Unverdaulich: Die ARD wärmt im Ruhrpott alte Balkansauce auf

30 Jahre nach den Gräueltaten im zerfallenden Vielvölkerstaat Jugoslawien scheint sich ein Racheengel auf die in Deutschland lebenden Täter zu stürzen. Von Emil Kohleofen

© WDR/Thomas Kost

So viele Krisen und Kriege, deren Versprengte, Entwurzelte und Flüchtige man in Deutschland aufgenommen hat, und doch bedienen sich die ARD-Krimi-Redaktionen auffällig oft beim Desaster des zerfallenen Kunststaates Jugoslawien. Vielleicht sind der Sudan, Kongo, Eritrea und Libyen, Irak und Afghanistan einfach zu toxisch. Nach der Installation eines bürgerkriegsgeschädigten muslimischen Bosniers im Tatort-Team Frankfurt (Edin Hasanovic als Kommissar Hamza Kulina), der gewalttätigen Eliminierung eines Folterknechts in einem Wiener Altenheim (Bibi Fellner und Moritz Eisner ermittelten) und nachdem die Münchner Ermittler Batic und Leitmayr in „Charlie“ durch eine Simulation des Bosnienkriegs gestolpert waren, widmet sich dieser Sonntagskrimi erneut dem Trauma der Balkankriege.

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In Dortmund, so könnte der unbefangene Zuschauer meinen, ist die Integration geglückt. Der noch in der letzten Tatort-Folge als Finsterling aus der organisierten Bandenkriminalität dargestellte Lorik Duka (Kasem Hoxha) ist ja eigentlich ganz nett, ebenso seine Schwester Klea Duka (Elda Sorra) mit ihrem entzückenden Schoßhündchen Loana. Außerdem ist in Loriks Villa alles tip top, die Koniferen sind getrimmt, der Pool sauber und der Rasen gestutzt. Darum kümmern sich nicht etwa tätowierte Schlägertypen, sondern brave Roboter.

Die beiden Dukas kennen die Kommissariatsleiterin Ira Klasnić (Alessija Lause) als „Tante Ira“ von früher und gehen ganz vertraut mit ihr um. Der Besuch von Tante Ira dreht sich auch nur am Rande um dienstliche Nebensächlichkeiten, etwa den Morden am Zuhälter Golko Hasani und an Neffe Edwin Berisha. Ob da die Dukas nicht vielleicht ein kleines Kopfgeld auf den Mörder des Verwandten ausgesetzt hätten? Aber nein, wo denken sie hin, außerdem muss Lorik ganz eilig auf die nächste Vernissage, er ist nämlich Galerist und ein einziges Meisterwerk in seiner Villa ist mehr wert als der Verdienst von Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann), selbst wenn der den mit Korruption aufhübschen würde.

In Dortmund kann man auch mit schlechtem Leumund Waffen besitzen?

Die Anzahl zwielichtiger Etablissements wird in diesem Krimi nur von massakrierten Halbweltsgrößen übertroffen. Den Luden Golko Hassani, der eigentlich Bobdan Christo, Spitzname „der Schänder“ hieß, konnte weder seine Bewaffnung mit zwei auf ihn registrierten Pistolen noch sein falscher griechischer Pass retten. Das Dortmunder Kommissariat kümmert sich rührend um die Prostituierte Marija Novak (Lorena Juric), die behauptet, den flüchtigen Mörder Bobdans (Mirkos Petrovic, gespielt von Besnik Prekazi) erkannt zu haben. Ira Klasnić, selbst dem Bürgerkrieg im alten Jugoslawien nur knapp entronnen, hat Mitleid mit der Landsfrau und nimmt sie bei sich auf, spricht mit ihr in der Muttersprache. Aber Marija, deren Mutter in Ex-Jugoslawien vergewaltigt wurde, besteht darauf, nicht mehr das eng mit dem Serbokroatischen verwandte Bosnisch mit ihrer Gastgeberin zu sprechen: sie möchte Deutsch von ihr lernen und keinesfalls „zurück in die Heimat“.

Das Drehbuch (Jürgen Werner) rechnet mit den Tätern ab

30 Jahre nach den Gräueltaten im zerfallenden Vielvölkerstaat Jugoslawien scheint sich ein Racheengel auf die in Deutschland lebenden Täter zu stürzen. Klaas Martens (Klaus Dieter Mund), der Manager von Christos Klub, wird gefoltert und erschlagen aufgefunden, ein gewisser Vida Ilic, der in Bosnien zynisch sogenannte „Frauenhäuser“ eingeführt hatte, die eigentlich aber Vergewaltigungscamps gewesen seien, wurde in Duisburg ermordet. Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) kriegt beim Abhören alter Protokolle von Zeugenaussagen der damaligen Opfer einen Schreikrampf und muss sich auf dem Dach des Kommissariats abreagieren.

Ihr Freund und Kollege Otto Pösken (Malick Bauer) ist derweil am Dortmunder Neumarkt, seinem alten Streifenrevier, unterwegs und befragt die multikulturelle Halbwelt-Community nach dem flüchtigen angeblichen Mörder Mirkos Petrovic. Der Gesuchte schnappt sich unvermittelt den frechen Polizisten und wirft ihm seinen kroatischen Pass vor die Nase, aus dem hervorgeht, dass er grade erst nach Deutschland eingereist ist und somit nicht der Mörder des „Schänders“ sein kann.

Marija Novak rückt immer mehr ins Zwielicht: Sie war als leichtes Mädchen beim ermordeten Vida Ilic in Duisburg beschäftigt, und kann einiges über den Toten aussagen. Der habe Social Media nicht gescheut, sei ein lauter Mann gewesen, der „viel Bier getrunken, viel Party, viel Ärger“ gemacht habe. Die Polizistin Ira Klasnić, der sie das alles gesteht, hat selbst in Bosnien gelitten, sich im Wald vor den mörderischen Milizen versteckt, hat selbst die Vergewaltigungen mit ansehen müssen. Trotzdem hat sie sich anschließend bei der Bundeswehr beworben und wurde ausgerechnet nach Ex-Jugoslawien zurückgeschickt, in den Kosovo-Krieg. Dort hat sie auch Lorik Duka kennen gelernt, der in der kosowarischen UCK gegen die Serben kämpfte und heute noch seine treue Waffe von damals in einer Glasvitrine in seiner Villa ausstellt.

Damit das alles nicht so langweilig wird, nimmt das Drehbuch noch Bezug auf die alte Geschichte mit dem Mord an Fabers Intimfeind von der KTU, Sebastian Haller (Tilman Strauß). Den hat eigentlich Rosa Herzog auf dem Gewissen, weil er ihr Belastungsmaterial gegen Faber mit der Drohung abpressen wollte, die RAF-Vergangenheit ihrer im Gefängnis sitzenden Mutter bloß zu stellen.

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Racheengel und mehrfache Mörderin ist eigentlich die scheinbar so traumatisierte Marija, die gar nicht mehr so verschüchtert Mirkos Petrovic auflauert, um ihn, der sie durch die Vergewaltigung ihrer Mutter gezeugt hatte, mit einem Profi-Scharfschützengewehr zu erschießen. Obwohl das ganze Dortmunder SEK vor Ort ist und sogar eine Drohne einsetzt, findet sie ihn zuerst und hat ihn schon im Visier, als ihr Faber und Herzog unbeabsichtigt die Sicht auf das Ziel verstellen. Obwohl Marija ihren Erzeuger nicht mehr erledigen kann, übernimmt das ein unbekannter Schütze direkt vor dem Kommissariat, aber nicht bevor Petrovic die versammelte Polizei belehren kann: „Was denken Leute, was Krieg ist, ein paar Bilder von Nachrichten, bisschen betroffen sein beim Abendessen?“

Kollegin Rosa Herzog wird im Krimi verhaftet, ihre Darstellerin Stefanie Reinsperger verlässt im richtigen Leben „auf eigenen Wunsch“ den Dortmunder Tatort und freut sich „auf neue Projekte, Rollen und Arbeitsbegegnungen“, unter anderem am Wiener Burgtheater.

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