Anne Spiegel schiebt persönliche Gründe für Fehlverhalten in der Flutkatastrophe vor

Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) hat in einem bizzaren Auftritt um Entschuldigung für ihre Fehler während der Flutkatastrophe gebeten. Zurückgetreten ist sie nicht. Persönliche Gründe seien die Ursache für die Fehler gewesen, die den Tod von 134 Menschen befördert haben.

picture alliance/dpa | Annette Riedl

Eine knappe Viertelstunde spricht Anne Spiegel. Sie hat für Sonntag 21 Uhr zur Pressekonferenz eingeladen. Einen Rücktritt verkündet sie nicht. Stattdessen erzählt sie, wie es zu ihren Fehlern gekommen sei, die den Tod von 134 Menschen im Ahrtal befördert haben. Dann macht sie eine Pause. Sie überlegt. Der Kopf dreht sich nach Rechts zu ihren Beratern: „Ich muss es noch irgendwie abbinden“, sagt sie – fragt sie ihre Berater. Dann werden die dunklen Augen groß wie bei einer Disney-Figur, die Stimme wird rührselig, die Tränen sind auf den Punkt da: „Ich möchte mich für die Fehler ausdrücklich entschuldigen.“

Dann verlässt Spiegel die Szenerie. Kein Rücktritt. Keine Fragen. Schon gar keine kritischen. Das Phoenix-Team ist so vom Verhalten der Bundesfamilienministerin überrascht, dass es auf jede Einordnung verzichtet – und kommentarlos zur Natur-Doku zurückschaltet. Spiegel hat sich selbst entschuldigt. Das muss genügen. Allerlei Persönliches: Ihr Mann habe 2019 einen Schlaganfall erlitten, die vier Kinder seien nur schlecht durch die Pandemie gekommen und mit der Spitzenkandidatur in Rheinland-Pfalz und dem Amt als Umweltministerium habe sie viel Arbeit gehabt: „Es war zuviel. Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht. Wir haben Urlaub gebraucht, weil mein Mann nicht mehr konnte.“

Zehn Tage nach der Flutkatastrophe ist sie daher in Urlaub gefahren. Nach Frankreich. Für vier Wochen. Für einen PR-Termin hat sie diesen Urlaub unterbrochen. Den Wiederaufbau der Energie- und Trinkwasserversorgung an der Ahr habe sie da schon in Auftrag gegeben – 20 Millionen Euro für ein Sofortprogramm bereit gestellt. „Ich war während des Urlaubs immer erreichbar. Und wenn es irgendeinen Anlass gegeben hätte, den Uralub abzubrechen, dann hätte ich das auch sofort getan“, verteidigt sich Spiegel.

In Nordrhein-Westfalen ist Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) zurückgetreten, weil sie nach der Katastrophe zum Geburtstag ihres Mannes auf Mallorca geflogen ist. Spiegel bleibt im Amt. Trotz des Urlaubs – und trotz der massiven politischen Schuld, die sie in der Flutnacht auf sich lud: Ihr Haus hatte am 14. Juli eine Pressemitteilung herausgegeben, dass das erwartete Hochwasser nicht so schlimm werde. Die Ministerin hatte sie persönlich korrigiert und darauf bestanden, dass es im Text „Campingplatzbesitzer:innen“ heißen muss. Als Spiegels Staatssekretär Erwin Manz (Grüne) vom zuständigen Umweltamt andere Informationen über das zu erwartende Ausmaß erhielt, entschied er sich, mit einer Korrektur bis zum nächsten Tag zu warten. Doch in der Nacht starben 134 Menschen allein in Rheinland-Pfalz. Darunter die Bewohner eines Behindertenheimes, die nicht rechtzeitig evakuiert wurden. Spiegel war nicht zu erreichen. Sie war Abendessen gegangen und reagierte nicht auf Mails oder Anrufe, wie sich im Untersuchungsausschuss herausstellte.

Kein Wort dazu. Keine Nachfragen zu den Fehlern möglich. Spiegel tritt auf mit Tränen auf der Wange. Sie erzählt, wie hart es ist, als Umweltministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin durch die Pandemie zu kommen. Ihr ist anzusehen, dass sie sich leid tut. Für Fragen hat sie da keine Kraft mehr. Warum auch. Sie hat den Text abgebunden, der Vortrag war rund. Das Wording steht. Und die großen Augen tun ein Übriges.

Anne Spiegel (41) zog 2011 erstmals in den rheinland-pfälzischen Landtag ein und wurde dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen. 2016 wurde sie Familienministerin, 2021 übernahm sie auch das Umweltministerium. Ihre Vorgängerin Ulrike Höfken (Grüne) hatte gehen müssen, weil sie gesetzwidrig nach Parteibuch und nicht nach Qualität befördert hatte. Nach der Landtagswahl im März 2021 wurde Spiegel auch stellvertretende Ministerpräsidentin und wechselte im Dezember als Familienministerin ins Bundeskabinett. Außerhalb der Politik hat sie als Sprachtrainerin gearbeitet.

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Kommentare ( 221 )

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Nachdenkerin X
1 Monat her

=Bundesaußenministerin Annalena Baerbock zeigte sich bewegt vom Rücktritt. „Anne Spiegel ist durch eine extrem harte, persönlich unglaublich schwere Zeit gegangen“, sagte die Grünen-Politikerin am Nachmittag am Rande eines EU-Treffens in Luxemburg. „Mit dem heutigen Tag ist für sie nicht nur politisch, sondern auch persönlich ein Weg beschritten worden, der, glaube ich, deutlich macht, wie brutal Politik sein kann.“= Was soll man denn dazu sagen? Genauso zu dem „Respekt“, den ihr nun alle zollen. 134 Tote sind offenbar ein Nichts. Sterben ist nichts. Aber die Politik ist brutal, so die Völkerrechtlerin B. Mit Schimpf und Schande sollte man Frau Spiegel vom… Mehr

merlin999
1 Monat her

Kaltschnäuzig mit den richtigen Wörtern zu ihrem persönlichen Umfeld und dem Urlaub. Aber kein Wort zu ihrem Versagen am Tag der Flut. Also nochmaliges Versagen. Aber eine Frau und Grün, diese darf alles! Auch wenn durch ihr Versagen Menschen umkommen.

Schlagsahne
1 Monat her

Nun ist sie also weg, obwohl Herr Scholz so gern weiter vertrauensvoll mit ihr zusammenarbeiten wollte…

Hesta
1 Monat her
Antworten an  Schlagsahne

Herr Scholz scheint keinerlei Menschenkenntnis zu haben, sonst wären manche Minister nicht in der Regierung.

Contra Merkl
1 Monat her

Jetzt hat sie ihren Rücktritt bekanntgegeben. War alles ne Nummer zu groß für die Frau. Mal sehen wer jetzt aus der grünen Wundertüte gezogen wird.

ketzerlehrling
1 Monat her

Sie ist nur eine Versagerin in dieser Regierung so wie in der damaligen Landesregierung.

Sidetrack
1 Monat her

Ein nicht unwesentlicher Teil des Versagens liegt auch auf den Schultern der SPD Frau in der RP Staatskanzlei in Mainz.
Nach den Ereignissen des Juli 2021 hätte Malu Dreyer Spiegel niemals nach Berlin entsenden dürfen.

Last edited 1 Monat her by Sidetrack
Harry Charles
1 Monat her
Antworten an  Sidetrack

kommen Sie mal nach Rheinland-Pfalz und sehen Sie sich die „Straßen“ an (obwohl Restdeutschland ja auch nicht besser ist). Dann sehen Sie was Dreyer’sche Misswirtschaft ist – und Sie verstehen die Welt nicht mehr.

santacroce
1 Monat her
Antworten an  Sidetrack

Das Wegbefördern von Problempersonen ist doch gängige Praxis. Dreyer ist das Problem erstmal los, sonst hätte sie jeden Tag damit zu tun gehabt.
So auch hier, von daher alles richtig gemacht.

MeHere
1 Monat her
Antworten an  Sidetrack

Wieso ? Das hat doch tatsächlich Dreyer aus dem Fokus genommen, d.h. die Verbindung war gekappt !
Spiegel war nicht mehr da und die Systemmedien hätten ohnehin nicht gesehen und nichts gehört … sie wurde quasi wegbefördert !

Schlagsahne
1 Monat her

An diesem Video ist nach meiner Sicht als langjähriger PR- Manager nichts echt:
1. Thema Schminke: es wird nahezu komplett auf Schminke verzichtet – Ziel leidend aussehen;
2. Analog Frisur: quasi ungekämmt- Aussage ich bin ja so fertig;
3. Blickkontakte: umherschweifender Blick- bitte helft mir;
4. Wortwahl: Gestammel- ich leide so und bin so fertig, dass ich keinen korrekten Satz zusammenkriege;
5. Inhalt: weg von Substanz hin zu moralischer Ebene ( ich bin selbst ein armes Opfer…)
Aber: dieser Blick in den Augen, da sehe ich nur Kälte und Abwehr!
Fazit: ganz übler Fake- Auftritt!!!

Rob Roy
1 Monat her
Antworten an  Schlagsahne

Die letzte Minute ist verräterisch. Anne Spiegel wendet sich zur Seite und fragt ihren PR-Manager, Schauspiel-Coach oder wen auch immmer „Wie sollen wir das abbinden?“ im Sinne von „Wie soll ich das abschließen?“. Darauf noch ein paar Tränchen aus dem Augenwinkel gequetscht.
Das ist alles inszeniert und wirkt wie ein Probedurchlauf, der versehentlich anstatt der endgültigen Fassung gesendet wurde.

Alt-Badener
1 Monat her

In der ganzen Welt weiß man, welch trostloses und inkompetentes Politpersonal dieses Land führt. Jedem politisch interessierten Menschen in Europa ist das bekannt und jeder dieser Menschen belächelt uns deshalb. Nur die deutschen Bürger haben das noch nicht begriffen und bemerken es nicht. Nirgendwo in der EU außer in Deutschland käme eine solche Truppe an die Macht. Diese ganze Regierungstruppe handelt nur nach dem sattsam bekannten Spruch, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll. Zwei Weltkriegsniederlagen hat dieses Land überstanden, aber an diesen derzeit regierenden Ideologen wird es komplett zerbrechen.

Harry Charles
1 Monat her
Antworten an  Alt-Badener

„…jeder dieser Menschen belächelt uns deshalb…“

Wenn es nur das wäre. Aber ich bin überzeugt, das Ausland nutzt das schamlos aus. Wo geht das ganze viele Geld hin, das die Leute hierzulande mit Knochenarbeit erwirtschaften? Unsere Straßen werden immer kaputter. Wir sind auf dem Weg zum Drittweltland.

Danny Sofer
1 Monat her
Antworten an  Harry Charles

Dazu wird dann auch die in der dritten Welt übliche „angebotsorientierte Stromversorgung“ passen. Eine Grünin hat ja letztes Jahr im Bundestag schön erklärt wie gestrig und umspannend Versorgungssicherheit ist.
Dieses politische Personal ist einfach zum Fürchten.

Peer 70
1 Monat her
Antworten an  Alt-Badener

Dieser deutscher “ Bürger“ vor allem im Westen, ist nicht gewillt, über die Unfähigkeit solcher Politiker zu klagen. Es könnten ja Strafen und Repressalien dadurch erfolgen. Somit katapultiert er sich lieber ins aus- oder schließt sich dem: „Wir werden ärmer- Club von Friedrich Merz an!“

Last edited 1 Monat her by Peer 70
Felix Fortinbras
1 Monat her

Sie erklärt nicht die Kraft gehabt zu haben, dem Amt genügen zu können. Ihr Amtseid verlangt ein wenig mehr. Menschen mit einem Funken Pflichtbewusstsein hätten vor der Katastrophe den Amtsverzicht erklärt. Solche mit einem Funken Anstand hätten wenigstens nachher den Rücktritt erklärt, jedenfalls aber angeboten.
Der Vorgang ist ein Offenbarungseid der politischen Linken und besonders der messianischen Ökoideologen.

Jo Walter
1 Monat her

Wenn der Krisenstab des Umweltministeriums in Mainz wenigstens die Empfehlung hervorgebracht hätte: Bitte gehen sie vorsorglich an höher gelegene Orte, hätten die meisten Leben gerettet werden können, auch einige materielle Güter. Nicht die Liegenschaften. Aber die Leben. Stattdessen war die (Falsch-) Meldung am 14.07.21, 16 Uhr, dass keine Gefahr bestünde, grob fahrlässig und hat eine Region in den Untergang geführt. Die gegenderte(n) Campingplatzbetreiber:in/nutzer:in war längst dem Untergang geweiht. Und Besitzer von Campingwagen kennen das Thema und bringen ihre Fahrzeuge, Anhänger und sich selbst normalerweise in Sicherheit, wenn die Informationslage stimmt. Die Schuld ist groß.

Last edited 1 Monat her by Jo Walter