Heraufziehende Gaskrise in Deutschland

Während sich die Gasspeicher in Deutschland bedrohlich leeren, weicht die Bundesregierung auf das wahltaktisch ertragreichere Feld der Umverteilungs- und Neidpolitik aus. Auch die Handelspolitik der EU umgeht das fundamentale Problem der wachsenden Energieknappheit und betreibt stattdessen handelspolitische Schaukämpfe.

picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Droht uns eine Gasmangellage? Hält die Kältewelle in den kommenden Wochen an, könnte es schon Ende Februar kritisch werden. Fällt der Druck in den Pipelines unter ein bestimmtes Niveau, würde ein automatischer Notfallplan greifen: Energieintensive Betriebe wären gezwungen, in einen Quasi-Lockdown zu gehen, während eine allgemeine Strombewirtschaftung orchestriert wird.

Vor diesem Hintergrund ist es nichts anderes als politische Folklore, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz den Ausstieg aus der Kernkraft öffentlich beklagt, während Deutschland zugleich die treibende Kraft in Brüssel ist, die das Chaos in der Energiepolitik überhaupt erst erzwungen hat. Ungeachtet des Kollateralschadens hält Berlin unbeirrt am Plan der grünen Transformation fest. Leerstehende Industriehallen sollen kurzerhand für Rüstungsproduktion genutzt werden – so einfach ist das in der Planwirtschaft. Fehlt es am Strom, wird die verfügbare Menge zugeteilt – sozialistische Planwirtschaft ist für Politiker vom Schlage des Bundeskanzlers oder seines Finanzministers ein El Dorado ungeahnter Machtoptionen.

Um das Thema aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten, wird das heiße Eisen der Gasknappheit so gut wie gar nicht thematisiert. Die Politik ergeht sich derweil im Superwahljahr 2026 in neidpolitischen Debatten. Mal wird die Anhebung der Erbschaftssteuer erörtert, mal werden Pseudoreformen des Sozialstaats vorgestellt.

Deutschland taumelt im inzwischen hinlänglich bekannten Modus grassierender Sedierung auf einen veritablen Energieengpass zu.

Ideologie schlägt Vernunft

Die Gasmangellage wäre in einem rationalen politischen Umfeld das alles überragende Thema. Deutschland als größter Finanzier und politisch treibende Kraft des Brüsseler Zentralkörpers hätte längst dafür sorgen müssen, dass sich die handelspolitischen Aktivitäten der EU ausschließlich auf die Sicherstellung dringend erforderlicher Energiemengen fokussierten.

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Doch schlagen Ideologie und politischer Infantilismus jegliche Vernunft aus dem Feld. Die Erschließung vorhandener Energiequellen wäre dringend geboten, Fracking müsste ganz oben auf der To-do-Liste stehen. Doch es geschieht: nichts.

Zum allgemeinen Winter-Blues gesellt sich nun auch noch das Schicksal. Ein Kälteeinbruch in den USA verschärft die Lage Deutschlands in diesen Tagen zusätzlich: In den wichtigsten Produktionsstätten für Flüssiggas in Texas stehen die Betriebe still, der Betrieb im eisigen Sturm des brennenden Planeten ist buchstäblich schockgefroren, Lieferungen liegen auf Eis.

Gleichzeitig verweigert Katar trotz eines 2023 unterzeichneten Rahmenvertrags weiterhin die Lieferung von LNG nach Europa. Dort wehrt man sich gegen Brüssels übergriffige Klimaregulierungen, Nachweispflichten und überdimensioniertes Reporting an die Brüsseler Behörden. Über jedem Energiegeschäft mit Brüssel schwebt zudem das Damoklesschwert obszöner Strafzahlungen; im Zweifelsfall entscheiden europäische Gerichte und Bürokraten über die Höhe der Strafen und den jeweiligen Anwendungsfall.

Es ist nachvollziehbar, dass die Unternehmen Abstand nehmen vom toxischen Markt der Europäischen Union. So kann kein Vertrauen zwischen den Handelspartnern entstehen. Die EU reagiert auf diese Kritik mit der Vogel-Strauß-Taktik und riskiert dabei energiepolitische Notfalllagen.

Erschreckend ist das intellektuelle Niveau der Debatte: Die Verfügbarkeit günstiger Energie, ein sicherer Energiefluss – die Basis allen zivilisatorischen Handels – wird von ideologischem Furor überlagert. Am Montag erklärte Brüssel feierlich die endgültige Ratifizierung des Importverbots russischen Gases.

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Dabei wurde das bestehende Veto Ungarns und der Slowakei ausgehebelt, indem man die Embargopolitik kurzerhand zur europäischen Handelspolitik umetikettierte. In diesem Politikfeld besteht kein Einstimmigkeitszwang, hier kann Brüssel mit bestehenden Mehrheiten operieren.

Dort wurde der Abschied von russischen Gaslieferungen pathetisch als energiepolitische Emanzipation gefeiert. Weitgehend ausgeblendet blieb dabei, dass Europa seine Abhängigkeit lediglich verlagert hat – hin zu den Vereinigten Staaten, die ihre Position als weltweit größter LNG-Lieferant systematisch ausbauen. Die geopolitischen Implikationen gingen in der Champagnerlaune der Selbstinszenierung unter.

Die energie- und geopolitische Scheidung im eurasischen Raum ist damit vollzogen. Für Ersatz hat man nicht gesorgt. Warum auch? Der Winter wird schon irgendwie glimpflich an uns vorüberziehen.

Ist es das, was die politische Führung in Brüssel unter regelbasierter Ordnung versteht? Dass Moralismus den Verstand ersetzt? Persönliche Animositäten die wirtschaftliche Vernunft?

Die Welt steht Kopf. Politik folgt nicht mehr vernunftbasierten Erwägungen, sondern exekutiert eine destruktive Ideologie im Modus moralischer Selbstvergewisserung. Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit werden geopfert, die wirtschaftliche Realität durch politische Wunschbilder ersetzt.

Wäre Brüssel tatsächlich Vertreter der wirtschaftlichen Interessen seiner Bürger, müssten nun sämtliche Kräfte mobilisiert werden, um die heraufziehende energiepolitische Krise zu bewältigen. Doch man hat sich in der Ideologie der grünen Transformation verfangen. Man hat Strukturen geschaffen, die den Kontinent mit einem kafkaesken Subventionsnetzwerk überziehen, aus dem es scheinbar kein Zurück mehr gibt, bis der große Crash die flüchtigen Strukturen in Schutt und Asche legt.

Notwendig wäre eine Rückkehr zu einem marktwirtschaftlichen Design der Energienetze und des gesamten Energiesektors. Dazu gehörte auch eine Wiederannäherung an Russland, um günstiges russisches Gas erneut in den europäischen Energiemix zu integrieren und vor allem die Grundlastversorgung wieder sicherzustellen. Stattdessen wird die Erzählung von den erneuerbaren Energien bemüht: von Sonne und Wind, die angeblich keine Rechnung schicken.

Die deutschen Verbraucher wissen es inzwischen besser. Sie zahlen für diesen Irrweg – über steigende Energiepreise, immer höhere Abgaben und den schleichenden Verlust industrieller Substanz.

Handelspolitik folgt ähnlichem Muster

Auch die Handelspolitik der Europäischen Union entspricht in vielen Fällen längst nicht mehr den Interessen der europäischen Bürger. Ursula von der Leyen und ihre Mitstreiter präsentieren der europäischen Öffentlichkeit erzielte Vereinbarungen – wie im Falle des Mercosur-Abkommens mit Südamerika – als Erfolge, obwohl sie in Wahrheit bestimmte Sektoren der Ökonomie massiv belasten.

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Der Ärger der europäischen Landwirte beispielsweise ist mehr als verständlich. Sie kämpfen seit Jahren unter der Last nicht endender Regulierungskaskaden aus Brüssel, sehen ihre Kosten explodieren und ihre Erträge zusammenschmelzen. Und zieht niemand rechtzeitig die Notbremse, werden sie künftig einer südamerikanischen Konkurrenz gegenüberstehen, die weitestgehend befreit von diesen Auflagen ihrem Gewerbe nachgehen kann.

Als genüge der so erzeugte Unmut noch nicht, präsentierte Ursula von der Leyen am Dienstag mit pathetischer Siegerpose in Neu-Delhi ein Handelsabkommen mit Indien.  Ein Abkommen, das die Tore für weitere Migration nach Europa öffnen soll, während der Kontinent seit Jahren sein Zuwanderungs-Waterloo erlebt.

Brüssel treibt damit die Konfrontation mit den konservativen und nationalen Kräften innerhalb der Europäischen Union auf die Spitze. Es ist ein Kräfteringen, das sich zwangsläufig in massiven sozialen Konflikten entladen wird, wenn sich die Wirtschaftskrise weiter über den Kontinent ausbreitet und die ohnehin fragile Mittelschicht der ökonomisch ausgezehrten Euroländer zunehmend in die Enge getrieben wird.

Die Handelspolitik der Europäischen Union wirkt ihrem Charakter nach inzwischen ähnlich wie die Energiepolitik: weniger als Instrument wirtschaftlicher Vernunft denn als Erziehungsprogramm. Ein Programm, das darauf abzielt, den zunehmend renitenten EU-Bürger auf die gewünschte politische Linie zu zwingen.

Wir dürfen auf die Erklärungsversuche der Politik gespannt sein, sollte es tatsächlich zu einem Engpass in der deutschen Gasversorgung kommen. Die heißesten Kandidaten für die anschließende Schuldzuweisung stehen dabei bereits fest: Selbstverständlich zählt der russische Präsident Wladimir Putin zum Kandidatenkreis, wie auch der erratische Mann im Weißen Haus, Donald Trump. Möglicherweise wird sich der Zorn aber auch an den vertragsbrüchigen Kataris entzünden, die sich partout nicht der schönen neuen Ordnung der Europäischen Union unterwerfen wollen.

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Kommentare ( 13 )

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Mankovsky
21 Minuten her

Wenn Ideologie zur verbrecherischen Blödheit ausartet…..

Klaus D
25 Minuten her

Wiederannäherung an Russland, um günstiges russisches Gas erneut in den europäischen Energiemix zu integrieren….und was ist wenn Putin das gar nicht mehr will – uns das gas/öl billig verkaufen? Aus russischer sicht würde man die EU damit ja stärken und wenn ich höre was Putin über die EU sagt/denkt wäre er ja total bekloppt das zu tun. Und durch den krieg haben sich für russland neue chancen aufgetan bzw sind verbindungen entstanden. Wenn das embargo gegen russland fällt kann Putin sein öl und gas mit viel höherem gewinn nach china, indien ua verkaufen. Diese haben ja auch einen stark steigenden… Mehr

Der Person
26 Minuten her

„Weitgehend ausgeblendet blieb dabei, dass Europa seine Abhängigkeit lediglich verlagert hat – hin zu den Vereinigten Staaten, die ihre Position als weltweit größter LNG-Lieferant systematisch ausbauen.“ Die USA profitieren vom Ukrainekrieg (Waffenlieferungen, Aufbau, Aufkauf ukrainischer Ressourcen), die USA profitieren von der Sprengung von NS2 (Abwanderung deutscher Firmen in die USA, Flüssiggaslieferungen), die USA profitieren von den CO2-Abgaben (Abwanderung der europäischen Industrie in die USA), die USA profitieren von der Masseneinwanderung (Abwanderung europäischer Fachkräft in die USA), die USA profitieren vom Grünen Stahl (Beseitigung der Konkurrenz), die USA profitieren von der Korruption in Brüssel (Milliardenzahlungen an Pfizer), die USA profitieren vom… Mehr

wegmitdenaltparteien
26 Minuten her

Wie kommentierte „Ekel“ Alfred Tetzlaff derartige Verblendung:

„So’n Ei, das geht vom Rückenmark ins Gehirn und dann wirst du blöde und dann wählst du die CDU!“

Jens Frisch
27 Minuten her

Die Gasmangellage wäre in einem rationalen politischen Umfeld das alles überragende Thema.“
Tja, wir wurden gewarnt, eindringlich und das vor 40 Jahren, nicht auf das „bunt geschmückte Narrenschiff Utopia“ zu steigen. Der Eisberg ist in Sicht, die Utopia hält Kurs: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!
„Rot-grünes Narrenschiff Utopia“ – die prophetische Warnung von Franz Josef Strauss von 1986

P. Pauquet
35 Minuten her

Es wurde ja schon mal angekündigt, dass der Gasdurchfluss ab 1. Februar gesenkt wird (?), also kommenden Sonntag. Dann wird das Hauen und Stechen um ausreichende Mengen Gas beginnen. So ganz schlimm ist das nicht, weil dass dann nicht vorhandene „überflüssige Gas für „geplante“ und nicht gebaute neue Gaskraftwerke gebraucht wird. Die sichern dann zusätzlich nicht die Versorgung Deutschlands zusätzlich mit nicht vorhandener Energie. Ähnlich funktioniert das bei Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen. Viel Energielieferung bei nicht laufenden Propellern dank keinem Wind, und viel Energie bei den Glaskacheln Dank zu wenig strahlendem Sonnenschein. … Alternative Energiegewinnung ist ein Erfolgsmodell in Deutschland. Wo… Mehr

babylon
38 Minuten her

Vorschlag: Man sollte deutsche Kuhställe zwecks Gasproduktion anzapfen. Da gibt es ausreichende Bestände an Rindviechern, die beständig und nachhaltig Biogas furzen und scheißen. Wenn die Kataris nicht liefern können oder wollen und Texas wg. Klimaerwärmung eingefroren ist, bleibt die deutsche Kuh.

Wilhelm Roepke
42 Minuten her

Ich wage eine Prognose: das dumme Wahlvolk wird selbst nach einer Gasmangellage genauso dämlich wählen wie vorher. Selbst in Berlin ist die Mehrheit zu dumm, den linksradikalen Sumpf auszutrocknen, der ihnen den Schlamassel nach extremistischen Attentat auf die Stromversorgung beschert hat. Warum soll es im Rest der Republik bei Gasmangel anders sein. Wir kriegen ja noch nicht mal den halbseidenen Kulturstaatsminister weg, obwohl die Tricksereien offensichtlich sind.
Ich weiß auch nicht, was man gegen die weitverbreitete Dummheit noch machen kann.

Donostia
44 Minuten her

Natürlich hat irgendjemand von außerhalb der EU am Ende Schuld. Allerdings müsste die Politik so handeln, dass die außerhalb der EU die Wünsche erfüllt die man hegt. Schafft man das als Politiker nicht, dann ist man fehl am Platz. Einfach ausgedrückt, es fehlt an passender Diplomatie. Wir wollen was von anderen, folglich muss ich zu Kompromissen bereit sein ansonsten steh ich leer da. Und das ist es was wir gerade sehen. Wir stehen leer da, weil einige nicht über ihre Moral und Ideologie springen können. Aus Angst vor dem Tot bringt man sich um.

NurEinPhilosoph
47 Minuten her

Wenn alle elektrisch heizen, wird die Regierung im Winter ein Heizverbot für Wärmepumpen und ein Fahrverbot für E-Autos verfügen.

Wegen Strommangel.

Und an den Bahnhöfen wird man Werbung machen:
mein dicker Pulli ist mein treuester Begleiter.