Journalisten sind keine Lügner, sie sind Gläubige
Der Fall des „RTL“-Fälschers erinnert an den Fall des „Claas Relotius“, der zahlreiche gefälschte Reportagen für den „Spiegel“, aber auch zum Beispiel für die „Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben hat. Aber es gibt weitere bekannt gewordene Fälschungen ebenfalls im Bereich Fernsehen – etwa beim öffentlich-rechtlichen „WDR“. In einigen Folgen der „WDR“-Dokureihe „Menschen hautnah“ haben sich etliche „Fakten“ als falsch herausgestellt. Der Sender hat personelle Konsequenzen gezogen und sich von der verantwortlichen Autorin getrennt.

Doch die Dunkelziffer bleibt offenbar hoch. Für viele Fernsehbeobachter wird ebenfalls mit zahlreichen Sendungen der „Scripted Reality“ – oftmals handelt es sich um Serien – zumindest indirekt der Eindruck vermittelt, es gehe um Aufnahmen realen Geschehens in der Gesellschaft. In Wirklichkeit wird nach genauen Regieanweisungen und detaillierten Drehbüchern gefilmt, geschrieben von Autoren, die sich die angeblich realen Fälle schlicht ausgedacht haben. Ein Trash-TV-Autor dazu vielsagend: „Fette faule Mütter ziehen immer.“ Im besten Fall geht es bei dieser Art von Manipulationen etwa darum, tatsächliche Geschehnisse nachzustellen.


Dr. Manfred Schwarz ist Politologe. Er war jeweils acht Jahre Medienreferent in der Hamburger Senatsverwaltung und Vizepräsident des nationalen Radsportverbandes BDR [Ressort: Medien] sowie Mitglied des Hamburger CDU-Landesvorstandes.

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Diese Art des Umgangs mit der Wahrheit kann man auch beim Wahrheitssender schlechthin – dem ZDF – beobachten. Nehmen wir als Beispiel die Sendung „Bares für Rares“. Da wird dem Zuschauer vorgegaukelt, dass ganz normale Menschen einfach mal so mit ihren Schätzen in der Produktionshalle auftauchen, sich in eine Schlange stellen und an einen Experten geraten. Dieser eine von vier Experten hat dann für wirklich jeden Gegenstand die passende Geschichte inkl. der Firmengeschichte, Produktionszahlen, Details der innerbetrieblichen Situation des Herstellers, historische Einordnung, usw. parat. Anschließend kann das Objekt dann bei den Händlern veräußert werden, die auch wirklich alles aufkaufen. Dazu… Mehr

Gegen Scripted Reality ist genau wenig was zu sagen wie bsw. gegen Soja-Milch, Magarine oder Malzbier. Man darf diese Dinge dann nur nicht als Kuhmilch, Butter und Gerstensaft ausgeben. Dann wird’s zum Betrug. Ich finde diese Formate, so sie denn als solche zu erkennen sind, teilweise sogar sehr amüsant. Allermeist transportieren die fingierten Geschichten auch noch eine höhere Moral, in dem sie bestimmtes soziale Verhalten als „No Go“ verurteilen, wenn zB. weibliche Laiendarsteller Unterschichtmütter miemen, die sträflicherweise ihren Nachwuchs vernachlässigen. Und so weiter und so weiter.

Gefälscht haben nicht nur einzelne Journalisten. Gefälscht haben die kompletten Redaktionen einschließlich der Chefredakteure. Denn all diese haben nicht nur bei den Fälschungen weggesehen, sondern sie sogar provoziert und unterstützt durch ihre einseitige Propaganda und ihre einseitige Ideologie (ein zweite Meinung war/ist doch gar nicht möglich) in den Redaktionen. Unser Zeitalter wird als das Zeitalter des ideologischen Wahns und der Abkehr von der Aufklärung mit Hinwendung zu einseitigem Fanatismus und Hysterie in die Geschichtsbücher eingehen. Irgendjemandem wird auch noch ein griffiger Name zu unserem Zeitalter einfallen.

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist verstorben, vermutlich Suizid, die u.a. für erfundene Geschichten über ermordete jüdische Familienmitglieder preisgekrönt wurde. Der Spiegel hatte die grossflächigen biographischen Fälschungen, wohl auch durch Hinweise von Historikern, aufgedeckt.
Ihren Märchen über den erteilten Sexualkundeunterricht für Flüchtlinge hatten viele grosse Medien wie FAZ, Zeit, DLF, BR und SWR Raum gegeben und offenbar waren niemandem Unstimmigkeiten aufgefallen. Es scheint immer noch, als ob Sorgfalt und Skepsis bedenklich aussetzen, wenn die Story einfach zu schön ist.

Tja, der Wettbewerbsdruck im Mediengeschäft ist hoch, die Gehälter eher niedrig. Daran allein kann es aber auch nicht liegen, sonst würden bei ARD, ZDF und den vielen dritten Programmen nicht so viele Fake-News gesendet.

Am Anfang stand die trockene Information, bei der der interessierte Zuschauer viel lernen konnte, der uninteressierte Zuschauer sich jedoch langweilte und dann wegschaltete. Zumindest dann, wenn auf den anderen Sendern etwas Unterhaltsameres lief.
Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, schuf man das Infotainment, dass Informationen unterhaltsamer verpackte und den Zuschauer länger vor der Kiste hielt. Dabei hätte man es belassen sollen.
Scripted Reality suggeriert den Transport realer Informationen aus der realen Welt, die jedoch keine sind. Eine Mogelpackung.
Propaganda funktioniert genauso. Sollte einem zu denken geben…

‟Die von uns geprüften Beiträge waren im Gesamtkontext zwar nicht erfunden, aber handwerklich und inhaltlich sehr geschickt dahingehend manipuliert, dass sie aufregender und größer wirken sollten, als es die Realität hergab.“
Von wem stammt dieses Zitat? Vom Staatsfernsehen, vom Bertelsmann-Fernsehen, vom Bischof Dr. Gebhard Fürst, vom Bischof Bedford oder von der heiligen Greta, der neuen Nobelpreisträgerin?

Nennt man doch „scripted realitty“. Deutschen Fernsehen eben.

Das eigentliche Problem ist, wenn man die eigenen Lügen glaubt. Und das dann noch beim Thema „Migration“ …

Das Schimpfwort »Journaille« kam Anfang des 20. Jhdts. auf. Das Phänomen ist also keinesfalls neu. Was mich eher überrascht ist die Bestürzung darüber, daß offenbar nicht alles wahr und richtig ist, was durch Presse, Funk und Fernsehen so verzapft wird. »Sapere aude« gilt auch hier.

„Lügen wie gedruckt“ ist noch älter.

Ein Bauernopfer, das leider von den grundlegenden Problemen der Mainstream-Medien mit der Wahrheit ablenken könnte (vermutlich ein beabsichtigter Effekt der Veröffentlichung solcher Fälle).