Weltbank-Chefökonomin kritisiert EZB und warnt vor Inflation ohne Wirtschaftswachstum

Die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, prangert die Untätigkeit der EZB und anderer Notenbanken angesichts der Inflation an. Sie erwartet im Gegensatz zu EZB-Chefin Lagarde einen globalen Inflationsschub – und das ohne Wachstum. Ärmere Länder bräuchten einen Schuldenschnitt.

IMAGO / Xinhua
Carmen Reinhart, Chef-Ökonomin der Weltbank

Die Weltbank befürchtet, dass steigende Inflation und Zinssätze und ein alarmierendes Ausmaß an Verschuldung in ärmeren Ländern eine globale Kettenreaktion auslösen könnten, die es seit Generationen nicht mehr gegeben hat. „Je mehr die weltweiten Zinssätze steigen, desto größer ist die finanzielle Anfälligkeit in Schwellen- und Entwicklungsländern“, sagte die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, im Zusammenhang mit der Vorstellung des aktuellen Weltentwicklungsberichts.

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Im Gespräch mit dem Handelsblatt hat Reinhart die Geldpolitik der großen Notenbanken in den Industrieländern deutlich kritisiert und vor einer Lohn-Preis-Spirale gewarnt. „Wir können davon ausgehen, dass die Lohnforderungen aufgrund des angespannten Arbeitsmarktes in den USA steigen werden“, sagte sie. Von den Notenbanken sei aber zu erwarten, dass sie den Preis- und Lohnsteigerungen wahrscheinlich erst sehr spät etwas – und dann nur wenig – entgegensetzen würden. Das mache die Inflation hartnäckiger. „Über 40 Prozent der Industrieländer und fast drei Viertel der Schwellen- und Entwicklungsländer haben Inflationsraten von mehr als fünf Prozent. Die Inflation breitet sich eindeutig aus; sie ist ein globales Problem und wird uns noch eine Weile begleiten.“

Reinhart griff auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde direkt an und widersprach deren Behauptung, dass es in der Euro-Zone nicht die gleichen Signale einer wirtschaftlichen Überhitzung gebe wie in den USA. „Die Vorstellung, dass man eine Überhitzung braucht, um Inflation zu bekommen, ist einfach nicht belegt“, sagte Reinhart dem Handelsblatt. Es bestehe vielmehr „die Gefahr einer Stagflation“, also einer Geldentwertung, die gerade eben nicht mit einer Hochkonjunktur der Wirtschaft, sondern mit stagnierendem Wachstum einhergehe. Die Kombination aus Stagnation und Inflation erlebten fast alle westlichen Volkswirtschaften in den 1970er Jahren im Zuge der Ölkrise.

Damals, so Reinhart, hätten die Notenbanken nicht rechtzeitig reagiert. Es werde diesmal zwar eine Straffung der Geldpolitik geben, aber sie werde bescheiden ausfallen. Zwar hat die US-Notenbank Fed die Erhöhung der Zinsen um 100 Basispunkte in Aussicht gestellt. Aber, so Reinhart, in der Vergangenheit habe man mit Zinsanhebungen um rund 300 Basispunkten reagiert, um die Inflation einzudämmen.

Die Weltbank als multinationale Entwicklungsbank fokussiert erwartungsgemäß vor allem die Gefahren für ärmere Länder durch die Kombination von öffentlicher und privater Verschuldung und globaler Inflation beziehungsweise deren Auswirkungen auf die Zinsen.

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Die Erhebungen der Bank zeigten, dass 46 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in den Entwicklungsländern damit rechneten, innerhalb von sechs Monaten mit ihren Zahlungen in Verzug zu geraten, wobei die Zahl in einigen Ländern doppelt so hoch sei, sagte Reinhart in einem anderen Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters vor der Veröffentlichung des Berichts.

In größeren Schwellenländern wie Indien, Südafrika, den Philippinen und Kenia rechneten mehr als 65 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen mit Zahlungsrückständen.

Auf einer Online-Veranstaltung der Weltbank aus Anlass der Vorstellung des Berichts erklärte Reinhart, dass der Anteil der Länder, die von einer Verschuldung betroffen oder bedroht seien, „alarmierend“ sei, und dass politische Maßnahmen im Finanzsektor erforderlich seien, um die Risiken der steigenden Verschuldung von Haushalten und Unternehmen anzugehen. „Vor allem Länder mit niedrigen Einkommen und schwacher Solvenz brauchen Schuldenschnitt“, sagte Reinhart dem Handelsblatt. Die Türkei, deren Kreditwürdigkeit letzte Woche von der Rating-Agentur Fitch auf „BB-“ herabgestuft wurde, befinde sich seit mehreren Jahren in der Krise und könnte „der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagte sie gegenüber Reuters.

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Kommentare ( 9 )

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F.Peter
3 Monate her

„Je mehr die weltweiten Zinssätze steigen, desto größer ist die finanzielle Anfälligkeit in Schwellen- und Entwicklungsländern“, Ach nee, und die Südeuropäischen Staaten sind finanziell wohl kerngesund aufgestellt? Dort liegt doch das Dilemma, zu dem sich inzwischen auch Frankreich und Deutschland hinzugesellt. Genau das ist doch der Grund, warum die EZB die Hände ruhig hält. Denn wenn die Kreditzinsen steigen, gehen den Politikern die Moneten aus, die sie doch so gerne überall verteilen – und zwar inzwischen überwiegend sinnlos! Es war ein Fehler, Banken zu retten, es war ein Fehler bankrotte Staaten zu retten und es ist ein Fehler, mit immer… Mehr

IJ
3 Monate her

„Sie erwartet im Gegensatz zu EZB-Chefin Lagarde einen globalen Inflationsschub – und das ohne Wachstum.“. Habeck & Co. wird es freuen, das zu hören. Denn Wachstum ist nach deren Logik ja böse, weil es mehr CO2 freisetzt und Inflation ist etwas Gutes, weil teurere Produkte mit weniger Konsum und daher weniger CO2-Freisetzung einhergehen. Kurzum: Wir steuern wirtschaftlich auf ein Grünes Paradies zu, das durch Stagflation wie Mana vom Himmel fällt. Bei so viel glücklicher Fügung können Habeck & Co. schon mal die Biosekt-Korken knallen lassen. Für alle anderen gibts halt Wasser. Ist ja auch gesünder.

Cabanero
3 Monate her

Ich warne davor, darauf zu setzen, daß eine Stagflation oder gar eine neue Arbeitslosigkeitskrise zu anderen politischen Mehrheiten als den linksliberalen, die wir seit 30 Jahren haben, führen wird. Niemand wird links, weil es ihm schlecht geht, aber auch umgekehrt. Von der sich anbahnende Krise werden weder die AfD, noch die Linkspartei noch andere Formationen profitieren. Die CDU auch nicht, aber die Masse ihre Wähler ist bereits verrentet oder in Pension und kümmert sich nicht um derartige Dinge. Auch die 70er Jahren waren von Inflation und Stagnation gekennzeichnet. Trotzdem hielt sich in Deutschland zäh die SPD an der Macht, zwar… Mehr

Last edited 3 Monate her by Cabanero
Teiresias
3 Monate her

Ich denke, Klima und Corona werden inszeniert als Vorwandkrisen, um per Inflation die Schuldenberge der Lehman-Pleite-Schuldenkrise abzubauen, die wir der kriminell-verantwortungslosen Hochfinanz verdanken.

Der ganze „Great Reset“ dreht sich um das Schuldenproblem. Es wird unvermeidlich einen großen Crash geben, das ist nur eine Frage der Zeit.

Um für die angerichteten Schäden nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, treibt die Hochfinanz den „Great Reset“ zur Enteignung und Entmachtung der arbeitenden Bürger voran.

Last edited 3 Monate her by Teiresias
Galen
3 Monate her

Jetzt verstehe ich Erdogan: „Die Türkei ist too big to fail.“ Irgendjemand wird die Türkei raushauen.

egal1966
2 Monate her
Antworten an  Galen

Nun ja, wenn es nur die Türkei wäre…

Man liest ja in obigen Artikel sehr genau, daß die Türkei eventuell nur der „Auslöser“ einer solchen Entwicklung sein könnte, die noch viele andere und auch größere Länder wie Indien betreffen könnte.

Ja und auch in der EU sieht es doch ehrlich gesagt kaum besser aus.

In Gegensatz zur Türkei, die damit schon öfters „Erfahrung“ gemacht hat und dazu noch eine eigene Zentralbank besitzt, ist die EU mit den Euroländern doch mit Leib und Seele der EZB ausgeliefert…

rainer erich
3 Monate her

Offenbar hat auch diese Dame noch nicht den Kern erkannt, naemlich das gross und breit angelegte Verelendungsprogramm, narrativ bekanntlich mit Rettungsgeschichten oder der angeich notwendigen neuen Normalitaer begruendet. Diese Massnahmen sind eindeutig gegen bestimmte Zielgruppen, insgesamt 80 bis 90%, gerichtet und sie treffen diese auch ziemlich punktgenau. Bekanntlich gibt es hei den (Gross) Kapitalisten, die sich mit dem feudallinksgruenen Personal verbündet haben (und umgekehrt) eine Zuwachsentwicklung. Diese beide entgegengesetzten Entwicklungen sind durchaus gewollt, vwibei es nicht um die Verelendung per se geht, sondern um das, was mit den Verelendeten so alles (politisch und wirtschaftlich) anstellen kann. Uns natuerlich will die… Mehr

Manfred007
3 Monate her

25 Prozent aller Dollar,die die letzen 24 Monate aus dem nichts erschaffen wurden in den letzen 2 Jahren aus dem Hut gezaubert. Die Geldmengenauswitung ist kaum Thema im Gegensatz zur offiziellen warenkorbinflation. Das ganze Finanzsystem wird uns noch um die Ohren fliegen.

Bauernbursch
3 Monate her

Bei einem Schuldenstand von über 200 Billionen Euro und über 250% der globalen Wirtschaftsleistung wird es irgendwann zu einer massiven Korrektor kommen. Die weltweit ansteigendnen Inflationsraten sind ein guter Hinweis darauf, dass es bald richtig knallt!