Die Industriegewerkschaft Metall ist sehr stolz, weil es ihr gelungen ist, Tausende von Opel-Demonstranten auf die Straße zu bringen – und das, obwohl alle in Urlaub waren, sagt ein Gewerkschaftssprecher. Das muss man sich mal vorstellen – die Revolution fällt aus, weil das Proletariat am Ballermann feiert. In Berlin debattiert die Koalition darüber, ob die Abwrackprämie auch Hartz-IV-Empfängern ausgezahlt werden soll. Im Konjunkturprogramm sollten schon mal ein paar Milliarden für die Erweiterung der Parkzonen vor den Arbeitsämtern reserviert werden – für die vielen schnieken Neuwagen der Stütze-Kundschaft.
In Sonntagsreden wird derzeit gerne die Europäische Währungsunion als Insel der Stabilität im tosenden Meer der Finanzkrise gefeiert. Leider ist zurzeit so selten Sonntag. Und werktags sieht es nicht gut aus für unser Euro-Geld.
Darf eigentlich ein Unternehmen Arbeitsplätze abbauen und trotzdem seinen Aktionären eine Dividende ausschütten? Ja, selbstverständlich. Damit könnte diese Kolumne schon beendet sein. Aber genau dieses Thema erregt heute Politiker, die Talkshow-Sitzer, viele Menschen. Der Tenor ist, dass ganz selbstverständlich die Aktionäre verzichten sollten, um unrentable Arbeitsplätze zu halten. Schon allein die Tatsache, dass diese Frage jetzt führende Politiker wie Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zu- lasten der Aktionäre beantworten, zeigt, auf welch schiefe Bahn Deutschland im Zuge der Finanzkrise geraten ist: Irgendwie ist die Information darüber verloren gegangen, dass man Arbeit und Kapital braucht, um etwas unternehmen zu können.
Das Kreuz mit der Atomenergie in Deutschland ist, dass nicht mehr diskutiert oder verhandelt, sondern sofort abgeblockt wird – von beiden Seiten. Wer Atom sagt, ist Feind. Wer Kern sagt, ist Freund der Nukleartechnik. Bis in sprachliche Feinheiten hat sich das Lagerdenken in die Gehirne eingegraben. Aber was kümmert die Welt jene Feindbilder, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren vor Brockdorf, Wackersdorf oder Gorleben in das Bewusstsein einer Generation geprügelt wurden?
Konjunkturprognosen sind eine gewagte Angelegenheit. Unterschiedlichste Kurven, die wirtschaftliche Aktivitäten widerspiegeln, verlaufen nicht gebündelt wie in einem ordentlichen Kabelbaum, sondern kreuz und quer – eher wie eine satte Portion Spaghetti. Dann noch ordentlich Soße obendrauf; das macht die Sache zwar appetitlicher, aber nicht transparenter. Derzeit wird das Essen ziemlich kalt. Denn in diesen Wochen schlagen die Folgen der Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt durch: Entlassungen, Kurzarbeit, Werkschließungen, Insolvenzverfahren.
Im Jahre 1813 appellierte Prinzessin Marianne an alle Frauen Preußens. Um den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren, sollten sie die Eheringe aus Gold gegen solche aus Eisen eintauschen – mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“.
1914 tauschten unter diesem Motto unsere Urgroßeltern schon nicht mehr so ganz freiwillig Geld und Gold gegen Staatsanleihen – die zu Asche zerfielen. Es folgte eine Hyperinflation, die Papiergeld so wertlos machte wie die Zeitung von gestern, eine Weltwirtschaftskrise, in der Aktiengesellschaften fallierten wie Faulobst, eine brutalste Diktatur, der Holocaust und noch ein Weltkrieg, diesmal ein totaler. Die Erinnerung an den Wertverlust durch Krieg, Staatsbankrott und Inflation taucht derzeit im kollektiven Gedächtnis wieder auf – die WirtschaftsWoche untersucht und bewertet den langfristigen Werterhalt unterschiedlicher Anlageformen über die unterschiedlichen Krisen hinweg.
Allmählich beginnt man ja, sich mit den Folgen der Finanzkrise abzufinden und einzurichten – und sieht mit einem Mal die Konturen einer neuen Landschaft aus dem Nebel auftauchen. Wir hatten geglaubt, dass niemand mehr den Siegeslauf der Linken aufhalten könnte. Und siehe da – plötzlich ist die betont marktwirtschaftliche FDP der triumphale Wahlsieger in Hessen. Das ist kein rein lokales Ereignis, sondern es hat den Anschein, als ob der beklemmende Zuwachs an staatlicher Macht, den die Finanzkrise mit sich gebracht hat, über Nacht gewissermaßen wieder eingefangen werden soll.
Dass die Commerzbank mit der Dresdner Bank zu einer Art Sparkasse von Berliner Gnaden schrumpft, ist keine Gottesstrafe, sondern auch Folge unfassbaren Missmanagements, das in der Krise nur jeder Tarnung beraubt wird. Und dass die einstmals stolze Deutsche Bank eben doch indirekt mit Staatsknete gepäppelt werden muss, macht Josef Ackermann zur tragischen Figur, die Richtiges wollte und nur Falsches konnte – das kommt davon, wenn man mit der Wahrheit umgeht wie der Metzger mit feinster Salami: nur hauchdünne Scheiben von der dicken Schuldenwurst absäbelt und jedes Quartal ein paar mehr Milliardärchen zugeben muss, in treuherzig gespielter Unschuld und garniert mit viel Schönrednerei. Da schmilzt die Glaubwürdigkeit, das eigentliche Kernkapital des Bankiers.
Nein, es war alles kein schlechter Traum. Hinterm Weihnachtsbaum und Kerzenschein taucht nun das Gesicht der Krise wieder auf. Nichts mehr mit Durchatmen und der Illusion, dass alles nicht so schlimm kommen möge. Politik und Unternehmen können nichts auf die lange Bank schieben. Jetzt ist die Stunde der Krisenmanager, jetzt wird sich zeigen, wer Mut, Weitblick, Entscheidungs- und Führungsfähigkeit hat.
Das Jahr 2008 wird als das Jahr der vielen Nullen in die Geschichte eingehen: Mit 200 Milliarden Dollar für die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hat die Finanzkrise angefangen, teuer zu werden; für 480 Milliarden Euro hat die Bundesregierung den Bankenschirm aufgespannt; 1,4 Billionen an Bankgarantien wurden dann in New York fällig – ob Dollar oder Euro spielt bei so viel Nullen keine Rolle; in Brüssel flossen 200 Milliarden in ein europäisches Konjunkturprogramm, wobei schon jetzt klar ist: Das war nur die erste Rate.
Die globale Ökonomie kommt mir zurzeit vor wie ein gigantischer Luftballon, aus dem die Luft entweicht – pffffffffffffftt.
Schrumpelig wird die Welt, und sie schrumpft. Besonders schnell verfällt ein an sich kleines Land, nämlich Deutschland – schon allein deshalb, weil es sich zunächst selbst aufgebläht hat, indem es fast die Hälfte seiner Produkte exportiert. Jetzt also – pfffffffffffft – fährt unser Wohlstand dahin, weil die weltweite Nachfrage nach Maschinen und Autos verfällt.
Ein Opel fährt vor, aus dem die Herren von Daimler und BMW klettern und artig um Schirme bitten wie Cabriofahrer im Schneesturm. Schon fordern die energieintensiven Branchen der Chemie-, Metall-, Stahl-, Glas-, Baustoff- und Papierindustrie Schutzschirme gegen Milliardenbelastungen der europäischen Umweltpolitik. Noch jemand ohne? Anstellen zur Schirmausgabe vor dem Kanzleramt, nicht drängeln! Kaum je war der Staat so mächtig, die Bundeskanzlerin als Schirmherrin so umworben, die Wirtschaft so kleinlaut. Marktwirtschaft war gestern.
Geiz ist ja schon eine ganze Weile geil in Deutschland; jetzt droht die Geizgeilheit zum Dauerzustand zu werden. Alles wird heute billiger und morgen noch billiger. Was Marketingstrategen bisher in immer neue Werbeslogans fassen mussten, geht jetzt fast automatisch, quasi naturgesetzlich vonstatten: Alles muss raus, alles wird billiger. Deflation nennen Ökonomen so einen Preisverfall quer durch den Warenkorb.
Kanzlerin und Finanzminister konnten sich gegenseitig auf die Schultern klopfen und hintenrum um die besten Startplätze für den nächsten Bundestagswahlkampf rangeln.
Ausgeträumt! Heute steht Deutschland in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Für die, die es nicht mehr wissen: Auch die Titanic ist nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg noch eine ganze Weile weitergeschwommen. Und die Bordkapelle hat fröhlich weitergespielt, bis zum Untergang. Vorgespielte gute Laune mag Panik verhindern, aber sie kann den Untergang nicht verhindern.
Wenn zwei sich einigen, freut sich der Dritte: Der Staat ist eigentlicher Gewinner der laufenden Tarifrunde, in der jetzt die Metaller mit 4,2 Prozent die Latte für alle Industriezweige ziemlich hoch gelegt haben. Finanzamt und Sozialkassen kassieren von rund 1900 Euro Lohnerhöhung je nach Steuerklasse für einen gut verdienenden Facharbeiter zwischen 800 und 1000 Euro im Jahr ab.
Wir kriegen verbilligte Styroporplatten für die Hausmauer und die Amerikaner Barack Obama. Unterschiedlicher könnte Politik nicht sein: hierzulande ein mickriges Konjunkturprogrämmlein, dessen visionärster Bestandteil, die Subventionierung Strom sparender Kühlschränke, dann doch nicht verwirklicht wird. Drüben wird schon die Wahl eines neuen, jugendlich wirkenden Präsidenten als historisches Ereignis empfunden – inklusive seines Programms, das aus vier Buchstaben besteht, die allerdings eine riesenhafte Bedeutung ergeben: „Hope“ – Hoffnung, der Traum vom besseren Morgen. Die Amerikaner glauben an die Rettung der Welt durch Autosuggestion, die Deutschen durch Pfandflaschen.
Passanten auf der Straße diskutieren, ob eine holländische Direktbank genauso gefährlich ist wie die Zinsschnäppchenklitsche aus Island, deren Namen wir vor sechs Monaten zum ersten Mal gelesen haben: Die Folgen der Finanzkrise sind in der Wirklichkeit angekommen. Moderne Krisen haben eine lange Vorlaufzeit. Sie sind sinnlich unverstehbar, man kann sie nicht anfassen. Die Klimaerwärmung ist auch unverstehbar, daher die gewagt konstruierten Bilder von Eisbären auf schmelzendem Eis.
Gerade haben die Staaten die Banken vor dem Bankrott gerettet, da geht das Wort vom Staatsbankrott um. Island, naja, winzig, Pakistan klingt schon bedrohlicher, Ungarn sehr nah, und Russland gilt als echte Gefahr. Deutschland hat die größten und bittersten Erfahrungen damit, wie es ist, wenn die Staatsschulden die Fähigkeit übersteigen, diese noch zu tilgen oder die Zinsen zu bezahlen. 1923 war das Reich wegen Kriegsschulden und Reparationen bankrott und radierte mit seinen Schulden auch die gesamte Ersparnis seiner Bürger mittels einer Hyperinflation aus.
Es war die Bundeskanzlerin, die nach anfänglichem Zögern beherzt weiteren Schaden abgewendet hat. Das Versagen der Finanzindustrie aber hat die gesamte Wirtschaft blamiert und Deutschland in der ewigen Auseinandersetzung zwischen Staat und Wirtschaft, zwischen Freiheit und Bevormundung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Reformen, Neoliberalismus, freie Märkte, Privatisierung – das sind keine realistischen Konzepte mehr, sondern Schimpfworte. Im Wahlkampf, der längst begonnen hat, werden die Argumente der Wirtschaft in Hohngelächter untergehen. Es ist ja auch kaum zu verstehen, warum der Bundeshaushalt erst über schmerzhafte Einschnitte im Sozialbereich mühsam saniert werden muss – und dann die 100 Milliarden ratzfatz ausgegeben werden.
Das Milliarden-Loch für unsere Steuergelder trat bei der Hypo-Tochter Depfa auf – aber weil die in Irland residiert, haben die Aufseher der Bonner Blindenanstalt schon gleich gar nichts ahnen dürfen, sagt das Bundesfinanzministerium, während die BaFin behauptet, das Ministerium ständig vor der sich zuspitzenden Liquiditätskrise gewarnt und die Hypo verwarnt zu haben.
