Spiel der Erwartungen

Die Bilanzsaison läuft, zahlreiche Unternehmen haben ihre Ergebnisse für das erste Quartal präsentiert, sowohl in den USA als auch in Europa. Die Ergebnisse liegen zumeist, gemessen an den Schätzungen, auf hohem Niveau, viele Konzerne übertreffen diese Messlatte, siehe etwa die US-Banken oder Techs wie IBM.

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In Deutschland berichteten soeben mit Daimler und BMW zwei Autokonzerne vorläufig, beide überraschten positiv. Wir befinden uns nahe der Höchstmarken, kritisch wird es, wenn Firmen enttäuschen. Liegen die Zahlen auf der Goldwaage, sind bisweilen auch drastische Abstürze möglich. Dieses Risiko sollten Anleger im Blick haben, während das Spiel mit den Erwartungen läuft.

Am Freitag jedoch war die Stimmung an der Wall Street gut. Robuste Wirtschaftsdaten hievten den S&P 500 auf einen neuen Höchststand von 4.194 Punkten. Nachdem am Donnerstag noch die von US-Präsident Joe Biden geplanten Steuererhöhungen für Verluste gesorgt hatten, übernahmen nun wieder die Optimisten das Ruder. Die Anleger setzten zum Wochenschluss verstärkt auf die positiven Impulse, die die mit den Konjunkturprogrammen einhergehenden Investitionen in die US-Infrastruktur bringen dürften. Generell stützt die weiter lockere Geldpolitik die Aktienkurse. Der Leitindex Dow Jones Industrial legte um 0,7 Prozent auf 34.043 Punkte zu. Auf Wochensicht ergibt sich damit aber ein Minus von 0,5 Prozent. Der technologielastige und besonders konjunktursensible NASDAQ 100 stieg am Freitag um 1,3 Prozent auf 13.941 Punkte.

Die vom Forschungsunternehmen IHS Markit ermittelten Indexwerte für April stiegen für den Bereich Dienstleistungen und für den Industriesektor. Die Daten deuten auf einen robusten Aufschwung in der größten Volkswirtschaft der Welt hin. Ferner zogen in den USA im März die Verkäufe neuer Häuser stark an und erholten sich damit von den Folgen eines harten Wintereinbruchs.

Aktienseitig richteten sich die Blicke auf Intel. Die Papiere des Chipkonzerns rutschten um mehr als fünf Prozent ab und waren damit der mit Abstand schwächste Wert im Dow. Gesunkene Umsätze im Geschäft mit Rechenzentren und ein scharfer Rückgang der Bruttogewinnmargen als Signal von Marktanteilsverlusten hatten den Anlegern die Laune verdorben.

Derweil griffen die Anleger bei anderen Chipherstellern beherzt zu. So verzeichneten die Papiere von Xilinx und AMD Gewinne von jeweils rund fünf Prozent. Denn generell profitiert die Branche von globalen Halbleiter-Engpässen, die unter anderem Autobauern schwer zu schaffen machen.

American Express hatte zwar den Gewinn zu Jahresbeginn kräftig gesteigert, der Umsatz aber war deutlich gesunken. Der Kreditkartenkonzern litt weiter darunter, dass die Corona-Pandemie den internationalen Reiseverkehr lahmlegt, weshalb lukrative Hotel- oder Flugbuchungen wegfielen, die häufig mit Kreditkarten bezahlt werden. Die Papiere büßten rund zwei Prozent ein.

Bankaktien waren dagegen gefragt. So gewannen JPMorgan 1,9 Prozent und Goldman Sachs an der Dow-Spitze 2,6 Prozent. Die Ratingagentur Fitch sieht die Kreditwürdigkeit der beiden Finanzinstitute jetzt optimistischer und beschrieb den Ausblick als „stabil“. Unter den größten Verlierern im S&P 500 fielen Honeywell um rund zwei Prozent. Der Mischkonzern hatte mit seiner Gewinnprognose für dieses Jahr enttäuscht.

Der deutsche Leitindex DAX war zuvor mit einem kleinen Minus bei 15.280 Punkten ins Wochenende gegangen. Nach einer zweitägigen Erholung sind die Kurse am deutschen Aktienmarkt am Freitag damit wieder gefallen und für die Börsenwoche, die mit einem Rekordhoch des DAX knapp über 15.500 Zählern verheißungsvoll begonnen hatte, bedeutet dies einen Verlust von rund 1,5 Prozent an.

Gewinner im DAX war die Infineon-Aktie mit einem Plus von mehr als zwei Prozent. Schlusslicht war die Deutsche Wohnen-Aktie mit einem Minus von gut 2,5 Prozent. Experten der französischen Investmentbank Exane BNP Paribas stuften das Papier am Freitag auf „Underperform“ herunter.

Der Auto- und Lkw-Bauer Daimler ist nach dem außerordentlich starken Jahresstart noch einmal deutlich selbstbewusster für 2021. Der Vorstand um Chef Ola Källenius geht davon aus, dass mit Pkw und Vans noch einmal deutlich mehr Gewinn aus dem Tagesgeschäft herausspringt als bisher schon veranschlagt. Auch für die Gewinne der Finanzdienstleistungs- und Mobildienstsparte sind die Stuttgarter zuversichtlicher. Die in den vergangenen Monaten bereits gut gelaufene Daimler-Aktie legte zu.

Die Folgen der Corona-Pandemie lassen die Verschuldung der Staaten weiter steigen. Laut des Janus Henderson Sovereign Debt Index erhöhten 2020 Staaten weltweit ihre Schulden um mehr als ein Sechstel. Diese erreichten zum Jahresende einen Rekordwert von 62,5 Billionen US-Dollar, fast das Vierfache der Summe von 1995. „In Deutschland haben sich die Schulden zwischen 1995 und 2020 verdoppelt — von 1,4 Billionen auf 2,8 Billionen US-Dollar. Im gleichen Zeitraum ist die Verschuldung im Vergleich zum BIP von 57 auf 73 Prozent gestiegen. Dennoch steht Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Staaten recht gut da“, so Daniela Brogt, Head of Sales Germany & Austria bei Janus Henderson. Trotz der stark gestiegenen Schulden hat sich die Zinslast nicht erhöht. 2020 mussten die Staaten weltweit nur noch 2,0 Prozent für ihre Kredite zahlen, 1995 waren es noch 7,6 Prozent. Dieser enorme Rückgang der Zinssätze bedeutet, dass die weltweite Zinslast nur um etwas mehr als ein Fünftel gestiegen ist, obwohl die Verschuldung fast viermal so hoch ist, so Janus Henderson. Und relativ zum BIP hat sich die Zinslast seit 1995 mehr als halbiert.

Die Hedgefondsbranche hatte zuletzt keine allzu gute Publicity. Erst wurde sie im Kampf um Gamestop bloßgestellt, dann sorgte der Zusammenbruch des Hedgefonds Archegos Capital für Milliardenschäden etwa bei Großinvestor Credit Suisse. Doch es gibt auch gute Nachrichten. So legten die Geldverwalter 2021 den besten Start ins Jahr seit 2000 hin. Im Schnitt generierten die Geldprofis rund 4,9 Prozent Plus im ersten Quartal laut Datenanbieter Bloomberg. Das ist das beste Ergebnis seit 2006. Geholfen hat dabei das Comeback der Value-Werte, die zuvor sehr günstig einzusammeln waren. Insgesamt spielte der positive Trend an den Aktienmärkten den Managern in die Hände. Aktien- und Sonderereignis–Strategien (Event Driven) legten dabei am stärksten zu. Das Vertrauen in die etwas außergewöhnlicheren und meist auch riskanteren Anlagestrategien wächst daher trotz der diversen Skandale weiter. Davon profitiert auch die Man Group. Das verwaltete Vermögen der Briten stieg im ersten Quartal um 127 Milliarden US-Dollar, 3,5 Milliarden mehr als noch zu Jahresanfang und ein starker Unterschied zum ersten Quartal 2020, als infolge der Corona-Pandemie die Einlagen um elf Prozent auf 104 Milliarden US-Dollar einbrachen. Der Kurs des Hedgefondsgiganten stieg in den vergangenen sechs Monaten um 46 Prozent.

Dass Ölkonzerne eine Bepreisung von Treibhausgasen fordern, scheint auf den ersten Blick widersinnig. Dennoch hat sich Exxon mit dieser Bitte an die Regierung der USA gewandt, wo es nur regional CO2-Notierungen gibt. Grund für die Initiative: Der Ölgigant will groß ins Geschäft mit der CO2-Abscheidung und Speicherung einsteigen. Das lohnt sich aber nur, wenn die CO2-Preise steigen. In Europa ist dieser Trend schon zu beobachten. Hier erreichten die CO2 -Preise aufgrund des starken Investoreninteresses vergangene Woche ein Allzeithoch.


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RMPetersen
5 Monate her

Für Aktienhalter ist das sehr erfreulich; die Einbrüche März 2020 gaben noch Gelegenheit, billig einzukaufen. Und 2021 gibt es auch wieder Dividenden, nachdem im letzten Jahr auf staatlichen Druck etliche Firmen nichts ausgeschüttet hatten.
Wie allerdings dieser Run der Kurse zu dem allgemein verschlechterten Wirtschaftszustand Deutschlands passt, der in diesem Jahr mit verschärften Lockdowns noch etliche kleine und mittlere Firmen killen wird, ist unklar.
Und wenn nach der BT-Wahl die Klimapolitik noch stärker die Betriebskosten der Unternehmen erhöhen sowie auch die Kaufkraft der Haushalte schwächen wird, dann muss nach meiner Überzeugung die Kursrallye aufhören.
Nur nicht den Ausstieg verpassen.