Der neue ZDF-Intendant Himmler will lieber einordnen als berichten

Wegen des Kriegs gegen die Ukraine hat das ZDF seine Journalisten aus Russland abgezogen. Einen Fingerzeig, wie Berichterstattung künftig aussehen könnte, sieht darin der neue ZDF-Intendant Norbert Himmler.

IMAGO / Stefan Zeitz

Als ARD und ZDF ihre Mitarbeiter aus Russland abgezogen haben, wurde darüber ausführlich berichtet. Aber Hand aufs Herz: Wer hätte es, ohne diese Berichterstattung, mitbekommen? Erkannt – allein anhand der Art, wie ARD und ZDF ihren Zuschauern den Krieg in der Ukraine vermitteln? Mit einer überschaubaren Zahl an Bildern, die vor Ort entstehen, doch im Wesentlichen, indem der Sender Statements weitergibt: von einigen handverlesenen Augenzeugen und von einer großen Menge deutscher Funktionsträger.

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In einem Interview gegenüber der Nachrichtenagentur DPA relativierte der neue ZDF-Intendant Norbert Himmler denn auch die Folgen dieses Abzugs: „Analysen und Einordnungen macht man besser mit kühlem Kopf aus Mainz oder Berlin … Es hat schon gute Gründe, dass es Nachrichtensendungen und Magazine gibt, die sich Zeit nehmen, um Ereignisse einzuordnen und für das Publikum aufzubereiten.“ Mit anderen Worten sagt Himmler selbst das, was Kritiker den Öffentlich-Rechtlichen vorwerfen – dass ihnen die richtige Meinung wichtiger ist als die Nachricht. Nur, dass er von Einordnung spricht, wenn er Meinung meint.

Wer sich dem angelsächsischen Journalismus verpflichtet fühlt, der sammelt Fakten, prüft und gibt sie weiter. Ab und an sieht sich der angelsächsische Journalist mehrere unterschiedliche Fakten an und zeichnet daraus einen Zusammenhang nach. Diese Einordnung ist ein Teil und eine Folge seiner Berichterstattung. Der Unterschied zum Haltungsjournalismus klingt nur wie eine Nuance, doch es ist ein so unterschiedliches Vorgehen, dass beide Spielarten des Journalismus mit dem gleichen Namen nicht mehr treffend bezeichnet werden können.

Beim Haltungsjournalisten steht die Einordnung vor der Nachricht. Das vom ZDF beauftragte Format Kurzgesagt geht so weit und erklärt, es würde in den einzelnen Fakten sogar bewusst lügen, wenn das dem Zuschauer helfe, den (komplizierten) Zusammenhang besser zu verstehen. Manche Haltungsjournalisten wie Claas Relotius sind denn auch schon dabei erwischt worden, wie sie für die richtige Botschaft bewusst gelogen haben. Doch so weit muss der Haltungsjournalist gar nicht gehen. Zur „Einordnung“, also zur Vermittlung der gewünschten Botschaft, genügt es, nur die Fakten als Nachrichten zu bringen, die zur Einordnung passen – und die anderen entsprechend unter den Tisch fallen zu lassen.

In der Theorie bekommt der Leser so vom Journalisten ein Bild gefiltert, das ihn die Wirklichkeit besser erkennen lässt. In der Praxis entstehen Zerrbilder: Deutschland ist in der Energieversorgung abhängig von Russland. Die Abschaltung der Atomkraft war übereilt. Das Tempo beim Kohleausstieg lässt sich nicht halten. Diese Botschaften trafen die Deutschen im Februar überraschend. Zumindest, wenn sie sich über ARD und ZDF informieren. Und dort über die Hauptnachrichten und nicht über Dokumentationen, die im Nachtprogramm oder auf ZDF Info gut versteckt sind. Wissen hätte der Deutsche schon können – von der Abhängigkeit oder von den Problemen beim gleichzeitgen Ausstieg aus Kohle und Atom. Im Netz gibt es reichlich Information dazu. Vielleicht manch Unseriöses, doch halt auch viel gut Dokumentiertes.

Doch das Internet ist für die Vertreter von ARD und ZDF die Welt der Fake News. Im Einzelnen prüfen müssen die Öffentlich-Rechtlichen die These von den Fake News nicht einmal. Als Haltungsjournalisten reicht ihnen die Einordnung. Und gerade weil die Einordnung zählt, können ARD und ZDF keine Götter neben sich akzeptieren. Denn wer sich anmaßt, Nachrichten nach Haltung zu sortieren, braucht ein Monopol in der Deutungshoheit.

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Der neue ZDF-Intendant macht da keine Ausnahme: „Es ist wichtig, dass Aufnahmen aus dem Netz, deren Herkunft unklar ist, eingeordnet werden. Dass wir es sagen, wenn nicht sicher ist, wie und zu welcher Zeit diese Bilder entstanden sind“, sagt er. Himmler ist im Windschatten seines Vorgängers Thomas Bellut marschiert. Umkrempeln wird er das ZDF nicht – sondern Projekte fortführen und Vorhaben zu Ende bringen, die Bellut auch schon betrieben hat. Die Ausrichtung bleibt – links im Sinne des Zeitgeists. Mit Folgen: Ein Jan Böhmermann darf öffentlich Kollegen „einen in die Fresse“ wünschen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wer aber über die politische Ausrichtung der gesendeten Einordnungen intern diskutieren will, wird entlassen. So wie Katrin Seibold. Weil solche Kritik die Kollegen verletze. Damit hat das ZDF unter Bellut die Entlassung Seibolds gerechtfertigt – und Himmler wird diese Entlassung nicht zurücknehmen.

Links im Zeitgeist, regierungstreu in der Ausrichtung. So war das ZDF unter Bellut, so wird es unter Himmler bleiben. Zwar betont der die Unabhängigkeit seines Hauses. Aber wer kann sich erinnern, wann das ZDF zuletzt Vorgänge so eingeordnet hat, dass es einer Kritik an der Regierung gleichkam? Davon profitierte Angela Merkel, die zum Beispiel 16 Jahre lang Deutschlands Energieversorgung immer mehr in die Hände eines gewaltbereiten Diktators legen konnte. Ohne dafür je medial unter Druck gesetzt zu werden. Richtig eingeordnet hat das ZDF das in keiner Sendung im Hauptabendprogramm. Die Nachrichten dazu wären da gewesen. Doch das ist das Problem des Haltungsjournalisten. Solche Nachrichten, die nicht in die Erzählung passen, sind für ihn Fake News. Einen Irrtum eingestehen oder auch nur erkennen, wird er frühestens, wenn der Irrtum sich nicht mehr leugnen lässt. Oft genug selbst dann nicht.

Der gemeinsame Nachrichtenkanal mit der ARD ist mit Himmler gestorben. Die ARD will „Tagesschau 24“ so umbauen, dass die Kritik aufhört, die Öffentlich-Rechtliche verschliefen immer wieder die Großereignisse. Passiert etwas Unvorhergesehenes, soll Tagesschau 24 künftig sofort auf Sendung gehen. Himmler genügt als gemeinsames Projekt mit der ARD Phoenix, so wie es jetzt ist. Phoenix soll weiterhin ausführlich berichten, wenn es planbar ist, etwa auf Parteitagen oder Pressekonferenzen – Statements von Funktionsträgern und Einordnung also. Bricht indes ein Krieg aus, kommt eine Naturkatastrophe über die Menschen oder tötet ein Amokläufer Dutzende Unschuldige, zeigt Phoenix weiter seine Dokus über Lachse, Pyramiden oder Hitler.

Wie Bellut will auch Himmler in der Unterhaltung auf Masse statt Klasse setzen. Auch wenn er das diplomatischer ausdrückt: „Unterhaltung ist keine Gattung zweiter Klasse. Sie ist wichtig, um Empathie und Werte zu vermitteln.“ Mit dieser Strategie verfolgt Himmler zwei Ziele. Zum einen soll eine hohe Zuschauerzahl die Existenz des ZDF rechtfertigen: „Mein Ziel ist, dass möglichst viele wissen und wertschätzen, was sie für die 4,69 Euro im Monat vom ZDF bekommen.“

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Aber die Unterhaltung dient Himmler auch dazu, politische Botschaften zu transportieren: „Wir zeigen Unterhaltung mit echtem Mehrwert.“ Wie das funktioniert? Mal schauen ZDF-Kommissare in einem Krimi einer Kastration zu und kommentieren, dass das Opfer als „alter, weißer Mann“ eine solche Bestrafung ja auch verdient habe. Oder dann verdächtigt „Helen Dorn“ einen linken Aktivisten des Mordes. Fälschlicherweise. Natürlich. Im Laufe des Krimis erklärt er dann Dorn die Welt – und dem Zuschauer gleich mit. War früher der Gärtner der Mörder, ist es im Haltungskrimi der Industrielle. Auch bei „Helen Dorn“: Dort vergewaltigt er dann noch die Tochter des linken Aktivisten – Metaphorik mit dem Holzhammer. Haltung bekommt der ZDF-Zuschauer zur Unterhaltung gratis dazu.

Filme wie „Helen Dorn“ funktionieren. Einerseits. Andererseits zeigen sie eine Aufgabe auf, an der schon Bellut gescheitert ist: junge Zuschauer erreichen, kritische Zuschauer ereichen. Zuschauer, die nicht vor der Glotze abhängen müssen, weil sie Alternativen dazu finden. Im linearen Fernsehen kann das ZDF auf einen festen Stamm vertrauen, der alles schaut, was ihm vorgesetzt wird. Bei Samstagsabend-Filmen ist dann aber oft genug nicht mal jeder zehnte Zuschauer jünger als 50 Jahre.

Im Internet und bei den jungen Leuten muss das ZDF sich seine Zuschauer aber erst erarbeiten. Das zu tun, hat Himmler bei seiner Bewerbung versprochen: „Will heißen: sie nicht nur auf den Plattformen ansprechen, wo sie sind, sondern auch: ihnen attraktive Programme aus ihrer und für ihre Lebenswirklichkeit anbieten.“ Welche Botschaften das ZDF dabei transportieren wird, ist absehbar. Denn wie das ZDF einzuordnen ist, bleibt leicht: links und regierungstreu.

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Kommentare ( 53 )

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Jean B.
2 Monate her

„Analysen und Einordnungen macht man besser mit kühlem Kopf aus Mainz oder Berlin …“ Gut, dass ein Scholl – Latour sich so einen Mist nicht mehr anhören muss.

puke_on_IM-ERIKA
2 Monate her

Wenn ich belehrt werden will, gehe ich in die Volkshochschule- bin da aber noch nie gewesen. Und für Lügen und realitätsferne und dumme Regierungspropaganda will ich keine Zwangsgelder zahlen.
Warum glauben diese Büttel eigentlich, die Verkündigung von geq….. Sch….. interessiert jemanden außerhalb ihrer Blase? Kein Erwachsener braucht einen Kindergärtner, der ihm die Welt erklärt mit Lügen und Gendergaga.

Last edited 2 Monate her by puke_on_IM-ERIKA
J.Thielemann
2 Monate her

…Bei Samstagsabend-Filmen ist dann aber oft genug nicht mal jeder zehnte Zuschauer jünger als 50 Jahre. Im Internet und bei den jungen Leuten muss das ZDF sich seine Zuschauer aber erst erarbeiten……. Der Anteil wäre noch niedriger, wenn nicht auch noch die 50+ – Zuschauer von der Stange gehen würden. Die zwischen 50 und 65 – jährigen haben zu einem sehr großen Teil schon beruflich bedingt selbst bei einfachen Jobs mit PC und Internet zu tun. Nicht wie vor 20, 30 Jahren, wo es ganz andere Bevölkerungsanteile mit Berührungsängsten gab. Durch Corona- Einkaufsarrest + Amazon haben nun per Enkel oder… Mehr

Wilhelm Roepke
2 Monate her

Ach das wird schon. Die nächste Generation, die nicht schon als Kind „Wickie und die starken Männer“ im ZDF sieht, sondern YouTube und Instagram, wird nicht unbedingt zum ZDF zurückwechseln. Die Bedeutung wird schleichend abnehmen wie bei den Kirchen. Natürlich viel zu langsam, aber irgendwann wird es abgeschaltet werden und kaum mehr jemand wird es bedauern.

Karl Schmidt
2 Monate her

„Einordnen“ ist ein Framing, das die Arbeit des ZDF unzutreffend beschreibt, denn es geht den Mitarbeitern nicht mehr darum, Ordnung in den Strom der Informationen zu bringen, sondern seine Fließrichtung zu bestimmen. Dafür werden dann auch Fakes transportiert oder im eigenen Haus kreiert, Kampagnen sowieso, ungeprüfte (aber passende) Behauptungen veröffentlicht (von links), Freund und Feind markiert. Das ist Einnorden und nicht einordnen, denn letzteres hätte keine politische Schlagseite; aber das ist der Kern der Arbeit des ZDF: Parteilichkeit. Da dies unter dem Deckmantel der Fake-Abwehr läuft, kann kein Fehler zugegeben werden, doch selbst wenn das ginge, würde davon kein Gebrauch… Mehr

EinBuerger
2 Monate her

Wenn die 24×7 das Testbild senden würden, fände ich das gut. Das wäre mir auch 9 Milliarden Euro wert.

Teiresias
2 Monate her

„Einordnen“ = Framing = Propaganda

Andreas aus E.
2 Monate her
Antworten an  Teiresias

Einordnen“, seit wann ist das so ein Medienbegriff der Journaille? Von dunnemals kenne ich den nicht, der wird exakt mit dem Haltungsjournalismus aufgekommen sein.
Man (bzw. ich kann nur für mich sprechen) bekommt das als Dauerkonsument ja gar nicht so mit, wie sich gewisse Absonderlichkeiten einschleichen.
Bei Pseudo- und tatsächlichen Anglizismen fällt das auf, ebenso bei dem Deppengegender, aber dieses „Einordnen“ klingt zunächst harmlos, aber das ist es nicht, es ist genau so gemeint, wie es von Sprechereuse gesagt ist.
Nett auch dieses „ich danke Ihnen“ seitens eines Interviewten. Deutsch wäre zum Abschluß „gern“.

Paul Brusselmans
2 Monate her

und ich lese aus Versehen schon „einnorden“ im Titel. Blauäugig sind die meisten ja schon…

Dr. Rehmstack
2 Monate her

Ein gutes Beispiel war gestern Abend bei Lanz zu hören. Dort durfte Herr Fratscher erklären, dass unbedingt mehr erneuerbare Energien bereitgestellt werden müssten, da die sowieso die zur Zeit günstigste Energieform darstellen würden und das diese daher vermehrt ausgebaut werden müssten. Lanz wies zwar drauf hin, dass dieses ja wohl nur durch die hohen Subventionen möglich sei, die andere Seite kam aber eben nicht zur Sprache: während Fratscher das hohe Lied der erneuerbaren Energie sang, wies energy Map aus, dass just zu diesem Zeitpunkt der Anteil der Windkraft an der Gesamtstromerzeugung bei 6 % lag, die mit Milliarden aufgebaute Fotovoltaik… Mehr

Ralf Schierhold
2 Monate her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Joseph Goebbels:
„Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge, und daher ist die Wahrheit der größte Feind des Staates.“

egal1966
2 Monate her
Antworten an  Ralf Schierhold

Nun, man braucht nicht auf Goebbels zu verweisen, denn Propaganda gab es schon vorher und der Reichspropagandaminister war nur ein geduldiger Schüler der Amerikaner und Engländer.

Dazu braucht man sich nur die Kriegspropaganda der „Alliierten“ in ersten Weltkrieg anschauen, womit z.B in den USA ein ganzes Volk erfolgreich in einen Krieg getrieben wurde.

Propaganda ist eben nicht ein „deutsches Produkt“, auch wenn es so gut zu passen scheint…

MeHere
2 Monate her

Ich will mir meine Meinung selbst bilden. Dazu brauche ich KLARE, UNGEFILTERTE Information. Hier ist der öffiTV meilenweit entfernt. Besondere Katastrophe ist zwischenzeitlich der BR.
Leute wie Herr Himmler (die irgendwie „plötzlich“ in dieses Amt gekommen sind) sind hier völlig fehl am Platz ..
Bitte geht nach Hause, oder macht was anderes …
ÖffiRundfunk muss auf das zurückgeführt werden, was es lt. Grundgesetz darstellen soll -> eine Grundversorgung, also kein Kartell oder Monopol.