Maybrit Illner: Lieber arm dran als Arm ab!

Wir sind alle reich, nur manche wissen es einfach nicht, erklärten die Damen und Herren bei Illner. Armut ist was für Ausländer (im Ausland), bei uns ist es kein Zustand, sondern ein Gefühl. Das beweisen zahlreiche Statistiken.

Screenshot ZDF Maybrit Illner

Früher, als in den feinen Kreisen noch gepflegte Abendgesellschaften abgehalten wurden, Soirees vorm Kamin, mit anschließender Zigarrenrunde in der Bibliothek, war nichts so entscheidend für einen gelungenen Abend wie die Auswahl der richtigen Gäste.

Gehen wir mal schnell die heutige Gästeliste durch: Der Ralph Brinkhaus. Immer auf Kurs, alles toll, was er, seine CDU und Frau Merkel machen. Aber gut, CDU muss sein, wo es denen doch gerade so schlecht geht. Dann Clemens Fuest? Das ist doch der neue Sinn beim ifo-Institut, das könnte gehen. Soweit ein wenig trocken für eine Abendveranstaltung. Dann noch ein Journalist. Die können zu allem irgendwas Interessantes aus dem Stegreif beitragen. Also Thomas Fricke, Wirtschaftsjournalist, aber notfalls auch in Klimafragen bewandert. Weil das Thema ein wenig ernst klingt – „Abstiegsangst im reichen Land. Warum wächst die Wut?“ – müsste auch noch ein in scharlachroter Wolle Gefärbter her, ein echtes Original. Nehmen wir Ulrich Schneider. Der hat zwar so ein klassisches SPD-Vorwurfsgesicht, ist aber bei „Die Linke“.

So weit, so langweilig! Wir brauchen noch was Lustiges! Malu Dreyer? Nun unfreiwillig komisch ist sie in jedem Fall. Und richtig Stimmung verspricht doch immer der Kölsche Franz, Pfarrer Meurer.

Unser kleiner Club der Besserverdiener – keiner wird unter 150.000 Euronen nach Hause gehen (außer Bruder Franz, aber der hat den Gehaltsbonus vom Herrn) – stellte einstimmig fest, dass Armut mehr so eine gefühlte Sache ist. Besonders Brinkhaus und Fuest wussten von neidischen Kommentaren aus dem Ausland zu berichten, wie gut es den Deutschen doch gehe. „Gehen Sie mal nach Burkina Faso!“, empfahl Brinkhaus dem Zuschauer, „da können Sie Armut sehen.

ungerecht empfunden

Die Gastgeberin bemühte sich permanent, das Thema in die Richtung „gefühlte Armut, eingebildete Angst vor Flüchtlingen, am Ende stehen Wutbürger, die die AfD wählen“ zu lenken, aber die Runde wollte nicht so recht anbeißen, sondern verhedderte sich zwischen zahlreichen Statistiken, die wir wie folgt zusammenrühren wollen:

15,9 Prozent der Einwohner gelten als arm, 7,5 Millionen Fürsorgebezieher, 28 Prozent überschuldete Haushalte, bei Zuwanderern ein Armutsrisiko von 28 Prozent undsoweiterundsofort. Sie sehen, lieber Leser, aus Äpfeln und Birnen wird schnell ein Kompott. Armut ist schließlich immer eine Frage der Perspektive. „Ist man mit 948 € im Monat arm oder nicht?“ fragte rhetorisch Paritäten-Chef Schneider. So genau wollte das aber keiner wissen.

Genossin Malu sah das Thema ausschließlich aus einem ihr und ihrer Partei nie erteilten erziehungspolitischen Auftrag: Bildung. Kinderarmut ist bildungsabhängig. Gerade auch in Rheinland-Pfalz, wo es ganz viele Kitas gibt. Und beitragsfreie Schulen. Donnerwetter! Aber damit nicht genug. Gerade hat sie eine „Allianz für Bildung“ gestartet. In diesem Zusammenhang ist es besonders lustig, dass die Ministerpräsidentin hartnäckig von Bonis für Banker und Praktikas für Flüchtlinge sprach, obwohl Illner diese korrigierend Boni und Praktika nannte. Von der Bildung zum zweiten SPD-Hauptthema „Nächstenliebe“, welchem sich in dieser Sendung Bruder Franz widmete.

Im schönsten rheinischen Singsang reiht der fromme Mann Anekdote an Anekdote, eine skurriler als die andere. Da kam ein Einäugiger vor, der sein Glasauge der Klasse zeigte, ein 70jähriger Syrer, den alle nur Meister nennen, die Speichenherstellung für alle Kölner Zweiräder – der Kölsche Franz war so gut drauf und „so programmiert, das Positive zu sehen“, dass zu befürchten steht, dass er vor der Sendung zu lange am Weihrauchschwenker geschnuppert hat.

Auch Brinkhaus wollte da nicht zurückstehen und berichtete von einem Besuch im Jobcenter von Gütersloh. Und von „multiplen Vermittlungshindernissen“ bei Langzeitarbeitslosen. Da kam uns das Bild von Siggi und Heiko in den Sinn. Wenn die nicht bei den Spezialdemokraten ein warmes Plätzchen gefunden hätten – nicht auszudenken!

Nebenbei wurde sogar ein wenig reiner Wein eingeschenkt. Flüchtlinge werden noch sehr teuer. Gebildet sind die auch nicht. Krankenkassenbeiträge werden deutlich steigen. Und an Steuersenkungen ist auch nicht zu denken. Gut, letzteres soll Brinkhaus mit Bayern-Horst ausmachen.

Journalist Fricke meinte noch, Finanzkrise, Eurokrise und Migrationskrise seien vielleicht etwas zu viel gewesen für die sensiblen Bundesbürger. Und überall im Westen (Trump, Le Pen!) würden sich die Menschen fragen: Globalisierung? Was haben wir davon? Und leise fügte er hinzu, dass es ja nicht immer so phantastisch weitergehe wie bisher.

Das wollte wiederum niemand hören, Millionen neue Jobs wurden dagegengesetzt, die Paritäten-Schneider als Billigjobs und Leiharbeit kritisierte. Im Grunde verhält es sich mit der Einschätzung der Wirtschaft wie mit der Positionierung in der Politik: Für die, die links stehen, sind alle anderen rechts. Vom Dienstwagen aus gesehen haben alle anderen auf der Straße auch Autos, nur eben kleinere.

Überhaupt, die Leute gucken zu viel TV oder surfen im Internet. Bei den vielen Sozialpornos ist es doch kein Wunder, dass sie verrückt werden und Angst kriegen. Dabei ist das Leben hier doch schön. Schöner als in Burkina Faso.

Ruck

BerndZeller_Buch

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