Brexit: in Redaktionsstuben pippilangstrumpft es

Von Journalisten, die Referenden nur für demokratisch halten, wenn ihnen die Ergebnisse passen. Und sich ihre Meinung nicht kaputt recherchieren.

Screenshots: Twitter

Widewidewitt, ich schreibe mir die Welt, wiedewide wie sie mir gefällt. In hiesigen Redaktionsstuben pippilangstrumpft es mal wieder. Denn im Nachklapp zum Brexit-Referendum können Medien noch einmal richtig ausführlich erklären, welche Hypothek wir uns da mit Namen Demokratie ans Bein gebunden haben.

Abstimmung? Gibt es gar nicht

Und dabei vieles umdeuten, als hätte es das Ergebnis der Abstimmung so nie gegeben. Die Resonanz zur britischen Entscheidung macht klarer denn je deutlich, wie arrogant Teile der Medien und die sie flankierenden Politiker auf die Meinung des Volkes herabschauen und sich am liebsten eine perfekte Welt stricken würden, in denen der Souverän nur noch dann abstimmen darf, wenn es um belanglose Ja- oder Nein-Fragen geht, für deren Beantwortung der IQ einer Weinbergschnecke reichen würde. Unverständlich bleibt, wie inkonsequent dabei die sogenannten Meinungsführer in Deutschland mit ihren eigenen Ansichten umgehen. Im salonlinken Jargon von Jakob Augstein klingt das dann so: „Referenden sind Mist. Demokratie ist komplizierter. Mehr als Ja oder Nein.“

Das Referendum der Griechen toll, das der Briten irre

Das Referendum in Griechenland, bei dem es ebenfalls um die Zukunft Europas und zusätzlich noch der gemeinsamen Währung ging, bejubelte er als richtig und notwendig. Obwohl die Griechen wohl selbst nicht so genau wussten, welche Konsequenzen ein Kreuz hier oder da haben würde. Aber das Ergebnis stimmte, die Wähler waren plötzlich clever und vor allem weitsichtig genug, es denen in Brüssel so richtig zu zeigen.

In seinem Twitter-Account zeigt er nun nach dem Brexit-Votum, welch bornierten Schnösel er eigentlich darstellt: „Offenbar herrschen über Demokratie krasse Missverständnisse! Ja/Nein ist keine Demokratie. Sie braucht Dauer, Institutionen, Verantwortung“. Genau von diesen Institutionen hatten die Briten aber die Nase voll. Oder will er Abweichler vom Jubelkurs schlicht nur mit noch engerer Bindung an das Bürokratiemonster in Brüssel zur Räson bringen?

Aber Augstein steht mit seinem arrogant-verachtenden Duktus nicht allein. Der deutsche Blätterwald raschelt erheblich, wenn es darum geht, dem ungebildeten Klotz die echte Demokratie beizubringen. Von Welt bis FAZ, im Spiegel oder Focus: der Wähler stört. Frei nach Stalin gewinnt dort wohl die Einsicht die Oberhand, dass die Lösung einfach wäre: kein Wähler, keine Probleme. In der Bild nennt Nicolaus Blome die Briten „irre“. Der Focus meint, Staatsdinge dürften keinesfalls in die Hände des Volkes gelegt werden. Ohnehin kämen nur falsche Dinge dabei heraus.

Nur für Berlin dürfen wir kreuzeln

Über die Hälfte der Wähler irre zu nennen und ihr zu attestieren, auf der falschen Seite zu stehen, offenbart erneut den deutschen Sonderweg, der auch zu diesem Ergebnis geführt hat. Immerhin hat sich noch kein Journalist erdreisten lassen, den Bürgern das generelle Wahlrecht abzusprechen. Zum Setzen der Kreuze bei der Bundestagswahl sind wir dann (bis jetzt) gut genug. Übrigens auch eine Entscheidung mit erheblicher Bedeutung.

Peinlich wird es dann, wenn die Hoffnungen auf einer Online-Petition ruhen, bei der mittlerweile fast 2 Millionen abgegebene Stimmen fordern, das Referendum doch noch mal zu wiederholen. Man kann es sich beinahe bildlich vorstellen, wie deutsche Journalisten bangend und händeringend auf den Zähler starren und jede hinzugekommene Stimme als Aufstand gegen den falschen Mainstream beklatschen. Schon wird davon geträumt, dass das britische Parlament, weil an das Ergebnis sowieso nicht gebunden, die Wahl kassiert und weitermacht wie bisher.

Plötzlich holen Medien mehrere Briten aus der Versenkung, die ihre Entscheidung angeblich bereuen und gerne nochmal, also diesmal korrekt, abstimmen würden. Kaum ein Resümee eines Brexit-Befürworters, kein Wort zum nun einmal fertigen Ergebnis, das endlich auch als solches anerkannt werden sollte. Stattdessen die lächerliche, ja krampfhafte Bemühung, jeden noch so undurchführbaren Strohhalm hochzujazzen im Glauben, das Geschehene ungeschehen zu machen. Stichwort Online-Petition: die Teilnahme ist nicht geografisch beschränkt. Denkbar also, dass von den Millionen Bedauernden eine nicht unerhebliche Zahl aus dem Ausland stammt. Allein 8.000 sollen aus Vatikanstadt kommen, behauptet vergnüglich ein Internetdienst.

Alte gegen Junge, wie man es braucht

Gerne wird nun auch vom Aufstand der Jungen gegen die Alten fabuliert. Jetzt also hat die Jugend den Durchblick, die geistige Reife und die Erfahrung, gewichtige Aufgaben zu bewältigen und insbesondere bei der Beantwortung der ihre zugrunde liegenden Fragen zu helfen. Eine Jugend, die bei der österreichischen Nationalratswahl von 2013 noch als dumm, unerfahren und verantwortungslos verschrien wurde. Warum? In der Altersgruppe bis 29 Jahre siegte die FPÖ mit erheblichem Vorsprung vor allen anderen Parteien. Damals rückwärtsgewandt, fremdenfeindlich, nationalistisch, heute schlagartig zukunftsfreudig, demokratisch, bunt und offen. Die Alten hingegen sind nur noch ein Haufen „dumme, weiße Männer“ (taz) und natürlich Rassisten, die, verdammt noch mal, nun auch noch gewonnen haben. Das wird man doch noch sagen dürfen, zwitschern Autorinnen des Linksblattes. Schade nur, dass die Wahlbeteiligung der Jungen extrem niedrig war, wie wenigsten die FAZ notiert: „bemerkenswert, mit welcher Wucht in Deutschland die ‚dummen Alten‘ angegangen werden … abgesehen davon, dass die Wahlbeteiligung der Jungen weit unter dem Durchschnitt lag“.

Europa ist ihnen also gar nicht wichtig, sondern bestenfalls: Gleichgültig. Aber manche Journalisten lassen sich ihre Meinung eben nicht wegrecherchieren. Es werden oft nur passende Fakten genommen, oder passend gemacht.

Und so könnte man stundenlang fortsetzen. Das Beschimpfen der Wähler scheint ein probates Mittel zu sein, um sich die Wut auf fehlgeleitete Geister von der Seele zu schreiben. In der Verknüpfung mit einem belehrenden Duktus und einem inzwischen unerträglichen moralischen Imperativ werden die Medien ungewollt zum Antrieb für eine immer weiter zunehmende Skepsis gegenüber den Institutionen, wo auch immer sie sitzen mögen, und gegenüber ihnen selbst. Pippi Langstrumpf hat es sich bequem gemacht bei unseren Blättermachern.

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