Darf man noch von „Vaterland“ singen?

Beim Musikrechte-Monopolisten GEMA wird Musik aussortiert, die nicht dem Ziele einer „gemeinschaftlich denkenden und handelnden Gesellschaft“ dient. Und „Vaterland“ geht gar nicht. Von Lothar Krimmel

IMAGO / Reiner Zensen

„MusicHub ist unsere neue digitale Musikplattform.“ So bewirbt die GEMA, Deutschlands De-facto-Monopolist in Sachen musikalischer Rechteverwertung, die Aktivitäten seines 2020 neu gegründeten Tochterunternehmens. „Sei unabhängig, entscheide selbst“, wirbt MusicHub, „Wir verschaffen Deiner Musik Gehör“. Und vielversprechend ist zu lesen: „Unsere Mission bei MusicHub ist es, unabhängige Musiker*innen wie Dich zu stärken. Organisiere und veröffentliche Deine Musik unbegrenzt und unabhängig.“

Sich Gehör verschaffen, das klingt ja vielversprechend, dachte sich der Liedtexter Lars Nebelelf. Seinen Künstlernamen hatte er bewusst als Anagramm zu „Fallersleben“ gewählt, also dem Hoffmann von Fallersleben, dem liberal-progressiven Professor und Schöpfer der deutschen Nationalhymne, der aufgrund seiner regierungskritischen Haltung von der reaktionären preußischen Regierung seiner Ämter enthoben, seiner Pension beraubt und zur Flucht gezwungen wurde.

Aber so was kann ja heute nicht mehr passieren, dachte sich der promovierte Freizeit-Sänger nach einer Karriere als Mediziner und Ärztevertreter. Zumindest digital geht das aber schon noch.

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Jedenfalls war Lars Nebelelf als GEMA-Mitglied bei der vielversprechenden neuen Tochter MusicHub von Anfang an dabei. Seit deren Gründung im Jahr 2020 hatte er bereits mehr als 40 Lieder auf allen Streaming-Plattformen hochgeladen, zumeist anmutige Lieder, die unter Verwendung klassischer Melodien um die Bereiche Frieden und Heimatliebe kreisen. Ein kleiner Teil seiner Liedtexte nahm auch den links-grünen Mainstream aufs Korn. Nebelelf verließ das Gebiet der geduldeten Romantik und wagte sich auf das Minenfeld der Politik. Und das gefiel der GEMA-Tochter offenbar überhaupt nicht.

Als er im September 2023 zwei neue Lieder mit den Titeln „Deutschland, steh auf“ und „Lied gegen Links“ anmeldete, kam es zum Eklat. Seine Verse kritisieren zum Takt des bekannten Steigerlieds die seiner Meinung nach fragwürdigen Einstellungen der woken Feinde von Freiheit und Demokratie. Hier einige Kostproben, zunächst aus dem Lied „Deutschland, steh auf“:

Ja, es ist wahr! Von Links droht Gefahr!
Wenn Geheimdienst und Staatsfunk und Bundespräsident
unsre Neutralitätsgebote nicht mehr kennt,
dann haltet Stand fürs deutsche Vaterland!

Ist ja schon harter Stoff mit Vaterland und so. Im Parallel-Werk „Lied gegen Links“ zur selben Melodie geht’s gleich noch härter zur Sache:

Denunziation cancelt dich schon!
Sie errichten den woken Kontrollapparat
für den links-grünen totalitären Staat!
Drum haltet Stand fürs deutsche Vaterland!

Deftige Worte, Canceln und Vaterland in einer Strophe. In seinen Vorbemerkungen zu den übrigens parallel problemlos als YouTube-Videos hochgeladenen Liedern hat Lars Nebelelf seine neue, politisierte Motivation für die Verfassung solcher Zeilen erläutert:

„Die traditionell ‚leisen Töne‘ der bürgerlich-liberalen Mehrheitsgesellschaft können sich in Deutschland immer weniger gegen das mediale Getöse einer ebenso radikalen wie intoleranten links-grünen Minderheit behaupten. Daher ist es höchste Zeit, den totalitären Grundtenor links-grüner Politik auch einmal in plakativer Weise aufzuzeigen. In diesem Lied geht es um die Verteidigung von Recht und Freiheit und um den Kampf gegen die zerstörerische Deformierung Deutschlands durch die links-grünen Fanatiker.

Das Bild zum Lied ist deswegen ein auf die deutschen Farben adaptierter Ausschnitt aus dem kulturikonischen Gemälde ‚Die Freiheit führt das Volk‘ von Eugène Delacroix. Dieses Bild, das heute im Pariser Louvre hängt, stellt den erfolgreichen Aufstand der Pariser Bürger gegen die repressive Regierungspolitik im Juli 1830 dar.“

Das alles war für die Tochter des De-facto-Monopolisten GEMA offenbar zu viel. Niklas Jorgensen, der bei MusicHub als „Junior Legal and Business Manager“ firmiert, sandte Lars Nebelelf daher anstelle der erwarteten Liedfreigabe ein Schreiben, dessen Diktion Franz Kafka und George Orwell in ihren dystopischen Romanen nicht besser hätte erfinden können. Wörtlich heißt es dort:

„Lieber L.,
wir wollen, genauso wie Du, unseren Beitrag zu einer gemeinschaftlich denkenden und handelnden Gesellschaft leisten und haben uns deshalb generell dafür entschieden, Inhalte, die von einer Aufteilung der Menschen in ‚rechts‘ und ‚links‘ sprechen und damit beabsichtigen, Meinungen zu polarisieren, nicht über unsere Plattform zu veröffentlichen. Wir schränken damit ganz bewusst nicht die Meinungsfreiheit ein, sondern möchten vielmehr dazu appellieren, Musik als verbindendes Element zu leben. Wir sind uns sicher, dass Du eine geeignetere Plattform als unsere für die Kundgebung deiner Meinung finden kannst und bedanken uns für Dein Verständnis.
Das bedeutet konkret, dass wir Deine Releases bis zum Ende des Monats von den Plattformen entfernen und das Konto zwei Monate später vollständig schließen werden.
Beste Grüße

Niklas vom MusicHub-Team“

Mit anderen Worten: Wir kündigen dir fristlos, weil du es gewagt hast, Lieder gegen das links-grüne Meinungsmonopol veröffentlichen zu wollen. Innerhalb einer Woche werden wir alle deine Lieder weltweit bei allen Streaming-Diensten löschen.

Das war ein Schock für Lars Nebelelf. Denn zwar gibt es inzwischen zahlreiche digitale Musikvertriebe, die weniger linksideologisch verbohrt sind als ausgerechnet die Tochter des deutschen Verwertungsmonopolisten. Aber innerhalb einer einzigen Woche könnten niemals alle Titel über ein neues Portal auf allen Streaming-Diensten hochgeladen werden. Es drohte daher der zumindest vorübergehende Verlust sämtlicher Hörer.

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Natürlich sind die Ausführungen zu „rechts“ und „links“ schlichter Unsinn. Diese beiden Begriffe stehen seit mehr als 200 Jahren für die Abbildung der parlamentarischen Realitäten in rechtsstaatlichen Demokratien. Dass es sich ferner bei „links“ ebenso wie bei „rot“ und „grün“ nicht um eine „aufteilende Polarisierung“ von Lars Nebelelf handelt, sondern vielmehr um die Eigenbezeichnungen und Selbstzuschreibungen der betreffenden politischen Richtungen, dieses Wissen war an Niklas Jorgensen offensichtlich spurlos vorüber gegangen. Außerdem hatte Lars Nebelelf in keinem einzigen Lied jemals von „rechts“ gesprochen, zumal es sich dabei heute eben gerade nicht mehr um eine Selbstbezeichnung handelt, sondern um eine diffamierende Fremdbezeichnung seitens der Linken und Grünen.

Vermutlich passt es Niklas Jorgensen einfach nicht, dass jemand Lieder „gegen Links“ produzierte; gegen Rechts gibt es ja allerlei. Kann ja passieren. Aber vielleicht war ihm dabei nicht einmal bewusst, dass sein Vorgehen exakt den Inhalt der Lieder trifft, dass nämlich eine intolerante links-grüne Minderheit die Meinungsfreiheit und damit jegliche Opposition abzuschaffen beabsichtigt.

Schlimmer noch: Im Schreiben von MusicHub wird wörtlich die Vision einer „gemeinschaftlich denkenden und handelnden Gesellschaft“ propagiert. War das nicht genau das erklärte Ziel sowohl des Kommunismus als auch des Nationalsozialismus, nämlich die Auflösung der streitbaren Demokratie in einer Einheitsmeinungsdiktatur?

Lars Nebelelf konnte mit Hilfe der renommierten Kölner Anwaltskanzlei Höcker die sofortige rechtswidrige fristlose Löschung seiner Lieder in den Streaming-Diensten verhindern. MusicHub wurde abgemahnt und hat die fristlose Kündigung sowie die sofortige Löschung zurückgenommen. Aber wer möchte ernsthaft einem derart intoleranten Tendenzbetrieb seine Lieder anvertrauen? Lars Nebelelf hat sich einem anderen Musikvertrieb angeschlossen. Und er fragt sich, ob er nicht auch die GEMA verlassen muss, die ausweislich ihrer dem Wokismus verfallenen Tochter offenbar ideologisch abgedriftet ist.

Aber wie es immer im Leben ist: Das zunächst schockierende persönliche Cancel-Erlebnis hat unmittelbar schöpferische Ressourcen freigesetzt und eine künstlerische Antwort provoziert. Seit Kurzem ist – mit schönem Gruß an die GEMA und ihre Tochter MusicHub – das Lied „Die Freiheit führt das Volk“ zur Melodie der französischen Nationalhymne bei YouTube und weltweit allen Streaming-Diensten zu hören. Gut, dass es noch mehr Möglichkeiten jenseits der „gemeinschaftlich denkenden und handelnden Gesellschaft“ gibt.

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Kommentare ( 6 )

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R.Baehr
3 Monate her

zufälligerweise bin ich auf you.tube auf dieses Video gestoßen, und dadurch auch auf diesen Artikel. Also das Lied könnten sie von mir aus auch zur neuen deutschen Nationalhymne machen, mit dem Inhalt kann ich mich großteils indentifizieren und finde es wunderbar.

Nicolai94
3 Monate her

Schade, dass ich keinen MusicHub-Accout habe. Denn was ich nicht habe, kann ich nicht kündigen.
Ich hoffe, dass der Urheber dieser Nachricht jetzt seinen eigenen Shitstorm erlebt und das Unternehmen verlassen muss…

Egooktamuck
3 Monate her

Unsere Mission bei MusicHub ist es, unabhängige Musiker*innen wie Dich zu stärken.“

Wo mir Gender-Vokabular begegnet, ist der Drops gelutscht. Da weiß man, ein Weiterlesen oder auch Zuhören kann man sich getrost schenken!

Biskaborn
3 Monate her

Es ist nicht die GEMA oder MusicHub, es sind die dahinter stehenden eifernden Personen die sich dieser woken Elite unbedingt aufdrängen wollen. Diese Menschen sind eines der großen Probleme dieses Landes!

Tacitus
3 Monate her

Darf man noch vom Vaterland singen? Natürlich, und noch viel häufiger als früher!
Mit den Begriffen ‚Links‘ und ‚Rechts‘ konnte ich noch nie etwas anfangen. Welche Themen stehen aktuell wofür? Ich denke ausschließlich in Themen.
Hat die GEMA als Organisation irgendeinen Nutzen? Nein. Die Rechte der Künstler kann man auch anders regeln.
Wir müssen die Bürokratie entschlacken. Das fängt auch, aber nicht nur, bei so unnötigen Organisationen wie der GEMA an.

Last edited 3 Monate her by Tacitus
AlNamrood
3 Monate her

Die GEMA gehört auch weg. Es gibt einige Institutionen in Deutschland die einfach weg gehören.