Pflanzenkost hilft gegen Corona, ein gesundes Leben auch

Wer sich rein pflanzlich oder überwiegend vegetarisch ernährt, erkrankt seltener schwer an Covid-19. So zumindest wurde von einer Zeitschrift das Ergebnis einer Befragung von Klinikpersonal gedeutet. Doch wie so oft ist das ein unbegründeter Rückschluss von Korrelation auf Kausalität. Von Walter Krämer

Diese Unstatistik berichtet über eine Studie aus „BMJ Nutrition, Prevention & Health“ zum Zusammenhang zwischen der Ernährung und Infektionen mit Corona. Denn dieser Zusammenhang existiert in der Tat: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion mit Corona einen schweren Verlauf nimmt, ist bei Menschen mit einer pflanzenbasierten Ernährung deutlich geringer. Zumindest war das in der Stichprobe von rund 3000 besonders Corona-gefährdeten Personen aus dem Gesundheitswesen (95 Prozent davon Ärzte) der Fall, die in der Studie untersucht wurde.

Das heißt aber nicht, dass die Ernährung die Ursache für einen milderen Krankheitsverlauf sein muss, wie es etwa das „Deutsche Ärzteblatt“ in seiner Onlineausgabe suggeriert: „Studie: Ernährung beeinflusst Verlauf von COVID-19“. Es handelt sich hierbei um den klassischen Fall eines unbegründeten Rückschlusses von Korrelation auf Kausalität. So steigt mit zunehmendem Konsum von Softgetränken das Risiko für einen Kreislaufkollaps. Aber nicht, weil der Konsum von Softgetränken einen Kreislaufkollaps begünstigt, sondern weil bei sommerlicher Hitze schlicht mehr Softgetränke konsumiert werden und die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses steigt – einfach, weil es heiß ist.

Gesundheitsbewusstes Verhalten stärkt Immunabwehr

Dergleichen zusätzliche Einflussfaktoren sind in sogenannten epidemiologischen Beobachtungsstudien, zu denen auch die vorliegende Untersuchung gehört, nie völlig auszuschließen. Zwar hat man hier durchaus versucht, den Einfluss weiterer Ursachen zu neutralisieren, aber das gelingt in den seltensten Fällen perfekt. So geht etwa die Vorliebe für vegetarisches Essen oft mit einem gesundheitsbewussteren Verhalten in anderen Lebensbereichen und damit einer stärkeren Immunabwehr einher, die für sich allein genommen auch ohne vegetarisches Essen für einen milderen Verlauf von einer Infektion mit Corona sorgt.

Tückische Korrelationen
Je weniger Haare, desto mehr Geld, je weniger Regenwald, desto mehr Corona
Zudem beruhte in der zugrunde liegenden Studie die Einordnung der Ernährungsweise auf der Selbsteinschätzung der Befragten, die sich dabei für eine von insgesamt elf Kategorien entscheiden sollten. Wer dann „pflanzenbasiert“ oder „pflanzenbasiert oder pescetarisch“ ankreuzte, musste deshalb noch lange kein strammer Veganer oder überzeugter Vegetarier sein. Es wurde ja nur der überwiegende Ernährungsstil abgefragt.

Auch der zentrale Effekt des Lebensalters wurde möglicherweise nicht korrekt berücksichtigt, denn in der Studie ist von den wichtigen Wechselwirkungen zwischen dem Alter, der Vorliebe für vegetarisches Essen und dem Verlauf von Infektionen mit Corona überhaupt nicht die Rede.

Leider kein Goldstandard

Generell kann man hier nur einen Ratschlag aus der führenden Wissenschaftszeitschrift „Science“ wiederholen, mit Schlussfolgerungen aus epidemiologischen Beobachtungsstudien sehr vorsichtig zu sein (G. Taubes: Epidemiology faces its limits, „Science“, 1995).

Der leider nur selten realisierte Goldstandard ist hier ein geplantes Experiment: Man teilt die Versuchspersonen zufällig in zwei Gruppen ein, die einen bekommen Pflanzenkost, die anderen eher Nackensteak, und dann verfolgt man, wo Corona glimpflicher verläuft. In einer idealen Welt wissen die Personen in den beiden Gruppen dabei noch nicht einmal, ob sie Salat (Verum) oder Schnitzel (Placebo) essen, wodurch zum Beispiel eingebildete Effekte („Ich lebe ja so gesund!“) ausgeschlossen werden können. Ohne solche kontrollierten Experimente bleiben Rückschlüsse aus Beobachtungsstudien aber vielfach reine Spekulation

Mehr erhellende Rück-, Kurz- und Trugschlüsse aus der Welt der Statistik in:
Walter Krämer, So lügt man mit Statistik. Aktualisierte und neu gestaltete Neuausgabe. Campus Verlag, 208 Seiten, 19,99 €


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Kommentare ( 3 )

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Aegnor
2 Monate her

Wenn ich den ganzen Tag nur Schokolade esse, lebe ich auch vegetarisch. Und wenn es Gummitiere (ohne tierische Gelatine) sind sogar vegan. Dass beides gesund wäre, wage ich zu bezweifeln…

Sonny
2 Monate her

Diese Gesundheitsmasche, mit der sich trefflich viel Geld verdienen läßt, geht mir fürchterlich auf die Nerven. Das schaukelt sich bei mir dermaßen hoch, dass ich schon eine Anti-Haltung entwickle zu allem, über was man mich so belehren will. Meine Großeltern mußten im zweiten Weltkrieg als Teenager aus Polen flüchten und die Zeit während und nach dem Krieg war eine Zeit der Entbehrungen und der absoluten Schlechtversorgung. Essen, Hygiene, alles nicht besonders „gesund“. Trotzdem sind meine Großeltern 78 und 79 Jahre alt geworden. Meine Oma war nur ein einziges Mal in ihrem Leben im Krankenhaus wegen Gallensteinen. Ansonsten nix, null, nada.… Mehr

Hannibal Murkle
2 Monate her

Die Spanier lassen sich kein Fleisch wegnehmen – das Vorhaben ist selbst in der linken Regierung umstritten: https://www.welt.de/politik/ausland/article232633123/Oeko-Politik-Die-EU-will-Musterschueler-sein-aber-die-Spanier-bestehen-auf-ihr-Steak.html „… demnach sollte eine Person ihren Fleischkonsum auf zwei bis vier Portionen von maximal 125 Gramm pro Woche beschränken, davon nicht mehr als zwei Stücke rotes Fleisch …“ Macht max. 250-500 Gramm die Woche, max. 1-2 Kilo im Monat – in Deutschland wurden selbst während des Zweiten Weltkriegs zwei Kilo im Monat zugeteilt, erst ganz am Ende etwas weniger. EU-Green-Deal schlimmer als Zweiter Weltkrieg? „… Garzóns Video löste in dem Fleisch liebenden Land eine heftige Gegenreaktion aus. Nicht nur von mächtigen Bauernorganisationen,… Mehr