Warum Nuhr, Broder, Martenstein und Co. nicht mehr links sind

Einst glaubten sie an den Sozialismus, heute an Marktwirtschaft. Auf alle politisch korrekten Versuche, die Bürger zu bevormunden, reagieren sie allergisch. Die Trennung von der alten Glaubensgemeinschaft und vom linken Weltbild trägt ihnen jedoch den Vorwurf des „Rechtsrucks“ ein und jede Menge Beifall von der „falschen Seite“. Was geschieht, wenn das Denken die Richtung ändert?

Vor Jahrzehnten, als die Autoren des Bandes noch links waren oder für links gehalten wurden, war links etwas anderes als heute. Noch kein bequemer Mainstream, das Gegenteil von Anpassung an den woken Zeitgeist. Die jungen Linken waren junge Wilde. Ideologisch vernarrt und verwirrt verehrten die Achtundsechziger unter ihnen Mao, Che und Ho Chi Min. Es war vor allem eine radikale Lust an Provokation, es sollte die Generation der Eltern treffen, denen sie die Unfähigkeit zum Trauern und Bereuen ankreideten. „Ich kann nicht leugnen, dass ich ein paar Jahre lang in dem Wahn gelebt habe, Berufsrevolutionär zu sein oder werden zu müssen“, erinnert sich der Schriftsteller Peter Schneider, der am 3. März 2026 im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben ist (Nachruf von Wolfgang Herles).

Als sie später feststellten, dass der Sozialismus gescheitert war, auf Kuba ebenso wie in der DDR, lehnten sie die Ausrede ab, nicht der wahre Sozialismus habe versagt, sondern nur der real existierende. „Die Mehrzahl der linken deutschen Schriftsteller in Ost und West wurde durch den Untergang des Sozialismus eher in Trauer als in Euphorie versetzt, weil damit ein linker Lebenstraum zusammenbrach“ (Peter Schneider). Einige wenige aber waren geheilt. Die Kabarettisten Monika Gruber, Dieter Nuhr und Andreas Rebers, die Schriftsteller Monika Maron und Peter Schneider, die Publizisten Henrik Broder und Harald Martenstein, die ehemaligen Politiker Hubert Kleinert und Mathias Brodkorb, die Wissenschaftlerinnen Antonia Grunenberg und Ulrike Ackermann, die Journalisten Reinhard Mohr, Ulli Kulke und Samuel Schirmbeck beschreiben ihren Heilungsprozess in erhellenden biografischen Skizzen.

Gegen den linken Alltagsirrsinn
„Kettensäge statt Abrissbirne“
Die Geschichte davor, wie und warum sie „links“ wurden, ist manchmal nicht weniger interessant und abenteuerlich. Andreas Rebers etwa arbeitete als LKW-Fahrer und Bauarbeiter im Irak und in Saudi-Arabien, verschwand dann als Mönch auf Zeit in einem Benediktinerkloster, ehe er eine Musterkarriere als linker Aktivist hinlegte. Aber auch die Abkehr von den alten radikalen Dogmen ist erlebnissatt. Ulrike Ackermann etwa verhalfen Wochen in Isolationshaft im kommunistischen Prag zur Erkenntnis. Sie hatte verbotene Kurierdienste für Dissidenten geleistet.

Als ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando eine Air-France-Maschine nach Entebbe entführte und die Passagiere in Juden und Nichtjuden trennte, endete für Henryk Broder das linke Wohlgefühl. Wirklich durchdacht war es nie. „Ich gebe zu, ich war ein Mitläufer.“ Als junger Kerl wollte er einfach nur bei etwas dabei sein, was Aufregung versprach. Heute ist er davon überzeugt: „Ich bin älter geworden, aber ich habe mich kaum geändert.“ Der Zeitgeist hat es.

Die Kabarettistin Monika Gruber wurde erst von der Willkommenskultur und deren Folgen politisiert. Das „betreute Denken“ trieb sie auf die Tanne und plötzlich galt sie in der Szene als „falsch abgebogen“. Die Betroffenen sehen das anders: „Als ich aus der Linken herauswuchs, wurde ich nicht rechts. Ich kam lediglich im realen Leben an“ (Dieter Nuhr).

Heute sind die meisten „Linken“ angepasst: Hauptsache, man ist dafür, so wie man früher dagegen war. Die meisten dieser prominenten Renegaten wurden im Sinne der Aufklärung vernünftig, als die Mehrheitsgesellschaft von einer neuen links-grünen Glaubensbewegung erfasst wurde. Der Vergötterung des Kommunismus damals entspricht heute dem Klimakult. Die geheilten Linken aber tappen den neuen grünen Linken nicht in die Falle.

Natürlich lassen sie sich nicht gern als „rechts“ denunzieren, aber es nützt ihnen nichts. Sie werden als Verräter beschimpft. „Wie ich Faschist wurde“, überschreibt Harald Martenstein sein Kapitel. Auch er wollte dazugehören. Trat in die DKP ein. „Es war eine Art Sog, der mich mitriss. Alle um mich herum redeten damals das Gleiche, bis auf diejenigen, die gar nichts sagten. In unserer Welt gab es nur ganz wenige, die für CDU oder FDP waren, in unserer Klasse genau einen. Das war der Nazi. So nannten ihn manche. Der Nazi, sage ich heute, war der einzige Individualist unter uns.“ Was bedeutet es, links zu sein? Martenstein: „Links zu sein bedeutet, dass man von Freiheit und Vielfalt redet und Freiheit und Vielfalt beseitigt, sobald man am Ruder ist … Wer widerspricht, wird gecancelt, sofern man die Macht dazu hat. Das war ja schon bei dem angeblichen Nazi in unserer Klasse so.“

Wie Politik die Geschichte instrumentalisiert
„Die Bevölkerung als Geisel“
Die aus der Reihe Tanzenden sind genau besehen das, was sie immer sein wollten: Leute, die sich das individuelle Denken nicht abkaufen lassen. Monika Maron, die späte DDR-Dissidentin, ist stolz darauf, den Satz über sich gelesen zu haben, sie sei immer ihr eigener Kompass gewesen. In diesem Sinne verteidigen die Autoren des Buchs heute die Freiheit gegen rechts und links, gegen „Dummheit, Fanatismus und Geschichtsvergessenheit“ (Co-Herausgeber Reinhard Mohr). Sie beschreiben ihre Irrtümer als Quelle der Erkenntnis. Lernfähigkeit dieser Art ist wohl links wie rechts gleichermaßen selten anzutreffen. Heute kämpfen sie gegen Denkverbote und „ignorante Glaubensfestigkeit, hinter der meist Denkfaulheit und Feigheit stecken“.

Sie lösten sich von Links, weil sie nicht aufhören wollten, selbst zu denken. Wie Dieter Nuhr haben sie begriffen, „sich dem Kollektiv, welchem auch immer zu verweigern“. Sie wissen, wie eine Linke tickt, die den Islam in Schutz nimmt – alles unter der Flagge des Postkolonialismus. Den Bürger bevormunden und erziehen will der Staat, dessen Institutionen sich die Linken bemächtigt haben.

Widersprüche, Irrtümer sind nicht zu vermeiden. Warum nur fällt es so schwer, sie zuzugeben? „Nur Idioten müssen nie ihr Denken ändern“, meint der ehemalige SPD-Landesminister Mathias Brodkorb, weil sie sich nicht an der Wirklichkeit orientieren, sondern an Theorien. „Was mich fassungslos gemacht hat, ist der völlige Mangel an Selbstreflexion und Selbstkritik der Linken und Linksliberalen“, stellt die heutige Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann fest. „Bei den Linken fiel mir immer der moralische Hochmut auf, der feste Glaube daran, zu den Guten zu gehören“, so Martenstein. Nach Jahrzehnten als Kolumnist beim Tagesspiegel wurde er aussortiert. So etwas prägt.

Weil „Humor etwas mit Anarchie zu tun hat“, bei Linken aber Spott über die eigene Szene gar nicht gut ankommt, entkam auch Dieter Nuhr nicht dem Vorwurf mangelnder Linientreue. Seine Spezialität: die „postkolonialistisch-woke Ideologie, die die westliche Wirtschafts- und Lebensweise per se zum Verbrechen deklarierte“. Er fand sein Thema: „Pippi Langstrumpf sollte nun endgültig die Weltherrschaft an sich reißen. In Person von Greta Thunberg.“

Was bedeutet links noch? „Ich bin kein Linker mehr. Ich bin erwachsen … Nach altem Maßstab allerdings bin ich in vielerlei Hinsicht ‚linker‘ als viele, die sich heute für Linke halten“ (Nuhr). Links ist längst eine moralische Leerformel, die alles erfasst, Staatsgläubige und Staatsgegner. Genauso entleert ist auch der Begriff „rechts“.

Vierzehn Geschichten, ein Thema in Variationen, die lebhaft erzählen, wie und warum sich ehemals Linke, aber auch die Gesellschaft verändert haben.

Ulli Kulke / Reinhard Mohr (Hrsg.), Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind, Kohlhammer Verlag, gebundenes Sachbuch, 260 Seiten, 24,00 €


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Kommentare ( 36 )

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36 Comments
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martinique
1 Monat her

Anfang der 80er Jahre besuchten wir eine Diskussionsrunde der KPDML (oder so). Im Saal waren ca 150-200 Leute. Zu der Zeit waren die GRÜNEN gerade neu. Wir fanden die interessant und hätten niemals das RAT RACE ihrer politischen Entwicklung erwartet. Die KPDML (oder Maoisten) traten wie bekannt auf: Auditorium, vorne eine Bühne, darauf ein breiter Tisch, dahinter Stühle mit der üblichen „Breschnew-Anordnung“, mit den erwartbaren Parteibonzen darauf, als Wortführer. Wir diskutierten fröhlich mit, vertraten aber eine ungeliebte Sondermeinung. Die „Kommunisten“ hackten unermüdlich auf der neuen Grünen Partei rum. Wir argumentierten, als Linke sollten sie doch wichtigere konservative Gegner (Feinde) haben,… Mehr

Gerro Medicus
1 Monat her

Anders als Herrn Martenstein nehme ich dieter Nuhr seine Läuterung nicht ab. Er sit nicht willens oder in der Lage, die AfD, trotz aller vielleicht auch berechtigter Kritik und auch einiger merkwürdiger Typen in dieser Partei, objektiv zu behandeln und zuzugeben, dass viele der Feststellungen und Forderungen, die aus den Reihen dieser Partei kommen, richtig und berechtigt sind. Aber hier scheint bei ihm der altlinke Mechanismus zu greifen: nicht die Botschaft ist von Belang, sondern wer sie überbringt. Und wahrscheinlich hat er auch das Schicksal anderer Kabarettisten im Hinterkopf, die im Fernsehen nicht mehr präsent sind, weil ihnen schlichtweg keine… Mehr

thinkSelf
1 Monat her

„Was mich fassungslos gemacht hat, ist der völlige Mangel an Selbstreflexion und Selbstkritik der Linken und Linksliberalen“
Hier werder Ursache und Wirkung verwechselt.

WandererX
1 Monat her

Naja, die 78er Linken waren wie Nuhr und meine Person waren als Linke in 1976 ff kaum noch sozialismusgläubig (das waren nur die bis 1955 Geborenen), sondern wir waren (als Denker) in der Regel eher „undogmatische Linke“: nach vorne hin offen. Aber selbst das für mich in 1983/84 zu Ende – genauso wie für die meisten anderen: man rettete sich in die diffuse Linksliberalität oder in eine Kulturlinke – statt einer Soziallinke, der man nie wirklich angehört hatte als ein 1958- 62 Geborener! Aber diese Kulturlinke wurde schließlich ab den 1990ern vom Neoliberalismus und Feminismus vollständig aufgefressen! Dafür war man… Mehr

EinBuerger
1 Monat her

Ich will die nicht kritisieren, aber ich möchte meine Sicht darstellen. Diese Personen können gut reden und Dinge entsprechend darstellen. Aber es geht nicht um Sozialismus oder Kapitalismus oder sonst etwas. Wenn ich diese Leute sehe, kommt mir nur ein Wort in den Sinn: ICH. Das war früher so, das ist heute so. Vielleicht ist es bei allen Menschen so? Aber bei diesen sicher. Und dann nimmt man halt jeweils das Argument und die Ideologie, die diese Wünschen des ICHs am meisten entspricht. Ich glaube, ich möchte, das so betonen, weil jetzt auch wieder mit Moral argumentiert wird. Natürlich, weil… Mehr

Waldschrat
1 Monat her

Auch hier gibt es einen Unterschied zwischen West und Ost. Die Jugend im Westen (in den 1960ern, teilweise bis heute) träumte und träumt, links zu sein, sich gegen das System zu stellen. Die Jugend in der DDR, zumindest sehr viele, träumten, frei (heute rechts – nicht Nazi) zu sein, also auch gegen das System. Es gab auch reichlich Mitläufer. Das war alles getrieben durch Ideologie. Aber als Jugendlicher ist man auf der Suche nach der Wahrheit, irgendwie. Vielleicht auch gegen die Elterngeneration. Auch das ist möglicherweise eine Art Abnabelung. Diesbezüglich gab es keinen Unterschied zwischen Ost und West. Aber man… Mehr

Heiner Mueller
1 Monat her

„Was mich fassungslos gemacht hat, ist der völlige Mangel an Selbstreflexion und Selbstkritik der Linken und Linksliberalen“ – Das war schon ein wesentliches Element der RAF. Im Übrigen gehört das zum typischen Verhalten von autoritären Personen, Ideologien und logischerweise Diktaturen.

WandererX
1 Monat her
Antworten an  Heiner Mueller

Unsinn: das war nicht das Problem. die RAF Leute kamen aus schwäbischen Pfarrhäusern, junger Mann! Da wurde die ganze Jugend reflektiert! Aber leider eher innerlich und moralisch. die waren hypermoralisch, die meisten RAF – Leute, gerade die Frauen!

Heiner Mueller
1 Monat her
Antworten an  WandererX

Danke für das Kompliment für einen 77jährigen. Ulrike Meinhoff als Beispiel für eine aus einem schwäbischen Pfarrhaus kommende zu bezeichnen ist ganz offensichtlich Unfug. Lediglich auf Gudrun Enslin und Knut Folkerts trifft das zu. Und von wegen Jugend – die meisten kamen aus gutbürgerlichen Elternhäusern. Wären sie moralisch gewesen, dann hätte sie nicht so viele Menschen ermordet – sie waren fanatisch und gingen für ihre Ideologie über Leichen. Das aber ist typisch für autöritäre Systeme, s. Nazideutschland, Sowjetunion, besonders rabiat unter Stalin, Maoismus in China, und Pol Pot dazu als besonders abschreckendes Beispiel.Dass solche Unmenschen heutigen Politikern immer noch als… Mehr

Micci
1 Monat her

Es gibt sogar Leute, die glauben immer noch an die Lösung „CDU“!

Wie soll man irregeleiteten Linken da einen Vorwurf machen?

OJ
1 Monat her

Das sind genau die richtigen Leute mit einem klaren gesunden Menschenverstand, die in den Bundestag gewählt werden müssten ❗

ceterum censeo
1 Monat her

Links sein war für die meisten früher, sich gegen die Eltern aufzulehnen (was das Privileg der Jugend ist, anders zu sein als die Eltern. Mein Vater war da ganz gelassen. Er sagte immer zu meiner Mutter: das wächst sich aus [so wie sich auch meine langen Haare – Zeichen des „Nonkonformismus“ – irgendwann auswuchsen]. Und er hatte recht behalten. Heute bin ich konservativer als meine Eltern je waren). Nur die organisierten Linken im ASTA und so waren schon früh ideologisiert, um dann in linken Organisationen zu politisieren. Heute heißt Links sein, einem Mainstream nachzulaufen, weil es en vogue ist. Wer… Mehr

Last edited 1 Monat her by ceterum censeo
Gerro Medicus
1 Monat her
Antworten an  ceterum censeo

Der wahre politische Kampf findet auch nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Rationalität und Emotionalität (= Irrationalität) statt.