Die Schweiz baut, Deutschland ist nur laut

Zur vereinbarten Zeit und in Rekordzeit hat die Schweiz drei lange Eisenbahntunnel neu durch den Fels getrieben. Deutschland kann Autos behindern, aber die Schiene ausbauen nicht.

FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images
SBB-Zug
Kaum jemand bemerkte hierzulande im aktuellen Schlagzeilensturm die monumentale Peinlichkeit für Deutschland: In der Schweiz begann gerade ein neues Zeitalter für die Eisenbahn. Dort wurde in der Nacht zum 1. März der Cenerie-Basistunnel in Betrieb genommen. Die beiden neuen Stellwerke der Strecke wurden eingeschaltet, und eine siebenmonatige Testphase beginnt. Währenddessen fallen in Deutschland immer öfter Stellwerke mit katastrophalen Folge für den Bahnbetrieb aus. Häufig genug übrigens streiken Relais von Siemens.

Die beiden einspurigen Röhren des Cenerie-Basistunnels führen durch den Kanton Tessin und schließen das letzte Teilstück der sogenannten NEAT, der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale. Dieses Jahrhundertbauwerk verbindet Zürich und Mailand mit einer durchgehend flachen Eisenbahnstrecke. Vor allem schwere Güterzüge müssen nicht mehr große Höhenunterschiede über die Alpen überwinden, sondern können energie- und zeitsparend relativ flach am Grund der Alpen fahren. Die höchste Stelle der gesamten Strecke befindet sich 550 Meter über dem Meer. Damit soll auch ein 2500 Kilometer langer Eisenbahn-Korridor von der Nordsee bis nach Genua entstehen. Ein wichtige Voraussetzung für mehr Gütertransporte aus der Bahn.

Zur vereinbarten Zeit und in Rekordzeit hat die Schweiz drei lange Eisenbahntunnel neu durch den Fels getrieben. Darunter mit 16 Kilometer Länge der Gotthardtunnel am Fuße des Gotthardmassivs – im Juni vor vier Jahren ebenfalls pünktlich feierlich eröffnet. Schneller sind nur noch die Chinesen. Die Schweizer luden Bundeskanzlerin Merkel tatsächlich zur Eröffnungsfeier ein. Sie beschwor damals so wortmächtig, wie es ihr möglich war, die Symbolkraft des weltlängsten Tunnels und wünschte sich, dass »Europa das Verbindende« zu nutzen wissen.

Doch Endstation für Züge ist dann an der Grenze zu Deutschland. Denn noch immer nicht gelang es, die anschließende Rheintalstrecke auszubauen. 180 km lang soll sie von Basel nach Mannheim und Frankfurt führen, nicht durch extrem schwieriges gebirgiges Gelände, nein, durch das vollkommen flache Tal des Oberrheins. Die geplante Strecke führt zudem noch durch grüne Hochburgen, wo man meinen sollte, jeder neue Kilometer Eisenbahnstrecke würde enthusiastisch begrüßt.
Weit gefehlt.

Die Streckenplanung wurde immer wieder durch Einsprüche unterbrochen. Schließlich stürzte vor zweieinhalb Jahren beim Bau ein Tunnel bei Rastatt ein und blockierte die wichtigste Nord-Süd-Verbindung im europäischen Streckennetz. TE berichtete.

Der ist bis heute Grab für eine sündhaft teure Tunnelbohrmaschine, die bei der Reparatur der Havarie einbetoniert wurde. Ab April in diesem Jahr soll weitergebaut werden, falls alles gut geht. Aus Stuttgart schauen ein grüner Ministerpräsident Kretschmann und sein grüner Verkehrsminister Herrmann zu, die sonst nicht schnell genug Städte für den Verkehr sperren wollen und ansonsten »Güter auf die Bahn« rufen.

»Deutschlands hoffnungslose Verspätung ist nicht bloß peinlich für ein Land, das sich gern als Lokomotive Europas sieht. Es ist auch ein eklatanter Wortbruch gegenüber der Schweiz und Europa.« So schimpft die NZZ und weist auf die Verpflichtung Deutschlands hin, die Eisenbahnstrecken als Zubringer zur Alpentransversale auszubauen. Die wurde 1996 im Vertrag von Lugano festgeschrieben.

Jetzt bleiben der Schweiz sehr hohe Kosten, hat sie doch sehr teure Tunnelstrecken gebaut und damit hohe Vorleistungen im Sinne eines Güterverkehrs quer durch Europa erbracht. Die Strecken aber können nicht genutzt werden, weil auf deutscher Seite das Streckennetz nicht mit der verabredeten Kapazität zur Verfügung steht. Die Schweiz hat offenbar die Nase voll und will den Anschluss über Frankreich vorantreiben.

»Selbstverpflichtungen« scheinen nur im Hinblick auf die CO2 Verminderung und Deindustrialisierung Deutschlands zu klappen. Wenn es um die Praxis geht, herrscht totales Versagen.

Auch beim Brenner Basistunnel hinkt Deutschland weit hinter Österreich her. Zwischen grünen Sprüchen der Bundesregierung und Taten klaffen Welten.

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Kommentare ( 56 )

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56 Kommentare auf "Die Schweiz baut, Deutschland ist nur laut"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Wie soll hier was funktionieren, wenn das deutsche Parteien-System die Unfähigsten und Dümmsten ganz nach oben spült?
Diese Nichtskönner erzählen uns, der Staat habe gut „gewirtschaftet“ und verteilen das Geld, das dem arbeitenden Teil des Volkes durch horrende Steuern abgepresst wird, an alle, nur nicht an das eigenen Volk.
Und die Mehrheit der Deutschen wählt die Linke/Grüne immer und immer wieder. Es ist zum Verzweifeln.

Was deutsche Arbeiter, Ingenieure und Wissenschaftler in 100 Jahren an berechtigtem Renommée aufgebaut haben machen diese (gelöscht) in zehn Jahren kaputt.

In 150 Jahren, solange klopfte und hämmerte es in deutschen Werkstätten, Labors und auch kleinen Kammern.

„Die Schweiz hat offenbar die Nase voll und will den Anschluss über Frankreich vorantreiben.“ und selbst das stört in DE inzwischen niemand mehr. Unsere Politiker denken in viel größeren Dimensionen, d.h. wenn die ganze Welt in Deutschland ist, brauchen wir nicht mehr (mit der Bahn oder dem Flugzeug) in die Welt reisen. Und ökologischer als ein Güterzug ist, na, kein Güterzug! Und der BER ist der mit Abstand klimafreundlichste Flughafen der Welt. Ist halt blöd, wenn von den Dichtern und Denkern alle auswandern und nur noch Kinderbuchautoren und Politikwissenschaftsstudiumabbrecher die Richtung bestimmen.

Der Gotthard bleibt übrigens 57km lang. Das ist die staatliche Gesellschaft der NEAT.
https://www.alptransit.ch/de/geschichte/gotthard-basistunnel/

Der Gotthardstrassentunnel (oben) ist evtl 16km lang. Um 550m.ü.M durchgehend zu haben, reichen 16km nicht aus. Die 2. Strassenröhre ist auch in Planung, dafür muss der Gotthard nicht gesperrt werden, sondern es wird zwischen den Tunneln geswichted (zwecks Renovation des 1.Tunnels).

Danke. Das hatte ich gestern abend auch geschrieben.
Ist aber wohl nicht durch die Kommentar-Korrektur gekommen!? Da fühle ich mich jetzt ein bisschen erinnert an die WELT – wo ich meinen Account bereits vor rund 4 Jahren habe löschen lassen.

Deutschland ist auf den Gebieten groß, wo die große Fresse ausreicht, wo keine Arbeit erforderlich ist oder unwissenschaftlich begründete Hysterie angesagt ist. Auf allen anderen Sektoren mutieren wir zur roten Laterne.

Groß im Geldverschenken (EU“-Beitrag“, „Entwicklungshilfe“, negative Strom“preise“ uws.) haben sie vergessen…

Danke Herr Douglas, ich habe ja schon mehrmals darauf aufmerksam gemacht. Hinzuzufügen bleibt, daß die Strecke München – AUT Grenze noch wesentlich kürzer ist und hier sind noch nicht einmal die Planungsverfahren abgeschlossen, während AUT schon bereit steht. Das läßt auch die Schließung der Ausweichstrecken abseits des Brenners in einem anderen Licht erscheinen und der Protest der Bayern dagegen ist allenfalls heuchlerisch.

Es ist nicht so, dass alle Politiker dumm wären oder dass dies die Voraussetzung für ein politisches Amt wäre, aber es ist doch bei den staatstragenden Parteien so, dass sich die Unfähigkeit an der Spitze geradezu wie ein Seuche auf die unteren Ränge ausbreitet. Es ist wohl doch so, dass die Führung immer die befördert, die ihnen am ähnlichsten sind, deshalb werden wir auch von einer Herde von Ja Sagern und Starkdenkern regiert. Nur wer ideologisch denkt und spricht hat bei diesen eine Chance an die Spitze zu kommen, der Sachverstand bleibt auf der Strecke, das beste Beispiel in BW… Mehr

Großvorhaben verzögern sich in Deutschland nicht zuletzt durch endlose Klagen und Bürgerinitiativen. Nur wenn es um weitere landschaftszerstörende Windräder geht, sollen die bürgerlichen Rechte eingeschränkt werden.
Mit Verzögerungen veraltet auch möglicherweise technisches know-how.
Aber keine Sorge: beim Rückbau von KKW werden wir führend sein. Die weltweite Nachfrage dürfte sich allerdings in Grenzen halten.

Merkel hätte den Tunnel wohl am liebsten als Zeichen der Weltoffenheit der Deutschen reklamiert.
Sie hat ja in der DDR gelernt, daß Verlierer sich zu Siegern erklären können: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen…“

Die Schweizer sind eben ein Volk der Macher, die Deutschen eines der Dichter und Denker ( =Träumer und Schwätzer)

Wenn in der Schweiz ein so großes Vorhaben ins Werk gesetzt werden soll, werden die Bürger von Anfang an „mitgenommen“. Es gibt Volksabstimmungen, auch über die notwendigen Kredite. Wenn die positiv ausgehen, ist anschließend Ruhe. Die Unterlegenen fügen sich – wie es sich in einer Demokratie gehört. Auch darum geht es dann so zügig und zielstrebig voran. Und die Kosten wurden (nach einigen Korrekturen nach oben) eingehalten.

Die Schweizer haben sich zum Bau die besten Leute aus der ganzen Welt geholt, z.B. für eine Spezialaufgabe solche aus Südafrika. Selbstverständlich war auch die deutsche Weltfirma Herrenknecht dabei.