Entspannung beim Gas, EZB tritt endlich auf die Zinsbremse

Es hätte diese Woche ausreichend Meldungen gegeben, um die Börsen erneut in die Verlustzone zu schicken. Dennoch beendeten die meisten Aktienmärkte die Woche im Plus.

shutterstock/katjen

Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi trat unter chaotischen Umständen zurück, die EZB erhöhte die Leitzinsen – stärker als erwartet – um 0,5 Prozentpunkte, und die Inflation zeigte sich in vielen Ländern hartleibiger als man hofft. Dennoch beendeten die meisten Aktienmärkte die Woche im Plus. Der Grund für die freundliche Stimmung ist in der am Dienstag angekündigten Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen, nachdem während Wochen Unklarheit geherrscht hatte, ob Putin nach den planmäßigen Unterhaltsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 wieder den Gashahn aufdrehen würde. Mit der Wiederinbetriebnahme verbindet sich die Hoffnung, dass Europa im kommenden Winter kalte Wohnungen und damit auch eine Rezession vermeiden kann.

Giovanni Staunovo, Rohstoffanalytiker bei der Schweizer Grossbank UBS, erwartet gleichwohl, dass der Druck groß bleibe: „Es ist mittlerweile klar, dass russisches Gas als Druckmittel von Moskau benutzt wird, damit Europa seine Sanktionspolitik lockert.“ Die unklare Versorgungslage wiederum löse an den Finanzmärkten Verunsicherung und Volatilität aus. Deshalb sei die Reaktion auf die Wiederinbetriebnahme von Nord Stream 1 entsprechend stark ausgefallen.

Für wenig realistisch hält Staunovo die Forderung aus Politikkreisen, mit dem raschen Ausbau von erneuerbaren Energien die Gaslücke zu schließen. Global gesehen nähmen Investitionen in Solar- und Windkraftwerke stark zu, hätten aber mit sieben Prozent immer noch einen vergleichsweise geringen Anteil am Energiemix, sagt Staunovo. „Selbst wenn man diesen Anteil rasch verdoppelt, wird das Gewicht der fossilen Energieträger immer noch groß sein.“

Fragmentierungs- statt Inflationsangst
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Als zweiten Grund für die positive Entwicklung nennen Analytiker die besser als erwartet angelaufene Berichtssaison. In den seit Anfang Jahr stark gesunkenen Aktienbewertungen war bereits viel Pessimismus eingepreist. Gleichwohl haben viele Aktienspezialisten ihre Prognosen für europäische Aktien bis Ende Jahr jüngst deutlich nach unten korrigiert. Goldman Sachs rechnet mit einem Jahresverlust von 20 Prozent, die UBS mit einem Minus von 16 Prozent.

Nachdem die EZB jetzt erste Details ihres neuen Anti-Fragmentierungs-Instruments vorgestellt hat, werden Spekulanten nun herausfinden wollen, was nötig ist, damit es zum Einsatz kommt. „Wir gehen davon aus, dass der Markt die Entschlossenheit der EZB auf die Probe stellen wird“, so David Zahn, Leiter des Bereichs European Fixed Income bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton. Das Maß, auf das alle schauten, sei der Abstand zwischen italienischen und deutschen Anleihen.

Zum Ende der Börsenwoche nahmen die Anleger am Freitag an den US-Börsen Gewinne mit. Nach einer besonders ausgeprägten Erholung galt dies vor allem für den Technologiesektor, wie der NASDAQ 100 mit einem Rücksetzer um 1,8 Prozent auf 12.396 Zähler zeigte. Die zuletzt weniger stark gestiegenen US-Standardwerte gerieten folgerichtig weniger deutlich unter Druck: Der Dow Jones Industrial gab um 0,4 Prozent auf 31.899 Zähler nach. Der breit aufgestellte S&P verlor 0,9 Prozent auf 3.962 Zähler. Alle drei Indizes hatten im Zuge einer mehrtägigen Erholungsrally ihr höchstes Niveau seit sechs Wochen erreicht. Auch wenn es am Freitag für den Nasdaq 100 stärker bergab ging, hat der technologielastige Index mit plus 3,5 Prozent die beste Wochenbilanz vorzuweisen. Der Dow fuhr ein knapp zweiprozentiges Wochenplus ein. Die Angst vor weiter steigenden Zinsen und einer Rezession lasse sich nur schwer abschütteln, hieß es allerdings warnend.

Die Aufmerksamkeit der Anleger galt zu Wochenschluss vor allem dem Foto-App-Anbieter Snap. Am Markt war von „schockierenden“ Zahlen die Rede, die Aktien rauschten um 39 Prozent in die Tiefe. Snap verzeichnete das bisher langsamste Wachstum seit dem Börsengang vor gut fünf Jahren und weitete den Quartalsverlust aus. In der Folge gab es etliche Abstufungen.

Analysten zeigten sich angesichts der Werbeperspektiven skeptisch für die ganze Online-Branche. TikTok sei zwar nicht explizit von Snap erwähnt worden, der Aufstieg dieser Plattform habe aber wohl große Auswirkungen. Er rechnet daher bei vielen Titeln mit sinkenden Konsensschätzungen. Die Papiere der Google- beziehungsweise Facebook-Mutterkonzerne Alphabet und Meta verloren bis zu 7,6 Prozent. Jene des Snapkonkurrenten Pinterest sackten sogar um 13,5 Prozent ab. Kräftige Einbußen mussten auch die Anleger von Speicherherstellern einstecken.

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Ein positiver Lichtblick waren an der Dow-Spitze die Aktien von American Express mit einem Kursanstieg von knapp zwei Prozent. Der vor allem für seine Kreditkarten bekannte Finanzdienstleister übertraf trotz eines Ergebnisrückgangs die Analystenerwartungen und schraubte sein Jahresziel für das Umsatzwachstum nach oben.

Der DAX hatte am Freitag seine Anfangsverluste abgeschüttelt und minimal im Plus geschlossen. Die Wochenbilanz fällt zugleich mit drei Prozent stark aus. Der deutsche Leitindex beendete den Handel letztlich knapp 0,1 Prozent höher bei 13.254 Punkten. Der MDAX der mittelgroßen Börsenunternehmen gewann 0,5 Prozent auf 26.776 Zähler.

Unternehmensseitig standen vor allem die Aktien von Uniper, Ceconomy und Delivery Hero im Fokus der Anleger. Mit massiven Verkäufen und einem Rekordtief der Uniper-Aktie reagierten Anleger auf das Rettungspaket des Bundes für den schwer angeschlagenen Gaskonzern. Der Kurs sackte letztlich um knapp 29 Prozent ab, nachdem er vormittags noch um mehr als elf Prozent gestiegen war. Das Stabilisierungspaket sieht eine Kapitalerhöhung von rund 267 Millionen Euro zum Ausgabepreis von 1,70 Euro je Uniper-Aktie unter Ausschluss des Bezugsrechts der Aktionäre vor. Dadurch beteiligt sich der Bund an Uniper mit rund 30 Prozent.

Die Aktien von Ceconomy brachen nach einer Umsatz- und Gewinnwarnung für 2022 um etwas mehr als 24 Prozent ein. Damit fielen sie auf den tiefsten Stand seit Mai 2020 zurück. JPMorgan-Analystin Georgina Johanan verwies darauf, dass sich mit der gesenkten Gewinnprognose von Ceconomy die Zahl der Gewinnwarnungen im europäischen Einzelhandel in den vergangenen zwei Monaten nun auf “mindestens 20” erhöht habe.

Eine Kursrally um mehr als 20 Prozent bis auf fast 50 Euro erlebten dagegen zeitweise Delivery Hero. Nach jahrelangem Wachstum um jeden Preis will der Lieferdienst nun deutlich stärker an seiner Profitabilität arbeiten. Ziel für dieses Jahr ist unter anderem ein operativer Gewinn im Kerngeschäft rund um die Vermittlung und Auslieferung von Restaurantbestellungen. Letztlich schlossen die Aktien mit einem Plus von 5,6 Prozent.

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Kommentare ( 9 )

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Peter Pascht
12 Tage her

Entspannung beim Gas ? Die gibt es nicht und wird es für Deutschland nicht geben ! Sorry, da muss man die Ereignisse richtig einordnen. Putin benutz das Gas als strategische Waffe, zur Aufrechterhaltung der Bedrohung Deutschlands. Er wird immer nur soviel Gas liefern, dass die Deutschen gerade nicht frieren und hungern, um sie nicht vollends in die Hände der USA zu treiben. jedenfalls nicht soviel Gas, damit die Deutschen ihre Speicher auffüllen können, das heißt zeitweilig gar kein Gas, weil Putin dann einen Erpresserhebel aus der Hand geben würde. Die Deutschen müssen sich entscheiden ob sie Gasgeisel Putins sein wollen,… Mehr

ralf12
12 Tage her
Antworten an  Peter Pascht

„Putin benutzt Gas als strategische Waffe“ Echt jetzt? Also hat Putin befohlen, Nordstreem2 nicht zu öffnen? Also hat Putin befohlen, alle AKW in Deutschland abzuschalten, damit mehr Gas für die Verstromung verpulvert wird? Also hat Putin befohlen, Russland aus SWIFT zu schmeißen damit niemand mehr auf normalem direkten Weg für das russische Gas bezahlen kann? Also hat Putin unsere Grüne (von allen Altparteien getragene) „Energiewende ins Nichts“ (so hieß mal ein sehr guter Vortrag von Prof. Sinn) befohlen? Ich stimme Ihnen zu, wenn es um Hochverrat der Märkel-Ära geht, aber nicht im Bezug mit den russischen Gaslieferungen. Die waren ein… Mehr

cws
12 Tage her

Eigentlich ist eine Zinserhöhung der EZB nicht nötig, die in Relation zum Angebot zu hohe Nachfrage wird über den Energiepreis gedämpft.

Wilhelm Roepke
13 Tage her

Wenn wir ohne Speicher die Zahl der Windräder verdoppeln, beträgt die Kraftwerksleistung bei Windstille unverändert: Null Watt.

Iso
13 Tage her

Die EZB und der Euro, eine ewige Tragödie. Es soll Zeiten gegeben haben, da konnten die Deutschen noch in Spanien oder Italien einen tollen Urlaub verleben. Das ist heute längst vorbei. Mit dem Euro braucht man sich nirgends mehr sehen lassen. Ob in Südeuropa, Skandinavien, Amerika oder in den Emiraten, überall ist es für deutsche Einkommensbezieher zu teuer und sie drücken sich, wie nach der Wende die Ostdeutschen, die Nasen an den Schaufenstern von Karstadt platt. Jetzt jedoch, wird es für die Deutschen mit dem Euro auch im eigenen Land ungemütlich. Der Euro fällt gegenüber, die Inflation steigt und die… Mehr

Malte
13 Tage her

Warum war unklar, ob nach der turnusmäßigen Wartung das Gas weiter fließt? Warum wird trotz planmäßiger Wiederaufnahme der Lieferungen erklärt, es sei klar, das Putin Gas weiter als Druckmittel einsetzt?
Soweit ersichtlich, haben die Russen mit keinem Wort angedeutet, dass sie bestehende Verträge nicht einhalten würden. Alles ungerechtfertigte Panikmache der deutschen Vertragsbrecher (was ich selber … Sie kennen den Rest). Der Witz ist ja sowieso: Aus Nordstream 2 wollen wir kein Gas haben (warum nicht?), aber das Geheule ist groß, wenn aus Nordstream 1 nichts mehr kommt? Der Schwachsinn hat einen Hauptwohnsitz und der ist in Deutschland.

Emmanuel Precht
14 Tage her

Die Erdgaspreise waren zwischen 2003 und 2008 schon einmal so hoch und z.T. noch viel höher, ohne dass die Menschen in Deutschland an den Gasrechnungen verzweifelt sind. Da liegt der Grund dann doch irgendwo anders, am Ende gar in der so verlogenen wie inkompetenten deutschen Politik, mit ihrem „antirealistische Schutzwall”?
Vor einer Woche: Ganz aktuell (!) fließen jeden Tag 82 Millionen kWh an Gas von Deutschland nach Polen – während sich unsere Speicher leeren.
Hier findet man die Daten: https://transparency.entsog.eu/#/map
Wohlan…

fatherted
13 Tage her
Antworten an  Emmanuel Precht

Kleiner Unterschied von heute zu damals…..Herr Habeck hat das „Vertrags-Recht“ mal eben so gekippt…sprich…meine vertraglich vereinbarten Preise für 12 oder 24 Monate sind eben mal „gar nichts mehr wert“….die Gasversorger können auch Mondpreise machen….1 Kbm…..1000 Euro…kein Problem….wer soll das denn kontrollieren…bzw kontrolliert das? Richtig….keiner. Ab sofort ist alles möglich.

LadyGrilka55
13 Tage her
Antworten an  Emmanuel Precht

„Antirealistischer Schutzwall“? 😉

Danke für diese Wortkombination. Die ist sowas von gut und treffend!