Inflation klettert auf 5,2 Prozent und wird noch länger hoch bleiben

Die Inflation ist derzeit so hoch wie nie seit der Wiedervereinigung. Auch auf mittlere und längere Frist ist vermutlich mit Teuerungsraten über dem 2-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank zu rechnen.

IMAGO/Rolf Poss

Der Verbraucherpreisindex stieg im November nach vorläufiger Schätzung des Statistischen Bundesamts um 5,2 Prozent. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex, den die EZB für ihre Geldpolitik heranzieht, misst sogar ein Preisplus von 6,0 Prozent. Besonders verteuerten sich demnach Energie (+22,1 Prozent) und Lebensmittel (+4,5 Prozent). Dienstleistungen sind bloß 2,8 Prozent teurer als vor zwölf Monaten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bundesregierung beschwichtigen. EZB-Direktorin Isabel Schnabel sagte am Montag im ZDF: „Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird, und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent.“

Sendung 21.10.2021
Tichys Ausblick Talk: „Alarm für unser Geld: Was droht jetzt nach dem Weidmann-Aus?“
Das begründen EZB und Co. unter anderem mit der Mehrwertsteuersenkung. Diese habe die Preise im zweiten Halbjahr 2020 gesenkt, weshalb die Preisanstiege nun größer ausfielen. Außerdem seien die Energiepreise Lockdown-bedingt gefallen – im kommenden Jahr sei mit geringeren, konstanten oder weniger stark steigenden Energiepreisen zu rechnen. Der Kieler Ökonom Stefan Kooths schätzte etwa in der Sendung Tichys Ausblick, dass derzeit allein durch die Mehrwertsteuersenkung die Inflation um 1 Prozentpunkt höher ausfällt.

Gleichwohl: Selbst wenn die offiziell gemessene Inflation kurzfristig etwas sinken dürfte, deuten sich auf mittlere und längere Frist steigende Preise an. Erstens altern die Bevölkerungen in China und im Westen. Alte sparen und produzieren weniger und konsumieren mehr. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kommen hierzulande auf 100 Leute im Erwerbsalter rund 70 Alte und Kinder. Im Jahr 2030 sollen es bereits weit über 80 sein.

Gleichzeitig deutet sich ein sehr teurer Umbau der Wirtschaft an, um Unternehmen “klimaneutral” zu machen. Die massiven Subventionen wollen die Grünen über Schulden und die Notenpresse finanzieren. Wirtschaftsminister in spe Robert Habeck will 50 Milliarden Euro pro Jahr ausgeben und sprach sich für eine grüne Geldpolitik und ein Aufweichen der grundgesetzlichen Schuldenbremse aus.

Dazu kommen die hohen Frachtraten in der Container-Schifffahrt. Diese verteuern vor allem großvolumige, billige Güter (TE berichtete) und Elektronikartikel, bei denen viele Einzelteile verschifft werden müssen. Die UNO-Organisation UNCTAD schätzt deswegen für Deutschland, dass die Inflationsrate innerhalb eines Jahres um 2 Prozentpunkte steigen wird. Das geht aus einer Simulation hervor, die in dem Bericht “Review of Maritime Transport” kürzlich erschienen ist. Ein Teil dieses Inflationspotenzials sei bereits umgesetzt, erklärt Jan Hoffmann, der Leiter des Bereichs Handelslogistik der UNCTAD, gegenüber TE. Wie viele Prozentpunkte das seien, könne er aber nicht quantifizieren.

Viele Staaten werden voraussichtlich weiter Lockdowns verhängen. Das wird die Lieferketten erneut durcheinander wirbeln und die Produktion dämpfen. Staaten werden Konjunkturpakete verabschieden, die indirekt über die Notenpresse finanziert werden.

Viele Eurostaaten sind ohnehin so sehr verschuldet, dass eine Sparpolitik keine Option mehr ist. Italien würde extrem lange brauchen, um die Schuldenquote von 60 Prozent aus dem Maastricht-Vertrag wieder einzuhalten. Die Bundesbank stellt in ihrem Monatsbericht für November fest – ohne Italien zu erwähnen: „So würden beispielsweise fast 40 Jahre benötigt, um bei einer anfänglichen Schuldenquote von 150 Prozent, einem strukturellen Defizit von 0,5 Prozent des BIP und einem nominalen BIP-Wachstum von drei Prozent den Referenzwert von 60 Prozent zu erreichen.“

ifo Institut erwartet Preisanstiege
Der Materialmangel in der Industrie hat sich noch verschärft
Die EZB steht vor einem Dilemma: Hebt sie den Leitzins an oder weitet sie die Geldmenge nicht rasch genug aus, könnte das zu einer Wirtschaftskrise führen. Viele Eurostaaten und Zombie-Firmen würden pleite gehen. Die politisch gewollte Währungsunion wäre Geschichte. Um das zu verhindern, wird die EZB immer wieder Liquidität in die Märkte pumpen. Bislang blieb das frischgeschöpfte Geld im Bankensystem eingekapselt. Doch mit den Corona-Konjunkturmaßnahmen und dem grünen Umbau der Wirtschaft kommt es immer mehr beim Verbraucher an.

Ohnehin dürften die offiziellen Zahlen die wahre Inflation unterschätzen. Der US-amerikanische Boskin-Report bezifferte den Einfluss von Qualitätsanpassungen auf die Inflationsrate auf 0,6 Prozentpunkte. Auch die geometrische Gewichtungsmethode senkt die Inflationsrate nach Schätzungen um 0,5 bis 2 Prozentpunkte. Bei der geometrischen Methode verändern die Statistikämter die Warenkorb-Anteile von Gütern gemäß dem durchschnittlichen Verbrauch. Bei Qualitätsanpassungen werden Verbesserungen und Verschlechterungen in der Produktqualität berücksichtigt (TE berichtete).

Die stark gestiegenen Wohnimmobilienpreise sind in der offiziellen Teuerungsrate nicht eingerechnet. Stattdessen verwendet das Statistische Bundesamt den sogenannten Mietäquivalenz-Ansatz. Allein Nettokaltmieten machen aber bereits rund 20 Prozent der gesamten Inflationsrate aus. Würden Wohnimmobilienpreise berücksichtigt, dürfte bei rund 50 Prozent Eigenheim-Besitzern die Inflationsrate merkbar steigen. Zuletzt verteuerten sich Wohnimmobilien bundesweit um satte 10,9 Prozent zum zweiten Quartal, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Laut den aktuellen Inflationszahlen stiegen die Nettokaltmieten innerhalb eines Jahres aber gerade einmal um 1,2 Prozent.

Vermögenspreise berücksichtigen die Statistiker gar nicht. Dabei sind Investments in Aktien, Immobilien oder Edelmetalle der Preis für zukünftigen Konsum. Verteuern sich diese Güter sehr, erschwert das den sozialen Aufstieg gerade für junge Menschen und Vermögenslose. Auch Vermögensgüter steigen weitaus schneller als die offiziell gemessene Inflation. Kritiker wie der Leipziger Ökonom Gunther Schnabl fordern deswegen, dass die Statistikämter weitere, breiter gefasste Inflationsmaße veröffentlichen.

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Kommentare ( 21 )

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JamesBond
1 Monat her

Da für Rentner nun laut der nicht regierenden SPD auch noch der Nachhaltigkeitsfaktor gestrichen wurde, steht nun nur noch eine Rentenerhöhung von 4,4% an – Danke Heil und SPD. Wenigstens müsste zum Trost die Neiddebatte über die ach so hohe Rentenerhöhung vorbei sein, denn jetzt bleibt wieder nix übrig.

Alois Dimpflmoser
1 Monat her

„Vermögenspreise berücksichtigen die Statistiker gar nicht.“
Warum wohl?
Ich habe täglich mit Immobilienverkäufen zu tun und ich kann versichern:
Die Preise explodieren, es gibt überhaupt keine Grenze mehr. Jede Hundehütte wird zu horrenden Preisen angeboten und gekauft.
Und in 95% der Fälle wird voll finanziert bzw. sogar darüberhinaus. Wahnsinn.
Wenn man diese Preissteigerung in die Inflationsrate einrechnen würde, sähen die Zahlen ganz anders aus.
Hinzu kommt natürlich, dass die Inflation durch die Kreditvergabe der Banken nebst Schöpfung von Fiat Money zusätzlich massiv befeuert wird!

Last edited 1 Monat her by Alois Dimpflmoser
Dominik R
1 Monat her

Haben Crash-Propheten vorhergesagt! Die offizielle Einschätzung fällt heute nur etwas harmloser aus. Aber auch das wird sich ändern. Irgendwann wird der Wohnungswahnsinn aus demographischen Gründen in die andere Richtung laufen, Edelmetalle werden dann alles sein.

F.Peter
1 Monat her

Wenn man sich einzig die Artikel des täglichen Bedarfs anschaut, dann reichen auch die 5,2% Inflationsrate nicht aus, um die Teuerung zu benennen! Dass sich die Menschen in Krisenzeiten auf das Notwendige konzentrieren, dürfte wohl kein Novum sein. Dass aber immer mit dem gleichen „Warenkorb“ kalkuliert wird, statt diesen den aktuellen Verhältnissen anzupassen, dürfte wohl einzig dem geschuldet sein, dass die Rate halt nicht so hoch ausfallen soll………

Blackbird
1 Monat her

Viele Bürger, die stets nach „mehr Staat“, mehr „sozialer Sicherheit“, mehr Hilfe für „Flüchtlinge“, mehr „Klimaschutz“, mehr „Solidarität“ rufen, bekommen durch die anziehende Inflation die Rechnung präsentiert für eine ausufernde Staatsverschuldung und fiskalische Misswirtschaft, welche die EZB mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik ermöglicht bzw. ermöglichen muss, wenn das System nicht kollabieren soll. Learning the hard way that there is no free lunch. Hoffentlich hilft es.

Boris G
1 Monat her

Autsch, gerade die Wähler der FDP („Besserverdienende“) trifft es jetzt: Die Pensionskassen der Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte und Steuerberater zahlen seit Jahren keinen Inflationsausgleich mehr und dieses Jahr werden diese privat angesparten Pensionen eben um 4,7% gekürzt.

F.Peter
1 Monat her
Antworten an  Boris G

Macht nix, irgendwann muss es auch mal diese Realitätsverweigerer und Bessermenschen treffen!

Peter Schulze
1 Monat her

Die offizielle Inflationsrate ist manipulativ nach unten „gerechnet“. Gerade ergab die Aufstellung aller meiner Versicherungskosten 2021 zu 2022, dass die Versicherungen sich in der Summe um 16 % erhöhen. Das Heizöl hat sich um 56 % erhöht. An der Tankstelle sieht es auch nicht besser aus.

Harry Charles
1 Monat her

DAS LAND ZERLEGT SICH! Tolle Erfolgsbilanz der „Ampel“ (man wünscht ihr nur Krach bis sie zum Wohle unseres Landes zerbricht) schon jetzt: der Normalbürger wird finanziell stranguliert. Das Land wird von Wohlstandsmelancholikern dominiert. Denen ging’s zu gut (wie heißt es so schön „wenn’s dem Esel zu wohl wird geht er aufs Eis tanzen“), daher haben sie die Masse dahin manövriert, die zu wählen, die wir jetzt am Hals haben. OK, ihr Esel, ihr habt euch die Suppe eingebrockt, jetzt löffelt sie aus. Für alle, die sich nicht zu den Wohlstandsverwirrten zählen gilt wohl eher: die Wut wächst. Mein ist die… Mehr

Boris G
1 Monat her
Antworten an  Harry Charles

Das ist der einzige Trost bei diesem Desaster: Die überwältigende Mehrheit der Wähler hat für mehr EZB und mehr Staatsverschuldung gestimmt, will mittlerweile nicht nur die Südländer in der EU sondern die ganze Welt retten. Bonjour tristesse!

TschuessDeutschland
1 Monat her

Die Lichtsignalanlagen-Koalition wird den Mindestlohn von 9,60 auf 12 Euro anheben.
Das sind über 20% Steigerung und betrifft einige Millionen Arbeitnehmer.
Eine gleichzeitige Ausweitung der Angebotsseite ist aufgrund von Lieferengpässen und Materialmangel ausgeschlossen (Das Ifo-Institut spricht von einer „Flaschenhals-Rezession“). Im Gegenteil werden diverse Unternehmen pleite gehen, die diese 12 Euro schlicht nicht zahlen können.
Frau EZB-Direktor*In Schnabel ist der Meinung die Inflation werde schon wieder irgendwie sinken.
Finde den Fehler.
Wie lange will man diesen „Hauptsache Frau“ Blödsinn eigentlich noch weitertreiben ?
Andererseits: Was soll sie sagen ? Zinsen erhöhen geht nicht. Also Märchenstunde.
Mal sehen wann der Michel aufwacht.

Last edited 1 Monat her by TschuessDeutschland
Hektor
1 Monat her
Antworten an  TschuessDeutschland

das schlimme ist , das sich der Mindeslohn , immer mehr den Stundenlöhnen im Handwerk annähert ,
warum sollte ich noch eine Ausbildung machen , wenn ein hilfsarbeiter fast genauso viel verdient
Verdi hat grad bei 2,8 % abgeschloßen , für die unteren gehaltsgruppen im öffent. dienst ein Schlag ins Gesicht

Alexis de Tocqueville
1 Monat her

Keine Immobilien, keine Vermögenspreise und ein Warenkorb, der schwere Schlagseite Richtung Asia-Elektronik und ähnlichen Kokolores hat.
Die Inflationsrate beträgt derzeit rund 12%. Meine Schätzung.

thinkSelf
1 Monat her

Definitiv nicht. Ich kalkuliere da regelmäßig meinen eigenen Warenkorb. Die Inflationsrate liegt danach zwar etwa 1% höher als die offizielle, aber keineswegs so weit weg wie von Crashpropheten immer behauptet wird.
Läge die Inflation bei 12% wären sie als „Durchschnittsverdiener“ nicht mal zwei Jahre in der Lage ihre Wohnung zu halten.

Alexis de Tocqueville
1 Monat her
Antworten an  thinkSelf

Nein? Die Energiepreise in letzter Zeit mal beobachtet? Oder Rohstoffe? Lebensmittel? Allein der Kaffepreis hat sich in den letzten zwölf Monaten verdoppelt, von ca. 1,25 USD auf 2,4 USD. Wie sieht denn ihr Warenkorb aus? Und wie kommen Sie darauf, dass der Durchschnittsverdiener in zwo Jahren noch in der Lage ist, seine Wohnung zu halten? Es gibt ja bereits Unruhe wegen der Mietpreise, und ja, die ziehen jetzt erst langsam so richtig an. Was noch fehlt ist bloß die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, da Corona ja das Shoppen stört. Aber der Drops ist gelutscht. Erst kommen die Asset Preise, dann die… Mehr